Sabine Drewes, Gastautorin / 30.09.2019 / 06:25 / Foto: Wegmann / 36 / Seite ausdrucken

Herbst 1989: Ein Durchbruch für die Freiheit in Prag

Am 30. September 1989 spielten sich auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag herzergreifende Szenen ab, als Außenminister Hans-Dietrich Genscher, ein gebürtiger Hallenser, auf dem Balkon des Palais Lobkowitz verkündete: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß heute Ihre Ausreise …“ Jubelschreie aus mehreren tausend Kehlen lassen ihn diesen Satz nicht wirklich zu Ende sprechen. Auch die Tage davor und danach sind voller berührender Dramatik. Dieser Beitrag macht die Erinnerungen an diese geschichtsträchtigen Tage noch einmal lebendig und soll den vielen Flüchtlingen ein Denkmal setzen. Denn ohne ihren unbändigen Drang nach Freiheit hätte die deutsche Geschichte vor 30 Jahren möglicherweise nicht diese glückliche Wendung genommen.

Die Massenflucht Deutscher im Sommer 1989 geriet zu einer beispiellosen „Abstimmung mit den Füßen“ über die SED-Diktatur. Und dies, obwohl sowohl die innerdeutsche Grenze als auch die Berliner Mauer weiterhin hermetisch abgeriegelt waren. Wer versuchte, diese Grenzsperranlagen zu überwinden, die Deutschland und Berlin teilten, musste bis zum späten Abend des 9. November 1989 mit drastischen Konsequenzen bis hin zum Tod rechnen.

Es wäre falsch, den unbändigen Drang der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung als einen egoistischen Wunsch abzutun, der keine besondere Würdigung verdient. Im Gegenteil: Je mehr Menschen ihr Recht auf Freiheit und Freizügigkeit einforderten, umso größer war die Chance, dass auch die Zaghafteren und Ängstlicheren eines Tages in den Genuss der Freiheit kommen könnten. Es ist nicht angebracht, über diese Menschen die Nase zu rümpfen, wie dies in den letzten Tagen und Wochen verschiedentlich geschah. Aber im Zusammenhang mit der Friedlichen Revolution wurde den deutschen Flüchtlingen von 1989 meines Wissens nach bisher kein Denkmal gesetzt. Dabei waren es doch diese Menschen, die am nachdrücklichsten ihrer Unzufriedenheit mit einem System Ausdruck gaben, das gegenüber seinen politischen Gegnern kein Pardon kannte. Sich ihm entziehen zu wollen, erforderte sehr viel Mut. Für ein Leben in Freiheit riskierten diese Menschen alles: ihr Hab und Gut, ihre körperliche und seelische Unversehrtheit – und letztlich ihr Leben.

Ein Ende der ständigen Lügen und Repressionen

In einem Essay in der GEISTIGEN WELT vom 28. Juli 1990 („Heimatlos im Supermarkt – Wunschbilder statt Erkenntnis: Warum die DDR-Revolution ohne Intellektuelle stattfand“) schrieb Gert Ueding, Rolf Schneider habe im Februar 1990 im „Spiegel“ illusionslos festgestellt: „Die Flüchtlinge und Umsiedler erwiesen sich sogar als die eigentlichen Motoren aller gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR. Die Lücken, die sie hinterlassen, wirken mehr als sämtliche Montagsdemonstrationen in Leipzig. Der Druck, den sie ausüben, lastet gleichermaßen heilsam auf der Regierung zu Ost-Berlin wie jener zu Bonn. In der Form eines täglichen Plebiszits bestätigen sie den politisch Verantwortlichen zwischen Elbe und Oder die mangelnde Glaubwürdigkeit ihrer Politik.

Halten wir fest: Es gab viele Wegbereiter der Friedlichen Revolution, die deutschen Flüchtlinge von 1989 haben daran einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Die große Massenflucht setzte schon vor den ersten Gründungen der Oppositionsgruppen im Spätsommer 1989 ein. Sie trug maßgeblich dazu bei, das SED-Regime im Herbst 1989 ins Wanken zu bringen. Die Bürgerrechtler alleine hätten dies nicht zustandegebracht. Denn mit den Flüchtlingen verlor der Herrschaftsbereich der SED-Machthaber viele ihrer Fähigsten und Jüngsten; Menschen, die für sich und ihre Kinder keine Zukunft in der Diktatur sahen. Dazu kamen circa 1,5 Millionen Ausreiseanträge alleine bis Mitte August, das umfasste etwa ein Viertel der Deutschen zwischen Ostsee und Erzgebirge, zwischen Elbe und Oder. Das war eine Volkserhebung; diese Menschen duckten sich nicht mehr.

Ihr Aufbegehren widersprach dem gängigen Bild von den duldsamen Deutschen, die – anders als die temperamentvollen Ungarn oder Polen – nicht aufmucken, sondern sich brav ihrem Schicksal fügen würden, sobald Honecker und Genossen nur einige „Unruhestifter“ in den Westen abgeschoben hätten. Dieser Illusion erlagen damals in der Bundesrepublik noch viele. Sie wollten nicht zur Kenntnis nehmen, welches Ausmaß der Verzweiflung sich östlich der Elbe über den unbeirrt harten Kurs der SED breitgemacht hatte. Der Rat „mehr Hilfe aus der Bundesrepublik“ musste auf die Menschen beleidigend wirken; sie gaben immer wieder zu verstehen, dass sie trotz aller Misswirtschaft und Engpässe, die das Leben im Sozialismus gekennzeichneten, nicht am Hungertuch nagten, sondern endlich ein Ende der Entmündigung, ein Ende der ständigen Lügen und Repressionen wollten. Sie wollten die Freiheit.

Flucht als einziger Ausweg

Noch aber fehlte ihnen eine kraftvolle Opposition, die das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung für sie hätte einfordern können und wollen. Die sich zwar mutig, aber vorsichtig formierenden Bürgerrechtler plädierten in ihrer Mehrheit zudem lediglich für Reformen, nicht für die Abschaffung des Sozialismus und für den Fortbestand von zwei deutschen Staaten. Doch zu einem weiteren sozialistischen Experiment auf deutschem Boden war das Gros der Menschen nicht länger bereit. Die Mehrheit wollte leben wie ihre Landsleute im Westen, und sie wollte frei sein von staatlicher Bevormundung. In dieser Situation sahen viele in der Flucht den einzigen Ausweg, um ihr Ziel zu erreichen.

Nachdem Ungarn sich auf die Seite der Deutschen gestellt und ihnen die Ausreise nach Österreich gestattet hatte, wurden die Kontrollen an der Grenze zwischen der ČSSR und Ungarn für die Deutschen aus der „DDR“ verstärkt. Der Massenflucht über Ungarn sollte aus Sicht der SED ein Riegel vorgeschoben werden. Deshalb versuchten die Menschen jetzt verstärkt, mit einer Flucht in die bundesdeutsche Botschaft in Prag ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Noch am 27. September erklärte die ČSSR-Regierung, eine „ungarische Lösung“ werde es für die Botschaftsflüchtlinge nicht geben. Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Prag berichtete am 11. September dem Auswärtigen Amt in Bonn, dass im Botschaftsgebäude, dem Palais Lobkowitz, 434 Bürger aus dem anderen Teil Deutschlands Schutz gesucht hätten.

Die SED-Rechtsanwälte Wolfgang Vogel und Gregor Gysi versuchten, die Flüchtlinge zur Rückkehr in ihre Heimat östlich der Elbe zu bewegen. Etwa 170 von ihnen, vorwiegend junge Menschen, widerstanden diesen Versuchen. Dennoch sollte sich das Botschaftsgebäude keineswegs leeren. Zwei Wochen später befanden sich bereits 865 Landsleute aus dem östlichen Teil Deutschlands in der Botschaft ein. Es wurde eng. Büros wurden geräumt, Sträucher im Garten der Botschaft entfernt. Das Internationale Rote Kreuz stellte 47 Notzelte auf. Am 26. September hielten sich in dem Gebäude 1.600, am 2. Oktober 1.622, am 3. Oktober geschätzte 4.000 und am 4. Oktober 7.600 Menschen auf. Am 3. Oktober wurde vom SED-Regime der visafreie Reiseverkehr in die ČSSR „ausgesetzt“.

Unvergessene Szenen

An der Mauer und am Gartenzaun der bundesdeutschen Botschaft spielten sich in jenen Tagen die ergreifendsten Szenen ab. Auf einer Leiter kletterten Scharen von Flüchtlingen Anfang Oktober voller Panik über die Mauer der Botschaft, die wegen Überfüllung seit dem 22. August offiziell geschlossen war. Der Zaun ist etwa zwei Meter hoch und mit spitz zulaufenden Enden versehen. Mit dem Mute der Verzweiflung drängelten sich Menschen trotz einer Abwehrkette aus Milizionären und Polizisten der ČSSR vor dem eingezäunten Park der Botschaft bis zum Gitter vor, überkletterten es, reichten Kleinkinder herüber. Das Überklettern des Zaunes war nicht ungefährlich; alleine am 3. Oktober 1989 wurden beim Übersteigen elf Menschen verletzt und lagen teils ohnmächtig auf dem Rasen.

Kinder weinten, hielten angstvoll ihre Teddys umklammert. Andere, denen es noch nicht gelungen war, den Zaun zu überwinden, versuchte die Polizei gewaltsam wegzuzerren, so etwa den Maurer Michael Fleischmann (damals 34) aus Ost-Berlin. Er klammerte sich mit aller Kraft verzweifelt an die Gitterstäbe. Seine Landsleute auf dem Botschaftsgelände hielten ihn von der anderen Seite fest. Nach 20 Minuten kam endlich Botschaftsrat Michael Steiner. Er legte seinen Arm um Fleischmann und führte ihn in die Botschaft hinein. Ein anderes Bild zeigt den tränenreichen Abschied einer Mutter von ihrer Tochter, die sich nicht zur Rückkehr in die „DDR“ überreden ließ, die beide in dem Moment nicht wissen, ob sie sich jemals wiedersehen werden.

Am 30. September 1989 reiste Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit Kanzleramtsminister Rudolf Seiters nach Prag, um auf dem Balkon des Palais Lobkowitz jenen Satz zu sagen, dessen Ende im Jubelschrei unterging, den wohl niemand der Anwesenden je vergessen wird: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß heute Ihre Ausreise…“ Der Rest geht im Jubel aus mehr als 4.000 Kehlen unter: „…in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist.“ Die Bilder, die die TV-Kameras jetzt festhielten, gehen zu Herzen, treiben einem Tränen in die Augen: Wildfremde fallen sich in die Arme, Familien umarmen einander und Ehepaare küssen sich; viele haben feuchte Augen. Wer diese Bilder gesehen hat, und sei es nur auf der Mattscheibe, wird sie so wenig vergessen wie jene des 9./10. November 1989.

„Ich glaube, ich bin im Himmel“

Nach Genschers jubelnd begrüßter Ankündigung wurden die ersten Flüchtlinge zu Bussen abtransportiert, die von der „DDR“-Botschaft bereitgestellt wurden. Hier kehrte das Gefühl der gerade erst abgefallenen Unsicherheit wieder zurück; wurden sie nicht vielleicht doch in eine Falle gelockt? Doch die Menschen werden von hohen Beamten des Auswärtigen Amtes und von Botschaftsangehörigen begleitet. Dass Genscher selbst mitfährt, hatte Ost-Berlin abgelehnt. Mit dem Zug ging es erst nach Dresden, von dort über Freiberg, Chemnitz und Plauen nach Hof. Botschafter Hermann Huber kümmerte sich höchstpersönlich um die Flüchtlinge, sprach Verzweifelten noch auf den Bahnhöfen Mut zu, versicherte ihnen, dass nun alles gut werden würde.

Als die Sonderzüge aus Prag im oberfränkischen Hof einliefen, wurden die Ankommenden frenetisch begrüßt, eine jubelnde Menschenmenge winkte ihnen zu. Auch hier spielten sich wieder ergreifende Szenen ab. Die Menschen lachten und weinten, die Flüchtlinge riefen begeistert „Freiheit“ und „Deutschland – Vaterland“. Erich Honecker mochte den Flüchtlingen „keine Träne“ nachweinen, aber was sind Honeckers Worte schon gegen die eines Flüchtlings, der in den geschichtsträchtigen Tagen jenen unvergessenen Satz sagte:

Ich glaube, ich bin im Himmel. Endlich einmal Glück, endlich für immer frei.“

Der inzwischen nach Prag zurückgekehrte Botschafter sollte noch lange keine Ruhe finden. Am Mittag des nächsten Tages befanden sich wieder 200 deutsche Flüchtlinge vor dem Tor der Botschaft und verlangten Einlass. Sie hatten sich vorher irgendwo in der Stadt versteckt und durch Hörensagen von der Ausreise der Botschaftsflüchtlinge erfahren. Huber versuchte ihnen klarzumachen, dass ihre Ausreise eine Ausnahme gewesen sei, doch damit gaben sich die Flüchtlinge nicht zufrieden. Sie harrten aus; gegen 17 Uhr wurde das Tor schließlich doch geöffnet. Inzwischen war die Zahl der Menschen auf 300 angewachsen. Am Ende waren es 7.600 Menschen, die auf demselben Weg schließlich auch ausreisen durften: mit der Deutschen Reichsbahn über Dresden nach Hof.

Vorgeschmack auf das, was kommen sollte

In dreiundzwanzig Sonderzügen der Deutschen Reichsbahn – von außen verriegelt, um unterwegs keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen zu können – fuhren die Botschaftsflüchtlinge aus Prag über das Gebiet der „DDR“ in die Bundesrepublik Deutschland. Das war die Bedingung, die das SED-Regime für die Ausreise stellte, um den Schein einer „einmaligen humanitären Maßnahme“ zu wahren.

Volkspolizei und Militär riegelten die Gleise der Reichsbahn ab, auf denen die Sonderzüge fuhren, nachdem sich die Streckenführung herumgesprochen hatte. Der damals 21 Jahre alte Markus Rindt, der in einem der Züge saß, erinnert sich an die gespenstisch anmutende Fahrt durch die Nacht: „Fast alle 250 Meter erkannten wir Uniformierte der DDR mit Hunden, die die Bahnstrecke bewachten, damit niemand auf den Zug aufspringen konnte.“ Dies verhinderte aber nicht, dass entlang der Gleise hunderte Menschen dennoch den lebensgefährlichen Versuch unternahmen, auf die fahrenden Züge aufzuspringen.

Andere hielten brennende Kerzen in der Hand und baten: „Vergeßt uns nicht.“ Der Dresdener Hauptbahnhof wurde am Abend des 4. Oktober von Sicherheitskräften abgesperrt. Das führte zu Protesten, Ausreisewillige skandierten „Freiheit, Freiheit“, Volkspolizisten prügelten mit Schlagstöcken auf die Menschen ein. Die Demonstranten wehrten sich und warfen verschiedenste Gegenstände. Zurück blieb am Ende ein verwüsteter Bahnhof und ein Vorgeschmack auf das, was am 7./8. Oktober 1989 an Gewaltausbrüchen von Seiten der Staatsmacht auf die Menschen zukommen würde.

Noch bis zum 8. November 1989, einem Tag vor Öffnung der Mauer in Berlin, reisten über 40.000 Flüchtlinge aus der „DDR“ über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland.

 

Weitere Quellen:

Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff: Der Mauerfall. Ein Volk nimmt sich die Freiheit. Lingen 2014.

Berliner Ilustrirte, Dezember 1989: Deutschland im November 1989. Das Volk schreibt Geschichte – Tage, die wir nie vergessen, erschienen am 12.12.1989, Seite 90 -102.

Chronik der Mauer

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C.Brendel / 30.09.2019

” Ein Ende der ständigen Lügen und Repressionen”.....  ?????  Was für ein Ende ? ich als Ossi habe mit meiner ” Flucht” in den Westen offensichtlich nur ein Regime gegen ein anderes ausgetauscht. Belogen werde ich auch hier als Bürger jeden Tag aufs Neue. Frasen wie : 1. ” die Rente ist Sicher” , genau im Alter kann ich mich bei der Tafel anstellen trotz lebenlang gearbeitet. 2. “wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt”, dabei warte ich Monate auf einen Facharzt Termin. 3. “wir haben das beste Schulsystem und gleiche Chancen für alle” : das ich nicht lache! siehe PISA und OSZD Studien. 4. “wir brauchen die Flüchtlinge , für unseren Arbeitsmarkt und Pflege” , ganz bestimmt nicht!!!! Und so kann ich noch bis 100 weiterzählen, aber das lohnt nicht.

Helmut Driesel / 30.09.2019

  Fabelhaft, sehr geehrte Frau Drewes, wie Sie das beschreiben können, als jemand, der das nur mitfühlend beobachtet hat.  Respekt vor jeder Träne in den Augen der nun in Freiheit und Würde Gealterten! “Ich glaube, ich bin im Himmel. Endlich einmal Glück, endlich für immer frei.” - War das nicht auch Sozialromantik? In meinem gestrigen Kommentar habe ich von den Optionen gesprochen, die man haben kann oder nicht, der Freiheit, fort zu gehen etwa. Das Fortgehen beinhaltet immer die Ungewissheit, nicht zu wissen, was einen erwartet, welche neuen Zwänge die alten verhassten ersetzen werden. Auch in die gefühlte Freiheit geht man nicht mit der Gewissheit, ein besseres, freieres Leben zu haben. Die sich neu auftuenden Optionen muss man letztlich abwarten. Anfang August 89 machte mich ein Freund, von dem ich heute noch nicht weiß, wie stasi- oder staatsnah er wirklich war, darauf aufmerksam, dass es Zeit wäre, das Land zu verlassen. “Wir gehen auch, wir wollen nicht die letzten sein, die das Licht aus machen…” Ich hatte kein Wort davon geglaubt, aber vier Wochen später dachte ich, Rhinozerus, ick hör dir trapsen, was wäre, wenn das viele solche “Agenten” ihren Freunden und Bekannte so angetragen hätten? Ich war zweimal in Leipzig, Anfang September und Anfang Oktober jeweils für 4 Tage. Am Freitag vor dem 40. Jahrstag war in dieser sonst so lebensfrohen Stadt eine Atmosphäre wie wenn man ein Trafohäuschen betritt. Beängstigend. Ich hätte es nicht gewagt, noch einen Tag zu bleiben. Sie haben recht, der Effekt, den die Ausreiser hatten war ein viel mächtigerer als das Wirken der Bürgerbewegten hier. Es wurden in dieser Zeit auch viele gute Häuser für lau angeboten, von Leuten die fort wollten. Die haben sich bestimmt später schwarz geärgert. Noch etwas: Die Leute, die hier in den nächsten Tagen mit ihrer früheren “Opposition” angeben werden, die sind vier Wochen nach der Wende abends im Dunkeln mit dem Pfarrer an der Spitze in andächtiger Stille um das Rathaus gezogen.

Uta Buhr / 30.09.2019

Ein sehr anrührender und berührender Artikel zum 30. Jahrestag des Endes der “DDR,” liebe Frau Drewes.  Wie in den Leserbriefen bereits beschrieben, haben sich die Hoffnungen von damals in keiner Weise erfüllt. Ganz im Gegenteil. Wir werden von der Merkel-Regierung und den ihr sekundierenden Medien permanent bevormundet. Wer nicht der Meinung des Juste Milieus ist und sich gar erlaubt, die Stimme zu erheben, um Rechtsstaatlichkeit einzufordern, ist ein Spalter und wird ohne Wenn und Aber in die rechtsextreme Ecke gestellt. Besonders verschaukelt wurden und werden die mutigen Bürger des Unrechtsstaates, die Gesicht zeigten und dabei nicht selten Leib und Leben riskierten. Nie hätte ich mir als “Wessie” träumen lassen, irgendwann in einer “DDR"02 leben zu müssen. Unser gegenwärtiges Staatswesen kann man als Demokratur bezeichnen, und auch das nur, wenn man es mit der berühmten rosaroten Brille betrachtet. Denn eigentlich befinden wir uns schon mitten in einer Meinungsdiktatur, die jedwede Abweichung vom Mainstream erbarmungslos ahndet.  Die Hoffnung auf Besserung ist inzwischen schon bei vielen gestorben. Wenn selbst der furchtlose Don Alphonso drauf und dran ist, das Handtuch zu werfen und dieses Land zu verlassen, ist es bereits fünf nach zwölf.  Ich bin leider schon zu alt für diesen Schritt und versuche deshalb mit den Meinen das Beste aus der Situation zu machen. @Andreas Rochow. Genau wie Sie setze ich die “DDR"stets in Anführungsstriche. Ich habe das Wegfallen derselben nie als einen Befreiungsschlag empfunden wie ein ehemaliger Kollege bei der WELT, der diese für ihn “frohe Botschaft” mit Tränen in den Augen überbrachte. @Anders Dairie: Danke, volle Zustimmung.

Andreas Rühl / 30.09.2019

Wer in den nächsten Monaten nach Prag kommt, sollte nicht versäumen, sich die Foto-Ausstellung im Lustschluss der Königin Anna anzuschauen (erstens, weil das Schloss ein Renaissance-Kleinod ist und zweitens wegen der Fotos), die es noch bis zum 30.11 dort zu sehen gibt. Die Botschaftsflüchtlinge spielen dort auch eine (notabene kleine) Rolle. Und es wird dem Besucher deutlich, dass die Revolution, der Aufstand gegen die kommunistischen Regime, die in ganz Osteuropa (unter den Arkaden gibt es Fotos aus Polen, Deutschland etc) stattgefunden hat, tatsächlich ein Streben nach Freiheit war ganz vorrangig. Natürlich war damit auch die Hoffnung verbunden, dass das Ende der kommunistischen Planwirtschafterei auch mehr Wohlstand bringt. Aber das war ganz offensichtlich nicht der Hauptantrieb all der hunderttausende von Menschen, die in Warschau, die im Baltikum, die in Prag, Berlin, Leibzig, Dresden auf die Straße gegangen sind. Gerade das Beispiel Prag zeigt sehr deutlich das große Verdienst eines V. Havel, dem es gelungen ist, die Revolution friedlich zu halten und in einen politischen Prozeß zu überführen, an dessen Ende die Mehrparteiendemokratie und die Marktwirtschaft standen. Alle “Umdeutungsversuche” linker Fantasten und Geschichtsverdreher wird damit der Boden entzogen. Die “DDR” war genauso am Ende, wie es die VR Polen war oder die Tschechoslowakei. Das Volk wollte Freiheit und zwar Freiheit von der Bevormundung durch kommunistische Greise und durch den sowjetischen Machtapparat. Das gilt auch für die “DDR”. Besonderns bewegend übrigens die Bilder des gealterten Dubcek, der sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder der Öffentlichkeit präsentierte und von den Pragern gefeiert wurde. Ein später Triumph.

Thomas Taterka / 30.09.2019

Liebe Sabine Drewes! Für einen Augenblick nehme ich mir mal die Freiheit und setze mich ungefragt zu Ihnen aus Respekt vor einer Frau, die unbeirrt daran erinnert, daß die Wiedervereinigung ein glücklicher Tag in der Geschichte der Deutschen war, dessen Versprechen, künftig für Gerechtigkeit gegenüber diesem Volk einzutreten bis heute nicht erfüllt wurde. Liebe Grüße von einem treuen Leser !

Karsten Dörre / 30.09.2019

Solange die Ausreise aus der DDR keine konkreten Zahlen oder Fakten für das DDR-Volk bot, waren es nur Gerüchte, wieviel Ausreisewillige pro Jahr am Ausgang standen. Erst mit Ungarns Grenzöffnung konnte das DDR-Regime nichts mehr verheimlichen. Ab da konnte sich das DDR-Volk selbst ein Bild machen, wieviel Nachbarn oder Arbeitskollegen nur auf die Gelegenheit warteten abzuhauen. Die Flüchtlinge waren der Brennstoff, die verbliebenen DDR-Bürger waren der Motor des Sturzes der SED-Diktatur. Selbst bei SED-Mitgliedern oder DDR-Träumern kamen massive Zweifel auf, dass “Vorwärts immer, rückwärts nimmer” der falsche Prophet ausrief.

Günter Schaumburg / 30.09.2019

Weiter Günter Schaumburg: Unser Glück war, daß wir über die großartige Frau Brigitte Klump,, über deren einmaliges Engagement für Ausreisewillige sich zu schreiben lohnte, in die 22. Sammelbeschwerde der UNO aufgenommen wurden. Ich bin für eine Art der Erinnerung an die Botschaftsbesetzungen. Schön wäre aber auch, wenn man die Rolle der Ausreisewilligen erwähnen würde. Denn bis auf die “Junge Freiheit” hat noch kein alternatives Medium die Rolle der Ausreisebewegung entsprechend gewürdigt. Es geht immer nur um die “Bürgerrechtler”, von denen ich im Raum Erfurt nichts wahrgenommen habe, und um die Botschaftsflüchtlinge. Schade und traurig, denn wir waren hunderttausende, von denen viele jahrelang in Bautzen schmorten, beruflich getötet oder menschlich geächtet wurden. Und auch nicht vergessen sollten wir die 3,5 Millionen, die von 1949 bis zum Mauerbau 1961 der DDR den Rük- ken kehrten.

Markus Rüschenschmidt / 30.09.2019

Sehr ergreifend. Habe Tränen der Rührung vergossen.

Anders Dairie / 30.09.2019

Einen “Sieg” in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht kann nur der ökonomisch stärkere Staat erringen.  Darin liegt auch der Denkfehler der Umweltbewegungen. Den gewünschten Erfolg beim Erhalt des bisherigen Klimas kann nur der leistungsfähige Industriestaat gewährleisten.  Deswegen ist z.Bsp. ein Niedergang der Energie-Erzeugung und der Metallindustrie (Maschinen-und Autobau)  kontraproduktiv.  Die dies anders sehen, glauben auch, die Milch käme von der lila Kuh. Weil sozialistische Staaten stets die wirtschaftlich Schwächeren waren,  mussten sie im Wettlauf der Systeme unterliegen.  Andere Qualitäten sind dabei egal.

Günter Schaumburg / 30.09.2019

Sehr geehrte Frau Drewes, Sie haben leider vergessen zu erwähnen, wie es zu den Botschaftsbe- setzungen kam. Ich habe mit meiner Familie selbst 6 Jahre der Ausreise geharrt, die endlich am 14.9.1989 genehmigt wurde. Im Oktober 1988 erließ die Regierung der DDR eine neue Reise- und Ausreiseverordnung, die en Detail aber nicht veröffentlicht wurde. Man wollte die Antragswut auf Ausreise drastisch eindämmen. Wir erhielten zu Silvester (!) eine Vorladung der Abtlg. Inneres beim Rat der Stadt Erfurt. Dort wurde uns diese Verordnung im Detail erklärt. Meiner Frau und mir erläuterte man, daß die vergangenen 5 Jahre nicht zählten und wir ab sofort als Neuantragsteller gälten. Der neue Antrag würde innerhalb eines halben Jahres bearbeitet. Bei Ablehnung desselben, wäre eine Antragstellung nach 18 Monaten möglich, wobei das gleiche Procedere gehandhabt würde. Meiner Frau und mir klappten die Kiefer nach unten, denn es würde bedeuten, daß, bei Ab- lehnung, so gut wie keine Chance bestünde, jemals aus der DDR herauszukommen. Saft- und kraftlos verließen wir das Rathaus. Mein Ausreisefreundeskreis war mit den Jahren sehr geschrumpft, aber der Rest erhielt wenige Tage später durchweg eine Ablehnung. Wenig später machten zwei Familien eine “Urlaubsreise” nach Ungarn und wenige Wochen später erhielten wir die Nachricht, daß sie im Westen angekommen seien. So entstand eine Sogwir- kung. Eine große Menge Abgelehnter machte sich auf nach Prag, Budapest und Warschau. Im April/Mai 1989 berichteten ARD und ZDF zum ersten Mal von Botschaftsbesetzungen, und und es setzte die Besetzungsflut ein.

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