Robert von Loewenstern / 26.01.2021 / 06:00 / Foto: Superbass / 97 / Seite ausdrucken

Hallo CDU, so werdet ihr Kanzler!

Liebe CDU, wir haben seltsame Zeiten, wisst ihr selbst. Die „FAZ“ eröffnete das neue Jahr mit Mumu-Sternchen, Ryanair schickte mir Mails mit der Aufforderung „Impfen und loslegen! Sommerurlaub buchen“, und in Umfragen war Norbert Röttgen Favorit für euren Chefposten. Crazy, oder?

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Ich persönlich finde vieles lustig. Im konkreten Fall alles. Spätestens bei eurem Problemchen mit dem CDU-Vorsitz war aber Schluss mit lustig. Da ging’s ums große Ganze, im Endeffekt um die Nachfolge der mächtigsten Frau der Welt. Und die Vorstellung, dass Norbert Röttgen mächtigste Frau der Welt wird, konnte einen schon umtreiben, sag ich mal.

Bei eurem „digitalen Parteitag“ habt ihr jetzt ein bisschen was geklärt. Zu „digital“ erst mal Respekt. Eure Oberbössin verkündet ja seit 2005 in jedem Wahlkampf, dass „die Digitalisierung“ bei ihr ganz oben auf der To-do-Liste steht und sofort aber mal wirklich was passieren muss. Ein sehr guter Anfang, finde ich, dass ihr euch nach 15 Jahren die Telefonnummer von einem Webdesigner (oder, wie ihr sagt, „EDV-Experten“) aus den Gelben Seiten gesucht habt, der euch erklärt, wie man eine Online-Konferenz zusammenklickt.

Ein Sieger, ein Verlierer und ein Gewinner

Zum Thema. Die entscheidende Frage ist immer noch nicht beantwortet: Wer wird Germany’s next Kanzlerin? Da habt ihr ein gewisses Problem und zwar kein kleines. Es ist ja so: Der Armin hat eine Art Naturrecht auf die Kandidatur, aber bei dem stimmen die Umfragewerte nicht. Deswegen meinen bei euch nicht wenige, der Söder müsste es machen. Dann gibt’s welche, die den Jens favorisieren. Und irgendwie geistern auch noch die Angela und der Friedrich rum bei der ganzen Geschichte. 

Bevor was schiefgeht, dachte ich, wir sollten das mal gemeinsam sortieren. Halten wir als Ergebnis eurer Klickwahl fest: Sieger ist der Armin, Verlierer ist der Friedrich, und Gewinner ist der Norbert. Der hat alles erreicht, was er wollte. Eine Chance auf den Vorsitz hatte er natürlich nie. Kandidiert hat der Norbert nur, um hinterher als Unterlegener einen Job abzustauben. Zwecks „Befriedung“ und „Einbindung“, wie ihr so ein Stillhalteabkommen nennt. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat der Norbert den Armin sogar auf offener Digitalbühne daran erinnert: „Du kannst dich auf mich verlassen. Wir müssen jetzt eine Mannschaft bilden!“ Übersetzt: Läuft mit dem Job, oder?

Wo wir gerade über Loser und Einbindung reden: Ich gebe zu, ich hatte geraume Zeit Hoffnungen, was den Friedrich angeht. War leider eine Illusion. Beziehungsweise Projektion, wie die Psychos sagen. 

„Ein Wort zu den Frauen“

Seien wir ehrlich, der Friedrich kann es nicht. Sein Ranschmeißen an die Grünen im „ganz zufällig“ metallic-grünen Anzug war genauso zum Fremdschämen wie auf der anderen Seite seine Abgrenzung von Tichy. Inklusive nachtreten. Dann wiederum entdeckte der Friedrich den Baby-Trump in sich und bejammerte das „Partei-Establishment“, das ihn per Wahlverschiebung verhindern wolle. Klar wurde er nach allen Regeln der Kunst gemobbt. Aber Mimimi hilft in solchen Fällen nicht weiter. Da ist gekonntes Gegentricksen angesagt, sprich: Politik.

Zur Politik gehört ein Gespür für den richtigen Ton mit dem richtigen Inhalt zur richtigen Zeit. Plus die richtige Mauschelei. All das hat er nicht drauf, der Friedrich. Ihm fehlt der Instinkt. Das bewies aufs Neue seine Bewerbungsrede. Müssen wir gar nicht lang diskutieren, es genügt ein kurzer Ausschnitt. – Und? Angeschaut? „Auch diejenigen, die sozial schwach sind, finden bei uns ein Herz und Zuwendung. In diesem Zusammenhang ein Wort zu den Frauen …“ Hallo? So ein Klopper bei der wichtigsten Rede seines Lebens? Wochenlang vorbereitet, abgestimmt, angepasst und eingeübt?

Ich sag’s ja nur, weil bei euch nach wie vor viele glauben, man müsse den Friedrich jetzt unbedingt „einbinden“. Liebe Leute, da hilft kein Bohren, der Zahn gehört gezogen. Vergesst den Fritz. Für alle mit Restzweifel: Der Friedrich hat null Bock, bei euch mitzuspielen, solange seine nicht die erste Geige ist.

Das Internet ist vor Lachen geplatzt

Das hat er ein paar Stunden nach seiner Wahlniederlage mit zwei Mitteilungen klargestellt, die umgehend zu Klassikern der Humorgeschichte wurden. Zuerst verzichtete der Friedrich „zugunsten der Frauen“ auf eine Kandidatur fürs CDU-Präsidium. Anschließend bot er dem Armin an, „in die jetzige Bundesregierung einzutreten und das Bundeswirtschaftsministerium zu übernehmen“.

Das Internet ist vor Lachen geplatzt, klar. Ich auch, klar. Kannste dir nicht ausdenken, so was. Außer natürlich, wenn du Friedrich Merz bist. Wahrscheinlich hat der Friedrich nur deshalb nicht angeboten, ab sofort das Bundeskanzleramt zu übernehmen oder Premierminister von Neuseeland zu werden oder König von Legoland, weil das ebenfalls schlecht für die Frauenquote wäre. Ach, herrlich, ich könnt mich immer noch wegschmeißen.

Falls irgend jemand bei euch nicht kapiert hat, was da abging, hier die Blitzanalyse. Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens: Der Friedrich hat ernsthaft geglaubt, er könnte auf derart sackdämliche Weise den Merkel-Spezialspezi Altmaier abschießen (so erzählt’s der „Spiegel“ aus einem „Geheimtreffen“). In diesem Fall gehört der Friedrich weder ins Wirtschaftsministerium noch sonst in ein Amt. Eher in betreutes Wohnen.

Das Angebot war eine Absage

Zweite Möglichkeit: Dem Friedrich war klar, dass das nichts werden kann mit seinem „Angebot zur Mitarbeit“. Dann war das Angebot in Wahrheit kein Angebot, sondern eine Absage. Und „angeboten“ hat er nur, damit er umgehend eine Abfuhr erhält und mit einer Ausrede herumwedeln kann: Ich wollte ja mitmachen, aber ihr habt mich nicht gelassen.

Dritte Option: Der Friedrich hat überhaupt nicht nachgedacht, einfach mal was rausgehauen und sich zum Vollhorst gemacht. So, wie sich halt jeder zum Vollhorst macht, der die Internet-Grundregel „Don’t drink and text“ missachtet und im Halbdelirium ein „Neuland“-Forum zuspammt.

Vielleicht sagt ihr jetzt, ach Gottchen, wie sympathisch, war bestimmt Variante drei. Blöderweise ist das die unwahrscheinlichste. Schließlich wurden die Tweets nicht vom Friedrich persönlich abgesetzt, sondern von seinen Social-Heinis, dem „Team Merz“. Gut, kann natürlich sein, dass sie alle zusammen am Wahlnachmittag um halb drei schon hackedicht waren. Grund genug hatten sie ja.

Der Friedrich kann es nicht

Egal, für welche Option ihr euch entscheidet, das Ergebnis ist in allen Fällen dasselbe: Der Friedrich kann es nicht. Daran ändert auch nichts, dass er zwei Tage nach seinen Realsatire-Tweets einen Brief an alle CDU-Mitglieder schickte. Darin „bedauert“ er, dass „am Wochenende Irritationen um meine Person entstanden sind“. So kann man es auch nennen, wenn halb Deutschland sich kichernd einnässt und die andere Hälfte die Augen auf Weiß dreht. 

In seinem Bedauerbrief droht der Friedrich: „Auch ohne Amt werde ich mein Versprechen einlösen, für die Partei weiter engagiert zu arbeiten.“ Da dürft ihr ihn gerne beim Wort nehmen. Bindet ihn ein, wahlkampftechnisch. Nur, viel wird da nicht sein. Wegen Corona wird es keine Wahlveranstaltungen im herkömmlichen Sinn geben. Der Friedrich weiß daher, dass sein tolles Angebot nicht in Arbeit ausarten wird.

Ich bleibe dabei: Der Friedrich ist Geschichte. Ich versteh euch ja, liebe CDUler, also die unter euch mit Vernunft und Verstand und Sehnsucht nach Wechsel. Mir tut es nicht weniger weh, ein weiteres Stückchen Hoffnung auf Besserung in einer zunehmend grenzdebil regierten Republik zu begraben. Aber was sein muss, muss sein. Ist wie in einer zerrütteten Ehe. Wenn man erkannt hat, dass es nicht passt, dann verabschiedet man sich besser kurz und schmerzhaft, als sich einem Schrecken ohne Ende auszuliefern.

Angela ist wie Corona

Apropos Schrecken ohne Ende: Der größte Stolperstein, der den Armin auf seinem Weg zur Kanzlerschaft noch zu Fall bringen könnte, ist der Söder. Gut, und der Armin selbst, natürlich. Der Unterschied zwischen dem Friedrich und dem Söder ist leicht erklärt. Der Friedrich hat Überzeugungen, kann aber keine Politik. Beim Söder ist es umgekehrt. Der kann Politik, hat aber keine Überzeugungen. Also genau wie die Angela. 

Mit der Angela wiederum verhält es sich wie mit Corona. Kaum hoffst du, die Seuche könnte bald ein Ende haben, stehen die Mutanten auf der Matte. Derzeit schreiben alle, der Armin sei die neue Angela. Da ist was dran. Ist aber trotzdem falsch, relativ gesehen. Beim großen Angela-Ähnlichkeitswettbewerb ist der Söder deutlich weiter vorn als der Armin.

Glaubt ihr nicht? Klar, der Armin war während der akuten Migrationskrise neben dem Altmaier der auffälligste Nibelungentreue, der noch das letzte Detail angelanischen Versagens im Gebühren-TV schönredete. Der Söder hingegen hat kritisiert, genörgelt und protestiert. Hat sogar das knackige Wort vom „Asyltourismus“ übernommen – was zuspitzte, aber den Kern der Sache mittig traf.

Drehfreudiger als ein Zweitakter

Tja, und dann? Dann hat der Söder gemerkt, von Angela lernen, heißt siegen lernen. Und das heißt zuallererst: flexibel sein. Der Söder hat kapiert, dass es sich mit Überzeugungen ähnlich verhält wie mit Unterwäsche. Es schadet nicht, sie regelmäßig zu wechseln. Seitdem ist er drehfreudiger als ein Yamaha-Zweitakter aus den Achtzigern.

Nach seinen diversen Spitzkehren weiß der Söder wohl manchmal selbst nicht mehr, wofür er gerade steht. Gut, das Wichtigste weiß er schon. Er ist ganz, ganz nah bei sich. Und bei der Angela natürlich. Seit aus dem schärfsten Kritiker der größte Fanboy wurde, stellt er ihr penetranter nach, als er die Grünen stalkt. Mittlerweile ist der Söder mehr Angela als die Angela. Deswegen sage ich, nicht der Armin ist die wahre Merkel-2.0-Mutation, sondern der Söder. Der Robin Alexander von der „Welt“ wirft sogar die These in die Runde, dass die Angela den Söder als Thronfolger favorisiert:

„Sollte sie am Ende auf Markus Söder von der CSU hoffen? Das wäre eine schöne Pointe. Denn kein Politiker – nicht einmal Horst Seehofer – hatte so heftig gegen ihre Flüchtlingspolitik Front gemacht und die Linksverschiebung der CDU. Aber als Ministerpräsident ging Söder barfuß nach Canossa: Merkel habe damals recht gehabt, er irrte, verkündet er. Bei Corona habe sie auch recht. Und an die Opposition der CSU zur Europapolitik will man sich gar nicht mehr erinnern.“

Der Söder ist kein „harter Hund“

So weit wie der Robin Alexander würde ich nicht gehen. Klar, die Angela wünscht sich keinen ausgewiesenen Angela-Kritiker als Nachfolger. Aber ansonsten ist es ihr herzlich egal, wer den Job macht. Sie beschäftigt, was unter ihrem Namen in den Geschichtsbüchern stehen wird.

Apropos History. Beziehungsweise Herstory. Es gibt ja bei euch immer noch welche, die glauben, die Angela würde wegen ihrer supi Beliebtheitswerte erneut antreten. Ich sag’s nicht zum ersten Mal: Könnt ihr knicken. Sie weiß, dass sie nie wieder mit besseren Werten abtreten kann als jetzt. Und wenn es ernst wird, dann gilt weder Germany first noch CDU first, sondern Angela first. Da ist die Angela nicht anders als der Donald oder der Wladimir oder der Söder.

In dem Zusammenhang können wir ein weiteres Missverständnis abräumen. Nein, der Söder ist kein „harter Hund“. Dort, wo andere mit Wirbeln und Bandscheiben geschlagen sind, ist er biegsamer als eine chinesische Turnerin. Der Söder hat nur früher als andere erkannt, dass das Harthund-Image im Geburtsland der legendären German Angst Punkte bringt. Außerdem ist ihm aufgefallen, dass man als Lockdown-Extremist kein Risiko eingeht. Wirtschaftlich und gesellschaftlich natürlich schon, aber nicht politisch. 

Angela und die Impfgrütze

Das Geniale an den Söderschen Maximalforderungen: Wenn mit ihrer Umsetzung die herbeiphantasierten Kennzahlen runtergehen, hat er alles richtig gemacht. Wenn die Zahlen nicht sinken, hat er auch alles richtig gemacht. Motto: Mehr ging nicht, wenn’s trotzdem nicht klappt, bin ich nicht schuld.

Und wenn andere seine ständigen „Einer geht noch“-Wünsche zurechtstutzen, kann der Söder immer behaupten: Auf meine Art wär’s besser gelaufen. Soll ihm erst mal einer das Gegenteil beweisen. Kurz, der Söder hat bei Corona frühzeitig kapiert, wie man eine politische Win-win-win-Situation erzeugt.

Das alles hat er von der Angela gelernt. Die hat eben erst wieder bewiesen, dass sie immer noch Politik kann: Die Angela weist den Jens an, die Impfstoffbesorgung ihrer Freundin bei der EU zu überlassen. Anschließend reitet EU-Uschi das Ding in die Grütze, wie von der EU und der Uschi gewohnt. Die beiden passen ja sehr gut zueinander. Als das mit der Impfgrütze publik wird, erklärt Angela die Impferei offiziell zur Chefsache, als wär sie vorher Jens-Sache gewesen. Zack, steht der Jens ohne Eier und Umfragepunkte da. Und die Angela hat ihre noch. Also die Umfragepunkte.

Nun mögt ihr einwenden, ist doch prima, wenn der Söder wie die Angela ist. Genau das brauchen wir. Bringt Stimmen, Diäten und Dienstwagen. Da habt ihr natürlich recht. Was schlecht für das Land ist, ist noch lange nicht schlecht für die CDU. 

Dem Söder fehlt was

Und weil ihr derzeit bei der Sonntagsfrage zwischen 35 und 40 Prozent pendelt, dürft ihr euch gerne ein drittes Nasenloch freuen. Aber denkt mal kurz zurück. Vor eurem Lottogewinn namens Corona sah das ganz anders aus. Im Sommer 2019 lagt ihr zehn Prozentpunkte tiefer, gleichauf mit den Grünen. Die Angela hat euch also über die Zeit genauso runtergerockt wie das ganze Land. Nebenbei hat sie es geschafft, als Vorsitzende jedes dritte CDU-Mitglied zu vertreiben.

Mit einem Kanzler Söder würde es euch ähnlich ergehen – nur zügiger. Selbst wenn der deutsche Furchtzwerg ihn voller Panik im September massenhaft wählen sollte: Der Söder nutzt sich schneller ab als die Angela. Ihm fehlt ein entscheidendes Merkel-Merkmal: Sitzfleisch. Der Söder hat keine Geduld. Er übertreibt und überzieht, erkennt nicht, wann Schluss sein muss.

Erinnert euch an den letzten Sommer. Da war der Höhepunkt der Söder-Mania erreicht. Sogar Hardcore-Linke bekannten reihenweise ihre heimliche Liebe zum neuen Heiland (zum Beispiel hier ab Min. 03:23). Der Gottgleiche, herabgestiegen vom Himmel und geformt aus edelster Frankenerde, werde uns Verdammten bestimmt noch das eine oder andere Jahr Restlaufzeit schenken, so die Hoffnung. 

Der Söder ist ein Risiko

Ein paar Monate später sah es schon anders aus. Söders ewiges Drauflegen und Hinterherfordern brachte auch strenggläubige Jünger ins Zweifeln. Seine immer überdrehtere Rhetorik rief sogar heftige Kritik hervor. Zu seinem Glück erwischte er erneut das richtige Rubbellos. Seit die Corona-Mutanten als neue Bedrohung über und zwischen uns schweben, ist er wieder im Spiel. Nur, das wird nicht ewig so weitergehen. Irgendwann lässt die Seuche den Söder im Stich.

Kurz, den Söder zum Kanzlerkandidaten zu küren, ist ein großes Risiko. Wer weiß schon, was im September ist? Wenn das Angela-Uschi-Impfversagen bis dahin halbwegs behoben sein sollte, dann braucht kein Mensch mehr einen Söder. Gut, den braucht auch so kein Mensch, aber dann könnte es halt noch schneller auffallen.

Außerdem ist es keineswegs ausgemacht, dass sich der Söder zur Kandidatur entschließt, selbst wenn ihr sie ihm antragt. Er ist einer, der erst springt, wenn er absolut sicher ist, dass er weich landet. Als Kanzler hätte er Ärger und Arbeit ohne Ende, das weiß er. Besser als in Bayern wird es für ihn nicht mehr. Dort sitzt er bequem auf seinem Thron und kann in die Bundespolitik grätschen, wenn und wann es ihm beliebt.

Er macht’s nicht

Meine Vermutung daher: Er macht’s nicht. Der Söder liebt es, mit der Kanzlerschaft zu kokettieren. Aber er wird „großzügig“ verzichten – verbunden mit dem Hinweis, dass er sein Wort gegeben hat: „Mein Platz ist in Bayern.“ Denken wird er sich das, was Franz Josef Strauß vor 46 Jahren aussprach: „Es ist mir egal, wer unter mir Bundeskanzler wird.“

Also, vergesst den Söder, genau wie den Friedrich und die Angela. Den Jens könnt ihr für die Kandidatur ebenfalls abschreiben, zumindest dieses Mal. Die Angela hat ihn bereits angeschossen, und wer weiß, was in der großen Corona-Offensive bis Herbst noch alles schiefgeht.

Was denn jetzt, werdet ihr fragen. Heißt das, wir müssen mit Armin, dem fleischgewordenen Smiley, leben, egal wie schwach seine Umfragewerte sind und wie die kommenden Landtagswahlen ausgehen? Natürlich, wenn er nicht rüberbringt, dass im flauschigen Grinsekatzenpelz ein kleiner Wolf steckt, könnte es eng werden für ihn.

Weinst du noch, oder wählst du schon?

Denken wir also über eine Armin-Alternative nach. Ihr bräuchtet eine bundesweit populäre Person, die idealerweise sowohl Überzeugungen hat als auch Politik kann. Irgendwas mit Rückgrat, Glaubwürdigkeit und der Traute, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Ein Bonus wäre, wenn er/sie/es zählbare Erfolge in Sachen Pandemiebekämpfung vorzuweisen hätte. Ein solches Premiumgeschöpf könnte möglicherweise sogar die kommende, scheinbar unaufhaltsame Megaseuche eindämmen. Also die Grünen.

Jetzt sagt ihr natürlich, so was gibt’s nicht in der CDU und wenn, dann hätten wir’s längst kaltgestellt. Klar. Aber mir fällt eine Person außerhalb der Union ein, die eine Menge der genannten Kriterien erfüllt. Der Name ist Palmer. Boris Palmer.

Ja, ihr rollt die Augen. Blöder Witz und so. Stimmt, ich fände das tatsächlich ziemlich witzig. Nur, da sind auch eine Menge Vorteile versteckt, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. Betrachtet Palmer wie Ikea: Entdecke die Möglichkeiten. Oder, in Anlehnung an einen jüngeren Schweden-Spruch: Weinst du noch, oder wählst du schon?

Ein Hammer-Coup

Zunächst mal wäre es ein Hammer-Coup, als Union einen Grünen aufzustellen. Euch wäre maximale Aufmerksamkeit sicher – und zwar nicht für eine Woche, sondern durchgehend bis zur Wahl. Das Grundproblem vom Armin ist ja, dass er praktisch keine eigenen Akzente setzen kann. Die Angela hat schon angekündigt, dass sie „bis zum letzten Tag“ volle Kraft voraus regieren will. Da wird der Armin nur so nebenher mitlaufen.

Das für euch wichtigste Argument: Der Palmer kann Wahlen gewinnen. Jetzt wendet ihr ein, war ja bisher nur kommunal, und dann noch im grünen Tübingen. Korrekt, aber bedenkt, dass Bürgermeister in Baden-Württemberg anders als anderswo direkt vom Volk gewählt werden. Bei seiner ersten OB-Kandidatur 2006 hat der Palmer auf Anhieb mit absoluter Mehrheit eine SPD-Amtsinhaberin weggekegelt.

2014 wurde er sogar mit über 60 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl ein Jahr zuvor kamen die Grünen in Tübingen auf 22,4 Prozent. Der Palmer hat also fast zwei Drittel seiner Stimmen nicht von eingefleischten Grünen geholt, sondern erfolgreich bei anderen Parteien gewildert. Tübingen hin oder her – das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Klima-Opportunismus muss sein

Nach herkömmlicher politischer Gesäßgeografie ist der Palmer nicht so einfach zu verorten. Die „taz“ nennt ihn „personifizierte grüne Realpolitik“, die Landes-FDP hat ihm schon mal ein Aufnahmeangebot gemacht, und das grüne Partei-Establishment hasst ihn, weil er ziemlich oft Richtiges sagt – zum Beispiel zur verfehlten Migrationspolitik oder zu „übertriebener ,politischer Korrektheit’“. Palmer kritisierte die Steuerpläne seiner Partei und den UN-Migrationspakt, engagiert sich gegen „Cancel Culture“ und steht für wirtschaftsfreundliche Politik.

Außerdem stellte er sich gegen die einseitige Corona-Politik von Bund und Ländern. Er beanstandete frühzeitig die Fixierung auf willkürliche „Inzidenz“-Kennziffern und forderte speziellen Schutz für gefährdete Gruppen. In seiner Stadt setzte er ein entsprechendes Konzept um – und war damit erfolgreich, wie aktuelle Zahlen zeigen.

Kurz, Palmer passt prinzipiell prima zur CDU, jedenfalls zu dem Teil von euch, der noch echte CDU ist. Zugleich passt Palmer zur neuen CDU. Er ist schließlich auf dem Klimatrip. Aber das kann den Vernünftigen unter euch egal beziehungsweise nur recht sein. Ohne eine satte Portion Klima-Opportunismus kann heute kein Politiker mehr oben mitspielen 

Nur so eine Idee

Kommt, CDUler, gebt zu, die Palmer-Kandidatur hätte einen gewissen Charme, stimmt’s? Eure Stammwähler würden sich damit arrangieren, und ihr könntet aus allen Richtungen ein paar Zusatzprozente abstauben: von realitätsnahen Grünen, von heimatlosen Liberal-Konservativen, sogar von verzweifelten AfD-Protestwählern. Eure Konkurrenz würdet ihr in tiefe Verwirrung stürzen, besonders eure Hauptgegner, die Grünen. 

Die müssten sich eine Lösung für ein nicht gerade kleines Problem ausdenken: Wie macht man als grüne Partei Wahlkampf gegen einen grünen Kanzlerkandidaten? Als Kanzler wäre der Palmer wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht. Er hat Keimdrüsen aus Chrom-Vanadium-Stahl und würde im Zweifel vernünftig und verantwortungsvoll regieren. 

Schon gut, war nur so eine Idee. Natürlich wissen wir alle, dass das nicht passieren wird. Es wird folgendermaßen laufen: Die Landtagswahlen am 14. März in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz werden so lala für euch ausgehen. Wenn’s sehr durchwachsen ist, schiebt ihr das geschmeidig auf eure dortigen „Spitzenkandidaten“. Deren Namen kennt ja eh keiner, nicht mal ihr selbst.

Anschließend wird der Armin mit dem Söder ein „Geheimtreffen“ abhalten, von dem „Bild“ und „Spiegel“ mit wörtlichen Zitaten und kulinarischen Details berichten. Ergebnis: Man ist sich unter Berücksichtigung aller Umstände und zum Wohle beider Völker, des deutschen und des bayerischen, einig, dass der Armin das Ding irgendwie durchzieht.

Aufbruch in eine neue Zeit

Bei der Bundesbriefwahl im September wird der Armin keine 40, aber um die 34 Prozent holen, was immer noch ein Tacken mehr ist als beim letzten Mal. Je nachdem, wie Sozis und Liberale abschneiden, werdet ihr kurz so tun, als ob ihr mit SPD und FDP eine Schwarz-rot-gold-Koalition sondiert. Anschließend werdet ihr endlich den schwarz-grünen Feuchttraum auf Bundesebene realisieren. 

Die Annalena wird überraschend Außenministerin und Vizekanzlerin, der Robert erhält zum Ausgleich das neue Superministerium Umwelt, Naturschutz und Verkehr. Der Jens wird Finanzminister, weil er mal Bankkaufmann war, und der Andi Scheuer Innenminister, wegen überragender Erfolge beziehungsweise Druck vom Söder. Die Doro Bär ist zwecks Kontinuität weiter für digital zuständig, weil „die Digitalisierung“ bekanntlich sehr wichtig ist. Ihr Jahresetat wird deshalb verzehnfacht auf 7.520 Euro. Die restlichen Posten und Pfosten werden ausgewürfelt. Ach ja, der Friedrich geht leer aus, und der Norbert wird Sonderbeauftragter für irgendwas mit international.

Die Medien werden die Regierung als Aufbruch in eine neue Zeit abfeiern. Ich werde bei Achgut auf dieses Stück verlinken und schreiben, dass ich’s schon immer wusste und außerdem lustig finde. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

PS, ich will nicht nerven wegen der Palmer-Sache, nur noch ein praktischer Hinweis: Wenn ihr mit dem Boris einen Grünen zum Kanzler macht, könntet ihr euren grünen Koalitionskumpels locker ein bis zwei Ministerien streichen. Zwinker, zwinker.

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netiquette:

Robert von Loewenstern / 26.01.2021

@ Ilona Grimm, zu: „Jetzt hatte ich gehofft, endlich zu erfahren, was ,Mumu-Sternchen‘ sind, doch nun funktioniert der Link nicht.“ ––––– Liebe Frau Grimm, die FAZ brachte Anfang des Jahres ein Sport-Stück, in dem tatsächlich ein Genderstern vorkam – oder, wie ich es nenne, Mumu-Sternchen. Wenn ich mich recht erinnere, lautete das Wort „Nachfolger*innen“. Marc Felix Serrao, Chefredaktor Deutschland der NZZ, twitterte ein Foto des Artikels. Leider hat er offenbar fast alle seine Tweets vor kurzem gelöscht. Herzlich, RvL

Irmgard Grünberg / 26.01.2021

Wunderbar, lieber Herr von Löwenstern, Sie können das - woher?  - etwa so : ” Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren” - ? Vielen herzlichen Dank mit Vorfreude auf Weiteres, zwecks Überleben des Corona-Disasters.

Winfried Jäger / 26.01.2021

Der Friedrich war schon immer schlau, aber er hat einen Fehler gemacht, als er glaubte vom bestbezahlten HSK-Politiker, weil im Europaprlament sitzend, direkt im Bundestag reüssieren zu können, ohne sich eine Machtbasis in NRW zu schaffen. Sowas vergessen die Rheinländer nicht und er ist schließlich Westfale. Biedenkopf hätte ihm eine Warnung sein müssen. Zu seiner jetzigen Kandidatur: Einkommensmillionär und über 60 .Was macht man, wenn es einem wirklich um die Sache geht? Man macht den Boris Johnson, d.h. man geht die Führung der eigenen Partei frontal an, wenn man deren Politik für falsch hält. Vor allem dann, wenn man der Liebling der Parteibasis ist. Was ist davon zu sehen? Gar nichts. Chorgeist ist völlig unangebracht, wenn es um die Zukunft des eigenen Landes geht. Man hält zu seinem Fußballverein und seiner Familie, aber nicht zu einer Partei, die nicht mehr die Interessen der eigenen Bürger vertritt. Sie haben Recht, er kann es nicht und ist auch charakterlich ungeeignet.

Charles Brûler / 26.01.2021

Ob nun “Schlagstock” oder “Egal” - Bei einem Grünen könnte ich mir sogar eine Kombination von beiden Politikstilen vorstellen. Vielleicht wird die nächste Wahl ja auch wieder “rückgängig” gemacht. Wegen “unverzeihlich” u.s.w.

Charles Brûler / 26.01.2021

Egal, wer es wird. Arbeitet der neue Kanzler mit den Mainstream-Medien zusammen, ist es egal wer es wird. Die Medien bestimmen dann weiter die Politik. Ein Kanzler, der z.B. ARD & ZDF ganz offiziell im Regen stehen lässt und mit den neuen Medien und Kanälen intensiv kooperiert, wäre eine wirkliche Änderung. Schön wäre auch ein öffentlicher Kanal, welcher einen Anteil vom GEZ-Aufkommen bekommt, in der all die neuen Kanäle vorbehaltlos und unzensiert berichten können. Das wäre eine glaubhafte Form von Demokratie. Damit meine ich das komplette Spektrum.

Pedro Jimenez / 26.01.2021

Merz hat Business-Blut geleckt. Da wird nicht abgestimmt und erst recht nicht kritisiert. Da wird gemacht, was er sagt, sonst: “you are fired”. Außerdem wirkt er hölzern und irgendwie von vorgestern. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass der ein Handy hat. Außer vielleicht so einen Knochen von Siemens oder Nokia oder Ericsson oder wie die damals alle hießen. Dagegen wirkt ja selbst unsere allseits beliebte Kaise…, äh Kanzlerin sympathisch und modern.

Paul Rujan / 26.01.2021

Wenn überhaupt, dann der nächste Kanzler-Paar heißt: Söder-Merkel! Die Erfahrung, Bodenständigkeit und politische Kontakte von Frau Merkel gepaart mit die jugendliche und massive Dynamik des Nürnbergers ist die perfekte Union für Deutschland. Die ganze Welt wird neidisch sein: ein Frau-Man Paar Kanzler, ein Meilenstein in Sache Politik und Demokratie. ( Es ist alles schon entschieden, man wartet nur auf die richtige Zeitpunkt. )

Walter Heldmann / 26.01.2021

Danke, schon lange nicht so viel spaß beim lesen gehabt. 1. preis in polit. Analyse und Comedy.

Karl Dreher / 26.01.2021

So wundervolle herrliche Satire - Kompliment; sie ist vortrefflich!

Wieland Schmied / 26.01.2021

Mein Gott, was ist aus der CDU und ihrer Anhängerschaft (auch hier) nur geworden? In vermeintlicher Ermangelung eigener potenter Führungskräfte   - so wie es sie einst in großer Zahl bei den Christlichen Schwestern gab - will man einen Melonenmann auf den Schild heben, aussen zwar hauchdünn grün, aber innen, bis zu den braunen Kernen hinab, tiefrot. Scheint so, daß es dieser Partei, selbstredend natürlich nicht nur ihr, lediglich darum geht, am Schalthebel sitzen/bleiben zu können. Man will also die Asche konservieren und nicht das letzte Bißchen vorhandener Glut zu einem wärmenden Feuer entfachen. So wird es also In der Höhle kalt und dunkel bleiben. Gute Nacht, Freunde.

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