Eran Yardeni, Gastautor / 16.02.2013 / 16:39 / 0 / Seite ausdrucken

Hannah Arendt und der Zeitgeist

Eran Yardeni

Wie jede andere Kunst spiegeln Filme und Bilder nicht nur die bewussten Aspekte des jeweiligen Werkes wieder, sondern vor allem den meistens im Schatten des Unbewussten verborgenen Zeitgeist. Der bildet den gedanklichen Hintergrund, vor dem Handlungen und Geschichten erzählt, visualisiert und verstanden werden. Wenn es tatsächlich etwas gibt, das in uns denkt, dann ist es der Zeitgeist. Und der Zeitgeist in Deutschland heutzutage ist „Israel-kritisch“.

Dass Hannah Arendt in Deutschland zur Kultfigur geworden ist, während sie in Israel bis neulich kategorisch abgelehnt wurde, erzählt vielleicht die traurige Geschichte zwei kollektiver Psychosen.  Aber während die Israelis in den letzten Jahren mit dem intellektuellen Erbe Arendts ziemlich vernünftig umgehen, scheint die Tendenz in Deutschland genau umgekehrt zu sein. Der Film „Hannah Arendt“ von Margaretha von Trotta ist nicht mehr als noch ein Glied in einer endlosen Kette von Werken, die besser als jede akademische Forschung zeigen, was für eine Vorstellung viele Deutschen von Israel haben.

Würde die Geschichte um den Eichmann-Prozess nur aus der sehr subjektiven Sicht von Arendt erzählt werden, gäbe es dagegen nichts einzuwenden. Die Sache wird erst problematisch, wenn andere Figuren, offizielle (Mossad Agenten) und inoffizielle (Kurt Blumenfeld) Repräsentanten der israelischen Gesellschaft und Politik und des in der Diaspora lebenden Judentums, den Part der “kritischen Juden” übernehmen. Während Arendt immerhin argumentiert, haben diese Zeitzeugen nicht mehr zu bieten als Ärger, Wut und intellektuelle Stumpfheit.

Gegen die These von Arendt, die das extrem Böse in dem Fall von Eichmann als Folge von Denkunfähigkeit erklärt, wurden damals schon ziemlich überzeugende Argumente vorgetragen, die in dem Film freilich verschwiegen werden. Dafür sehen wir, wie Mossad-Agenten Frau Arendt bedrohen.

Die zentrale These von Arendt leidet an einem methodologischen Problem. Sie setzt, um es mal einfach zu formulieren, einen ziemlich fragwürdigen naiven Realismus voraus. Mit anderen Worten: „Die Sachen sind so, wie sie uns erscheinen.“ Der naive Realismus als Forschungsmethode war die Voraussetzung für die Authentizität des Verhaltens Eichmanns vor dem Gericht und während des Verhörs und der Gespräche mit dem Ermittler Avner Les.

Mit dieser Voraussetzung gibt es aber ein gravierendes Problem vor allem, wenn es um Menschen geht, die vor Gericht um ihr Leben kämpfen. Dann hat man einen guten Grund, sich zu verstellen, um der Strafe zu entkommen. Natürlich hatte Eichmann ein klares Interesse daran, sich selbst als ein zum Denken unfähiges Wesen darzustellen. Aber die Tatsache, dass Eichmann in Jerusalem so wirkte, bedeutet noch lange nicht , dass er in Deutschland so gehandelt hatte. Es scheint übrigens, dass die einzige, die sein absurdes Theater durchschaut hatte, ironischerweise Hannah Arendt selbst war.

Wenn Eichmann unter einer solchen akuten Denkunfähigkeit litt, müsste man auch seine Prozessfähigkeit bezweifeln. Arendt aber hatte den Prozess unterstützt. In ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ lobte sie die Richter für ihre professionelle Haltung, was in dem Film im Schatten des Israel-Kritizismus untergeht. Schwierigkeiten hatte Arendt mit Ben-Gurion, aber nicht mit Landau, Halevi und Raveh, den drei Richtern. Genau das aber beweist die Unabhängigkeit der israelischen Justiz.

Das ist aber nicht alles. Aus Interviews und Berichten von SS-Soldaten, die Kinder und Frauen ermordeten, geht eindeutig hervor, dass sie weder denkunfähig noch moralisch abgestumpft waren. Sie befassten sich z.B. mit der Frage, wer zuerst getötet werden sollte, das Kind oder die Mutter, um das Leiden der beiden zu minimieren.

Diese Frage klingt völlig pervers, zeigt aber, dass die Mörder moralisch denkfähig waren. Genau darin liegt die verbrecherische Charakter ihrer Taten. Der Konsum von Alkohol vor und während der Massentötungen sowie die Entwicklung von Selbstüberzeugung-Mechanismen haben alle einen gemeinsamen Nenner: Die Überwindung der Denkfähigkeit.

Warum alle diese Aspekte keinen Platz in dem Film von von Trotta gefunden haben, warum die Zuschauer eine peinliche Glorifizierung von Arendt zu sehen bekamen, kann man nur raten. Es muss etwas mit dem Zeit geist zu tun haben.

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