Heinrich Heine 223: Deutschlands erster moderner Intellektueller

Heute jährt sich der Geburtstag von Heinrich Heine.

Wenn es um Heinrich Heine geht, scheiden sich die Geister. Die einen rühmen ihn als modernen Denker, als Intellektuellen. Die anderen verschmähen ihn als eigensinnigen, unberechenbaren Menschen. Ob positiv oder negativ betrachtet, fest steht: Heine war ein Mann exzeptionellen Kalibers. Freigeist, Schöngeist, Lebegeist. Heine vereinte viele Facetten in sich.

Dabei hatte es Heine nicht leicht. Am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine geboren, genoss Heine ein liberal-intellektuelles Elternhaus. Der Familie ging es finanziell nicht schlecht. Der Vater war Kaufmann in Düsseldorf. Doch die jüdischen Wurzeln verfolgten Heine sein ganzes Leben – zumindest in Deutschland.

Aber der Reihe nach. Heine zeigte schon in Jugendjahren ein freidenkendes Naturell. Insbesondere Romane, die das Antibürgerliche, gepaart mit dem Schaurigen, thematisierten, entfachten Heines Leidenschaft. Das Unvorhersehbare, das Nichtkalkulierbare faszinierte ihn. Das spiegelt sich in seinem Sinn von Witz und Ironie wider. „Loreley“ zeigt das auf meisterhafte Weise: „Da droben auf jenem Berge / Da steht ein feines Schloß / Da wohnen drei schöne Frauen / Von denen ich viel Liebe genoß.// Sonnabend küsste mich Jette / Und Sonntag die Julia / Und Montag die Kunigunde / Die hat mich erdrückt beinah‘.“

„Es ist eine alte Geschichte“

Diese Unabhängigkeit, dieses intellektuelle Rückgrat Heines, erstarkte umso mehr mit den Jahren. Nie verlor Heine seine Ziele aus den Augen. So wollten die Eltern, dass ihr Sohn eine kaufmännische Ausbildung begeht. Obwohl Heine Junior wusste, dass es nicht seiner Eigenart entsprach, gab er dem Wunsch der Eltern nach. Sie sollten sehen, dass er nicht für den Beruf des Kaufmanns geschaffen war.

So kam es auch. Nachdem Heine das Lyceum abgebrochen hatte und erfolglos Praktika in Frankfurt absolvierte, schickten ihn seine Eltern zum wohlhabenden Onkel, Salomon Heine, nach Hamburg. Dieser war ein angesehener Kaufmann, ein einflussreicher Millionär, der sich Heines annehmen sollte. Doch auch Salomon Heine vermochte nicht die Leidenschaft für das Kaufmännische im jungen Heine zu entfachen. Vielmehr brachte seine Tochter das Herz Heines schneller zum Schlagen. Für Heine Grund genug, in Hamburg länger zu verweilen – bis er merkte, dass seine Angebetete nicht das Gleiche fühlte. Vielleicht ermöglichte dieses Ereignis eines von Heines Glanzstücken der Poesie: „Es ist eine alte Geschichte / Doch bleibt sie immer neu / Und wem sie just passieret / Dem bricht das Herz entzwei.“

Während dieser Zeit sammelte Heine nicht nur erste Erfahrungen des Herzens, die seine Gefühlswelt und sein Literaturrepertoire erweiterten. Auch seine Erfahrungen mit der Hamburger Haute volee prägten entscheidend seine gesellschaftlichen und politischen Einstellungen. Ihm fielen insbesondere die Behäbigkeit und Verflachung der besser Situierten auf, was ihn zeitlebens die Geistlosigkeit seiner Zeit anprangern ließ. Gleichzeitig gaben ihm aber auch diese Begegnungen Kraft: „Solange mein Herz voll Liebe und der Kopf meiner Nebenmenschen voll Narrheit ist, wird es mir nie an Stoff zu schreiben fehlen.“

Eintrittskarte für die christlich-bürgerliche Gesellschaft

Vielleicht waren es ebenjene Erfahrungen der Kaltherzigkeit und Verlogenheit, Oberflächlichkeit und des Mitläufertums, die Heine zusätzlich befeuerten, seinen eigenen Weg zu gehen. So holte er seinen Schulabschluss nach, bestand die Aufnahmeprüfungen für die Universität und immatrikulierte sich zum Herbst 1819 in Bonn für das Studium der Rechtswissenschaft.

Eigentlich wollte Heine Germanistik oder etwas Ähnliches studieren. Doch sein wohlhabender Onkel, der das Studium für ihn finanzierte, verlangte von ihm ein  bodenständiges Studium. So kam es, dass Heine mit Zwischenstationen in Bonn, Göttingen und Berlin im Jahre 1825 das Studium beendete und noch im selben Jahr die Promotion zum Doctor iuris abschloss.

Es war auch das Jahr, in dem Heine vom jüdischen zum protestantischen Glauben konvertierte. Es war das Jahr, wo Harry Heine zu Heinrich Heine wurde. Nach eigenen Angaben wechselte er den Glauben, weil er meinte, so ein „billet d‘entrée“ für die christlich-bürgerliche Gesellschaft zu erhalten. Erfolglos. Im Mai 1831 verließ er Deutschland und ging nach Paris.

Vermutlich einer der ersten modernen Intellektuellen

In der französischen Hauptstadt fand Heine wesentlich schneller Anschluss an die intellektuelle und künstlerische liberale Szene. So machte er Bekanntschaft mit Balzac und Dumas, Chopin und Rossini. Während er bis dato primär als Lyriker und Reiseschriftsteller sein Geld verdient hatte, begann in Paris seine Zeit als feuilletonistischer Berichterstatter und kulturgeschichtlicher Essayist. Plötzlich erlebten auch seine bisherigen Veröffentlichungen neue Popularität. „Das Buch der Lieder“ wurde gelesen wie nie zuvor.

Aber auch seine Leidenschaften erfuhren eine neue Ära. So verliebte sich Heine Hals über Kopf in eine junge Französin, Crescentia Eugenie Mirat, seine zukünftige Gattin, Mathilde Heine, wie er sie nannte. Und wieder zeigte sich hier Heines Charakterstärke und Individualität. Obwohl die Beziehung beider skeptisch beäugt wurde – Mathilde war eine ungebildete Frau – hegte Heine keinerlei Zweifel an dieser Verbindung. Mit Mathilde besuchte er auch einige Male seine Heimat, Deutschland. Währenddessen entstand eines seiner bekanntesten Werke „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

Doch Heine erkrankte zunehmend. Er hatte Probleme mit seiner Sehkraft, erblindete gelegentlich, seine Glieder erlahmten. Das ging so weit, dass er die letzten Jahre seines Lebens im Bett verbringen musste. Die „Matratzengruft“, wie er dieses Gefängnis spöttisch nannte. Zunehmend widmete er sich religiösen, philosophischen Themen. „Romanzero“ aus dem Jahr 1851 verdeutlicht dies, mit seiner subjektiven Pointierung des objektiv Gegebenen. Am 17. Februar 1856 starb Heine in Paris. Dort befindet sich bis heute sein Grab.

Obwohl Heine zu den umstrittensten Autoren Deutschlands gehört, kann man seine Person und sein Schaffen nicht ignorieren. Heine war vermutlich einer der ersten modernen Intellektuellen, der es brillant verstand, gesellschaftliche Themen volkstümlich-dichterisch zu verpacken. Hierbei verpflichtete er sich keiner politischen Anschauung, keiner Religion, keiner Natur. Stets blieb er dem Geist und sich selbst treu. Individuelle Freiheit stand für ihn stets an oberster Stelle. Gerade diese Einstellung erschwerte ihm das Leben in Deutschland und zwang ihn zur Emigration nach Frankreich. Vielleicht ist das der Grund, warum Heine bis heute die deutschen Gemüter spaltet? Die einen rühmen ihn als modernen Denker, als Intellektuellen. Die anderen ...

Foto: Moritz Daniel Oppenheimvia Wikimedia Commons

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Roland Stolla-Besta / 13.12.2020

Herzlichsten Dank für diesen Text! Endlich würdigt heute eine*r unseren – jawoll, unseren – bedeutenden Dichter! Umstritten dürfte er allerdings nur bei Analphabeten sein. Ihr unvollendeter Schlußsatz: „Die anderen…“ super, ja die „anderen“ gehen mir am Arsch vorbei. Ob von unserer nachwachsenden PISA-Generation jemand überhaupt noch den Namen Heinrich Heines kennt? Sicher wird es vereinzelt eigenständige Jugendliche unter ihnen geben, aber sie werden künftig wohl keinen großen Einfluß mehr auf unser kulturelles Leben haben. Und doch hoffe ich sehr, mich zu irren!

Artur Weinhold / 13.12.2020

Was heute nicht mehr ganz einfach nachzuvollziehen ist: Heine war offenbar auch formal ein Erneuerer der deutschen Dichtung – und scheint deshalb gerade bei jungen Leuten immens populär gewesen zu sein. Die wagemutigsten seiner Reime aber können uns noch heute amüsieren und waren zu seiner Zeit derart unerhört, dass ein zeitgenössischer Rezensent von »unverschämten Reimen« sprach. An zwei Beispiele erinnere ich mich immer wieder gern. Im Versepos DEUTSCHLAND: EIN WINTERMÄRCHEN(1844) schreibt Heine über das mikroterritoriale Beharrungsvermögen deutscher Duodezfürsten im Angesicht wachsender Reichseinigungsbestrebungen: Wohl mancher, der sich geborgen geglaubt Und lachend auf seinem Schloss saß, Er wird nicht entgehen dem rächenden Strang, Dem Zorne Barbarossas! Und noch »unverschämter« ist Heines unglaubliche Reimpaarung »Teetisch/ästhetisch« aus dem BUCH DER LIEDER (1827): Sie saßen und tranken am Teetisch und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, die Damen von zartem Gefühl. Wer da nicht loslacht (oder doch wenigstens kichert), sollte mal bei anderen Dichtern der 1820er Jahre nachlesen, welche Reime sie für möglich hielten.

S.Niemeyer / 13.12.2020

Dass Heine “zu den umstrittensten Autoren Deutschlands gehört”, erschließt sich mir so wenig wie die Schlusspassage mit den einen und den anderen - was sollen diese Andeutungen, ohne klar zu sagen, was Sie meinen? Heine war ein genialer Meister der deutschen Sprache und ein freiheitlicher unabhängiger Geist. Übrigens auch ein weitsichtiger Befürworter des Code Civil, der mit den napoleonischen Truppen in deutsche Staaten kam und Freiheitsrechte, das Gleichheitsgebot einschließlich der gesetzlichen Gleichstellung von Juden, den Laizismus, Schutz des Eigentums, standesamtliche Heirat Einzug halten ließ. Mit der Restauration kam wieder die Restriktion, Publikationsverbot für Heine in deutschen Landen. Über Goethe, den er durchaus sehr verehrte, schrieb er 1822: “Goethe ist ein großer Mann in einem seidenen Rock.” (Briefe aus Berlin, Zweiter Brief). Die Heine Gesamtausgabe würde ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen…

Stefan Riedel / 13.12.2020

Das muss ich jetzt doch einmal fragen. Wer ist eine unmoderne Intellektuelle?

sybille eden / 13.12.2020

Aber Herr WELSER, die während doch längst diffamiert und kaltgestellt worden ! Kein Verlag würde sich mehr finden der diese Genies verlegen würde ! ( .... übrigens ist Kästner ja schon in Ungnade gefallen)

Ilona Grimm / 13.12.2020

Ich erlaube mir, aus dem Eingangskapitel der „Harzreise“ zu zitieren: »Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt „die Leine“ und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit, dass Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen musste, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht….»

Werner Arning / 13.12.2020

Schöner Text, der Lust darauf macht, sich intensiver mit Heine zu beschäftigen. So einer war das also. Sympathisch. Ein echtes Individuum. Unabhängig, die Freiheit liebend. Ich gebe zu, ich weiß zu wenig über ihn. Das wird sich ändern.

Hermine Mut / 13.12.2020

auch von mir Danke, Frau Johnson !  Und wie herzerwärmend, dass Heine trotz all der (vorausgegangenen ?) Julias, Jettes etc. mit seiner Mathilde ein tragfähiges Lebensbündnis geschenkt wurde !

Bernart Welser / 13.12.2020

Auch wenn ein solcher Gedankengang müßig ist - dennoch frage ich mich immer öfter, was wohl Heinrich Heine, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und noch einige andere scharfsinnige und -züngige Geister zu den heutigen Zuständen in diesem unserem Lande zu sagen hätten. Würden sie ihre gespitzte und gewitzte Feder gegen diejenigen schwingen, die im Namen der politischen Korrektheit das Volk, den großen Lümmel, auf Linie zu bringen suchen? Oder würden sie - wie der zeitweilig von mir sehr bewunderte Wolf Biermann - der Kanzlerdarstellerin bis zum Anschlag hinten reinkriechen? - - Wir wissen es nicht, wir können lediglich Vermutungen anstellen… - In diesem Zusammenhang kommt mir immer wieder eine Strophe aus “Deutschland - Ein Wintermärchen” in den Sinn:  “Zu Aachen langweilen sich auf der Straß / Die Hunde, sie flehn untertänig: Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird / Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.” - - Ich habe das Gefühl, dass es nicht nur in Aachen, sondern in ganz Deutschland (und vielleicht noch in einigen anderen Ländern) mittlerweile von zweibeinigen Hunden dieser Art wimmelt - sie sehnen sich in Ermangelung anderer Zerstreuung, die ihnen einen “Kick” vermitteln könnte, heftigst danach, von der Obrigkeit kujoniert, reglementiert, drangsaliert zu werden.

Wolf Köbele / 13.12.2020

Danke, Frau Johnson!

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