Rainer Bonhorst / 10.01.2016 / 18:00 / 5 / Seite ausdrucken

Hallo Presserat? Wo bist du?

Ja wo ist er denn, der deutsche und auch österreichische Presserat? Hätten diese hehren Einrichtungen nicht auch etwas zur Frauenjagd muslimischer Einwanderer zu sagen?

Hätte sie. Denn der Presserat ist eine ganz wesentliche Quelle journalistischer Selbstzensur. Sagt doch die Richtlinie 12.1 im deutschen Pressekodex: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders zu beachten ist, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Hinzu fügen sollte man, dass dieser Artikel vom Presserat oft sehr eng, um nicht zu sagen engstirnig ausgelegt wurde. Schon mancher Chefredakteur (ich auch, als ich das noch war) hat den erhobenen Zeigefinger des Rats zu sehen bekommen, wenn er es etwa gewagt hat, eine rumänische Einbrecherbande eine rumänische Einbrecherbande zu nennen.

Hintergrund ist ja etwas gut Gemeintes. Der Presserat setzt sich für eine freiwillige Selbstkontrolle der Medien ein, um Exzessen der Berichterstattung entgegenzuwirken. Das ist auch notwendig. Journalisten sind alles andere als Engel. Aber wie weit gehört Verschweigen zum Journalismus, dessen eigentliche Aufgabe das Berichten ist? Und zwar das, was ist, und nicht das, was sein soll? Was ist das für ein oberlehrerhaftes Demokratieverständnis, wenn ausdrücklich davor gewarnt wird, dass die Erwähnung einer Tatsache „Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte“? Ist das nicht das Weltbild vom unmündigen Bürger? Ein Weltbild übrigens, das sich heutzutage auch in Demokratien erstaunlich weiter Verbreitung erfreut.

Nun also die Frage: Werden die Silvesterverbrechen von Köln und anderswo nicht nur Politik, Polizei und Journalisten sondern auch den Presserat zum Nachdenken anregen? Wenigstens, was die Interpretation seines Codex betrifft? Man muss den Text ja nicht mal verändern. Es genügt zu akzeptieren, dass die Erwähnung einer Herkunft oder Zugehörigkeit oft eben doch zu einer wahrhaftigen Berichterstattung gehört. Dazu bedarf es allerdings der Bereitschaft, zu akzeptieren, dass Leser, Hörer und Seher keine leicht verführbaren Kinder sind, denen man die Wahrheit nur in bekömmlichen Häppchen verabreichen darf, damit keine Vorurteile geschürt werden.

Mal sehen, ob der Presserat von sich hören lässt. Oder handelt es sich bei den Kölner Ereignissen gar nicht um Ereignisse sondern um bloße Vorurteile, die geschürt worden sind?

Und noch ‘ne Frage: Habe ich mit diesem Text gegen den Pressecodex verstoßen?

Siehe hierzu auch:
 

Hallo, liebe Muslime! Wo seid ihr?

Hallo? Herr Bundespräsident? Sind Sie da?

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (5)
Gerhard Keller / 11.01.2016

Ja, liebe Presse, verschweige mir bitte Sachverhalte, die bei mir zu Vorurteilen führen könnten. Darüberhinaus bin ich für die Kennzeichnungspflicht von Medienprodukten, die rücksichtslos die Wahrheit berichten.

Michael Hoeft / 11.01.2016

Ein Vorschlag für den Presserat: Der Kodex wird dahingehend geändert, dass künftig unter jedem betroffenen Artikel zwingend der Satz stehen muss: ” Beim Verfassen dieses Artikels wurden gemäß Punkt XY des Pressekodex Informationen zurückgehalten, die geeignet sein könnten, die Meinungsbildung des Lesers in unerwünschter Weise zu beeinflussen. Der Presserat weißt vorsorglich darauf hin, dass dieser Vorgang nicht mit Zensur gleichzusetzen ist”. Ich gebe diesem Vorschlag gute Realisierungschancen - eben weil er so abartig ist.

Dr. Ralph Buitoni / 11.01.2016

Nein, Herr Trakhtenbrot, Vorurteile entstehen nicht einfach durch Desinformation, sondern sie sind sehr oft auch tatsächlich “Nachurteile”, d.h. auf Erfahrung gegründet, auch wenn diese Erinnerung von Erfahrung oft zuspitzt. Jedes Vorurteil hat durchaus seinen wahren Kern, sonst würde es sich nämlich nicht auf Dauer halten können. Oder wäre es etwa ein Vorurteil, dass es sich bei den Deutschen um ein obrigkeitshöriges, zivilkulturell recht feiges, immer um Anpassung und Beifall bemühtes Volk von provinziellen Ignoranten handele? Die derzeitigen Ereignisse könnten jedenfalls als Bestätigung selbst der übelsten alliierten Feindpropaganda von 1939 - 1945 gelesen werden….

Alexej Trakhtenbrot / 10.01.2016

Wie entstehen denn Vorurteile? Durch Desinformation. Wer ständig falsche Tatsachenbehauptungen über eine Menschengruppe hört, akzeptiert sie irgendwann als wahr. So und nicht anders kommt es zu Vorurteilen. Aber niemals kann die Verbreitung von Wahrheit Vorurteile schaffen. Zur Desinformation gehört natürlich auch das Verschweigen von Fakten, wo ein unvoreingenommener Leser ihre Erwähnung erwarten würde. So schaffen Medien selber Vorurteile ganz anderer Art.

Frank Röder / 10.01.2016

Im Grundgesetz steht: “Zensur findet nicht statt.” Ist dieser einfache Satz für Journalisten so schwer zu verstehen?

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