Henryk M. Broder / 14.08.2014 / 08:25 / 5 / Seite ausdrucken

Hamas? Nie gehört!

Der Boden der deutschen Geschichte, so hört und liest man es immer wieder, reiche bis nach Palästina. «Wir Deutschen» hätten aufgrund unserer Geschichte nicht nur eine besondere Verantwortung gegenüber den Juden, sondern auch für die «Opfer der Opfer», also die Palästinenser. Hätten «wir» uns nicht an den Juden vergangen, gäbe es heute keinen Nahostkonflikt, könnten die Palästinenser in aller Ruhe ihre Felder bestellen, ohne von den Israelis schikaniert zu werden.

Diese Überlegung mag richtig oder falsch sein, sie treibt in jedem Falle seltsame Blüten. So hat vor zwei Wochen eine Gruppe von ­«Kulturschaffenden in Deutschland» einen «Offenen Brief zum Krieg in Gaza» veröffentlicht, der sich «an die Mitglieder des Deutschen Bundestages, an die deutschen Mitglieder des Europäischen Parlaments, an die deutsche Bundesregierung» richtet.

Der Appell wurde inzwischen von 456 «Kulturschaffenden» unterschrieben, Schriftstellern (Ingo Schulze), Sängerinnen (Nina Hagen), Schauspielerinnen (Vera von Lehndorff) und vielen weiteren, die als Beruf Filmemacher, Musiker, Kulturwissenschaftler, Tänzer, Künstler, Übersetzer, Akademiker, Menschenrechtler, Familientherapeut, Sozialpädagoge, Rapper und DJ angeben. Die meisten sind eher in der zweiten und dritten Reihe des Kulturbetriebes aktiv, einer hat sich einen Namen als ehemaliger Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR gemacht.

Worum geht es den deutschen Kulturschaffenden in ihrem offenen Brief an die Politik?

«Wir können», schreiben sie, «nicht schweigen», wenn «die israelische Armee zum wiederholten Male in einer Grossoffensive die Bevölkerung Gazas angreift»; da dieser Angriff «im Rahmen einer engen deutsch-israelischen militärischen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit» erfolgt, wäre es die Pflicht der deutschen Amtsträger, «sich für die elementaren Rechte und den Schutz auch der palästinensischen Bevölkerung einzusetzen!».

Die Hamas wird in dem offenen Brief nicht einmal erwähnt. Es gibt sie nicht. Die Israelis greifen «die Bevölkerung» an, einfach so, aus Spass an der Freud.

Der Boden der deutschen Geschichte reicht in der Tat bis Palästina. Wie immer ist der Jud an allem schuld.

Erschienen in der Weltwoche vom 14.8.14

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Leserpost

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Rudolf Borrmann / 16.08.2014

Sehr geehrte Frau Stalmann, natürlich kann und darf sich jeder “Kulturschaffender “nennen. Nur denen das wichtig ist, wissen oft nicht, wovon sie reden. Ja, was ist Kultur überhaupt? Einfach, vielleicht etwas derb erklärt: Kultur ist es, wenn ich meinem Nachbarn aus nichtigen Gründen den Kopf abschlage und mir diesen zum Abendessen koche. Zivilisation ist es, wenn ich dafür bestraft und für immer weggesperrt werde. Viele Grüße Rudolf Borrmann

Ralf Schaefer / 16.08.2014

Ein scheinheiliger Mix aus verzerrter Naivität und ideologisch-einseitigen Sichtweisen. Mit der gedanklichen Leere dieses “offenen Briefes” könnte man schon einige Hamas-Tunnel vollstopfen.

Franziska Stalmann / 14.08.2014

Als ich vom Offenen Brief deutscher Kulturschaffender las, interessierte mich nicht so sehr der Brief als die Frage, wie sich jemand Kulturschaffender nennen kann. Wieviel Kultur so jemand hat. Ob überhaupt. Wieviele Tassen noch im Schrank. Warum man, bevor man sich so bezeichnet, nicht noch mal eine Runde nachdenkt. Oder einen Blick zurück tut. Der erste Aufruf deutscher Kulturschaffender stammt vom August 1934 und trat dafür ein, dass Hitler sowohl Reichskanzler als auch Reichspräsident werden sollte. Der Kulturschaffende gehörte ebenso wie die Reichskulturkammer zum Wortschatz des Dritten Reiches und wurde später in den der DDR übernommen. W.E. Süskind nahm den Kulturschaffenden in sein “Wörterbuch des Unmenschen” auf, und die Gesellschaft für Deutsche Sprache zählt den Kulturschaffenden zu den “überlebensfähigen DDR-spezifischen Wörtern”. Tja. Ich las den Offenen Brief dann doch, obwohl er von deutschen Kulturschaffenden stammt. Er war aber danach.

Karl Krähling / 14.08.2014

Werter Herr Broder, Sind Sie sicher, dass Kritiker meinen, „Der Jud sei an allem schuld“? Eine solche Metapher der Übertreibung hatten auch die Sozis, die sich in den sechziger Jahren mit Blick auf die Bild-Zeitung beklagten, die SPD sei an allem Schuld. Solche Metaphern der Larmoyanz führen zu Mitleid, und die wollen Juden doch gar nicht, die im „jetzt erst Recht“ gerade ihre Identität gefunden haben.

Thomas Schlosser / 14.08.2014

Da diese Schmarotzer zum weit überwiegenden Teil sowieso von der öffentlichen Hand (also uns…) alimentiert werden, sollte der Steuerzahler ihnen eine Gruppenreise nach Israel spendieren, mit Aufenthalt im Grenzgebiet zu Gaza. Sobald diese ‘Helden’ sich dann, beim ersten Luftalarm wegen Raketenbeschuss durch die Hamas, vor dem nächstbesten Luftschutzbunker über den Haufen rennen, sollte ihnen die Lust an solch unfassbar blöden ‘offenen Briefen’ ein für allemal vergangen sein…..

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