Lieber Günter Grass,
manche meinen, der Sturm über Deine Selbstoffenbarungen habe sich fast gelegt. Zwei Interpretationen jüdischer Stimmen aus Deutschland und Israel lassen mich daran zweifeln und fordern mich auf, mich in dieser Sache zu positionieren, zumal ich selbst gerade von einem achttägigen Israelaufenthalt zurückgekommen bin.
Ich weiß nicht, ob Du jemals Mitglied der SPD warst, aber Du hast kräftig für sie getrommelt und 1972 auf dem Neumarkt in Köln habe ich Dir mit Wohlwollen zugehört und mit Dorothee Sölle dann den Wahlsieg von Willy Brandts SPD gefeiert, 1976 habe ich selbst getrommelt, nicht gegen die SPD – das war nur die Oberfläche – sondern gegen einen ‘Zeitgeist’, der mich selbst mehr als 10 Jahre zur Auseinandersetzung herausgefordert hatte, eine Auseinandersetzung, die ich wegen ihrer falschen Parameter und ihrer Irreführungen und Fruchtlosigkeit, zu beenden gedachte. Du meintest etwas später, einem Kind aus sozialdemokratischem Elternhaus stehe so etwas nicht zu: „Das macht man nicht“. 2007 bin ich – zum ersten Mal – Mitglied der SPD geworden und meiner Anregung verdankt die SPD von Heute, dass in ihrem Hamburger Grundsatzprogramm von 2007 endlich das Judentum den ersten Platz in der Reihe ihrer geistigen Quellen einnimmt. Geistige Quellen übrigens, über die die SPD nie hinausgelangt ist, die sie im Gegenteil als jüdische sich immer noch bemüht zu verleugnen.
Und nun zu den beiden Stimmen. Sie machen, dass ich mich schäme, wenn ich daran denke, dass Du wieder für die SPD trommeln könnest, Anlässe dazu gibt es ja immer noch genug.
Henryk Broder schreibt: “Er befördert das Land von einer regionalen Großmacht zu einem Global Player, der im Begriff ist, die Welt in die Luft zu jagen. Israel spielt mit unser aller Leben! Es gefährdet ‘den ohnehin brüchigen Weltfrieden’! Damit sind die Israelis potenziell noch gefährlicher, als es die Nazis waren… In der historischen Perspektive war das Dritte Reich nur die Ouvertüre zu einem viel größeren Desaster, das mit der Endlösung der Menschenfrage enden könnte. Grass schafft es, die Verbrechen der Nazis zu relativieren, ohne sie zu verharmlosen.“
Und Ari Shavit schreibt in der israelischen Tageszeitung Haaretz:
„Grass stellt uns vor eine ernsthafte Herausforderung. Es ist der Versuch, die positive Diskriminierung aufzuheben, unter deren Schutz das jüdische Volk seit 1945 steht – in Zusammenhang mit allem, was sein Überleben sichert. Es liegt darin der Versuch, Israel das moralische Sicherheitsnetz abzusprechen, das die Basis für das strategische Sicherheitsnetz darstellt, das wiederum die Existenz des Staates Israel garantiert.“
Fazit beider Kommentare: Grass, der in Deutschland für die SPD trommelt, der Welt wirft er Israel zum Fraß vor. Das kann keine Position innerhalb der SPD sein, meine ich, das kann auch keine Position sein, die mit der SPD auf Du und Du zu sein behauptet.
Du bist 1927 geboren, ich 1942, im Jahr der Wannsee Konferenz, auf der die systematische Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen wurde. Deine Literatur war eine für die Täter und Mitläufer des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, meine Lektüre war die der Résistance in Europa und der Befreier aus Übersee. Deine Welt war immer eine von Vorgestern.
Es ist höchste Zeit für Dich, Dich bei dem jüdischen Staat Israel zu entschuldigen, dem Du in Verkehrung aller seit Jahrzehnten jedem bekannten Tatsachen vorwirfst, Iran mit einem atomaren Erstschlag vernichten zu wollen. Wenn wir heute einem Staat eine gesicherte und glückliche Zukunft wünschen dürfen, dann ist es Israel, ein Land aus Freiheit und Mut und der Sehnsucht nach Leben geboren, ein Land des Glücks und ein Land der Angst, umgeben von Menschen wie Du, die nichts verstanden haben, nichts verstehen und zu keiner Selbstkritik imstande sind.
Deine Fischsuppe, von der mein Vater nach einer Einladung bei Dir geschwärmt hat, mir schmeckt sie nicht.
Hans Erler
Siehe auch:
http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Erler