Gastautor / 04.11.2016 / 16:11 / 0 / Seite ausdrucken

Hildesheim: Nach dem Skandal ist vor dem Skandal

Von Armin H. Flesch.

Nun ist es heraus. Am 2. November 2016 ging die nachfolgende Erklärung des Senats der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) Hildesheim an die Medien:

Der Senat würdigt die bisherige Zusammenarbeit mit der Präsidentin Frau Prof. Dr. Christiane Dienel. Er hat jedoch den Eindruck gewonnen, dass ihr Krisenmanagement in Folge der Antisemitismusvorwürfe der Hochschule schadet. Der Senat ist weiter der Überzeugung, dass die dadurch entstandenen Verwerfungen nicht mehr von der amtierenden Präsidentin behoben werden können. Daher zieht der Senat seine Empfehlung an das MWK zur Wiederernennung von Frau Prof. Dr. Dienel vom 18.05.2016 zurück.

Verpasste Gelegenheit

Soweit so gut. Dass die Präsidentin der HAWK nicht mehr zu halten sein würde, zeichne­te sich bereits auf einer Podiumsdiskussion am 15. September in Hannover ab. Die Ver­anstaltung stand unter der Überschrift „Wo beginnt israelbezogener Antisemi­tis­mus?“, doch im Zentrum der Diskussion standen vor allem das Hildesheimer Köhler-Semi­nar und der Umgang der Hochschulleitung mit substantieller öffentlicher Kritik. Der Abend war Dienels große Gelegenheit, die Kri­tiker der Hoch­schu­le nicht länger als Teil einer „Hass-Kampagne ziemlich einflussreicher Kreise“ dar­zustellen, sondern inhaltlich auf sie ein­zu­gehen.

Doch die Präsidentin blieb sich treu, wie sich bereits in ihrem Eingangs-State­ment zeigte. Zunächst freut sie sich, aufs Podium gekommen zu sein. Sie habe auch in der Ab­sicht, endlich „ver­nünf­­­tig miteinander zu reden,“ ihre Teilnahme sofort zugesagt. Doch bereits im näch­sten Satz ändert Dienel die Richtung und geht zum Angriff über: Das vernünftige Mit­ein­ander-Reden hätte „günstigerweise schon früher stattfinden sollen,“ stellt sie zutreffend fest, verschweigt aber, dass es gerade sie selbst und Dekanin Paulini gewesen waren, die das verhindert hatten.

In dem Stil geht es über den Abend weiter, und am Ende ist klar: Dienel unternimmt lediglich den erneuten Versuch der Schadens­begren­zung und der Kritik an den Kriti­kern. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit deren Argu­menten bleibt sie schuldig.

Hass gegen Israel als Lehrfach

Nicht die Größe der Kampagne oder gar Hass sind es, die Dienel schließlich zu Fall brin­gen. Viel­mehr unterschätzt sie von Anfang an die Ernsthaftigkeit des Problems ihrer Hoch­schule, das sie als deren Präsidentin zu lösen hatte. Es lässt sich in zwei Sätzen darstellen: Mehr als 15 Jahre lang verbreitet eine als Israelhasserin bekannte Lehrbe­auftragte ohne einschlägige wissen­schaft­­­liche Qualifikation antiisraelische Propaganda unter dem Deckmantel eines Hochschulse­mi­nars. Alle Dekane seit 2000 wissen darum, es gibt mehrfach substantielle Kritik, doch nie­mand in der Leitung von Fakultät oder Hoch­schule macht diesem Zu­stand ein Ende.

Erst nachdem die niedersächsische Wissenschaftsministerin die erneute Ernennung Dienels zur HAWK-Präsidentin vom Ausgang eines beim Berliner Zentrum für Antisemi­tismusforschung in Auftrag gegebenen Gutachtens abhängig macht, erst als es nun um ihre eigene Karriere geht, erkennt Dienel zumindest die Tragweite der Affäre und drängt Dekanin Paulini zum Rücktritt.

Doch für Bauernopfer ist es bereits zu spät. Längst haben sich neue Beweise für Antisemitismus an der HAWK gefunden, sind E-Mails aufgetaucht, die beweisen, dass Dienel viel früher um die Kritik am Seminar hätte wissen müssen, als bislang behauptet. Zunächst treten Mitglieder der hochschulinternen Ethik-Kommission zurück, dann distanziert sich der Senat von seiner Präsi­den­tin. Jetzt hat Christiane Dienel noch zwei Wochen Zeit, ihr Hildesheimer Büro auszuräumen. Der Inhalt des Berliner Gutachtens wird für sie keine Bedeutung mehr haben.

Grund zum Feiern?

Grund zum Feiern? Für Frau Dienel, die nun endlich ganz nach Berlin zurückkehren kann, si­cherlich nicht. Noch ihre letzte Erklärung nach dem Raus­wurf ist ein schwer erträgliches Doku­ment der Selbstgerechtigkeit, das alle Schuld am Ende ih­rer „engagierten Arbeit“ anderen in die Schuhe schiebt. Christiane Dienel, die Kämpfe­rin für die Freiheit der Lehre und die Ehre ihrer Hoch­schule, fiel als letzte Aufrechte mit der Fahne in der Hand. Und wie steht es mit der Hoch­schule oder dem Wissenschaftsministerium in Hannover? Darf man sich dort nun beruhigt zu­rücklehnen und darüber freuen, ein lästiges Pro­blem endlich losgeworden zu sein?

Möglich, dass es so kommen wird, aber zu empfehlen ist es nicht. Denn frei nach einer alten Politikerweisheit ist nach dem Skandal immer schon vor dem Skandal. Die Affäre um das an­ti­semitische und israelfeindliche Seminar der Ibtissam Köhler war zu jedem Zeitpunkt auch eine der gesamten Hochschule, des akademischen Lehrbe­triebs, ja der ganzen Gesellschaft. Sämtliche einschlägigen Untersuchungen beweisen: Antisemitismus ist kein Reservat fürs glatzköpfige Pre­kariat, er wurzelt in allen Schichten, durch alle ethnischen, reli­giösen und Bildungshin­ter­gründe hindurch mitten in der Gesellschaft.

Worauf also käme es an? Die Hochschule in Hildesheim, unter tätiger Mithilfe der niedersäch­sischen Landespolitik, müsste bereit sein, ihre unrühmliche jüngste Vergangenheit gründlich aufzuarbeiten, um Wiederholungen in Zukunft nach Möglich­keit zu verhindern. Diese Aufklärung müsste auch andernorts Schule machen, ohne dass Ver­ant­wortliche durch medialen Druck dazu getrieben wären. Schließlich sollte die öffent­liche Dis­kussion, die der Fall Köhler ausgelöst hat, nicht einschlafen, sondern wachsen.

Den ganz gewöhnlichen, alltägli­chen Antisemitismus, die nachgerade zwanghafte negative Fixierung großer Teile un­se­rer Gesellschaft auf Israel, sollten wir in den Blick nehmen und die Ursachen erkennen. Damit wären unsere Stamm­tische, Medien, Hochschulen und Parlamente noch keine besseren, aber sie wüssten wenigstens, was sie tun.  

Grund zum Feiern besteht jeden­falls nicht.

Siehe auch: Hochschul-Senat zieht Empfehlung für Präsidentin Dienel zurück 

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