Haltung zeigen? Selber denken?

Endlich mal wieder eine Veranstaltung, zu der man hingehen kann: In der Freien Akademie der Künste in Hamburg gibt es am Montag ab 19 Uhr eine Debatte zum Thema „Haltung zeigen oder selber denken?“ zu hören. Schon der Titel lässt dahingehend aufhorchen, ob sich das denn heutzutage gegenseitig ausschließt – war das schon immer so? Eine angedeutete Antwort darauf: „Die Gedanken sind frei, heißt es in dem alten Lied. Gegenwärtig scheinen sie so frei zu sein, wie es den Tugendwächtern gefällt.“ Als Diskussionsziel ist angegeben: „Wie kann es gelingen, unterschiedliche Haltungen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrzunehmen?“ Diskutieren werden der Schriftsteller Matthias Politycki und Dr. Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien unter Moderation des Journalisten Ulrich Greiner. 

Politycki veröffentlichte 2013 den Roman „Samarkand Samarkand.“ Die „Steinerne Stadt“ liegt in Usbekistan, im Mittelpunkt der Seidenstraße. „Weltkulturerbe“ hat sie als eine der ältesten Städte gelistet. Dschingis Khan machte im Jahr 1220 „der islamischen Herrschaft in Samarkand den Garaus“ (steht – noch – genau so auf Weltkulturerbe.com). Der folgende Brutalo Timur ließ dann die faszinierenden Gebäude errichten. Jedenfalls ließ sich die Presse nach Lektüre (der Zusammenfassung?) von Polityckis Roman wieder vom Pawlowschen Reiz-Reaktionsschema übermannen. Die vernichtenden Kritiken sind beim „Perlentaucher“ eingestellt. Die „Süddeutsche“ etwa: Der Autor habe sich mit seinem Roman „leider vertan … Reiseerlebnisse aus Asien in allen Ehren, aber ein Thriller über die islamische Welteroberung lässt sich daraus nicht stricken“ – zumal, wenn der Autor „derart schlecht mit erzählerischer Ökonomie haushaltet“. Auch „Die Zeit“ machte das Buch runter. Ob das wohl am gewählten Thema liegt?

Es ist vor diesem Hintergrund interessant, dass Politycki ein Jahr später trotzdem von Hajo Schumacher zum Deutsche-Welle-Format „Typisch deutsch“ eingeladen wurde.  In diesem Video geht es ab Minute 16:23 um besagtes Aufregerthema. Einer also, den trotz „potenziell subversiven Schriftguts“ das „Juste Milieu nicht völlig fallen gelassen“ hat, für den „die letzte Brücke zur Burg der Anständigen“ noch nicht hochgezogen ist, wie es auf der „Achse des Guten“ in Bezug auf den langjährig leitenden „Zeit“-Redakteur Ulrich Greiner heißt; Moderator der Debatte am Montag und außerdem Präsident des Veranstaltungsorts. Allzu schwer wird es der Senator für Kultur und Medien, von Haus aus Journalist und Politikwissenschaftler, mit den beiden dennoch moderaten aber undogmatischen Diskussionspartnern nicht haben. Der Veranstaltungsbesuch kann sich aber lohnen; ziemlich sicher ist, dass es nicht so schlimm wird wie andernorts üblich.   

Polityckis  Co-Autor von „Haltung finden – Weshalb wir sie brauchen und trotzdem nie haben werden“, der Schweizer Philosoph Andreas Urs Sommer, scheint ebenfalls ein interessanter Zeitgenosse zu sein. Über „Werte ohne Kultur? Kultur ohne Werte?“ referiert er hier im Video.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Susanne Baumstarks Luftwurzel.

Foto: Angels Fuste CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Karl-Heinz Vonderstein / 13.10.2019

Man könnte es so sagen, wer heute hierzulande Haltung zeigt oder nennen wir es direkt, linke Mainstream-Haltung zeigt, ist gegen Meinungsvielfalt und Andersdenkende.

Jörg Klöckner / 13.10.2019

Aber man kann sich doch auch mit den Öffentlich Rechtlichen eine eigene Meinung einbilden…

Andreas Rochow / 13.10.2019

@ Robert Jankowski - Eine Idee, die auch mich gelegentlich ereilt hat. Dagegen spricht: 1. Achgut.com ist eine offene Plattform, die in Berichterstattung, Meinung und Feuilleton NICHT dem Mainstream, sondern allein journalistischen Grundsätzen folgt. 2. Politisches Engagement, dass sich hinter einem Medium verbirgt, lenkt ab von klaren parteipolitischen Bekenntnissen, mit denen der Blog Achgut.com nichts zu tun hat.  Natürlich hadert meine Phantasie mit mir, weil ich mir diese sympathische Provokation mit Achgut oder MAGA verbiete. Folgenlos gehen öffentliche Demonstrieren mit Parolen wie ACAB oder FCKAFD durch, das ist aber nicht unser Niveau. Ehrlicher wäre FCKDMKRT. Diese alles überwölbende verfassungsfeindliche Parole der Rebellenstars von heute bleibt aber vorsorglich unausgesprochen; wir sollen es nicht merken.

Andreas Rochow / 13.10.2019

Ihren Optimismus, verehrte Sabine Baumstark, kann ich nach dem DW-Interview von vor 5 Jahren nicht ganz nachvollziehen. Politycki versichert etwa in der Mitte des Videos ohne Not und ohne dazu befragt worden zu sein, er sei ein “überzeugter Europäer”. Das war seine Antwort auf Schumachers Frage, ob er ein “Kulturpessimist” sei. Solche Plattheiten sind Plattheiten, dumm und inhaltsleer. Als Deutscher ist man Europäer, ob man davon überzeugt ist oder nicht. Etwas Anderes gibt der Globus nicht her. Wenn er sich auf das Konstrukt der gleichwie vereinten EU hätte beziehen wollen, wären dem Schriftsteller dazu Möglichkeiten gegeben. Er hat es bewußt vermieden, sie zu nutzen. - Fünf Jahre später einem Senator und einem “abtrünnigen” Ulrich Greiner, der für mich über Jahrzehnte die ZEIT wesentlich geprägt hat, Rede und Antwort zu stehen, bleibt kulturgeschichtlich interessant. Wäre ich Bewohner von HH, würde ich die Veranstaltung verfolgen, um mich davon zu überzeugen, wie eng es im Korridor des Sagbaren geworden ist.

Marc Thorstein / 13.10.2019

Schön wäre es, wenn dies beispielgebenden Charakter hätte und endlich eine gute Diskussion aus der Mitte der Gesellschaft entstehen würde, die nicht noch mehr Polarisierung und Stärkung der extremen Ränder bewirkt, bevor noch mehr Zeit für wichtige Entscheidungen verloren wird. Es macht mir Mut, dass auch erste führende Journalisten wie Herr Döpfner (WELT) sich trauen, sehr sachlich und nicht mehr tendenziös zu berichten. Ich hoffe nur, es ist kein Strohfeuer. Der Antisemitismus, aber auch der Linksradikalismus in Coabhängkeit mit dem migrationsoffenen Klimaaktionismus machen mir extrem Sorge. Ich hoffe, dass endlich die klugen, gemäßigten und vernünftigen Kräfte ermutigt werden, ihre Sprache zu finden, ansonsten wird es katastrophal.

Robert Jankowski / 13.10.2019

Ich würde gerne dort wahlweise mit einem MAGA Käppi oder einem mit Achgut Logo auftreten. Einfach, um auch mal öffentlich “Haltung” zu zeigen. Mal sehen, wie schnall man damit die “letzte Brücke” einreisst und die üblichen Verdächtigen mit Schaum um den Mund bloßstellen kann. Leider habe ich weder ein MAGA Käppie und der Achgut Shop kommt nicht aus dem Quark in Sachen Merchandizing. Aber dort so aufzuschlagen, das wäre doch mal ein Spaß! :)

J. Polczer / 13.10.2019

“Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen. Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!” Ja, auch ich möchte daran glauben, auch wenn wir von so vielen Seiten beeinflusst werden, versuche ich mir immer wieder mein eigenes Urteil zu bilden.

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