Die junge Dame kommt direkt auf mich zu, blickt mich neugierig an und zeigt mir dann mit einer Rolle rückwärts, was für eine erbärmliche Schwimmerin ich bin. Umkreist mich, beäugt mich von unten, hinten und rundherum, protzt mit einer weiteren Rolle rückwärts, schwimmt vor mir her, dann wieder unter mir durch, taucht auf, dreht Pirouetten, streift mich fast, schlägt wieder Purzelbaum, lässt mich ihr nachschwimmen, kommt zurück, wiederholt das Spiel - bis es der Seelöwendame nach gut zwanzig Minuten langsam doch langweilig wird, mit so einem plumpen Plätscherwesen herumzudümpeln, und sie sich (lachend?) wieder davon macht, elegante Wellen schlagend, und zu ihrem Rudel zurückkehrt, das am Ufer im Sand faul in der Sonne döst. Nie, niemals werde ich diese „Tanzstunde“ vergessen, nie diesen Blick, mit dem sie mich interessiert betrachtet hat: spielerische Kommunikation mit einem wilden Tier mitten im Meer. Oder den Paarlauf mit einem Pinguin, der Verfolgung einer gelangweilten Wasserschildkröte, heute der Traum jedes Besuchers dieser einzigartigen Inselwelt vor der Küste Ecuadors, nachdem Darwin uns die Augen für dieses geologische Evolutionsmuseum geöffnet hat.
Was allerdings Darwin bei seinem Besuch mehr interessierte als Theorien über Entstehung von Arten war der Geschmack der Schildkröten, seiner Meinung nach besser gegrillt als gekocht zu verzehren. Seine Notizen über die Galapagos sind übrigens nicht gerade schmeichelhaft: „Die verkümmerten Bäumchen zeigen kaum Leben ... die Luft ist stickig und schwül ... die Pflanzen riechen unerfreulich…“ Die Meereslegunane beschreibt er als „höchst unappetitliche, ungeschickte Echsen ...schwarz wie das poröse Gestein, über das sie kriechen…Kobolde der Finsternis…passen zur unwirtlichen Landschaft“. Albemarle Island macht für ihn den Eindruck einer Baustelle, einen Kratersee findet er gräulich salzig, und an einem anderen Kratersee, immerhin grün umwachsen und „rather pretty“, findet er in den Büschen den Schädel eines von der Mannschaft ermordeten Kapitäns eines Robbenfängerschiffes. Er entdeckt auch hübschere Stellen auf den Inseln, wie auf Charles Island, wo man Erdäpfel anpflanzt und die Landschaft tropisch wird. Doch auch hier beschreibt er einen großen Nachteil, „...der Mangel an hohen, verschiedenen und wunderschönen Bäumen wie in Peru und Nordchile…“, und ärgert sich über „...schwarzen Schlamm und auf den Bäumen Moose, Flechten und Farne und andere Parasitpflanzen.“ Darwin verbrachte auf seiner fünfjährigen Weltumseglung übrigens bloß ein Monat im Jahr 1835 auf den Galapagos, eines von seinen vielen Forschungszielen, ursprünglich eher unter „ferner liefen“ notiert.
Die Inselgruppe wurde ursprünglich Islas Encantadas genannt, verzauberte Inseln, weil man nicht glauben wollte, dass so weit draußen im Meer noch Land zu finden sei, und man, dank der verschiedenen Strömungen, die die Inseln umspülen, glaubte, sie würden ihre Lage verändern. Erst im 19. Jhdt. benannte man die Inselgruppe nach den berühmten Riesenschildkröten, die einzelnen Inseln aber immer wieder neu nach Kapitänen, wechselnden Herrschern oder Bewohnern. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
In der Liste der Plätze, die man im Leben besucht haben sollte, stehen jedenfalls die Galapagos ganz hoch oben. Aber auch Quito und Umgebung ist eine Zwischenlandung und ein paar Tage wert. Die höchste Hauptstadt der Welt (2.850 m) kann viel über die erobernden Spanier erzählen. Über deren berüchtigten Abenteurer Pizarro zum Beispiel, der den Inkakönig Atahualpa, trotz der von seinen Untertanen als Lösegeld herbeigeschafften Goldschätzen, wortbrüchig erwürgen ließ. Auf dessen Palast-Überresten steht heute die San Francisco Kirche mit beherrschender Aussicht und einem riesigen Platz davor, auf dem an Wochenenden zu alten Indio-Weisen getanzt wird, wie auch in den Parks von Quito. Man kann altes Handwerk, vor allem Webarbeiten, hier übrigens fast ausschließlich von Männern hergestellt, in kleinen Gassen und auf den Märkten in und um Quito (der berühmteste in Otavalo) erleben und erstehen. Man kann den Spuren der spanischen Granden folgen, die in der Umgebung Quitos von ihren prachtvollen, heute meist zu Hotels umgebauten Haciendas aus ihre Untergebenen schikanierten, man kann Nebelwälder auf Wipfelwegen und -Seilen erforschen, der Cotopaxi mit seinem charakteristisch eingebrochenen Vulkankrater lockt zu Reitausflügen und für Gipfelstürme. Noch einen Ausflug sollte man nicht versäumen, den Punkt, wo der Nullmeridian auf den Äquator trifft. In dem dortigen Open-Air-Museum kann man sich die Rotation der Erde durch die Rechts- und Linksdrehung des Wassers beim Abfließen auf der einen oder anderen Erdhälfte beweisen lassen: Einmal im Leben sollte man doch auch auf dem „Mittelpunkt der Welt“ gestanden sein!