Roger Letsch / 04.02.2018 / 18:00 / Foto: Marcus Quigmire / 17 / Seite ausdrucken

Hijab oder Bikini? Geliefert wie bestellt

Ganz in Rosa steht sie da. Das Model im Film gewordenen Prinzessin-Lillifee-Albtraum mit Hijab – dafür ohne Gelatine. Das neue Kampagnen-Gesicht der Firma Katjes lächelt züchtig verschleiert von Plakaten und in Bahnhöfen, und in den sozialen Medien fährt die Empörung steil hoch. Eigentlich ist es nur eines von drei Gesichtern der Kampagne, aber die anderen beiden kommen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. Die sieht nämlich einen Hijab und dreht gepflegt durch.

Um die tatsächliche Wirkung abschätzen zu können, wollte ich aber noch ein paar Tage warten. Geht mehr als ein Aufschrei in sozialen Medien durch’s Land? Melden sich empörte Politiker zu Wort? Gibt es ein Kommentar-Echo in den sogenannten Leitmedien, wo den Menschen gesagt wird, wie sie sich zu dieser Sache zu verhalten haben? Sendet die ARD einen „Brennpunkt”? Nichts dergleichen – und diese Tatsache spricht Bände!

Genau das hatte ich nämlich erwartet. Es wurde sehr sachlich berichtet, man verzichtete sogar – soweit ich das verfolgen konnte – auf die sonst üblichen Stempel für die zornigen Bürger, die bei anderen Gelegenheiten schnell als Rassisten, Islamophobiker und schlimmeres tituliert werden. Bei „Emma”, wo in Deutschland die letzten echten Feministinnen politisches Asyl haben, ist man empört und tut das, was man schon seit Jahren in Fällen „fahrlässiger Verschleierung“ macht: Man setzt haarklein auseinander, was die wirkliche Bedeutung dieser Kopfbedeckung ist, was sie in Ländern auslöst und begünstigt, in denen sie Pflicht ist, und was aus unserer Gesellschaft würde, wenn wir uns aus falsch verstandener Toleranz mit den Erklärungen abspeisen ließen, die uns der Islam zur Verschleierung der Frau gibt. Ausdrücklich unterschreibe ich jedes Wort dieses Artikels, ich sehe das genauso.

Und dennoch muss ich hier mal einen Schritt zurück treten, um einen weiteren Blick auf das zu werfen, was hier im Land gerade passiert. Ich werde zum allgemeinen Entsetzen gleich mit einer schallenden Ohrfeige starten: Warum eigentlich sollte die Industrie die Kämpfe ausfechten, die Politik und Zivilgesellschaft längst verloren gegeben haben oder die sie nie ernsthaft führten?

Der Drops „Akzeptanz der Vollverschleierung“ ist längst gelutscht

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ schwadroniert Brecht in der Dreigroschenoper. Diese anti-bourgeoise Kampfparole bekommt heute erst Sinn, wenn man sie umdreht: Die Moral bestimmt, was auf den Tisch kommt. Und diese „Moral“, ist die Summe unserer Gesetze, Traditionen, gesellschaftlichen Normen und hitzig geführten Debatten, aus denen sich die Regeln unseres Zusammenlebens herleiten. Eigentlich mag ich ja nicht immer nur schlechte Nachrichten überbringen, gerade jetzt, da der Empörung Flügel zu wachsen scheinen. Aber ich muss es wohl tun: Der Drops „Akzeptanz der Vollverschleierung“ ist in Deutschland und Europa längst gelutscht!

Dieser Kampf wurde an vielen Fronten nur halbherzig gekämpft – und verloren! Er wurde verloren vor Gerichten, wenn es um Lehrerinnen oder andere Staatsbeamte ging. Er wurde verloren in Schwimmbädern, die Burkinis gestatteten und Geschlechtersegregation zuließen. Er wurde verloren in Medien, die Hijab und Kopftuch bunt schrieben und zum Symbol von Feminismus, Selbstbestimmung und Lebensfreude umdeuteten. Er wurde verloren, weil er dem latenten Antiamerikanismus, der mit dem Feindbild Trump fröhliche Urstände feiert, in Gestalt von „progressiven Islamistinnen“ wie Linda Sarsour hinterher hechelt.

Die Indifferenz unserer Politik, die sich jahrelang weigerte, zum wachsenden islamischen Verschleierungszwang allgemeine Regeln zu definieren und diese zumindest auf staatlicher Ebene durchzusetzen, hat dazu geführt, dass weite Teile der Bevölkerung heute nicht wissen, wie sie sich zu diesem Thema verhalten sollen oder überhaupt noch dürfen! Man hat es zugelassen, dass die Kritiker von Kopftuch und Hijab aller erdenklichen finsteren Absichten bezichtigt wurden, hat sie des Rechtsextremismus und der Islamophobie beschuldigt und die andere Seite, die Seite der Verschleierung, dadurch in den hellsten Farben gezeichnet.

Man hat stillschweigend mit angesehen, wie arabische oder persische Frauen, welche die Bedeutung und den Zweck der Verschleierung selbst erlebt und diese abgeschüttelt und sich emanzipiert haben, als Nestbeschmutzerinnen beschimpft wurden, denen es einfach an Toleranz fehle. Vielleicht war das nicht beabsichtigt, aber das Ergebnis all dieser kleinen und großen Kapitulationen können wir nun bei vielen Gelegenheiten bewundern, zum Beispiel in der Katjes-Kampagne. Doch Ursache und Wirkung lassen sich nicht so einfach umdrehen. Die Werbung schafft keine gesellschaftliche Akzeptanz, sie reagiert darauf.

Die Marktwirtschaft ist nur ein Wirtschaftssystem, kein Regelwerk für das Zusammenleben von Menschen und schon gar keine Sammlung moralischer Werte. Bildung, Kindererziehung, Tradition oder Kultur – auf all das gibt sie keine Antworten. Sie bietet aber jedem, der sich erfolgreich Regeln und Freiräume geschaffen hat, genau die Waren und Dienstleistungen, für die sich Märkte gebildet haben. Wer also sehen will, welche Normen sich in einem Land bereits etabliert haben, der höre nicht auf die Debatten und Demonstrationen – der schaue auf die Märkte, die entstanden sind, und die unsere Marktwirtschaft wie selbstverständlich bedient.

Nike verkauft Sport-Hijabs nicht aus Provokation, sondern weil es der westlichen Gesellschaft nicht gelungen ist, den Sport freizuhalten von religiösen Interpretationen. Mattel verkauft Hijab-Barbies, weil unsere freie und demokratische Gesellschaft offenbar keine ausreichende Anziehungskraft auf gewisse muslimische Milieus hat, wo Kinder stattdessen in überkommenen, tradierten Wertvorstellungen erzogen werden. Katjes-Süßkram war schon immer frei von Schweinereien – nur hat man jetzt einen willkommenen „Mehrwert“ dieser Tatsache entdeckt.

Wo die Debatte hingehört und wohin nicht

Die Debatte versucht nun, die Fortsetzung der verlorenen Schlachten um Wertvorstellungen und Moral dem Markt aufzudrücken. Der jedoch funktioniert nach dem Shakespeare’schem Motto „Was ihr wollt“ – um das Brecht’sche „Wie wollt ihr leben – und wie nicht“ hätten sich Politik und Zivilgesellschaft kümmern müssen, worin sie leider jämmerlich versagt haben.

Und Katjes? Die Macher der Kampagne sehen sich mit zwei Vorwürfen konfrontiert. Einige zum Beleidigtsein neigende Muslime regen sich darüber auf, dass das Model keine „echte Muslima“ sei – was angesichts der fortwährenden Beteuerungen, der Hijab sei letztlich auch nichts anderes als ein Kleidungsstück, unfreiwillig lächerlich wirkt. Eine Stellungnahme an die Adresse der Kritiker der Vollverschleierung zeigt hingegen vor allem Hilflosigkeit und Überraschung des Zuckerverkäufers:

„Die Zielgruppe von Katjes ist vielfältig. Die drei Gesichter der Kampagne stehen jede für sich für die junge, fröhliche, natürliche und etwas freche Seite der Marke. Mit der Kampagne sprechen wir insbesondere junge Frauen an, die Spaß am Leben haben und sich dabei bewusster ernähren. Dazu zählen auch junge Musliminnen, bei denen der Verzicht auf tierische Gelatine eine bedeutende Rolle spielt – ob sie Kopftuch tragen oder nicht. Wir zeigen somit in der Kampagne unsere Zielgruppe. Kennen Sie schon die anderen beiden Kampagnenmotive?“

Diese naive Ehrlichkeit zeigt, wie überrascht man von den Protesten war. Man schlussfolgerte aus dem Stand der medialen und politischen Kapitulation auf die Akzeptanz der Kunden – und lag damit gründlich daneben. Deshalb habe ich zum Abschluss eine Bitte an meine Leser: Delegiert gesellschaftliche Debatten nicht an die Wirtschaft, da gehören sie nicht hin. Werdet euch darüber klar, dass eine Marktwirtschaft stets innerhalb der Grenzen und Regeln agiert, die man ihr setzt.

Krauss-Maffei-Wegmann verkauft Panzer in die Türkei, weil es gestattet ist; Katjes wirbt mit muslimischer Verschleierung, weil man sich davon Umsätze verspricht und der Verhüllungslappen fälschlicherweise zum Symbol von Selbstbestimmung und Freiheit hochgefiedelt wurde. Wäre der Hijab in Deutschland nur ein Symbol der Unterdrückung der Frau und des islamischen Patriarchats, wie er es verdient, könnten wir auf den Katjes-Plakaten eine unverschleierte Vicenca Petrovic sehen. Warum dies heute leider anders ist, habe ich zu erklären versucht. Zum Glück ist nicht in Stein gemeißelt, dass dieser Zustand so bleiben muss.

Bis zum 31.7.2018 noch nicht. Ab dem 1.8.2018 wird die Anzahl der Hijab, Kopftuch, Niqab und Burka tragenden Konsumentinnen in Deutschland rasch zunehmen, an welche Katjes Süßigkeiten verkaufen kann.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

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Leserpost (17)
Gregor Kühn / 04.02.2018

Genau so ist es, Herr Letsch. Es sind die vielen Alltagskapitulationen wie die eines Kindergartens in einem Nachbarort, der den Kindern keine Pizza mehr mit Salamibelag aus Schweinefleisch anbietet, weil man Rücksicht nahm auf die Beschwerden muslimischer Eltern. Oder einer nahegelegenen Stadt, als der Stadtrat mit Mehrheitsbeschluss das Burkinischwimmen erlaubte, um seine fortschrittliche und tolerante Gesinnung zu demonstrieren. Ohne Widerstand der Bürger gegen die mittlerweile offensichtliche Islamisierung des öffentlichen Lebens wird es nicht gehen. Wir können unsere Bürgerverantwortung nicht an die Politik deligieren - diese ist längst zu konfliktscheu und gestaltungsschwach geworden. Außer der AFD gibt es leider keine Parlamentspartei, die diese Thematik klar und ungeschönt beim Namen nennt - traurige Realität. Wir brauchen Bürger, die im Alltag selbstbewußt ihre eigene Idendität vertreten - z.B. als Eltern darauf bestehen, dass es Pizza mit Schweinesalami gibt.

agnes chamot / 04.02.2018

Ich bin mir Ihrer These, die Wirtschaft sei abseits und von jeglichem politischen oder gesellschaftlichen Diskurs auszunehmen / oder seine Fehlleistungen seien zu entschuldigen, nicht einverstanden. Sie (Wirtschaft) muss sich schon kritisieren lassen können, wenn sie sich doch selbst in diese Debatten einmischt. Sie bezieht klar Stellung in dieser Werbung für einen rosaroten, fröhlichen Islam, der ganz harmlos doch nur Süssigkeiten ist und verharmlost diese Gesellschaftsbewegung. Dass das aufstösst, ist doch klar. Hätte Katjes sich aus dieser Gesellschaftsdebatte rausgehalten, dann müsste man sie mit Katjes nicht führen.

Marcel Seiler / 04.02.2018

Autor Letsch hat völlig Recht. Die Gesellschaft, die Politik, die Gerichte müssen den Kampf gegen die weiblichen muslimischen Uniformen führen, nicht eine einzelne Firma. Und Gesellschaft, Politik und Gerichte haben hier völlig versagt. Die Fa. Katjes ist hier auch nicht pro Islam unterwegs, sondern betreibt nur “virtue signalling”, indem sie sich mit ihrer Kampagne der eigenen Inklusivität und der eigenen “reinen” (voll halal) Zutaten rühmt. Dass in dieser Gesellschaft das islamische Kopftuch als “tugenhaft” durchgeht, ist pervers, aber nicht Schuld von Katjes. – Der Kampf darum, die eigenen Kultur im eigenen Land wiederzugewinnen, sollte die Gesellschaft sich nicht schon selbst aufgegeben haben, wird sehr hart.

Fritz Kolb / 04.02.2018

Es ist wirklich ganz banal: ein Unternehmen hat den Zweck, Kosten zu decken und darüber hinaus nach Möglichkeit Gewinne zu erwirtschaften. Dabei Mitarbeiter ordentlich zu bezahlen und den Anteilseignern eine Rendite zu verschaffen. Und das alles im Rahmen der gesetzlichen Regelungen. Soweit so gut. Weder Katjes, noch Siemens, noch Mattel, noch Krauss-Maffei-Wegmann, noch Amazon brechen diese Regeln. Um Waren und Dienstleistungen in einem Land, dem gerade von politischer Seite seine Identität geraubt wird zu verkaufen, oder eben das nicht mehr tun zu wollen, ist marktkonformes Verhalten für die Unternehmensleitungen überlebenswichtig.  Anders ausgedrückt: wo die Politik Fakten durch Ideologie ersetzt, wird und kann der Markt das nicht reparieren.

Hubert Bauer / 04.02.2018

Dann werde ich meine Macht als Kunde nutzen und keine Produkte von Unternehmen kaufen, die sich - freiwillig - in Deutschland (!) dem Islam unterwerfen. Ich alleine kann nicht viel machen, aber vielleicht machen ein paar Leute mit? Die Kaufkraft der Vernünftigen in diesem Lande dürfte doch noch immer deutlich höher sein als die Kaufkraft der Unvernünftigen.

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