Henryk M. Broder / 28.10.2015 / 21:53 / 5 / Seite ausdrucken

Hamm erwacht

Falls Sie, meine verehrten Leser in der Schweiz, nicht wissen, wo die Stadt Hamm liegt, machen Sie sich nichts daraus, die meisten Deutschen wissen es auch nicht.

Hamm ist eine kreisfreie Stadt in Nordrhein-Westfalen, 100 Kilometer nordöstlich von Düsseldorf und 70 Kilometer südöstlich von Bielefeld am östlichen Rand des Ruhrgebiets. In Hamm leben 177.000 Menschen, damit belegt die Stadt den 43. Platz auf der Liste der größten Städte der Bundesrepublik.

Mehr gibt es über Hamm nicht zu sagen.

Vielleicht noch dies: Die Hammer Buchhändler sind große Idealisten. Sie handeln nicht mit Büchern, deren Autoren ihnen unsympathisch sind. Erst kommt die Moral, dann das Geschäft.

Das hat jetzt der deutsch-türkische Autor Akif Pirincci zu spüren bekommen.

Er war so blöd, auf einer Pegida-Kundgebung eine unsägliche Rede zu halten. Worauf ihn die Hammer Buchhändler, wie die Lokalausgabe der Westdeutschen Allgemeinen berichtet, zur Persona non grata erklärten.
 
Margret Holota, „die in der Fußgängerzone zwei Buchhandlungen betreibt“, meint: „Geldverdienen hat Grenzen“ und erinnert daran, „dass sie schon das 2010 erschienene antiislamische Dossier Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin nicht geführt hat“.

Heike Hüser von der Buchhandlung Peters „würde es nicht ablehnen, ein Pirinçci-Buch zu bestellen“, wenn es denn „von einem Kunden“ gewünscht würde. Dann würde sie allerdings gerne „über den Inhalt diskutieren“, den Kunden also eines Besseren belehren.

Das wäre Friedhelm Nonte, dem Besitzer eines Antiquariats, nicht genug. Er wollte „ein Zeichen setzen“ und kündigte an, seinen „Bestand von Akif Pirinçci öffentlich zu schreddern“.

Von der Idee nahm er erst Abstand, als ihm klar gemacht wurde, dass auch in Hamm 1933 eine öffentliche Bücherverbrennung stattgefunden hatte, auf dem Exerzierplatz mitten in der Stadt, wo ein Denkmal an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erinnert. Er hätte nicht gedacht, so der Bücherwurm, dass seine Aktion „solche Wellen“ schlagen würde.

Schrecklich, so etwas. Verbrennen geht nicht, Vierteilen auch nicht. Bleibt nur eine Option: So lange recyceln, bis der Titel passt. Wie wäre es mit „Unser Kampf“?

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

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Leserpost

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Hjalmar Kreutzer / 30.10.2015

Viele Bücher lese ich als E-Book, auch Druckausgaben bestell(t)e ich häufig im Versandhandel. Allerdings ist man ja jetzt quasi fast gezwungen i.S. der Meinungsfreiheit auch amazon und buch.de und Thalia wegen des Pirinci-Boykotts zu meiden. Wenn mir mal langweilig wird, werde ich die lokalen Buchhändler mit der nachfrage nach Büchern von Princi nerven und mich über die Reaktionen amüsieren. Vielleicht erpart mir das künftig auch in der Kleinstadt Klienten , die ich nicht haben will.

Regina Horn / 29.10.2015

Wenn die gute Frau Heike Hüser (gesetzt den Fall, ICH wäre ihr Kunde) “gerne „über den Inhalt diskutieren“, den Kunden also eines Besseren belehren.” wollte, dann würde ich ihr meinerseits genau erläutern, warum ich bei selbsternannten Gesinnungspolizisten nichts kaufe. So herum geht es nämlich auch.

Hans-Martin Esser / 29.10.2015

Der Artikel trifft ins Schwarze. Ich selbst habe mich mit einem Arnsberger Buchhändler (30 km südlich von Hamm) über das Buch “Unter Linken” von Jan Fleischhauer unterhalten. Es erschien 2009 und war in dem Jahr der Sachbuchbestseller. Schnell wurde es persönlich. Der linke Buchhändler widerlegte nicht Fleischhauers Argumente, die politische Linke sei altersstarr. Vielmehr wurde psychologisiert. Der Autor sei in der Kindheit gehänselt worden und daher gegen Linke. So argumentativ dürftig und persönlich werden Diskussionen schnell, wenn man bei Linken ins Schwarze trifft. Eine andere Buchhändlerin - ebenfalls aus der Stadt - hält ihre Kunden für zu klug, um Bücher von Akif Pirincci zu kaufen. Stattdessen verkauft sie aber gern Mario Barths geistige Ergüsse. Es ist so eine Art Blockadehaltung. Kunden, die Bücher von Pirincci, Sarrazin und Fleischhauer wünschen, sollen sich wohl so fühlen, als würden sie am Bahnhofskiosk Schmuddelheftchen kaufen. Da benötigt man keine Argumente, man nutzt Blockademacht. Genau das beschrieb Fleischhauer als Ausdruck des Altersstarrsinns im linken Lager.

Heinz Thomas / 29.10.2015

Eine Köstlichkeit über traurige Zustände. Danke, Herr Broder!

Christine Kirchhoff / 28.10.2015

Buchhändler haben offenkundig eine Neigung, pädagogisch-belehrend tätig zu sein. Mein Buchhändler, bei dem ich nach eigenen Aussagen der zweitstärkste Kunde bin, hat mir vor einiger Zeit mit Bedauern mitgeteilt, eines meiner bestellten Bücher nicht besorgen zu wollen. Begründung: Das müsse er direkt beim Verlag bestellen, weil sein Großhändler es nicht gelistet habe. Allerdings sei der Verlag problematisch (ich meine, die Klassifikation sei “rechtsaußen” gewesen) und dort wolle er, der Buchhändler, auf keinen Fall auf der Kundenliste stehen. Das Buch handelte von der EU, ich hatte den Hinweis auf das Buch im Handelsblatt gefunden. Beim Herzeigen des entsprechenden Zeitungsausschnittes musste mein Buchhändler einräumen, dass er nicht ganz genau wisse, was an dem Buch problematisch sein solle. Ich habe dann auf die Bestellung des Buches verzichtet - ebenso wie auf die Bestellung einiger weiterer Titel. Pirincci gefällt mir aufgrund seiners Sprachstils nicht, so dass ich nur die frühen Felidae Katzenromane kenne. Unbeschadet dessen gefällt mir die Schere im Kopf von Buchhändlern noch viel weniger als die vulgäre Sprache eines Autors. Ziehen wir unsere Konsequenzen und schauen wir mal, ob Geldverdienen wirklich derartige Grenzen hat, die schlußendlich nichts anderes als Gesinnungsdiktatur sind.. Eine hierüber geführte Abstimmung mit den Füßen dürfte manches kleine Buchgeschäft nicht überleben. Und das ist dann auch gut so.

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