Gerade habe ich einen Artikel über eine angeblich wissenschaftliche Untersuchung gelesen, die sich mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen befasst. Moment mal. Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Wo kommen die denn plötzlich her? Seit Jahrzehnten lerne ich, dass Männer und Frauen zur Gänze, um nicht zu sagen: absolut hundertprozentig gleich sind. Und dass eventuelle kleine Restunterschiede lediglich einer falschen Erziehung geschuldet sind. Dass bei politisch korrekter Erziehung kleine Jungs mit Puppen und kleine Mädchen Rambo spielen. Und dass dann große Mädchen Bauingenieure und große Jungs Krankenpfleger werden. Und dann kommen ein paar politisch unbedarfte Wissenschaftler daher und reden von lauter Unterschieden.
Es ist unglaublich, was da berichtet wird. Die Unterschiede sollen schon im Gehirn beginnen. Bei den einen, den Männern, ist angeblich innerhalb der beiden Hirnhälften eine Menge los, während es bei den anderen, den Frauen, zwischen den beiden Hirnhälften wie wild hin- und hergehen soll. Ja, schlimmer noch: Zu meinem Entsetzen lese ich, dass Männer mehr Muskeln haben als Frauen.
Das ist nun wirklich die Höhe. Es mag ja noch angehen, dass Frauen wegen ihrer Hirnstruktur als Multitasker unterwegs sind, während Männer immer nur an das eine denken, nämlich ans Einparken. Aber dass Männer mehr Muskeln haben als Frauen ist ein völlig unangebrachter Hinweis darauf, dass Männer von irgendetwas mehr haben als Frauen. Die Mehr-Muskeln-These ist meines Erachtens ein durchsichtiger Versuch, Männer als das irgendwie stärkere Geschlecht darzustellen.
Und selbst wenn sich für diese These statistische Belege finden ließen, so kann ich dazu nur sagen: Ich kenne Frauen, die aussehen wie Arnold Schwarzenegger in seinen besseren Jahren, und Männer, die aussehen wie Cindy aus Marzahn.
Aber damit nicht genug. Leider sticht die Muskelfrage noch tiefer hinein in die gender equality. Die Untersuchung geht so weit, zu behaupten, dass Frauen wegen ihrer geringeren Muskelmasse schneller frieren als Männer. Damit ist nun endgültig eine rote Linie überschritten.
Zwar gibt es tatsächlich englische Männer, die dem tiefsten Winter im T-Shirt trotzen, und Italienerinnen, die schon im Frühherbst beginnen, ihren Pelzmantel zu tragen. Aber das hat doch rein kulturelle und keinerlei geschlechtsspezifische Gründe. Engländer frieren nun mal nicht, basta. Und Italiener haben es gerne warm. Ebenfalls basta. Aus solchen landsmannschaftlichen Eigenheiten einen Unterschied zwischen Mann und Frau basteln zu wollen, verstößt auf geradezu peinliche Weise gegen die guten Sitten der Gleichheitspolitik. Im Übrigen kenne ich eine Norwegerin, die nie heizt, beziehungsweise nur dann, wenn ich als sonnenverwöhnter männlicher Süddeutscher sie besuche. Bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, daraus zu schließen, dass Männer schneller frieren als Frauen.
Nun mag man spitzfindig werden, und sich bei der Untersuchung frierender Frauen ausschließlich auf die Füße konzentrieren. Da kann dann herauskommen, dass rein statistisch gesehen der Schweißfuß eine überwiegend männliche Erscheinungsform ist, während sich kalte Füße überwiegend an Frauenbeinen befinden.
Aber ist das wissenschaftlich sauber? Schließlich bestehen Männer und Frauen nicht nur aus Füßen und darin sind sie sich völlig gleich. Bezeichnend ist übrigens, dass der Ausdruck „kalte Füße“ als Synonym für mangelnden Mut gilt. Dabei ist erwiesen, dass auch Schwitzen ein Hinweis auf Angstzustände ist. Aber nein, die weiblichen kalten Füße sind in den Sprachgebrauch der Ängstlichkeit eingegangen, nicht aber die männlichen Schweißfüße. Ein typisches Beispiel subversiver und frauenfeindlicher Sprachpolitik.
Ich frage mich, was man mit diesen ständigen Versuchen, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu beschreiben, erreichen will. Was immer es sein mag, wir sollten uns nicht durch politisch unkorrekte wissenschaftliche Untersuchungen von dem schönen Ziel abbringen lassen, ein allumfassendes Gemeinschaftsgeschlecht zu kreieren. Unsere Zukunft ist nun mal das Schießgewehr strickende Boygirl, oder, um es behördlich zu formulieren: das Mensch.