Chaim Noll / 20.08.2021 / 06:00 / Foto: Peter Meierhofer / 256 / Seite ausdrucken

Henryk Broders Traum

Henryk Broder wird heute 75, doch seine Texte haben Biss wie die eines jungen Mannes. Ich wünsche uns allen noch viele Jahre Broder. Und Dir, Henryk, aus der Ferne masal tov, briut ve hazlacha ad mea ve esrim.

Ich habe mich oft gefragt, was Henryk Broder in Deutschland hält. Er kam mit zwölf Jahren in dieses Land, da war es im Aufbruch, der Westen weitgehend amerikanisiert, das Wirtschaftswunder in vollem Gange. Die Deutschen übten sich in Demokratie. Mit großer Mühe bauten sie ihr durch Krieg und NS-Herrschaft ruiniertes Land wieder auf. Nach dem kommunistischen Polen, wo ihn seine Mutter, eine Auschwitz-Überlebende, 1946 zur Welt gebracht hatte, musste ihm die aufblühende Bundesrepublik Deutschland, als er dort 1958 einwanderte, überaus hoffnungsvoll erscheinen.

Henryk machte in Köln Abitur. Er spricht Deutsch bis heute mit hörbarem polnischen Akzent, doch er spricht und schreibt es besser, brillanter, kunstvoller als fast alle deutschen Kollegen – schon allein deshalb war er bei den oft an der Grenze zum Illiteraten laborierenden Schreibern der deutschen „Leit-Medien“ nie sehr beliebt. Seine Bonmots erinnern an die sprachgewaltigen, respektlosen und witzigen Köpfe des deutsch-jüdischen Feuilletons der Vorkriegszeit, an Tucholsky, Harden, Karl Kraus, Kerr oder Theodor Wolff, er ist ihr legitimer Erbe und Siegelbewahrer, und er erntet dafür wie sie Unbeliebtheit bei der politischen Kaste und Verehrung bei den vergleichsweise Wenigen, denen an Geist und Sprache liegt.

Ich bin keiner von seinen alten Freunden, eher von den „mittleren“. Wir kennen uns seit 1990, also seit drei Jahrzehnten. Da war Henryk 45 Jahre alt und kehrte zurück nach einigen Jahren Abwesenheit, die er meist in Israel verbracht hatte. Er besaß damals noch eine Wohnung in Jerusalem, so dass er immer mal, wie er es nannte, „Luft schnappen“ konnte, doch seinen Hund hatte er bereits unserem Freund Arye, dem Sohn von Lea Fleischmann, übergeben, der noch jahrelang mit ihm am Herzl-Berg spazieren ging.

In Wahrheit ist er ein Optimist 

Nach Berlin zurückgekehrt, Frühjahr 1991, während des Golfkriegs, gegen den die deutsche Linke missionarisch zu Felde zog, besuchte Henryk eine für mich schicksalhafte Veranstaltung. Der Germanist Professor Domdey von der FU hatte eine Podiumsdiskussion unter dem Titel Gas und FriedensappellWir Deutschen und Israel im Kulturverein Charlottenburg arrangiert, auf der ich mit Hans-Christian Ströbele von den Grünen diskutieren sollte. Der Saal im Gartenhaus Kantstraße war krachend voll. Zu meiner Überraschung sah ich Henryk im Publikum. Ströbeles Überraschung mag noch größer gewesen sein: Er hatte erst wenige Wochen zuvor wegen einer Israel-feindlichen Äußerung in einem Interview mit Henryk, die in Israel einen Skandal hervorrief, als Vorstandssprecher der Grünen zurücktreten müssen. Überdies machte Henryk im Spiegel eine weitere Entgleisung Ströbeles publik, geäußert in einem Telefonat mit dem Grünen-Abgeordneten Vogt-Moykopf in Tübingen, den Ströbele deshalb wegen „Vertrauensbruchs“ verklagte: „Wenn ich eine Eskalation des Krieges damit verhindern könnte, dass eine Million Juden sterben müssten, würde ich das in Kauf nehmen.“

Also war die Stimmung an diesem Abend brisant, ich entlockte dem sichtlich nervösen Ströbele noch einige weitere dumme Äußerungen, anschließend meldete sich Henryk zu Wort und nahm Ströbeles während der Podiumsdiskussion gestammelte Erklärungen in einer Art kurzer Psychoanalyse auseinander. Und bei dieser Gelegenheit lernte ich Henryks Stärke kennen: Er vermag komplizierte, verworrene, emotional überfrachtete Debatten in einigen kurzen, klaren, witzigen und ernüchternden Sätzen zu reflektieren. Sein niemals versiegender Humor entfaltet nicht nur seine bekannte sarkastische Schärfe, sondern wirkt gleichsam beruhigend. Henryk gibt sich gern pessimistisch, in Wahrheit ist er ein Optimist, und sein Optimismus beruht auf der unwiderstehlichen Macht seiner Sprache.

Wie oft habe ich über Formulierungen von Henryk lachen müssen, auch wenn das, was er beschrieb, in Wahrheit tieftraurig war. Habe Trost gefunden in seinem nimmermüden Kampf gegen die Windmühlenflügel der ewigen Dummheit. Oder habe in seiner luziden, sprachlich zugespitzten Darstellung einen durch Medien- und Politikergeschwätz in Nebel gehüllten Sachverhalt überhaupt erst verstanden. Wohin Broder seinen scharfen Blick wendet, entsteht Transparenz. Dabei waren wir keineswegs immer einer Meinung. Doch ich habe Henryks geistige Wachheit und sprachliche Wucht auch dann bewundert, wenn mir nicht passte, was er sagte oder schrieb.

Halt in der Konfusion unserer Tage

Nach jenem Abend in Berlin-Charlottenburg trennten sich unsere Wege. Auf mich wirkte Ströbeles überall durchscheinende, später von seiner grünen Wählerschaft mit Direktmandaten im Bundestag belohnte Judenverachtung so abschreckend, dass ich Ende 1991 Deutschland verließ und erst probeweise nach Italien, 1995 endgültig nach Israel auswanderte. Das Land glitt ab in ein geistloses, links-grünes Mitläufertum, inklusive linken Antisemitismus, der sich als edelmenschliche „Kritik an Israel“ tarnte. Meine Abwendung ging soweit, dass ich zehn Jahre nicht nach Deutschland reiste, keine deutschen Texte mehr las und möglichst keine mehr schrieb. Während wir ein Haus in der Wüste bauten, blieb Henryk in Deutschland, wo er sich dem Kampf gegen antijüdische Ressentiments widmete und anderen Appellen an eine ansprechbare deutsche Leserschaft, an die ich damals nicht mehr glaubte.

Durch das zu Beginn der 2000er Jahre florierende Internet erfuhr ich wieder von Henryk, der dieses Medium bald zu nutzen wusste. 2004 gehörte er zu den Gründern des heute immens einflussreichen Blogs Achse des Guten. Die Achse ist einzigartig in der Klarheit und Schärfe ihrer Statements, in der Offenheit ihrer Debatten. Sie legt sich an mit den Mächtigen, leistet Widerstand gegen die Übergriffe der Regierenden, die gedankenlose, opportunistische Gefolgschaft der Mitläufer. Sie bietet Halt in der Konfusion unserer Tage, in der zunehmenden Desinformation und Manipulation unserer Gedanken. Sie tritt ein für die Rechte der von cancel culture Bedrohten und politisch Verfolgten. Und sie tut es mit dem anständigsten aller Mittel, mit dem offenen, kritischen Wort.

Schon dafür gebührt Henryk Broder der Dank aller denkenden Menschen im deutschen Sprachraum. Um die Achse versammeln sich kritische, intelligente Leser, für die es Spaß macht zu schreiben. Und es werden immer mehr. Auf diese Leserschaft hat Henryk gehofft, von ihr hat er geträumt, und diesem Traum hat er die Treue gehalten. Henryk wird heute 75, doch seine Texte haben Biss wie die eines jungen Mannes. Er ist eher noch kämpferischer geworden als früher. Ich wünsche uns allen noch viele Jahre Broder. Und Dir, Henryk, aus der Ferne masal tov, briut ve hazlacha ad mea ve esrim. Dein dankbarer Leser Chaim

Foto: Peter Meierhofer

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Dr. med. Jesko Matthes / 20.08.2021

Prosit. Danke!

Roland Stolla-Besta / 20.08.2021

Sehr geehrter Herr Noll, Ihre Würdigung des von mir sehr geschätzten Henryk Broders ist großartig und dem Jubilar angemessen. Seine Ironie und sein nie bitterer Sarkasmus sprechen mir oft aus der Seele. Sie beide gehören für mich zu den absoluten Highlights dieses an hochintelligenten Schreibern übervollen Blogs. Ich wünsche, wie wohl die meisten der Achgutianer*innen*div Herrn Broder noch viele, viele Jahre, in denen er uns mit seinem Witz und seinem Optimismus aufmuntert!

Lisa Deetz / 20.08.2021

Lieber Herr Broder, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie dereinst in einem schönen Sarg Ihre letzte Reise antreten werden, der aus einer hundertjährigen Eiche gezimmert wurde, die MORGEN für diesen Zweck gepflanzt werden soll! Nur das Beste für Sie!

Ludwig DAUFRATSHOFER / 20.08.2021

Lieber Herr Broder, vielen Dank für ihre nimmermuede Arbeit und die erhellenden Einsichten die Sie mir seit langem vermitteln. Alles Gute zum Geburtstag vor allem aber immerwaehrende Gesundheit und einen scharfen Geist in dunkler Zeit. Ein treuer Leser.

Mathias Rudek / 20.08.2021

Eine interessante, gelungene Würdigung mit ihrer wunderbaren Laudatio, lieber Herr Noll. Herzlichen Glückwünsche zum 75. Geburtstag, lieber Herr Broder.

Günter Schlag / 20.08.2021

„Oben klar und unten dicht, mehr wünscht man sich im Alter nicht!“ Dass es im Oberstübchen bei Herrn Broder noch schön klar ist, davon profitieren hier täglich Tausende. Herzlichen Dank dafür, mit dieser Klarheit der Achse zu dienen. Die gehört bei uns täglich dazu, wie die Herrnhuter Losungen. Gottes Segen weiterhin und eine fröhliche Geburtstagsfeier mit vielen, maskenlosen Gästen.

Ellen Vincent / 20.08.2021

Lieber Herr Broder, meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag und alles erdenklich Gute! Es ist schön, dass es Sie gibt! ♥️ Danke für Ihren unermüdlichen Einsatz für den freien Geist. Danke auch an Herrn Noll für diesen starken Text. “Habe Trost gefunden in seinem nimmermüden Kampf gegen die Windmühlenflügel der ewigen Dummheit.” Einfach stark formuliert. Lieber Herr Broder, heute ist ein schöner Tag! Ich feier Sie!

Dirk Ficek / 20.08.2021

Das Ihnen, lieber Herr Broder, ein Glückwunsch einer A.M. aka IM Erika (vermeintlich) erspart bleiben möge, sehe ich als das größte Geburtstagsgeschenk. Ihnen, Alles erdenklich Gute und das weiterhin der souveräne Biss, gepaart mit einzigartigem Charme die Feder führt. DF

Gabriele Klein / 20.08.2021

@Frau Sander, Nein, um Himmels Willen, nein.  Ich bin unglaublich beeindruckt dass es die Achse auf FREIWILLIGER Basis, gar noch kostenlos wie gewohnt gibt für jeden der “wollte” und nicht gegen Bezahlung für jeden der “könnte”. Steht für Freiheit und echte Leistung unter erschwerten Bedingungen da der freie Markt aufm Informationssektur genauso wie der deutsche Damm im Infrastruktursektor, dank den ÖR Quetschgeldern in Schattenkasse, ne ziemliche Schlagseite erlitt. Niemals wollte ich Herrn Broder daher auf der Bühne der Zwangsbespassung sehen. (1) Seit 2012/13 ist die für mich komplett tabu. Ich glaube er hat sowas auch nicht nötig. Dazu ist der viel zu gut….....Hoffe er bekommt die Unterstützung die er verdient in Form von guten Gastautoren, u. nützlichen, f. d. Achse hilfreichen u. informativen Leserkommentare sowie viele Patenschaften (1) für mich haben Künstler die in d. ÖR überhaupt noch auftreten ein ziemliches “Gschmäckle” . und sind keine Kaufempfehlung für mich. Nach dem Quetschgeld das ich unter Zwang entrichte, wie auf jeder Überweisung vermerkt, wars das auch, für jeden, den ich dort wähne.

Michael Fuhrmann / 20.08.2021

Herzlichen Glückwunsch und alles Gute Henryk M Broder. Sie schreiben, was ich Denke. Man könnte auch sagen, Sie veröffentlichen ein Plagiat meiner Gedanken. Leider ist es so, will ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen, weg, platt, nichts mehr da. Ich kann zwar Denken, aber nicht reden. Das reden und schreiben haben Sie für mich übernommen, dafür vielen Dank. Seit Monaten guckt mich Ihr Gesicht auf einer Flasche ” Henryk LeBlanc ” an. Wird immer wieder weg gestellt, der Anlass ist einfach nicht stimmig. Heute geben Sie mir den passenden Grund. Auf Ihr Wohl . Danke Herr Noll, auch auf Ihr Wohl.

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