Als der bullige und bärtige Zeuge am Dienstagnachmittag den Hochsicherheits-Gerichtssaal des Düsseldorfer Oberlandesgerichts (OLG) betritt, wird er von fünf Justizwachtmeistern begleitet. Dann werden ihm die Handschellen abgenommen. Und zur Überraschung aller kann der Dolmetscher gleich wieder gehen: „Ich kann deutsch", sagt der 31-Jährige. „Ich bin hier geboren." Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Winfried van der Grinten nach seinem Beruf sagt der Häftling: „Zur Zeit nichts. Ich habe nichts gelernt." Dann beginnt er zu erzählen, wie er Mahmoud M. kennengelernt hat: „Ich war mit ihm im Hochsicherheitstrakt in Bielefeld-Brackwede." Als M. in das Gefängnis gebracht wurde, habe erstmal niemand gewusst, warum. „Er hat auch nicht ausgesehen wie ein Terrorist. Er sah aus wie ein normaler Mensch", sagt der 31-Jährige. „Wie sieht ein Terrorist denn aus?", will van der Grinten wissen. „Vollbart und lange Haare", antwortet der Zeuge. Erst später hätten er und andere Häftlinge von den Wärtern erfahren, warum Mahmoud M. in Untersuchungshaft gekommen ist. Daraufhin habe jemand gesagt: „Dem muss man eins in die Fresse hauen."
Mahmoud M. verfolgt die Aussage seines ehemaligen Mithäftlings mit regungslosem Gesichtsausdruck von der Anklagebank hinter Panzerglas. Der 36-jährige Syrer muss sich seit 2. März vor dem 5. Strafsenat des OLG verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft dem sunnitischen Muslim vor, sich spätestens im Mai 2015 in Syrien der Terror-Organisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen zu haben. Auch nach seiner Einreise in Deutschland im August 2023 sei Mahmoud M. dem IS „weiter verbunden geblieben". In den Morgenstunden des 18. Mai 2025 habe der Syrer in der „Cutie"-Bar in Bielefeld „in schneller Abfolge" auf fünf Gäste eingestochen, um möglichst viele Menschen zu töten. Dazu habe er Tage zuvor ein Messer mit einer Klingenlänge von 18 Zentimetern erworben. Vier Gäste wurden dabei lebensgefährlich verletzt. Mehrere Fußball-Fans rissen ihn jedoch zu Boden und traten auf ihn ein. Damit habe der 36-Jährige weitere Tatpläne nicht mehr umsetzen können. Mahmoud M. wurde am darauffolgenden Tag in Heiligenhaus verhaftet, nachdem sein dort lebender Cousin und dessen Mitbewohner der Polizei einen Hinweis gegeben hatten. Den Messer-Angriff hatte der 36-Jährige bereits vor dem Prozess gegenüber einem psychiatrischen Gutachter gestanden. Die IS-Mitgliedschaft aber bestritten seine Anwälte zu Prozessbeginn.
„Er durfte mit niemandem von uns raus", schilderte der Zeuge das kurzzeitige Beisammensein vor seiner eigenen Verlegung in eine andere Haftanstalt. Durch geöffnete Fenster aber hätten die Häftlinge miteinander reden können. Und da er arabisch spreche, habe er von Mahmoud M. wissen wollen, warum er seine Tat begangen habe. „Wieso hast du das gemacht? Wir Moslems sind dadurch in ein schlechtes Licht gerückt worden", habe er Mahmoud M. gefragt. „Ich musste das tun", habe der Syrer geantwortet. „Das war mein Auftrag. Jetzt habe ich es hinter mir." Dann habe M. wissen wollen, welche Strafe er dafür zu erwarten habe. Als der 31-Jährige ihm gesagt habe, dass er dafür wohl lebenslänglich bekomme, habe Mahmoud M. gesagt: „Scheiße, ich dachte, das gibt nur zehn Jahre."
„Jetzt trinken sie mit unserem Amir Tee"
An dem „Gequatsche unter Häftlingen" waren zumeist eine Handvoll Personen beteiligt gewesen, erzählte der selbst bereits verurteilte Zeuge weiter. Deswegen könne er sich bei Aussagen wie „Das ist unser Job, wir kommen hierher und warten" und „Es sind noch mehr Leute aus Syrien gekommen, um hier Anschläge zu begehen" auch nicht mehr erinnern, welcher Gesprächsteilnehmer das konkret gesagt habe, behauptete der 31-Jährige. Immer wieder sprach er von „einem anderen Kollegen", der wegen Mordes zu neun Jahren Haft verurteilt wurde, sich auch an den Gesprächen beteiligt haben und dabei ähnliche Dinge wie Mahmoud M. gesagt haben soll. Als Winfried van der Grinten wissen wollte, wer bei diesen Gesprächen gesagt habe „Früher haben die Polizisten gesagt, wir sind alle Terroristen, aber jetzt trinken sie mit unserem Amir Tee", entfuhr es dem 31-Jährigen: „Das stimmt doch auch!" Mit Amir war der neue syrische Präsident Ahmad al-Scharaa gemeint. „Ja, aber wer hat das gesagt?", wollte der Senatsvorsitzende wissen. „Er oder der andere", antwortete der Zeuge.
Aber weder das Gericht noch andere Prozessbeteiligte wollten in der rund 70-minütigen Vernehmung wissen, wer „der andere Kollege" war. Und so manche Aussage ordnete der 31-Jährige tatsächlich Mahmoud M. zu, etwa die Rechtfertigung für dessen Tat: „Diese Länder machen in unseren Ländern schlimme Sachen und schicken Israel Geld. Und Israel schlachtet unsere Kinder ab." Das Messer-Attentat sei „der Gegenschlag" gewesen. „Ich denke, das kam von ihm", sagte der Zeuge. Mahmoud M. sei auch „traurig über diese Sache" gewesen und habe gewusst, „dass es nicht cool war, was er getan hat". Aber er sei „deswegen hierher geschickt" worden und habe „darauf gewartet", sagte der ehemalige Mithäftling. „Es kann auch sein, dass sie den aus Syrien angerufen und ihm gesagt haben, was er machen soll. Das weiß ich nicht." Dass er vom IS geschickt wurde, habe Mahmoud M. jedenfalls „nie gesagt".
Vor der Vernehmung des Mithäftlings war bekannt geworden, dass der zuletzt in Heiligenhaus lebende Cousin von Mahmoud M. nicht mehr auffindbar sei. Der Strafsenat lud daraufhin zwei Ermittler des Bundeskriminalamts, die den Cousin in den Tagen und Wochen nach dem Messer-Attentat zweimal vernommen hatten, erneut als Zeugen. Am Mittwoch berichteten die Ermittler, der Cousin habe davon gesprochen, dass sich Mahmoud M. bereits 2014 „einer der in Rakka aktiven Gruppen" angeschlossen habe. Zum damaligen Zeitpunkt waren in Rakka nur die Terror-Organisation al-Nusra-Front sowie der IS aktiv. In seiner Familie sei Mahmoud M. wegen seiner entsprechenden Aktivitäten „unbeliebt" gewesen, soll der Cousin geschildert haben.
Bei den Vernehmungen sei der Cousin „kooperativ" gewesen, habe sich gleichzeitig jedoch in „viele Widersprüche" verwickelt. Mahmoud M. habe ihm nach seiner Tat erzählt, er sei von vier Männern und einer Frau mit dem Messer angegriffen worden. Dabei habe er ihnen das Messer entwendet, um sich zu wehren. Durch die Berichterstattung im Internet zu dem Messer-Angriff in Bochum sei ihm jedoch der Verdacht gekommen, dass er ihm „die falsche Geschichte" erzählt habe, sagte der Cousin den Ermittlern. Bereits bei der ersten Vernehmung nur wenige Tage nach der Tat habe der Cousin gesagt, er befürchte für seine in Syrien lebende Familie „Repressionen durch die Organisation des Beschuldigten". Bei einer weiteren Vernehmung rund einen Monat später habe er berichtet, Landsleute hätten ihm am Telefon gesagt, bei einer Rückkehr nach Syrien sei er „vogelfrei", weil er Mahmoud M. an die deutsche Polizei „verraten" habe.
„Er hat gesagt, dass Jolani ihn köpfen würde"
Gegen den Cousin sowie dessen noch immer in Heiligenhaus lebenden Mitbewohner wird wegen Strafvereitelung ermittelt. Dass Winfried van der Grinten den 28-jährigen Mitbewohner am Dienstag vor dessen Zeugenvernehmung auf ein Aussageverweigerungsrecht hingewiesen hatte, legt die Vermutung nahe, dass die Ermittlungen darin begründet sind, dass die beiden Syrer der Polizei erst einen Tag später Hinweise auf den Aufenthaltsort von Mahmoud M. gegeben haben, nachdem sich der noch am Tag seiner Tat nach Heiligenhaus geflüchtet hatte. Dennoch wollte der Metallarbeiter aussagen. Er habe den Angeklagten über dessen Cousin kennengelernt, schilderte er. Der habe ihn immer wieder nach Heiligenhaus eingeladen. Mahmoud M. sei auch oft gekommen, habe aber „nicht viel gesprochen", sagte der 28-Jährige. „Er war dabei, sprach kaum und andere meinten, die Stimmung des Angeklagten stecke sie an." Dass dessen Cousin nicht mehr auffindbar sei, erklärte der Mitbewohner damit, dass der möglicherweise wegen „Problemen mit der Familie" nach Syrien zurückgekehrt sei. Bei den Debatten darüber, ob man die Polizei über den Aufenthaltsort von Mahmoud M. informieren soll, habe der Cousin gesagt: „Wenn wir es tun, kriegen unsere Familien in Syrien Ärger. Wenn wir es nicht tun, kriegen wir hier Ärger."
„Was hat M. denn in Syrien gemacht?", wollte van der Grinten von dem Zeugen wissen. „Mir sagte er, er sei Taxifahrer. M. hat das neue System nicht gemocht, er konnte al-Jolani nicht leiden", antwortete der Metallarbeiter. „Ich denke, es hat mit Jolanis Vergangenheit zu tun, dass er Extremist war." Abu Muhammad al-Jolani war Ahmad al-Scharaas Kunya (Kampfname), als der syrische Präsident noch Anführer der Terror-Organisation HTS war, die als Nachfolger der al-Nusra-Front galt. An dieser Stelle platzte dem Senatsvorsitzenden der Kragen: „Ich habe den Eindruck, Sie glauben, das Gericht kann das nicht einordnen und versteht das nicht. Und Sie denken, man kann das Gericht belügen", sagte Winfried van der Grinten sichtlich verärgert. Daraufhin bestritt der Zeuge wortreich, das Gericht zu belügen. Später behauptete er, Mahmoud M. habe bei einer Debatte über eine mögliche Rückkehr nach Syrien gesagt: „Jolani wird unsere Köpfe abhacken, wenn ich zurückkehre." Nachdem der Vorsitzende sofort nachhakte, bekräftigt der 28-Jährige seine Darstellung: „Er hat gesagt, dass Jolani ihn köpfen würde."
Deutschland habe Mahmoud M. nicht gemocht: „Er hat gesagt, es sei ihm nicht sozial genug", schilderte der Metallarbeiter. „Ich habe ihn nie mit Deutschen zusammen gesehen." Der Angeklagte selbst will auch weiterhin nichts sagen: „Derzeit ist keine Einlassung beabsichtigt", hatte sein Verteidiger Lutz Klose bereits am Dienstag auf ein entsprechendes Angebot des Senats hin mitgeteilt. Faktisch bleibt es damit dabei, dass dessen Anwälte den Vorwurf der IS-Mitgliedschaft bestreiten. Der Prozess wird am Montag mit der Vernehmung weiterer Mithäftlinge von Mahmoud M. fortgesetzt. Bislang hat das Gericht insgesamt 21 Verhandlungstermine bis 2. Juni vergeben.
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Die Sache mit dem Esel der den Karren zieht und dem Karottenbündel vor der Nase. Wobei das Karottenbündel meist Geld ist. Angeworben wird von den Hintermännern noch relativ offen. Danach wird der Esel aber zum Ziel gestupst. Nichts schriftliches. Der Esel erkennt das Stupsen als Auftrag, das Umfeld nicht. So wird der Auftraggeber verschleiert.
Schade, dass die Fans ihn nicht erledigt haben