Henryk M. Broder / 16.01.2010 / 11:11 / 0 / Seite ausdrucken

Hedy nach Haiti!

Die Bilder, die uns derzeit aus Haiti erreichen, zeigen eine menschliche Katastrophe, die plötzlich aber nicht überraschend eingetreten ist. Es ist bekannt, dass Haiti das “armste Land der westlichen Hemisphäre” ist, dass verglichen mit Haiti sogar Moldawien ein gut geführter Wohlfahrtsstaat ist, dass 50% der Haitianer arbeitslos sind und 80% von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, ohne dass sich irgendeine UN-Agentur um sie kümmern und sie mit Lebens- und Arneimitteln versorgen würde. Denn Haiti ist seit 1804 ein souveräner Staat, die erste schwarze Republik, die ihre Unabhängigkeit erklärte. Das heisst, was in Haiti passiert, ist Sache der Haitianer. Damit sie sich nicht gegenseitig massakrieren, ist seit 1993 eine UN-Truppe auf der Halbinsel stationiert, die “United Nations Stabilization Mission”.
Ansonsten hat Haiti so gut wie keine Infrastruktur. Und keine Freunde in der Welt, die Soli-Aktionen für die darbenden Haitianer organisieren würden. Keine Holocaustüberlebende hat sich bis jetzt übers weite Meer auf den Weg nach Haiti gemacht, kein britischer MP hat versucht, über die dominikanische Seite der Grenze mit einem Hilfskonvoi nach Haiti zu kommen. Und wenn Sie die HP des bekannten Völkerrechtlers Norman Paech aufrufen, der bis vor kurzem der SED/PDS/LINKEN-Fraktion im Bundestag als außenpolitischer Sprecher gedient hat, werden Sie vergeblich nach “Hilfe-für-Haiti”-Aufrufen suchen. Denn die Haitianer leiden vor sich hin, weder sprengen sie sich in die Luft noch beschießen sie ihren einzigen Nachbarn, die Dominikanische Republik, mit selbst gebauten Raketen. Deswegen geht das Leiden der Haitianer der LRG-Fraktion an ihrem kalten Arsch vorbei. Der einzige deutsche Schriftsteller, der immer wieder über Haiti schreibt, ist Hans-Christoph Buch, aber der gehört eh nicht zur LRG-Fraktion.
Jetzt hilft nur noch eines: Irgendeine Israel-Connection, irgendeine Spur, die für eine zionistische Einmischung spricht. Hat Alan Dershowitz nicht mal einen Vortrag an der Uni von Port-au-Prince gehalten? Kann man auf Haiti nicht DVDs mit Produktionen aus dem Hause Spielberg kaufen? Wurde nicht mal eine Dose mit “gefillte Fish” von Manishewitz an der Strandpromenade von Port-au-Prince angespült? Das müsste für einen Anfangsverdacht doch reichen. Alles Übrige besorgen John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt mit freundlicher Unterstützung ihrer deutschen Freunde aus Dreieich/Buchschlag und dem hinteren Kandertal.
Und dann denken wir in aller Ruhe darüber nach, warum es eigentlich Staaten wie Haiti geben muss, warum ein Land, das nicht in der Lage ist, seine Müllabfuhr zu organisieren, eine diplomatische Vertretung bei den UN braucht? Warum Unabhängigkeit und Souveränität wichtiger sind als Sicherheit und Wohlergehen. Und warum erst ein Erdbeben passieren muss, damit was in Bewegung kommt.

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