Wolfgang Röhl / 12.10.2011 / 09:57 / 0 / Seite ausdrucken

Havanna oder Wenn Frauen zu sehr reisen

Frauenzeitschriften sind was Wunderbares. Auch für Männer. Gerade für die. Richtige Petzen sind Frauenblätter! Männer erfahren durch sie, wie so manche Frau wirklich tickt. Wie sie, die Frauen, es unter ein Hütchen bringen, vorne im Heft die Klamotten-, Schmink- und Abnehmtipps abzuarbeiten, sich in der Mitte in die Problemzonendebatten und Feuchtgebietserkundungen einzuklinken, sodann diverse Psycho-, Partnerschafts-, Wellness- und Meditationskisten aufzuklappen, um sich aus dem hinteren Blattteil noch schnell eine Karrieredröhnung reinzuziehen („Was trag´ ich zum 10-Uhr-Meeting?“). Kurz, Frauenblätter sind zehnmal so spannend wie die ADAC-Motorwelt.

Außerdem erfährt mann in solchen Gazetten, wohin frau gerne reist. Vor allem nach Italien! Wenn es die Fernstrecke sein soll, düst die Powerfrau von Welt auch gern mal nach Havanna.

Kubas Hauptstadt ist nämlich, so verrät ein Erlebnisbericht in einem einschlägigen Magazin*, „der schillernde, kaputte, spannende Gegenentwurf zu Deutschland.“ Ein „konkurrenzloser Sehnsuchtsort“, obschon - nein weil! - dort alles so pittoresk zerbröselt, allerorten „kaputte Pracht“ zu bewundern ist und die Menschen „in dunklen Hauseingängen oder an Straßenecken eine oft rührende Ansammlung von Warenangeboten“ feilbieten. Herrliches Gelumpe, welches die Damen aus Deutschlands Shopping-Metropolen, die sich den lieben langen Tag durch H & M und C & A und P & C bis hinauf in die glitzernden Höhen der Flagshipstores schleppen müssen, total süß finden: „Strumpfhosen und Plastikspielzeug liegen neben ein paar Eiern und einer Taschenlampe.“

Ja, es swingt und groovt in Ol´ Havana. Wer aus dem kalten Norden kommt, „mit einer Flasche Sonnenschutzfaktor 50plus im Gepäck“, wie unsere Reporterin, dem „sprengt es an jeder Ecke den Rahmen des Vorstellbaren“. „Hühner auf dem Balkon, Schweine im Vorgarten, dieser Geruch aus Jasmin und Katzenpisse, die brüchigen Fassaden, die alte Geschichten erzählen, von Geld, Kultur, Mafiabossen Drogen, schönen Frauen.“

Klar, es ist nicht alles Gold im Buena-Vista-Social-Club, das merkt auch die Besucherin mit dem hohen Sonnenstichfaktor kritisch an. Gibt es in ihrem Hotel doch nur einen einzigen Computer für das Internet, und der ist meistens besetzt! Komisch – irgendwie haben sie´s auf Kuba nicht so mit dem Internet. Wie das wohl kommt? Aber die Autorin gewöhnt sich ruckzuck an die „Zeit, die stillsteht. Kein Computer, kein Fernsehen, niemand twittert, chattet, e-mailt – verweile doch, du bist so schön!“

Das Eis ist ausverkauft, und der Coctel des Ostiones schmeckt „fürchterlich“. Aber „niemand schimpft, niemand verliert die Nerven.“ Havanna hat nämlich ungemein Ulkiges zu bieten, ähnlich wie die Mr. Bean-Filme. Das sind die „typischen Pleiten, Pech und Pannen, die es häufiger gibt in dieser einzigartigen Kombination von Sozialismus und Karibik.“ Darüber lacht sich der Kubaner bekanntlich schon ein gutes halbes Jahrhundert lang schlapp.

Arm aber sexy! „Havanna ist Ché Guevara mit der Baskenmütze und dem fünfzackigen Stern, dessen Poster wir in jungen Jahren anschmachteten, weil dieser George Clooney der Regenwälder Revolution so sexy machte“, erinnert sich die Reporterin im feucht schimmernden Rückblick. Gewiss, der Ché hatte vielleicht auch ein paar nicht ganz so nette Seiten. Behandelte Frauen schlecht, wollte den Atomkrieg. Und doch: „Er war und bleibt die Seele der Revolution, während Fidel immer nur die Faust war.“ Bliebe hinzuzufügen, dass der Ché manchmal auch der Zeigefinger der Revolution war. Der Finger am Abzug seiner Pistole nämlich, wenn er politischen Gefangenen eine Kugel in den Kopf jagte.

Die Kubaner, so berichtet unsere Reisereporterin, werden wütend, wenn sie Sätze hören wie: „Kuba könnte so schön sein, wenn…“ Sie kontern dann mit Sätzen wie: „Ich bin stolz auf unser Land, ich liebe unsere Helden und unsere Idioten.“ So was hört die Reporterin vorzugsweise von Leuten, die im Tourismussektor arbeiten und somit an die Dollar rankommen. Diese Kubaner stehen in der kubanischen Klassengesellschaft ziemlich oben. Sie haben sich mit der „Periodo especial“, der dem sozialistischen Kuba immanenten Mangelwirtschaft, ganz gut arrangiert, sind nicht sehr scharf auf die Rückkehr zu einer normalen Wirtschaft. Weil sie den Yankee-Imperialismus fürchten und so, sagen sie. Oder weil sie dann vielleicht bei McDonald´s Buletten braten müssten, statt mit kapitalistischer Hartknete im Castro-Kuba wie die Maden im Speck zu leben? Man darf ja mal fragen.

Aber bitte nicht in einem gepflegten deutschen Damenblatt.

Dort kommt Kuba sau-komisch rüber! „Vor der Damentoilette sitzt eine vornehme ältere Dame in weiß gestärkter Uniform und verteilt Klopapier. Drei hauchdünne Blatt pro Person, mehr gibt´s nicht. Die Spülung funktioniert nicht, über die niedrigen Türen, die keine Privatsphäre zulassen, sieht man, wie sich zwei Frauen innig küssen.“ (Nebenbei,  gewisse Männer, die miteinander dasselbe tun, sieht man auf Kubas stillen Örtchen eher selten. Diese Art von Männern verbringt nämlich öfters mal eine kleine Auszeit im Knast.)

En esto momento, den weißen Hintern fest auf der Kloschüssel, knapp an Wischpapier und bar jeder Spülung, erlebt unsere Reporterin den geistig-seelischen Höhepunkt ihrer Reise ins Paradies der Che´-Enkel. Schlussapotheose:

„Ich werde sie vermissen, diese wunderbaren kubanischen Situationen.“

Und wir? Freuen uns auf ein neues Stück aus ihrer fabulösen Feder. Diesmal vielleicht über Nordkorea? Da wird auch nicht besonders viel gechattet, e-gemailt oder getwittert.

Himmlische Ruhe! Und auf dem Scheißhaus gibt´s zum Abwischen sicher nur die Pjöngjang-Times. Kann auch sehr spannend sein.


* Den Titel kann ich aus persönlichen Gründen nicht nennen.

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