Cora Stephan / 08.09.2015 / 14:00 / 7 / Seite ausdrucken

Helle Köpfe in Dunkeldeutschland

„Versöhnen statt spalten“, forderte einst ein Bundespräsident. Das war eine eher alberne Floskel und wurde damals weidlich verspottet. Und doch kommt einem der Spruch von Johannes Rau heute erheblich menschenfreundlicher vor als das manichäische Weltbild, das neuerdings Joachim Gauck verbreitet.

„Es gibt ein helles Deutschland, das sich hier leuchtend darstellt“, sagte der Bundespräsident beim Besuch einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin, „gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören.“

Es kommt einem undenkbar vor, dass Joachim Gauck, einst Bürger und Bürgerrechtler der DDR, nicht wusste, was der da sagte. „Dunkeldeutschland“ war das Kosewort der Wessis für die ehemalige DDR, deren Bewohner sie als politisch rückständig und irgendwie dumpf-rechts empfanden. Viele waren überdies entsetzlich gekränkt darüber, dass Zonen-Gaby und all die anderen Bananenhungrigen nichts mehr vom Sozialismus wissen wollten. Und nun kommt ausgerechnet ein Ex-Ossi mit einer Kollektivbeschimpfung der sogenannten fünf neuen Länder?

Das gibt allen Zucker, die auf der Suche nach einem Sündenbock sind. Mich beschleicht langsam das helle Grausen, wenn ich mir anschaue, wer alles die hier ankommenden Asylsuchenden, Flüchtlinge und Migranten, funktionalisiert: da sind, natürlich, die Rechtsradikalen von der NPD bis zu noch unappetitlicheren Grüppchen, die die Gunst der Stunde nutzen. Da ist die Antifa, die sich über jeden Einsatz an vorderster Front freut. Da sind die Promis, die zeigen wollen, dass sie ein Herz haben. Da sind die Politiker, die sich als edle Kämpfer für den Anstand darbieten. Doch am meisten dürften sich über die Hitparade der Nießnutzer des Leids anderer Leute all jene freuen, denen daran liegt, dass die Debatte über das, was sich derzeit in Europa abspielt, möglichst unter der Decke bleibt.
Wie viel schöner, wenn man über das „Pack“ schimpfen kann! Ja doch, man versteht den Zorn, einerseits. Doch hat Sigmar Gabriel wirklich nicht begriffen, dass sich von solchen Invektiven auch jene angesprochen und verunglimpft fühlen könnten, deren Anwalt die SPD doch so gerne wäre, nämlich die am unteren Rand der Gesellschaft, die nicht ganz zu Unrecht Konkurrenz um schwindende Ressourcen fürchten, wenn hunderttausende Menschen mit berechtigten und unberechtigten Ansprüchen ins Land strömen?

All die starken Sprüche gegen das, was hierzulande nunmal geächtet ist und wogegen Widerstand vaterländische Pflicht ist – die ganze Nation kämpft schließlich „gegen rechts“! - , all diese zur Schau gestellte Verachtung dient auch der Ablenkung davon, dass „besorgte Bürger“ in der Tat Grund zur Sorge haben.

Gabriel hatte völlig recht, als er anstelle eines Aufstands der Anständigen den „Anstand der Zuständigen“ forderte. Zu diesem Anstand aber gehört als erstes, dem Bürger die Wahrheit zuzumuten. Und als zweites, die Ergebnisse polizeilicher Ermittlungen abzuwarten, bevor man einen weiteren Brandanschlag zu einem gesellschaftlichen Befund hochrechnet. Es ist ziemlich oft anders, als man denkt. Auch spielende Kinder und moderner Haushaltsgeräte unkundige junge Männer können Brände verursachen. Nein, keine Sorge, dieser Hinweis dient nicht der „Verharmlosung“, ein wenig Abwarten vorm Skandalisieren ist jedoch die erste Maßnahme gegen schwindendes Vertrauen.

Denn auch die in „Dunkeldeutschland“ wissen und sehen ja, dass nicht alle, die kommen, Bürgerkriegsflüchtlinge sind, denen man helfen muss. Es kommen eben auch viele, die keinen Anspruch auf Asyl haben und gehen müssten, hielte man sich hierzulande an die Gesetze. Deutschlands „Willkommenskultur“ offenbart der Weltöffentlichkeit nicht nur, dass hier ganz viele liebe Menschen leben, sondern auch, dass wir hier Weicheier sind, die jeden Gesetzesbruch akzeptieren. Die Botschaft, die viele verstanden haben: jeder kann hier bleiben, der die Ellenbogen dazu hat.

Nüchterne Zahlen aber lassen eine Zukunft erkennen, die es verbietet, beschönigend das „Bunte“ und „Kulturbereichernde“ zu beschwören. Migranten sind keine besseren Menschen, sie bringen ihre Konflikte mit. Aus Afrika und dem Nahen Osten kommen überdies vor allem junge Männer, darunter in der Mehrzahl Muslime, deren Integration an Sprache und Ausbildung scheitern dürfte. Das begünstigt die Entstehung ethnisch und kulturell abgegrenzter No-go-Areas, in denen das Gewaltmonopol des Staates nicht gilt. Die Polizei ist jetzt schon überfordert, während die Bundeswehr als Technisches Hilfswerk anderswo beschäftigt ist.

Die Lage verbessert sich übrigens nicht gerade dadurch, dass die vielen jungen Männer im Zweifelsfall keine Frau finden. Das ist seit Menschengedenken die denkbar ungünstigste Basis für ein friedliches Zusammenleben. Man nehme das islamistische Frauenbild hinzu und man ahnt, dass sich Jahrzehnte des Kampfs um Gleichberechtigung der Frauen als vergebens erweisen könnten.

Die derzeitige Debatte aber sieht nur eine Gefahr: die einer rechtsradikalen deutschen Minderheit. Das ist Wunschdenken. Oder der Versuch, die explosive Situation zu verschleiern.

Natürlich gibt es rechtsradikalen Mob und Trittbrettfahrer. Rechtsradikalismus ist in Ost wie West ebenso wenig verschwunden wie Antifa-Terror und Antisemitismus, der allerdings längst keine deutsche Spezialität mehr ist. Das alles beschränkt sich nicht auf das Territorium der ehemaligen DDR, obwohl es Gründe gibt, warum es dort besonders virulent sein könnte.

Mir fällt bei vielen Gesprächen allerdings immer wieder etwas anderes auf, das die in „Dunkeldeutschland“ lebenden zu den helleren Köpfen macht: eine besondere Empfindlichkeit gegen jede Form von „Neusprech“, ein Misstrauen gegenüber allen Beschönigungsvokabeln, eine ausgeprägte Wachsamkeit, wenn Politiker von „(unseren) Menschen“ und dem Guten und Richtigen schwadronieren oder die rauhe Wirklichkeit schön lügen. Sprachkosmetik macht misstrauisch, wenn man die Verschleierungsvokabeln der SED und ihrer gleichgeschalteten Presse noch im Kopf hat.

Im Westen ist man „Fremde“ eher gewohnt, das ist sicher richtig. Aber man ist auch, Verzeihung, in vieler Hinsicht besser domestiziert. Das ist in härteren Zeiten nicht immer von Vorteil.

Eins sollte jeder Politiker wissen: „Versöhnen statt Spalten“ gilt heute erst recht. Markiges Herumgepolter verstärkt lediglich das eh schon wachsende Misstrauen. Das aber können wir derzeit am allerwenigsten gebrauchen.

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Leserpost (7)
Boris Blaha / 09.09.2015

Danke Frau Stephan, daß sie die widerwärtige Heuchelei thematisiert haben - es ist ja wahrlich keine ganz neue Einsicht, daß es den Guten nur um ihr eigenes Selbst geht. Ob dabei die Welt um sie herum in Trümmer fällt, ist ihnen vollkommen gleichgültig, solange sie rechtzeitig ihr eigenes Heil in Sicherheit gebracht haben. Angesichts der hohen Zahl von Menschen, die allen Ernstes glauben, sich mit ein bißchen Gutmenschengetue aus der geschichtlichen Verantwortung davon stehlen zu können, muß man wohl von einer Erlöserbewegung sprechen.

Hubert Cumberdale / 09.09.2015

Jahrelang waren die Ossis aus konservativer Sicht nur die PDS-wählenden Zonenzombies, aber nun sind wir das Herrenvolk, weil plötzlich politisch inkorrekte Äußerungen aus Heidenau zu vernehmen sind? Sorry, aber Neokonservative, die monatelang aus allen Rohren gegen den Feminismus und die “Homo-Lobby” feuern, aber sich auf einmal um “Jahrzehnte des Kampfs um Gleichberechtigung der Frauen” sorgen, sobald es taktisch ins politische Konzept passt, sind mir zutiefst suspekt.

Klaus Jürgen Bremm / 08.09.2015

Die Linke in Deutschland sägt gleich von zwei Seiten an dem Ast, auf dem sie bisher so komfortabel und unanfechtbar gesessen hat. Mit ihrer Parole: “Jeder darf rein!” stärkt sie einerseits die Rechten im Lande und demontiert andererseits sämtliche Emanzipationsprozesse der letzten 40 Jahre. Mir hat die Linke immer Angst gemacht und zwar aus einem einzigen Grund: Weil sie nicht klug ist.

Michael Loehr / 08.09.2015

Herumpolternde Politiker, mit markigen Sprüchen, die auf einmal keine Finanzierungsvorbehalte mehr haben, die natürlich auch keine Integrationsprobleme sehen, obwohl bisherige Integrationsversuche schon recht kläglich verliefen, findet man immer dann, wenn Dinge drohen völlig aus dem Ruder zu laufen. Ähnlichkeiten mit dem Flughafenbau in Berlin, mit der desaströsen Energiewende (das dicke Ende kommt hier noch) usw., sind natürlich nur rein zufällig und nicht beabsichtigt. Wenn der erste Hype der Flüchtlingswelle vorbei ist, die Flüchtlinge nicht mehr bei jeder Ankunft am Bahnhof beklatscht werden, der Arschloch-Song von den Ärzten nicht mehr auf Platz 1 steht, Lehrer in den Schulklassen am Multi-Kulti-Wahnsinn verzweifeln, Kriminalitätsraten in bestimmten Bezirken in die Höhe schießen, immer mehr Städte Nothaushalte verabschieden müssen, erst dann werden unsere Politgenies kapieren, was für einen Blödsinn sie wieder einmal angerichtet haben. Warum, diese Frage stelle ich mir seit mehr als 20 Jahren, schießen wir Deutschen bei bestimmten Themen immer so grandios an der allgemein herrschenden Vernunft vorbei. In meinem Bekanntenkreis sind einige Professoren (Naturwissenschaftler) und Ingenieure, die weigern sich aus Gründen der Sozialhygiene standhaft Talk-Shows anzusehen, wo selbsternannte Fachleute der Grünen und Linken sitzen, um dort über technische Themen zu referieren bzw. um ihre triviale Angstpropaganda und Weltsicht zu verbreiten. Bei dem Flüchtlingsthema hingegen, wo zumindest eine gewisse Skepsis angebracht wäre, geht mit diesen Leuten der Euphorie-Gaul völlig durch. Ich habe nichts gegen Bereicherung, allerdings bin ich der festen Ansicht, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz der Flüchtlinge überhaupt das Potential hierfür mitbringt. Die Besten werden nach wie vor nach Kanada, Australien, England oder in die USA gehen.

Andreas Hanfeld / 08.09.2015

Promis, die Herz zeigen (und auf steigende Beliebtheit spekulieren?), Politiker, die mit fast allen Problemen Deutschlands heillos überfordert sind, sich aber nun als edle, kompromisslose Kämpfer für (den richtigen) Anstand profilieren können. Was wiederum erstmal Zeit schindet und echte Problemlösungen warten lässt. Und der Kampf gegen Rechts, der zumindest verbal ohne jeden Kompromiss geführt wird. Glaubt man diesen Beschwörungswahnsinn, so steht die Bundesrepublik kurz vor einem neuen tausendjährigen Reich. Schaut man sich aber Wahlergebnisse an, so fragt man sich, warum Polizei und Geheimdienste nicht in der Lage sind, diese Szene im einstelligen Prozentbereich (konstant über Jahre) unter Kontrolle zu bringen. Und wenn das schon nicht klappt, wie soll das in naher Zukunft mit der Islamszene werden, die ja durch den gegenwärtigen unkontrollierten Zulauf von Muslimen jeder Glaubensrichtung (deren jede die andere Rictung verachtet und bekämpft) sich aufblähen und mit Sicherheit ausser Kontrolle geraten wird. Das ist eine reale Gefahr und da kann man nur den Kopf schütteln über Deutsche (auch Politiker), die über polnische und ungarische Bedenkenträger herziehen. Der Grund? Diese sehen in der unkontrollierten und ungebremsten islamischen Zuwanderung eine reale Gefahr für ihre Staaten und deren Bevölkerung. Ich danke Frau Dr. Stephan für diesen Artikel. Es stimmt mich aber sehr bedenklich, dass derartige Artikel derzeit niemals in irgendwelchen führenden Printmedien zu finden sind. Rundfunk und Fernsehen glänzen derzeit auch nicht gerade mit objektiver Berichterstattung über dieses Thema.

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