Jetzt ist es da, das Handelsabkommen zwischen London und Brüssel. Der Deal, wie das Ding schon heißt, seit es vor viereinhalb Jahren angepeilt worden ist. Der Deal? Wer sich die Beschreibung angeschaut und angehört hat, die Boris Johnson gab, und die mehrsprachige Beschreibung unserer Ursula von der Leyens, muss zu dem Schluss kommen: Es ist nicht ein Deal, es sind zwei Deals. Zwei zum Preis von einem.
Boris Johnson hielt eine an Martin Luther King erinnernde „Free-at-last“-Rede. Volle Souveränität für sein Land, Herrschaft über die eigenen Grenzen, das eigene Meer, die eigenen Fische. Passend dazu trug er eine Symbol-Krawatte mit lauter kleinen Fischchen drauf. Der Medienprofi kennt sein Metier. Und vor allem: Der verhasste Europäische Gerichtshof hat im England des neuen Jahres nichts mehr zu sagen.
Ursula von der Leyen hielt eine Rede, die die Einigkeit und Standfestigkeit der Europäischen Union beschwor und darauf bestand, dass sich die Briten beim künftigen Freihandel mit der EU strikt an die europäischen Regeln halten müssen. Regelverstöße werden unter neuem Etikett geahndet: statt des Europäischen Gerichtshofs übernimmt eine andere, unabhängige Instanz die undankbare Aufgabe. Einer muss nun mal den Streitschlichter spielen.
Also: Dort die große Freiheit, hier die enge und strenge Verbindung. Ein klassisches Werk des politischen Kompromisses. Das Abkommen ist tausend Seiten stark. Da ist viel Raum, aus dem sich jeder seine Leckerchen herauspicken kann. Und viel Raum für künftige Konflikte. Die vor allem betroffenen Wirtschaften beider Seiten werden eine Weile brauchen, um sich durch die tausend Seiten zu hangeln und um herauszufinden, welche Fallstricke in dem Mammut-Text für sie versteckt sind. Was jetzt schon klar ist: Sie dürfen sich auf noch mehr Bürokratie freuen. Denn ein Freihandel ist kein Binnenmarkt. Der ist ab dem 1. Januar passé.
Aber ein Deal, der Raum für zwei Deals bietet, ist besser als kein Deal. Ein schönes Weihnachtsgeschenk also, das auch dank Corona-Sorgen noch rechtzeitig zum Fest geliefert wurde. Prost Neujahr.