Es gibt noch viel zu tun. In dem weitherzig und langfristig angelegten Projekt „Haydn 2032“ sollen alle Sinfonien von Haydn neu eingespielt und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Es kommen noch Musikstücke von Zeitgenossen Haydns dazu, Fotoarbeiten von heutigen Künstlern und Texte. Zwei davon habe ich geschrieben - in Briefform, weil das gut in die Zeit der „republic of letters“ passt und weil es den Menschen direkt anspricht. Damit ist mein Beitrag zu dem Projekt abgeschlossen. Doch es geht weiter. Mit neuen Autoren. Mit neuen Fotografen und mit der zeitlosen Musik im neuen Glanz. Bis zum Jubiläumsjahr 2032.
In dem Begleittext, den ich zu dem jüngst erschienen Album NO.2 ‚Il Filosofo’ geschrieben habe, tue ich so, als schriebe ich meinem Vater – einem Professor mit besonderem Faible für die Epoche der Aufklärung, in der die „auf sich selbst gestellten Persönlichkeiten“, wie Haydn einer war, auftraten. Mit ihm erörtere ich die Frage, inwieweit man seine Sinfonien als Versuch sehen kann, die „unsichtbare, innere Natur des Menschen“ mit eigenen wissenschaftlich-künstlerischen Mitteln zu vermessen, so dass man seine Sinfonien durchaus mit philosophischen Texten vergleichen kann, die ebenfalls versuchten, die Welt in ihrer Vielfältigkeit abzubilden.
„Sehr verehrter Herr Professor, lieber Freund!
Gerne denke ich an unsere Gespräche zurück. Besonders froh bin ich über Ihre Bemerkung, dass eine Sinfonie von Haydn zugleich eine „große Philosophie“ ist. Das klingt zunächst nach einem großen Wort, das jeder sagen kann, der sich nicht scheut, auf die Pauke zu schlagen. Haydn wurde auch schon „der Shakespeare der Musik“ genannt.
Wenn man ihn den „Shakespeare der Musik“ genannt hat, sollte damit zunächst einmal seine Bedeutung hervorgehoben werden, seine Größe. Gleichzeitig sollte aber auch gesagt sein, dass er so wie Shakespeare, der selbst in seine Tragödien kleine burleske Einlagen eingebaut hat, stets ein Nebeneinander von Ernst und Heiterkeit angestrebt hat.
Das traf den Nerv der Zeit. Denn neuerdings galt es, die Kompliziertheit der Welt zu begreifen und darzustellen. Entstanden war dieser Anspruch aus dem Zweifel an den theologischen Dogmen. Damit wurde alles andere ebenfalls in Zweifel gestellt. Alle zweifelten, zweifelten und zweifelten – und widerlegten sich gegenseitig. Die Wissenschaft erhob den Zweifel sogar zur Maxime. Descartes erklärte in seinem Discours de la méthode, dass er an allem zweifelte, nur nicht am Zweifel.
Unter diesen Vorzeichen musste auch die Musik – wie entsprechend auch die Malerei – verschiedene Perspektiven darstellen. Dazu gehörten gegensätzliche Gefühle, Lust und Unlust, Freude und Ärger. Aus dieser Disposition heraus entstand die Sinfonie. Dass sie sich als Form von einem Vorspiel zur Oper mehr und mehr zu einem eigenständigen Instrumentalstück entwickelte, beschreibt ihre Entstehung eben nur in formaler Hinsicht. Es wurde an diese neue Kunstform obendrein die Erwartung herangetragen, die Vielseitigkeit der menschlichen Gefühle abzubilden. So wie eben auch in den Dramen von Shakespeare.
Haydn gehört in die große Gemeinschaft von originalen Genies ihrer Zeit, er gehörte zu den „auf sich selbst gestellten Persönlichkeiten“, wie sie Jacob Burckhardt in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen beschreibt. Ihr Charakteristikum liegt in Initiative, Unternehmenslust, Freude am schöpferischen Risiko. Die Entdecker ferner Länder, die Erstbesteiger hoher Berge, Maler, Bildhauer, Baumeister, Dichter, Astronomen, Physiker, Kaufleute und Ingenieure. Sie alle waren Originale. So wie Haydn. Die seltenen Tonarten, die Haydn seinen Hörern zumutete, kann man gut mit der Entdeckung einer Insel oder der Erstbesteigung eines Berges vergleichen.
Natürlich wurde Haydn gefragt, ob er eine spezielle Methode hatte. Man wollte wissen, ob man dem Schöpfungsgeheimnis auf die Spur kommen könnte. Auf die Frage, ob ihm die Regeln, um etwas hervorzubringen, bewusst seien, hat er geantwortet:
„Daran habe ich im Feuer der Komposition nie gedacht; ich schrieb, was mich gut dünkte und berichtigte es nachher nach den Gesetzen der Harmonie. Andere Kunstgriffe habe ich nie gebraucht. Ein paarmal nahm ich mir die Freiheit, zwar nicht das Ohr, aber doch die gewöhnlichen Regeln der Lehrbücher zu beleidigen, und unterschrieb die Stellen mit den Worten: con licenza.“
Haydn erteilte also Lizenzen; sein „con licenza“ war eine Vollmacht, wie sie 007 hatte, es war die „Lizenz zum Flöten“, wie wir es zur fortgeschrittener Stunde nannten. Eine ungewöhnliche musikalische Wendung durfte so sein, weil Haydn sie persönlich genehmigt hatte, auch wenn sie gegen die Regeln verstieß. Ein Satz, der mit „Das darf jetzt ...“ anfängt, ist ja nicht immer willkommen, mich erinnert das an die durchaus beunruhigenden Worte eines Zahnarztes, wenn er sagt: „Das darf jetzt etwas weh tun“. Aber tat es weh? Haydn unterzog seine Neuerungen stets einem Schmerztest.
Er berichtet selber: „Man schrie laut: ‚ein Fehler!’ und wollte es aus dem Fux beweisen.“ Damit musste man ihm nicht kommen. Er kannte den Fux. Es war das damals allgemein anerkannte Standardwerk Gradus ad Parnassum, eine maßgebliche Anführung zur Regelmäßigen Musikalischen Komposition. Auf neue, gewisse, und bishero noch niemahls in so deutlicher Ordnung an das Licht gebrachte Art ausgearbeitet von Johann Joseph Fux. Schon der Titel klingt umständlich, streng und sehr, sehr ordentlich. Das musste auch sein. Musik wurde schließlich als Wissenschaft verstanden. Da ging es mit rechten Dingen zu.
Doch gleichzeitig galt, was Horaz über die Dichtkunst gesagt hat: „Wo unentdeckte Dinge zu sagen sind, da ist’s mit Recht erlaubt, auch unerhörte Wörter zu erfinden“.
„Original“war eine Vokabel, die weit verbreitet war und die man auffällig oft in Briefen der Zeitgenossen findet. Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich und England. Die Hinwendung zum Original erkannte man schon daran, dass die Autoren dazu übergingen, in der Muttersprache zu schreiben und sie damit zur Originalsprache machten. Zwar schrieben einige von ihnen noch in zwei Sprachen, doch sie wandten sich bewusst ihrer Muttersprache zu. Latein, das man im Gegensatz zur Muttersprache auch als „Vatersprache“ bezeichnete, weil es für die Welt außerhalb des Hauses der passende Umgangston war, versiegte unter diesen Umständen und verlor allmählich seine Rolle als lingua franca. Sowieso waren damals etwa siebzig Prozent der Bevölkerung Analphabeten.
Der Begriff „Originalität“, der für die Rolle des Künstlers so große Bedeutung hat, ist, wie sie ausgeführt haben, eigentlich lateinischen Ursprungs und taucht zuerst in der mittelalterlichen Theologie auf. Er bezeichnet, was mich zunächst überrascht hat, die Erbsünde – peccatum originale – und bedeutet einen von „Anfang an, ursprünglich im Menschen vorhandenen Hang zum Bösen“.
Doch auch der schöpferische Akt enthält Originalität. Wenn der Mensch Kunst schaffen will, reicht eine reine Nachbildung nach der Natur nicht mehr, er muss auch die Freiheit haben, sein eigenes Werk zu schaffen. Wenn nun aber die schöpferische Kraft auf den Menschen übergeht, dann erfüllt sich, was die Schlange einst versprochen hatte, als sie verführerisch zischte: „Ihr werdet sein wie Gott“. So gesehen sind Adam und Eva nicht bloß Repräsentanten des Sündenfalles, sondern auch des guten Schöpfungswillens Gottes.
Damit kamen wir zu Ihrem Lieblingsthema, zu Faust. Mephisto, wie wir ihn in der Studierzimmer-Szene kennenlernen, tritt als der berühmte „Geist, der stets verneint“ in Erscheinung. Er ist der Teufel aus dem Reich der Finsternis, das noch vor der Schöpfung lag, er ist ein „Teil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Das geschieht zwangsläufig. Denn erst wenn das Böse in die Welt tritt, gibt es auch das Gute. Weil sonst das Gute in seiner reinen Gestalt ohne jeglichen Restbestand von Bösem nur als Ideal existierte, als reine Abstraktion – also gar nicht. Hegel sagte bekanntlich: Das Allgemeine existiert nicht als das Allgemeine. Bei einer Schöpfung muss zunächst etwas Neues – womöglich etwas Böses – in die Welt treten.
Ich stelle mir eine Schöpfung gerne als Stürmerfoul vor. Ich habe gleich an Maradona gedacht, an die Hand Gottes, die ihm bei der Fußball-WM 1986 zum Sieg verhalf. So vollzieht sich auch der Schöpfungsakt – falls man ein Tor auch als Schöpfung anerkennt: Er kommt mit göttlicher Hilfe und mit einer Regelverletzung zustande. Albert Einstein hat sogar den Fortschritt der Wissenschaft mit einem Kriminalfall vergleichen. Zunächst, so sagte er, begingen die Wissenschaftler ein Verbrechen, um sich dann sorgfältig an die Aufklärung eben dieses Verbrechens machen. Ganz ohne Teufels Beitrag geht es offenbar nicht. Deshalb sprachen Sie auch von dem „moralisch bedenklichen Vergnügen“ an der Musik, das mit Wein und Schlaf verglichen wurde. Es ist tatsächlich bedenklich. Originalität ist böse. Sie ist auch gut. Sie kann sich jedenfalls zum Guten wenden. Es kann aber auch schief gehen. Originalität macht den Menschen zum Schöpfer, macht ihn aber auch zum Außenseiter und lässt ihn leicht scheitern.
Die Vorstellung vom Schöpfergeist Gottes enthält noch ein weiteres Postulat: Gott hat nicht sinnlos geschaffen. Sein Schöpferwerk umfasst Ordnung, Gesetz und Harmonie, „prästabilierte Harmonie“, wie es bei Leibniz heißt. Nun gibt es eine Wissenschaft, die diese Prinzipien wie keine andere zum Ausdruck bringt – die Mathematik. Durch Keplers Gesamtwerk zieht sich der feste Glaube, dass Gott Mathematik ist: liber naturae scritta in lingua mathematica – das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben. Die Denker, Forscher und Musiker sind entsprechend bemüht, auch die Musik auf einen wissenschaftlichen Status zu bringen.
So wird auf diesem Boden die Musik als mathematische Wissenschaft einer vernünftigen Seinsordnung begründet. Nach diesem neuen Verständnis ist die Musik Ausdruck der „unsichtbaren inneren Natur des Menschen“, seines Gemütes und seiner Leidenschaften. Mit dem Terminus „innere Natur“ wird selbstverständlich verbunden, dass diese innere Natur ebenfalls mathematischen Gesetzen folgt. Wie die äußere Natur. In beiden Naturen spielt natürlich die Schönheit eine große Rolle ...“
Soweit ein Ausschnitt aus ‚Il Filosofo’, siehe auch aus ‚Aus der Welt der Musik’ auf der Seite ‚Bernhard Lassahn’

Hallo, Herr Lassahn, nur ein paar kleine Anmerkungen zu Ihrem ansonsten sehr schönen Text: Fux` Pradus ad Parnassum ist ein Lehrbuch des Kontrapunkts, also ein Regelkanon, abstrahiert aus dem Stil von Giovanni Pierluigi da Palestrina. Der Kontrapunkt war (und gilt in gewisser Weise auch heute noch) als "gelehrter Styl", d. h. als ABC des handwerklich "richtigen" Komponierens, der Satztechnik im mehrstimmig-polyphonen und mehrstimmig homophonen Stil. Allerdings hat auch Fux selbst niemals angenommen, dass diese Regeln beim Komponieren immer streng befolgt werden sollten. Sie waren ja nur (wie z. B. Schönbergs "Harmonielehre") als "Handwerkszeug" gedacht, mit dem man arbeiten Konnte, das man aber auch beherrschen musste, um damit etwas Vernünftiges zustande zu bekommen. Für "Kenner" und "Liebhaber" der damaligen Zeit war es ja gerade der ästhetische Genuss an sich, "angenehm enttäuscht" zu werden (Hanslick). Anders formuliert, nichts galt als langweiliger, als "Kantoren- und Schulmeistermusik". Um aber angenehm enttäuscht zu werden, musste man, wie das Publikum Haydns, Mozarts, Beethovens, Rossinis etc., die Reglen kennen und diese dann in Beziehung zur Realität des Werks setzen. Wer nicht weiß, was eine Dissonanz wirklich ist (nämlich am wenigsten ein unangenehmes Geräusch) oder eine satztechnische Linzenz, die sich der Meister (und beileibe nicht nur er, sondern auch Vanhall, Gassmann, Cannabich, die Gebrüder Bach etc. pp) leistete, hört nur eine Klangfärbung, die in ihm zuweilen ein Bauchkribbeln hervorrufen mag. Haydn wird auch als "Kant" der Musik tituliert (Peter Gülke), und als Shakespeare der Jungens" hatte einst Ernst Bloch in einer Diskussionssendung des NWDR Karl May bezeichnet - sehr zum Entsetzen Marcel Reich-Ranickys und zur Freude Hans Meiers, der sich dann - wie Bloch - als ausgezeichneter Kenner des Ouevers des Mannes aus Hohenstein outete. Was ich Pierre Brice posthum ein wenig übel nehme, ist, dass er zu seiner Beerdigung zwar ein Ave Maria gespielt wissen wollte (Gounods Schmachtmelodie zum C-Dur Präludium aus WTK I), aber nicht das von Karl May (für gemischten Chor). Schließlich wurde dieses von seinem Bruder Charli komponierte Ave Maria bei Winnetous Tod gesungen, denn Winnetou hatte es ja geraume Zeit zuvor bei einem Beusch in Dresden (genauer, Radebeul) bereits gehört - und "eine Träne rann ihm über die bronzene Wange". Tränen dürften beim Hören der Sinfonie Hob I: 22 ("Der Philosoph") aber nur dann fließen, wenn die beiden Englischhörner wie verstimmte Schalmeien klingen, was ja als "authetisch" gilt und so wunderschön "antibildungsbürgerlich".