Gastautor / 27.05.2011 / 20:07 / 0 / Seite ausdrucken

Hamburg-Mannheimer und Strauss-Kahn

Ingo Langner

Derzeit werden gleich zwei Doppelnamen in einem Atemzug genannt. Hamburg-Mannheimer und Strauss-Kahn. Beide stehen am medialen Pranger und beide für ein scheinbar analoges Vergehen. Ein Vergehen, das sich weltweit in immer dieselben drei Buchstaben zusammenfassen läßt. Sex. Doch trifft das im Falle des Versicherungskonzerns Hamburg-Mannheimer und im Fall des kürzlich demissionierten Chefs des Internationalen Währungsfonds (IWF) Dominique Strauss-Kahn (Spitzname DSK) wirklich zu?

Wie man hört und liest, sind 2007 die hundert erfolgreichsten Versicherungsvertreter von ihrer Geschäftsleitung zum Dank für gute Dienste zu einem speziellen Bordellbesuch nach Budapest eingeladen worden. Dieser Betriebsausflug soll den Konzern insgesamt 300.000 Euro gekostet haben. Gemessen an dem, was die einhundert Herren zur Umsatzsteigerung beitrugen, waren die 300.000 offenbar Peanuts. Der IWF-Chef jedoch soll in einem New Yorker Hotelzimmer, Listenpreis 3.000 US-Dollar die Nacht, zur besten Lunchzeit ein Zimmermädchen sexuell mißbraucht haben.

Während dieser Tage vermutlich nur die Singles unter den einhundert Versicherungsvertretern keine Beziehungsprobleme haben, wurde DSK von der New Yorker Staatsanwaltschaft angeklagt, in Handschellen den Medien vorgeführt, saß schon einige Tage in sehr ungemütlicher Untersuchungshaft und lebt inzwischen nur gegen eine millionenschwere Kaution in einer rund um die Uhr bewachte Wohnung. Hinzu kommt, daß der mächtige Mann, DSK wurde auch als nächster Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten gehandelt, buchstäblich über Nacht von allen seinen Getreuen fallengelassen worden ist. Nur seine Ehefrau und eine Tochter halten noch zu ihm.

Was auffällt, ist die Asymmetrie der beiden Skandale. Bordellbesuche, auch wenn die Huren Sklavinnen waren und sind, gehören seit Menschengedenken zum „Herrengedeck“ dazu. „Nichteinvernehmlicher Sex“, welch schreckliches Wort, entschieden nicht. Damit aber ist der Asymmetrie noch nicht genug – und genau über diesen Punkt wird öffentlich so gut wie gar nicht gesprochen. Denn einerseits leben die Bürger der westlichen Halbkugel in einer völlig durchsexualisierten Welt. Pornographie, wohin das Auge blickt. Schon in Nachmittagsfernsehsendungen wird das Thema Sex in allen seinen Varianten durchgehechelt. Sogenannte Tabus sind nur noch dazu da, um möglichst publikumswirksam gebrochen zu werden. Jeder, der da mahnend den Finger hebt, gilt inzwischen nicht nur als Spießer und Spaßverderber, sondern fast schon als ein gemeingefährliches Subjekt.

Wie paßt dazu die quasi Vorverurteilung von Strauss-Kahn? Warum hat der Mann, auch wenn er im Sinne der Anklage unschuldig sein sollte, keine berufliche Zukunft in den Sphären mehr, denen er bis gestern noch selbstverständlich angehört hat? Hat das wirklich nur mit der sexuellen Gewalt zu tun, die DSK ausgeübt haben soll? Oder versteckt sich in der allgemeinen Empörung ein winziger Rest dessen, was man in früheren Zeiten ein Gefühl für Anstand und Sitte genannt hat. Suchen all jene, die ansonsten für zwangfreien „Sex to go“ plädieren, möglicherweise doch zumindest unausgesprochen nach einem Ort, der nicht der allgemein gewordenen sittlichen Dekadenz zum Opfer gefallen ist? Man kann es nur hoffen.

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