Am Donnerstag, den 25. Juni erlebten wir wieder einmal eine Sternstunde unseres Bieler Parlaments. Mit Stichentscheid der Ratspräsidentin entschied es sich für ein allgemeines Handyverbot an den Bieler Schulen. Wenn intellektuelle Leichtmatrosen sich auf Weltrettungsmission begeben, landen sie oft beim Verbot. Philipp Weber, Stadtrat der Grünen, reichte eine entsprechende Motion ein. Dasselbe versuchte ein Jahr zuvor auch der grüne Parlamentarier Manuel C. Widmer im Großen Rat des Kantons Bern. Dort wurde der Vorstoß klar abgelehnt, nachdem auch die Regierung und der bernische Lehrkräfteverband „Bildung Bern“ sich gegen die Motion ausgesprochen hatten. Es herrschte der gesunde Menschenverstand.
Dabei zweifelte niemand daran, dass der Smartphonegebrauch im Leben unserer Jugendlichen – und auch bei Erwachsenen – schwerwiegende Folgen haben kann. Besonnene Köpfe wissen hingegen, dass der Umgang mit den Handys bei den Schulen bleiben sollte. Allgemein erlassene Verbote haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie oft die Falschen treffen, unwirksam sind, dafür unerfreuliche Nebenwirkungen haben, die man gerade in diesem Fall voraussehen kann.
Eine Variante ist, dass die Handys abgegeben werden. Eine vehemente Befürworterin des stadträtlichen Verbots unterrichtet in einer Schule, die den Handygebrauch grundsätzlich verboten hat, auch auf dem Pausenplatz. Sie sollte eigentlich wissen, wie die Realität aussieht. Wie setzt man ein solches Verbot um und wie reagieren die Schüler darauf? Welche Folgen hat das für den Unterricht? Hier beginnt schon das Dilemma. Den Schülern vorschreiben, dass sie das Handy zu Hause lassen müssen, geht rechtlich überhaupt nicht. Also bleiben zwei Möglichkeiten: Die Schüler müssen ihr Handy verstauen oder sie müssen es der Lehrkraft zu Beginn des Unterrichts abgeben. In den Schulen werden beide Varianten praktiziert. Und beide lassen Schlupflöcher zu.
Die meisten Jugendlichen halten sich an das Verbot. Einige versuchen es mit Tricks. Sie müssen am Morgen mehrfach auf die Toilette gehen, es gibt in den Gruppenarbeiten und Pausen immer wieder Nischen, wo das Smartphone schnell und gefahrlos gezückt werden kann. Im Brennpunkt stehen dann 40 Lehrkräfte, die das Verbot umsetzen müssen, Schulleitungen, die dies kontrollieren sollen und Lehrerkonferenzen, in denen echauffiert über Kollegen diskutiert wird, die die Regeln nicht konsequent umsetzen. Dabei kenne ich keine Schule, die den Handygebrauch nicht regulieren will. Aber das Smartphone ist eben nicht eine Zigarette, es wird in der Schule konstant eingesetzt.
In Dutzenden von Weiterbildungen wurde den Lehrkräften beigebracht, wie sich das Handy im Unterricht einsetzen ließe. Ohne das Smartphone hätten wir während der Coronazeit viele Jugendliche mehr verloren als ohnehin schon. Es gab nach der Einführung des Lehrplans eine regelrechte Digitalisierungseuphorie. In Dutzenden von Weiterbildungen wurde den Lehrkräften beigebracht, wie sich das Handy im Unterricht einsetzen ließe. Pflanzenbestimmungen während Naturexkursionen lassen heute eine Biodiversität eines Waldstücks auch von Drttklässlern erfassen. Mit „Quizlet“-Tools senden wir den Schülern angepasste Vokabelübungen, mit denen sie zu Hause lernen können, in den Skilagern sorgen Chatgruppen für schnelle Hilfe in Notsituationen; Fotoreportagen und Straßeninterviews, Materialien für erkrankte Kinder oder Leseaufnahmen, die den Kindern das Üben erleichtern, prägen längst den schulischen Alltag. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine PH-Dozentin (Lehrkraft an der Pädagogischen Hochschule, die angehende Lehrer ausbildet, Anm. d. Red.) ein neues Unterrichtstool zirkulieren lässt. Der Gipfel der Heuchelei ist jedoch, dass unsere Schulen mittlerweile die ganze Kommunikation digitalisiert haben. Mit internen Portalen wie „Klapp“ werden Eltern und Schüler mit Infos, Einladungen und Unterrichtsdokumenten eingedeckt, von denen fast alle mit dem Handy gelesen werden.
Wasch den Pelz, aber mach ihn nicht nass
Treuherzig versichern die Motionäre, dass das Handy für pädagogische Zwecke gebraucht werden dürfe, so nach dem Motto: Wasch den Pelz, aber mach ihn nicht nass. Großartig! Der Lehrer kann also seinen Lernenden mitteilen: „Morgen machen wir ein Interview mit Handys, nehmt es also bitte mit! Aber gell, sonst ist es verboten, weil extrem schädlich!“ Wir behandeln die Geräte als toxisch, verlangen aber von Eltern und Schülern den konstanten Gebrauch zu Hause, genau dort, wo die Probleme wirklich virulent sind.
Die Haltung der Bildungsdirektion, diesen populistischen Symbolakt in ein Postulat zu verwandeln, war vernünftig. Denn unsere direkten Partner in der Schule sind ja auch die Eltern- und Schülerräte. Mit Ihnen gilt es, praxistaugliche Regeln auszuhandeln, und nicht, sie topdown umzusetzen. Der viel beklagte Flickenteppich ist genau das, was eine lebendige Schullandschaft braucht. Eine Laborsituation, in der die Lehrkräfte mit Eltern und Schülern eine praxistaugliche Umsetzung entwickeln und voneinander lernen. Das Verbot des Stadtrats ist Ausdruck einer umfassenden Ahnungslosigkeit. Die Schulen haben die prekären Entwicklungen des Handygebrauchs schon erkannt und ihn reguliert, als in den Parlamenten und Pädagogischen Hochschulen noch das Hohelied auf die Digitalisierung gesungen wurde. Und – wie es bei Maschinenstürmern so üblich ist – haben sie auch keine Ahnung von den neusten technologischen Entwicklungen. Die Verbotsvorlage sagt nichts darüber, wie es mit den Applewatches weitergehen soll, die schon längstens im Schulalltag Einzug gehalten haben. Illegale Ton- und Bildaufnahmen, versteckte Kopfhörer hinter den Haaren, heimliche Spickanweisungen beschränken sich nicht nur auf die Gymnasien. Auch hier sind die Schulen gefordert.
Ein wie immer geartetes Verbot bleibt eh bei den Lehrkräften hängen. Eine ehemalige Kollegin schickte mir heimliche Bildaufnahmen von Schülern (die Gesichter waren unkenntlich gemacht), die in der Pause am Handy hingen. Ihr Kommentar war: „Darum bin ich für ein Handyverbot!“ Ich antwortete: „Deine Schule hat ja ein striktes Handyvebot erlassen, das auch auf dem Pausenplatz gilt! Wie hast du reagiert?“ Sie antwortete: „Am Anfang habe ich sie konsequent eingesammelt, aber weil es die anderen nicht taten, geriet ich unter Druck und habe aufgegeben!“ Darauf entgegenete ich: „Und da soll ein Verbot des Stadtrats helfen? Bist du dir bewusst, dass wenn ein Parlament eine Regelung erlässt, und ihr das nicht hinkriegt, in letzter Konsequenz die Polizei einfahren muss?“ Ihre Antwort: „Es geht darum Zeichen zu setzen!“
Von Bundesrat Jans stammt die treffende Feststellung: „Zeichen setzen ist etwas für Typographen, ich muss pragmatische Lösungen suchen!“ Genau das müssen auch wir an den Schulen. Pragmatische Lösungen finden. Solche Symboldebatten braucht niemand.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Schweizer Blog Concordet.

Wir reden zu viel drum herum. Smartphones sind nicht zuvorderst das Problem, weil sie die Aufmerksamkeit verringern. Sie sind das Problem, weil sie permanent spionieren. Ich bin für ein zumindest temporäres totales Einfuhr- und Verkaufsverbot dieser Dinger, bis das Problem im Hintergrund komplett abgestellt ist.
Es gab aber auch schon Vorher-/Nachher-Vergleiche an diversen Schulen, die zeigten, dass sich die Noten nach dem Handyverbort markant verbessert hatten.
in meiner Schulzeit (lang ists her) bekam ich zu Weihnachten einen Füllfederhalter geschenkt. Den durfte ich in der Schule nicht benutzen, sondern mußte wie alle, Federhalter und Tintenfass nehmen. Später hatten meine Kinder Taschenrechner-Verbot erlebt. Auch heute sind in den meisten Schulen noch Tafeln, auf denen mit Kreide gequietscht wird un Kiloweise Schulbücher im Ranzen werden wohl auch noch geraume Zeit die Rücken der Kinder krümmen..
Chinesische Schüler krümmen sich vor lachen
Es war im Biologieunterricht. Siebzigerjahre. Unsere Lehrerin suchte einen sportlichen Schüler unserer Klasse aus, der einen Handstand machte. Dann reichte sie ihm ein Glas Wasser mit einem Strohhalm, und der Klassenkamerad trank im Handstand aus dem Glas. Überraschend zündete sie auch noch eine Zigarette an, und der Mitschüler zog den Rauch tief in seine Lunge ein. Im Handstand. Auch wenn das Rauchen damals noch nicht so geächtet war wie heute, so war es doch sicher verboten, im Unterricht zu rauchen. Die Lehrerin hat dieses Verbot aus didaktischen Gründen übertreten. Und bis heute erinnere mich daran, daß es wohl etwas in unserer Speiseröhre und Lunge geben muß, was die Schwerkraft überwinden kann. Das war besser als jede abstrakte Zeichnung im Biologiebuch. Ein Geniestreich der Lehrerin.
An der Schule, an der ich zuletzt unterrichtete, gibt es ein schulinternes Handyverbot. Schon seit über zehn Jahren. Das geht problemlos. Was nicht heißt, daß es nicht immer mal Schüler gibt, die gegen das Verbot verstoßen. Aber Schüler verwenden auch bei Arbeiten gelegentlich unerlaubte Hilfsmittel. Wenn ein Lehrer einen Schüler erwischt, wird das Handy abgenommen, der Schüler kann es am Ende des Vormittags auf dem Sekretariat wieder abholen. Ich habe es bei einsichtigen Schülern und „Ersttätern“ oft so gemacht, daß ich durch meinen Blick zu verstehen gab, daß ich das Handy bemerkt hatte, und schon hatte es der Schüler wieder eingesteckt. Selbstverständlich durften die Schüler das Handy bei sich haben. Sie durften es nur nicht im Unterricht oder in den Pausen benutzen. Es war für den Notfall. Und wenn der Lehrer für seinen Unterricht eine sinnvolle Verwendung des Handys hatte, konnte er die Handys selbstverständlich zulassen. Das war alles im Grunde problemlos. Und genau so problemlos wird es in Biel sein. Es wird vielleicht ein oder zwei Jahre dauern, bis sich das eingespielt hat. Es wird aber ein Segen sein, wenn die Schüler wieder miteinander statt auf dem Handy spielen.
@ Klara Altmann – „Ich sehe täglich etwa 20 junge Menschen mit dem Handy vor der Nase durch den Verkehr laufen. Es ist gefährlich,“ – Echt ? So funktionieren die Gesetze der Naturwissenschaften, zB am Beispiel der Evolution. Und so wird gar der PISA-Durchschnitt wieder ein wenig nach oben gehievt. Zum Artikel kann ich leider nichts verkünden, da ich Texte mit Gendergestoppel grundsätzlich nicht lese. Und Schüler, die auf dem Handy rumdaddeln sind zB in dem Moment vermutlich eher keine „Lernenden“. So viel zum Sprachverständnis des Verfassers.
Die Kinder sind süchtig danach.Wenn man es ihnen von klein auf den ganzen Tag erlaubt wird es bestimmt nicht besser.Es geht doch ganz einfach,in einer Schule müssen alle vor U.beginn ihre Handys abgeben und werden eingeschlossen.
Wenn ich im Kino bin, bitte Handy stummschalten. Wenn ich in einem Vortrag bin, bitte Handy stummschalten. Warum soll das in einer Unterrichtsstunde anders sein? Zieht das mal 2-3 Jahre durch- und wir werden wieder bessere PISA-Ergebnisse haben.