Henryk M. Broder / 24.06.2017 / 18:00 / Foto: Ronny Stiffel / 17 / Seite ausdrucken

Heiko Maas auf Platz 24.203

Am 1. Juni bekam ich vom Piper Verlag in München eine Presse-Information, in der es um das kurz zuvor erschienene Buch von Heiko Maas ging. Der Verlag habe, hieß es in der Info, „rechtliche Schritte gegen die AfD-Fraktion Thüringen und deren Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke eingeleitet“. Höcke habe am 31. Mai auf seiner FB-Seite „einen Facebookeintrag gepostet, auf dem ein gefälschtes Cover des kürzlich bei Piper erschienenen Buches Aufstehen statt wegducken zu sehen ist“. Dabei habe er den Untertitel des Buches, das im Original Eine Strategie gegen Rechts lautet, in Eine Strategie gegen das Recht verändert.

Der Verlag fand das gar nicht witzig. „Die Fälschung des Covers wird nicht als solche kenntlich gemacht und ist somit denjenigen, denen das Originalbuch nicht bekannt ist, nicht ersichtlich.“

Nun gehört es zum Wesen von Fälschungen, dass sie eben nicht „als solche“ kenntlich gemacht werden. Die Titanic lebt von solchen Scherzen, die heute-show ebenso. Aber Piper, der sehr erfolgreich den Satiriker Michael Moore vermarktet hatte, war nicht zu Scherzen aufgelegt. Deswegen hatte der Verlag bereits am 31. Mai „über seinen Anwalt die AfD Thüringen sowie Herrn Höcke aufgefordert, umgehend eine Unterlassungs- und Verpflichtungserklärung abzugeben“.

Nicht nur relevant, auch wichtig

Die Presse-Information schloss mit einem Statement der Piper-Verlegerin Felicitas von Lovenberg: „Wenn es eines Relevanznachweises für das wichtige Buch von Heiko Maas bedurft hätte, so liefern ihn solche Aktionen wie die der AfD sowie die tendenziösen und hasserfüllten Bewertungen des Buches im Netz.“

Im Zeitalter des Internets können Verleger sich die Rezensenten ihrer Bücher nicht mehr aussuchen. Jeder Amazon-Leser kann und darf jetzt rezensieren, und etliche machen es erstaunlich sachkundig. Zudem weiß jeder Verleger, dass nur eines schlimmer ist als tendenziöse oder gar hasserfüllte Bewertungen eines Buches: gar keine. Die tautologische Feststellung, eine solche Aktion wie die der AfD sei ein „Relevanznachweis“ für das „wichtige“ Buch von Heiko Maas, enthält auch eine Prise Dankbarkeit.

Neugierig geworden, fragte ich bei meiner Buchhändlerin nach, wie sich das Heiko-Maas-Buch verkaufe. „Wie Ziegelsteine in einem Fischladen“, sagte sie. Ein schrecklicher Verdacht schoss mir durch den Kopf. Könnte es sein, dass die Verlagsaktion gegen die AfD nur ein Werbegag war, um einem Ladenhüter zum Erfolg zu verhelfen? Ich schrieb eine email an die Pressestelle des Piper Verlages und bat, mir vier Fragen zu beantworten:

„Wie hoch ist die Auflage des Maas-Buches? Wie heißt der Co- bzw. Ghostwriter des Ministers? Hat irgendeine Bundesbehörde das Buch gefördert, sei es direkt oder durch die Abnahme eines Buchkontingents? Und: Bei welcher Stelle hat der Verlag die Anzeigen gegen Höcke und AfD Thüringen erstattet? Ist der Fall von öffentlichem Interesse oder gehen Sie den Weg der Privatklage?“

Die Auflage ist ein Geheimnis

Tags darauf antwortete die Pressestelle. „Vielen Dank für Ihre Mail! Leider ist Frau Brenndörfer, die Pressechefin vom Piper Verlag, heute nicht im Verlag. Ihre Kolleginnen dürfen zu diesem Buch keinerlei Informationen rausgeben." Nicht einmal die Höhe der Auflage. Nur Frau Eva Brenndörfer persönlich könne das. "Ich habe ihr eine email mit der Bitte um Rückruf geschickt. Sobald ich sie gesprochen habe, kriegen Sie die Infos.“

Ich wartete acht Tage, zwei Tage länger als Gott brauchte, um die Welt zu erschaffen, und schrieb dann eine weitere mail an die Pressestelle bei Piper. „Darf ich Sie in aller Höflichkeit an Ihre mail vom 2. Juni erinnern? Ist Frau Brenndörfer immer noch nicht vom Einkaufen zurück? Gibt es wirklich im großen Hause Piper niemanden, der meine Fragen beantworten könnte?“

Die Antwort kam wieder umgehend, war aber unbefriedigend. Eine Kollegin von Frau Brenndörfer ließ mich wissen, es sei „ungewöhnlich“, dass sich Frau Brenndörfer so viel Zeit lasse, sie sei „sonst immer sehr bemüht, jede Rückfrage zu beantworten“. Das war’s. Danach kam nix mehr. Ich vermute, Frau Brenndörfer steckt noch immer in einem Aufzug bei Sport Scheck oder wurde von Aliens entführt.

Was aber macht das Buch von Heiko Maas? Ich schaute bei Amazon nach. Genau vier Wochen nach seinem Erscheinen am 23. Mai hatte es 118 Käufer bzw. Leser zu „Kundenrezensionen“ animiert, von denen 111 dem Buch nur einen von fünf Sternen gegeben hatten. Ebenso enttäuschend war die Platzierung auf Rang 24.203. Nicht gerade ein „Relevanznachweis“ für das „wichtige Buch“ des Ministers.

Sieht aus, als hätte die Sache mit der AfD nicht viel gebracht. Obwohl dem Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung gegen Björn Höcke und die AfD stattgegeben wurde.

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Leserpost

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Helmut Lauf / 25.06.2017

Hallo Herr Broder, Sie sind wirklich ein Unikum, selten so gelacht. Vielen Dank

Peter Kastner / 25.06.2017

und noch eins, selbst wenn man mir den Kaufpreis schenken würde, würde ich es nicht haben wollen.

Peter Kastner / 25.06.2017

Maas ist ein willfähriges Werkzeug im Dienst der nachtragenden Frau aus Berlin. Das alles geschieht in ihrem Auftrag. Maas selbst ist so einer von der Sorte, der auch in Russland oder China oder sonstwo Karriere machen würde. Entscheidend für alles ist, ob es ihm nützt.

Rudolf George / 25.06.2017

Vor einigen Wochen hatte ich eine längere Zugfahrt vor mir und kaufte zum ersten Mal seit langem eine Ausgabe der Zeit. Darin war ein Beitrag von Heiko Maas (ob er ihn selbst geschrieben hat, weiß ich natürlich nicht), in dem er sein Buch vorstellte. Der Artikel behauptete, dass das Netzwerkdurchsetzungsgesetz deshalb notwendig sei, weil die Betreiber von sozialen Medien nicht effektiv gegen Hasspostings vorgingen. Ein konkretes Beispiel wurde nicht angeführt, so dass er wohl voraussetzt, dass diese Meinung Allgemeingut sei. Ansonsten wurde betont, wie wichtig es sei, rechten Tendenzen Vorschub zu leisten. Eine Definition, was genau “rechts” ist, blieb der Beitrag schuldig. Daraus konnte ich nur schließen, dass die tatsächliche Motivation der Gesetzesvorlage eine politische ist: die “Rechten” sollen bekämpft werden. Ich fragte mich, ob das Buch die offenen Punkte ansprechen würde, kam aber zum Schluss, dass es wohl nur eine aufgeblähte Version des Artikels sein dürfte, also ein überdimensioniertes politisches Traktat. Nachdem selbige gewöhnlich kostenfrei verteilt werden, verzichtete ich auf den Kauf des Buchs. Damit scheine ich nicht allein zu stehen.

Simone Robertson / 25.06.2017

Vielleicht wird es ja bald als Lektüre in den höheren Schulklassen empfohlen (oder gar vorgeschrieben), wenn schon niemand freiwillig dieses wichtige Buch lesen will

Hjalmar Kreutzer / 25.06.2017

Insbesondere die “positiven” Rezensionen bei amazon, fünf Sterne, lesen sich köstlich: “Heiko Maas ist Liebe, Heiko Maas ist Leben.” “Demokratie ist gefährlich!” “Leitfaden zur Machtergreifung”

Fred Forster / 25.06.2017

Natürlich darf auch ein Herr Maas seine Meinung frei äußern, auch wenn er dazu wohl einen Ghostwriter braucht. Aber dieses Recht, das er seinen Mitbürgern jedenfalls solange abspricht, bis sein befremdliches, ich nenne es mal “Blockwartsermächtigungs- und Verpflichtungsgesetz”” vom BVerfG kassiert wird, begründet längst noch nicht die Pflicht , daß  sich jeder für seine geistigen Flatulenzen interessieren und dafür auch noch Geld ausgeben muß.  Zu jedem anderen Sandkastenkind würde man sagen: heul doch!

Detlef Schneider / 24.06.2017

“Ich wartete 8 Tage, 2 Tage länger als Gott brauchte um die Welt zu erschaffen. ” Das fällt nur einem Broder ein. Und dafür bewundere ich ihn.

Heiko Stadler / 24.06.2017

Bei so viel Werbung für Heiko Mass’s “Strategie gegen das Recht” (Fälschung!) dürfte das Ranking ja bald auf 24.202 emporschnellen

Andreas Rochow / 24.06.2017

Ich habe meiner Frau den Text vorgelesen und ihr eingangs nicht verraten, von wem er ist. Sie hat aufmerksam und mit sich wachsender Begeisterung zugehört und kommentiert: “Das Beste was ich heute zu hören bekam.” Und: “hmb - wer sonst.” Übrigens hat amazon erstmals nur Rezensionen von “verifizierten Käufern”  zugelassen. Sind das schon die Vorboten des noch nicht verabschiedeten Netzwerkdurchsetzungsgesetzes? Man muss auch kein Fan von Björn Höcke sein, um seinen satirischen fb-Post zutreffend zu finden.

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