Zu weit weg, weil ich ihn nicht lang genug kenne, zu nah dran, weil ich ihn mittlerweile sehr gut kenne. Es reicht höchstens für ein paar persönliche Anmerkungen und Erlebnisse, die keinen interessieren. Egal, sagten die Achguts, einfach mal machen. So viel zum Erwartungsmanagement. Sie wissen schon, das, was Friedrich Merz noch weniger beherrscht als verhandeln. Oder regieren.
Henryk traf ich zum ersten Mal im Frühjahr 2018. Ich verbrachte den Urlaub in Berlin, und ein Achtminüter im ARD-Kulturmagazin „titel thesen temperamente“ empörte mich so sehr, dass ich ihn verschriftlichte. Thema war die „Gemeinsame Erklärung 2018“, initiiert von Vera Lengsfeld und anderen, darunter Henryk M. Broder. Die Erklärung richtete sich gegen die „illegale Masseneinwanderung“ nach Deutschland. „Illegal“, „Massen“ und „Einwanderung“ fanden Linke naturgemäß prima, aber man durfte den Vorgang nicht so nennen. Wer das tat, war irgendwie Nazi. Folgerichtig rückte Moderagitator Dieter „Max“ Moor die Unterzeichner zum Abschluss in die Nähe von „Rassisten und Herrenmenschen“.
Das Transkript mailte ich an Achgut, zu Händen HMB zwecks „allfälliger Vivisektion dieser Ungeheuerlichkeit“. Der Achse des Guten war ich bis dahin nur als Leser verbunden. Henryk antwortete nach zehn Minuten. Zwei Mails später lud er mich für den Folgetag ins Literaturcafé in der Berliner Fasanenstraße ein, damals sozusagen sein Büro.
Henryk redet mit jedem
Als ich dort ankam, tippte er an einem kleinen Erkertisch auf seinem Laptop, gänzlich unbeeindruckt vom Kaffeehaus-Trubel. Nach herzlichem Empfang plauderten wir gut anderthalb oder zwei Stunden. Irgendwann fiel mir auf, dass ich den größten Teil der Konversation bestritt. Henryk beschränkte sich über weite Strecken aufs Zuhören und Nachfragen. Aha, dachte ich, muss an meinem gewinnenden Wesen und meiner überhaupt faszinierenden Gesamtpersönlichkeit liegen.
Das war natürlich Quatsch. Später erkannte ich: Henryk redet mit jedem, wirklich jedem. Er interessiert sich für Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Stand, Alter, Bildung, Religion oder sonstwas. Und er tritt den Leuten offen, neugierig und ohne jeden Dünkel gegenüber. Er ist das genaue Gegenteil der vielen Wichtigtuer und Selbstdarsteller unter Journalisten, die ich in meinem Leben kennenlernte. Sicher, wenn er schreibt, kann er gehörig aufdrehen und zuspitzen. Polemik gehört zum Geschäft. Aber Henryk hasst nicht. Nicht einmal Politessen, Palästinenser oder Claudia Roth.
In lebhafter Erinnerung blieb mir auch unser zweites Zusammentreffen ein halbes Jahr später. Ich hatte mittlerweile begonnen, Beiträge für Achgut zu schreiben, und war deshalb zum Autorentreffen geladen.
Der Witz steht an erster Stelle
Während ich dort herumirrte und versuchte, inmitten namhafter Publizisten halbwegs cool zu wirken, entdeckte mich Henryk. Er wolle mich mit jemandem bekannt machen, sagte er, packte mich am Arm und schob mich wie einen vorläufig festgenommenen Garderobendieb durch den Saal. Den jemand fanden wir nicht, dafür fiel Henryk eine große Gruppe auf, die sich um Anwalt Joachim Steinhöfel gebildet hatte. Spontan zwängte er mich hinein.
Die Runde verstummte, und Henryk stellte mich vor: „Das ist Robert von Loewenstern. Für seinen Namen würde ich mein linkes Ei geben.“ Blicke wanderten hin und her, von einem strahlenden Broder zu einem dümmlich grinsenden Loewenstern. Und zurück. Und wieder hin. Und zurück. Es war der entscheidende Moment, in dem ich Kluges, Witziges, Bedeutsames von mir geben musste. Oder einfach irgendwas, das mich nicht wie einen Vollpfosten aussehen lässt.
Es blieb beim Vollpfosten. Bevor ich etwas sagen konnte, zog mich Henryk weiter. Wahrscheinlich hätte ich ohnehin kein Wort herausgebracht. Der Kernschmelze-Blick von Steinhöfel hatte mich so paralysiert, dass ich nicht einmal wahrnahm, wer sonst noch in der Runde stand. Meine Lehre aus diesem Erlebnis: Bei Henryk steht der Witz an erster Stelle. Das verbindet uns, auch wenn es im konkreten Fall schmerzhaft war. Immerhin, danach kannte man mich. Vollpfosten hin oder her.
Überraschung: Er kann rechnen
Es gibt einen weiteren Punkt, der Henryk von den meisten Journalisten unterscheidet. Es mag Sie überraschen, denn er ist nicht gerade als König der Zahlen bekannt, aber: Henryk kann rechnen. Ein Beispiel. Vor einigen Monaten sprach ich beim Sonntagsbrunch einen TV-Bericht an, der in den 19-Uhr-heute-Nachrichten gelaufen war. Es ging um Psychotherapeuten, die gegen die Kürzung ihrer Kassenvergütungen um 4,5 Prozent demonstrierten. Als Kronzeugin für die fatalen Auswirkungen ließ das ZDF zum Einstieg eine Berliner Ärztin namens Sema Akbunar zu Wort kommen: „Für mich bedeutet das wirtschaftliche Einbußen von, ich schätze, zehn- bis fünfzehntausend im Jahr …“
An dieser Stelle unterbrach mich Henryk laut lachend: „Ha! Das ist mir auch aufgefallen!“ Was er meinte, war klar. Wir hatten unabhängig voneinander sofort überschlagen, dass Psychotherapeuten offenbar zu den Spitzenverdienern unter den Medizinern gehören. Wenn Seelenheilerin Sema bei 4,5-prozentiger Kürzung 10 bis 15 k Euro einbüßt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass ihr Jahreseinkommen aktuell zwischen rund 220.000 und 330.000 Euro liegen muss.
Sicher, die Wegnahme eines einmal errungenen Besitzstandes ist für niemanden erfreulich. Nur, wenn man die vergleichsweise geringen Praxiskosten der Therapeuten und die im selben Bericht vermeldete bundesweite Vollauslastung berücksichtigt, handelt es sich um einen klassischen Fall von Jammern auf hohem Niveau. Auf sehr hohem Niveau – was wiederum die alarmistische Darstellung arg relativiert. Wir haben uns jedenfalls köstlich darüber amüsiert, dass keiner der öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalisten den Widerspruch bemerkte.
Fun Fact am Rande: Das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg stoppte die Kürzung im Juli vorläufig per Eilbeschluss.
Der Preis der Leidenschaft
Ich hoffe, Henryk verzeiht mir, wenn ich noch etwas verrate, was bei seinen öffentlichen Auftritten nicht so leicht erkennbar ist: Er leidet. Klar, alt werden ist kein Vergnügen. Alles wird beschwerlicher, langjährige Freunde und Gefährten sind nicht mehr da, und der zunehmend häufiger aufkommende Gedanke an die eigene Endlichkeit sorgt nicht gerade für Partystimmung.
Aber das meine ich nicht. Henryk leidet mehr. Er ist seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Beobachter, Berichterstatter und Kommentator. Seine Leidenschaft ist Stärke und Schwäche zugleich, denn der Preis der Leidenschaft ist Leiden. Henryk denkt und schreibt nicht abgebrüht, zynisch und distanziert. Was in Politik und Gesellschaft geschieht, geht ihm nah, immer noch und immer wieder.
Die Lage ist ja auch dramatisch, ganz objektiv und nicht mehr zu leugnen. Der für jeden Vernunftbegabten lange absehbare, auch und gerade von Henryk beschriebene und zum größten Teil selbstverschuldete Niedergang Deutschlands manifestiert sich. Industrie stirbt oder wandert ab, Arbeitsplätze verschwinden zu Hunderttausenden, Firmen machen pleite, Nettoinvestitionen sind bei Null, Wachstum gibt es nicht mehr, Wohlstand geht verloren.
Trotzdem findet eine Umkehr nicht statt, schon gar nicht auf den zentralen Feldern Klima-, Energie- und Sozialpolitik. Ganz zu schweigen von der weiterhin hohen unqualifizierten Zuwanderung und der entgegen aller Beteuerungen ungebremst wuchernden Bürokratie. Der Kanzler der großen Versprechen lässt sich vom verzwergten Koalitionspartner am Nasenring durch die Legislatur ziehen, echte Reformen bleiben aus. Ja, an manchen Stellen zeigen sich zarte Pflänzchen der Hoffnung. Wenigstens Peak Wokeness, der Gipfel identitätspolitischer Wirrnis, mag überwunden sein. Aber das ist auch schon alles. Wir haben zwar keine Minderheitsregierung, dafür faktisch eine Minderheitenregierung. Sektierer, Dogmatiker und Randgruppen aller Art prägen nach wie vor den Diskurs und das Schicksal des Landes.
Humor geht immer
All das sieht Henryk so klar wie eh und je, aber es nimmt ihn mehr mit als früher. Wer so lange gegen das Bizarre und Bescheuerte anschreibt und schließlich feststellt, dass es nur noch bizarrer und bescheuerter wird, der darf auch mal an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zweifeln. Hinzu kommt das Gefühl, alles schon einmal gesagt zu haben. Oder schlimmer, alles nicht nur einmal, sondern hundertmal.
Wenn die Trübsal Henryk übermannt, greife ich gern zur Geheimwaffe: antisemitische Stereotype. Konkret sind es Sätze mit den Wendungen „ihr“, „euch“, „dein Volk“ oder „deine Leute“. Ein Beispiel? Henryk sagt: „Sorry, ich will dich nicht mit meiner Jammerei belämmern.“ Meine Antwort: „Schon okay, kennt man ja von euch nicht anders.“ Henryk versteht die Anspielung auf die sich angeblich permanent beklagenden Juden natürlich sofort. Und er muss lachen, ob er will oder nicht. Humor gehört zu den bedeutendsten Erfindungen der Welt, da sind wir uns einig. Auch wenn sonst nichts mehr geht: Humor geht immer.
Klar, die Judenwitze darf man nicht überstrapazieren, auch das nutzt sich ab. Zur Abwechslung mache ich deshalb auf Faktencheck. Ich erinnere Henryk daran, dass er sehr wohl eine Menge bewirkt hat, viel mehr, als es ihm manchmal erscheinen mag. Mein Leben hat er enorm bereichert, nicht nur als Freund, sondern schon viel früher als Autor. Zigtausende empfinden ähnlich. Das zeigt sich in den Kommentaren unter seinen Stücken und auch ganz persönlich, wenn Wildfremde ihm freundlich anerkennend zunicken oder an unseren Tisch treten mit den Worten: „Herr Broder, danke, dass es Sie gibt.“ Dem kann ich mich nur anschließen.
So, das war’s von mir. Das Wichtige müssen Berufenere beisteuern. Meckern Sie nicht, anders als der Kanzler habe ich Ihnen nicht zu viel versprochen. Im Gegenteil, ich hab’s Ihnen gleich zu Beginn gesagt: Ich kann keine Würdigung. Höchstens eine Liebeserklärung.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Der ewige Antisemit – Über eine Leidenschaft, die nicht vergeht“ von Henryk M. Broder, Achgut Edition 2026, hier bestellbar.


Herzlichen Glückwunsch an Herrn Broder und seinem stets kritischen, hellen Geist. Dennoch muss ich dem Kommentar von Franz Zotter zustimmen.
Einen ganz herzlichen Glückwunsch zum 80 an den Herrn Broder. Das älter werden plagt mich mit meinen 55 Jahren jetzt schon. Der alte Spruch von „ich werde zu alt für den Scheiß“ kommt einem immer öfter in den Kopf. Aber: Älter werden ist wie das Erklimmen eines Berges. Je älter, desto höher ist man gekommen. Insofern ist die 80 kein Makel, sondern eine Auszeichnung. Bleiben Sie uns noch lange erhalten, Herr Broder. Wenn es weiter wie bisher in die richtige Richtung läuft, dann bin ich hoffentlich bald 65 und gratuliere ihnen dann zum 90.. Und jetzt aktiviere ich mein Hovercraft und fliege damit ins All… ;-)
Vielen Dank für diese Liebeserklärung, die mich weitaus mehr berührte, als eine „Würdigung“ es je gekonnt hätte.
Ein ganz besonderer Glückwunsch! Auch von uns die besten Glückwünsche, ein Hoch auf Henryk. M. Broder, ohne ihn würde uns ganz viel fehlen, möge er bei guter Gesundheit seinen vielen Anhängern gewogen bleiben und noch ganz viele scharfzüngige Beiträge und Auftitte liefern.
Den Glückwünschen an einen meiner Lieblings-Journalisten schließe ich mich ganz herzlich an, und hoffe, nicht nur noch lange Herrn Broders treffende Einschätzungen lesen zu dürfen, sondern auch Ihre, Herr von Loewenstern!
Lieber Henryk! HERZLICHE GLÜCKWÜNSCHE zu deinem runden Ehrentag! Hoffe, du bleibst noch sehr lange scharfsinnig/-züngig & piekst die Genossen mit spitzer Feder… GLG
Herzliche Glückwünsche zu 80. Geburtstag. Da Sie ja auch in Köln leben, lade ich Sie gerne zum 01.11.2026 in die Kölner Philharmonie ein 11 Uhr. Programm:
Wolfgang Amadeus Mozart
Sinfonie Es-Dur KV 543
Wolfgang Amadeus Mozart
Requiem„ D-moll KV 626
Die Rechnung bitte an mich.