Rainer Bonhorst / 02.09.2019 / 08:30 / Foto: Pixabay / 18 / Seite ausdrucken

Heulen, Zähneklappern, Aufatmen – ein Wahlgruß aus der Toskana

Tiefes Aufatmen unter einigen Toskana-Deutschen. Sie können bleiben. Vorerst. Matteo Salvini hat seinen Alleingang an die Regierungsspitze verbockt. Der Chef der Lega, die früher einmal die Lega Nord war, inzwischen aber auch den frustrierten Süden erobert hat, hat sich verzockt, wie seine Gegner freudig konstatieren. Italien ist auf dem Weg von einer lustigen Links-Rechts-Regierung in eine Halblinks-Links-Regierung.

Wenn Salvini kommt, gehen wir zurück nach Deutschland. Leider habe ich diese Flucht-Sätze nur aus zweiter Hand (zweitem Mund?). Aber sie stimmen und sie passen. Der gemeine Toskana-Deutsche ist eher ein bisschen links, auch wenn er ein bisschen luxuriös das Leben genießt. Aber das hat ja Tradition. Früher gab es sogar Salon-Bolschewisten. Da ist mir die milde deutsche Toskana-Linke schon lieber.

Aber da ich die Flucht-Warnungen nicht selber gehört habe, konnte ich auch nicht antworten: Wenn in Deutschland Grünrotrot kommt, gehe ich auf Dauer nach Italien. Mit oder ohne Salvini.

Warum? Es ist der heilige Ernst, der in Deutschland alles so schwierig macht. Diese heilige Gründlichkeit. Diese ewige Primus-Haltung. Herr Lehrer, ich kann was. Herr Lehrer, ich weiß was. Da wird alles, ob links, rechts oder mittig, zur Nervensägerei.

Italien hat das stabilste System überhaupt

Derweil sitze ich in meinem Café Centrale in Saturnia, trinke meinen café doppio, mampfe ein tramezzino mit Schinken und Käse, lese einen schönen Roman von Carmen Korn – spielt in Hamburg, macht aber nichts – und verschwende kaum einen Gedanken an die Politik. In Ostdeutschland war Wahl. Na und? Heulen, Zähneklappern, Aufatmen, Zusammenrücken aller, die nicht AfD gewählt haben. Von mir aus. In Rom raufen sich die Fünf Sterne und die Sozialdemokraten zusammen. Sollen sie doch.

Vor vielen Jahren hat ein amerikanischer Korrespondent mal geschrieben: Italien hat das stabilste System überhaupt. Es wechselt zwar alle naselang die Regierung, aber es sind immer die gleichen Leute in den wechselnden Posten. So ähnlich hat er es geschrieben. Ist, wie gesagt, lange her. Und stimmt fast noch.

Vor allem aber: Der italienischen Politik fehlt der tierische deutsche Ernst. Nach dem Krieg gab es sogar richtige Kommunisten. Aber es waren eben doch keine richtigen Kommunisten, selbst wenn sie sich noch so stalinistisch gaben. Auch heute fällt es schwer, Italiens politische Etikettierungen wirklich ernst zu nehmen. Irgendwie geht es immer weiter. Aufgeregtheit und Entspanntheit sind hier wie zweieiige Zwillinge. Und Rom ist weit weg. Sogar die Provinzhauptstadt ist weit weg. Das merkt man an den mit Schlaglöchern reich verzierten Straßen. Manche Strecken erinnern an die Rallye Dakar-Kapstadt. Aber es sei den Fernen verziehen. Hauptsache, man kann hier in Ruhe und ohne ständige Bevormundung seinen café corretto trinken.

Das wird so bleiben, auch wenn Matteo Salvini es irgendwann doch noch schaffen kann. Er hat den Frust über das ungelöste Flüchtlingsproblem auf seiner Seite. Ob dann die Toskana-Deutschen tatsächlich gehen? Von Siena nach – sagen wir – Frankfurt? Schau'n wir mal. Abwarten und café trinken. Oder einen aperol spritz

Foto: Pixabay

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Marc Blenk / 02.09.2019

Lieber Herr Bonhorst, nach Frankfurt kommen die dann? Malen sie den Teufel nicht an die Wand.

Donald Adolf Murmelstein von der Böse / 02.09.2019

Thomas Maria Graf Walden@ Der Patriotismus des italienischen Ottocento hatte ebenfalls zunächst nur die Herrenklasse durchdrungen. Nicht so sehr den gewerblichen, als vielmehr den intellektuellen Teil derselben, die Schichten der Gebildeten, zumal der Professoren und Studenten. Ihnen gesellten sich noch beträchtliche Bruchteile des Adels und der städtischen Handwerkerklasse hinzu. [51] Die Masse des Volkes blieb gleichgültig, oder war nur Staffage [52] und ließ sich im Höchstfall in besonders aufregenden Momenten vorübergehend zur Aktion mitreißen, war aber ebenso häufig zur Aktion im Sinne der Reaktion geneigt. Gioberti, der warm für das Volk eintrat und energischen Maßnahmen gegen die Verelendung der Massen das Wort redete, war der Meinung, die Bourgeoisie vermöchte vom Volke über vieles belehrt zu werden, aber eines könne sie von ihm nicht lernen, die Vaterlandsliebe. [53] (siehe Robert Michels - Deutsch-italienischer Soziologe - Ehernes Gesetz der Oligarchie etc.). Da hat sich nicht viel geändert. Sehr lesenswert!

S. v. Belino / 02.09.2019

@Werner Arning. “Ist irgendjemand tatsächlich nicht mehr in die USA gefahren….”. Tut mir leid, aber Sie irren, wenn Sie behaupten, dass niemand seinen Worten Nicht-Taten folgen lässt. Gerade jüngst begegnete ich in Südafrika einem Ehepaar aus der ehemaligen DDR, das dort mehrfach im Jahr auf gehobenem Niveau urlaubt. Ich drückte meine Besorgnis aus, ob das Ehepaar wohl pünktlich zu den LT-Wahlen wieder zuhause wäre. Nicht wählen ginge schließlich gar nicht. Nachdem ich den beiden die von mir für gewöhnlich bevorzugte Partei nannte, versuchte mich der Ehemann mit einiger Überredungskunst, für DIE LINKE zu erwärmen; selbstredend ohne Erfolg. Die Ehefrau fing plötzlich an, darüber zu sinnieren, “dass man eigentlich gerne mal wieder” nach Alaska flöge. Allerdings könnten sie eine solche Reise in der Ära Trump nicht vor sich selbst verantworten. Peng, da haben Sie’s, werter Herr Arning. Daraufhin fragte ich die beiden, ob sie Südafrika auch schon zu Zeiten Präsident Zumas regelmäßig besucht hätten, also während der Regierungszeit eines Präsidenten, unter dessen Ägide sich u. a. die berüchtigte State Capture zugetragen hat, die dem Land und seiner Bevölkerung ganz enormen Schaden zugefügt hat. Jawohl, das hätten sie, lautete ihre Antwort. Ich folgerte daraus, dass sich ausgewiesene Linke ihre personae non gratae doch sehr willkürlich aussuchen, vielleicht sogar ohne jeden Sachverstand. Genau wie in der Toskana sind durchaus auch weltweit Anhänger der LINKEN unterwegs, die bevorzugt hochkomfortabel, aber politisch eher unbeleckt die Welt bereisen.

S.Niemeyer / 02.09.2019

Die Parteien, die schon länger hier sind, verbreiten im Verein mit ihren medialen Aktivisten seit Jahren ein moralinsaures Klima. Gouvernantenhaft verteilen sie schlechte Noten über andere, gern auch andere Länder und deren Wahlbürger, befinden sich im stetigen säuerlichen Alarmmodus (ÖR vor den Landtagswahlen: “Schicksalswahl!”, und immer: “Klimaschutz!”), ignorieren und generieren Probleme, anstatt Probleme zu lösen, vernebeln und versenken ihre Verantwortung.  Der Säuregrad steigt. Da ist kein Raum für Selbstironie und Erkenntnis.  Ein gefühltes Lichtjahr entfernt ist auch britischer Sportsgeist (“Order!!!”).  Zum Abend hin sei jetzt vielleicht beim Barista ein Negroni angesagt, hat in diesem Jahr immerhin sein hundertjähriges Jubiläum.

Thomas Taterka / 02.09.2019

Es gibt eine schicke direkte Verbindung von Deutschen, die in Italien Blödsinn über Deutschland verbreiten zu den Deutschen, die schicken Blödsinn in Deutschland über Italien verbreiten und beiden konnte ich bisher aus dem Weg gehen, weil ich das Glück hatte , nicht hinter einer Mauer leben zu müssen. Gott sei Dank gibt es die Alpen ,wo man geht und nicht rumhockt und ” Weltanschauungen ” verschenkt an die nächste schicke Generation von Vernagelten.

Donald Adolf Murmelstein von der Böse / 02.09.2019

Mit dieser ausgelassenen Ruhe wird es in Italien bald vorbei sein! Zurzeit zirkulieren zehn NGO-Taxis vor der Küste Süditaliens (siehe IL GIORNALE und QUOTIDIANO LIBERO), die in den nächsten Tagen alle frische Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika und Asien nach Europa liefern werden. Solbald die neue Regierung steht wird die Invasion 2.0 losgehen. Ein deutsches NGO – Taxi (Eleonore) hat schon einmal den Anfang gemacht und ist soeben in italienischen Gewässern eingedrungen und hat somit geltendes Recht gebrochen.

Donald Adolf Murmelstein von der Böse / 02.09.2019

Die politische Kraft, welche die Wahlen vom 4 März des vergangen Jahres gewann hat sich nun zum politischen Selbstmord entschieden – indem sie Teil der Regierung wird, welche von den Verlierer der letzten Wahl (4 März 2018) gelenkt wird. CONTE war nie Mitglied des M5S – er hat immer für PD gestimmt! Er ist sozusagen das trojanische Pferd der PD, die die letzte Regierung von innen heraus unterwandert und zerstört hat. Hier muß natürlich GUIDO ALPA erwähnt werden, der zunächst SALVINI neutralisiert hat um nun DI MAIO hops gehen zu lassen – alles nach bewehrter LICIO GELLI Manier……

Markus Rüschenschmidt / 02.09.2019

Die Toskana-Linken Selbstverliebten sind mir genauso unsympathisch wie die Salonbolschewisten.

Wolfgang Kaufmann / 02.09.2019

Auffälligerweise fallen die einfachsten Fakten in der deutschen Presse weitgehend unter den Tisch. Etwa die Mitgliederbefragung bei den 5Sternen oder dass sich der Staatspräsident erst am Mittwoch pro oder contra Neuwahlen entscheiden will. Hingegen spart sie nicht mit abwertenden Bezeichnungen, wie einstens Stürmer und Schnitzler. – Hallo, nicht „wir“ müssen Salvini stoppen oder Trump oder Bolsonaro. Ihre Regierung ist die ureigenste Sache der jeweiligen Nation; ja, das gibt es, auch wenn es uns nicht passt. Nicht wir sind die allwissenden und allzuständigen Sprecher des Weltgeists, auch wenn das dem deutschen Oberschüler so eingetrichtert wird. – Tua res agitur. Wir hätten im eigenen Land genug Pfeifen und Blockflöten zu stoppen.

Julian Schneider / 02.09.2019

So kann man es auch sehen. Man kann aber auch feststellen, dass Europa in millionfacher Migration aus Afrika versinkt, Deutschland als Industriestandort verschwindet und der Sozialismus als großer Bruder Demokratie und freie Meinungsäußerung zerstört. Mir ist die Lust auf einen café doppio vergangen.

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