Der Kreml hat ein Export-Verbot für russisches Birkenholz nach Europa verhängt, was Herstellern von Toilettenpapier ein Rohstoffproblem beschert. Folge: Das Klopapier wird nicht nur knapper und teurer, sondern oft auch härter.
Selbst Kriegs- und Krisenzeiten bringen Nachrichten hervor, die einen eigentlich - also wenn alles nicht so ernst wäre - mit ihrem realsatirischen Unterhaltungswert ein wenig aufheitern könnten. Nachdem wir vor zweieinhalb Jahren schon einmal eine Toilettenpapier-Krise erleben durften, könnte dieses lange Zeit unscheinbare Produkt nicht nur wieder knapp und teuer werden, sondern weniger weich sein, heißt es in Medienberichten.
In Reaktion auf die Sanktionen des Westens hat der Kreml im März die Ausfuhr von Birkenholz untersagt, was zunächst außerhalb der Fachwelt zunächst sicher kaum jemanden ernsthaft beunruhigt hatte. Doch die kurzen Fasern des Baumes machen Zellstoffe weicher und sind daher ein wichtiger Bestandteil von Toilettenpapieren, berichtet cash.ch. Nach Branchenschätzungen dürften demnach mit den russischen Sanktionen rund 800.000 bis 1,2 Millionen Tonnen Zellstoff vom Markt verschwinden. Die Zellstoffpreise seien in diesem Jahr bereits um rund 45 Prozent gestiegen, da mit der Gaskrise die Kosten für die energieintensive Umwandlung von Holzschnitzeln in Zellulosebrei in die Höhe geschnellt seien. Jetzt wird auch noch das nötige Holz knapp.
“Für den Holzbedarf gibt es keine Entlastung aus dem Ausland”, habe Paula Horne, Analysechefin beim PTT Research Institute in Helsinki cash.ch zufolge erklärt. Nach Angaben von Eurostat sei Finnland nach Schweden der zweitgrößte europäische Produzent von Zellstoff, dem Ausgangsstoff für Hygieneprodukte wie Toilettenpapier und Papiertaschentüchern. Früher habe Finnland rund 10 Prozent des Holzbedarfs aus Russland gedeckt. Der finnische Papier- und Verpackungshersteller Stora Enso habe in Reaktion auf die schwindenden Ressourcen aus Russland Rezepturen angepasst, um Zellstoff aus langen Fasern verwenden zu können. Die Veränderungen würden das Papier zwar stärker, aber auch weniger weich und teurer werden lassen.
Manche Hersteller hätten sich entschlossen, die Produktion zu senken. Der Toilettenpapierhersteller Metsa Tissue habe gewarnt, dass weitere Drosselungen wahrscheinlich wären. Die schwedische Essity AB hätte die Preise angehoben. Der deutsche Toilettenpapier-Riese Hakle hat angesichts des Kostenschocks bei Energie und Rohstoffen bekanntlich bereits Insolvenz angemeldet.
Druck auf das globale Zellstoffangebot komme zudem auch von mehreren ungeplanten Fabrikausfällen. In diesem Jahr habe ein Streik mehr als drei Monate lang die Produktion in Finnland belastet. In Spanien habe Trockenheit den Hersteller Ence Energia Y Celulosa gezwungen, sein Werk in Pontevedra ab Juli zu schließen. Die brasilianische Suzano, der weltgrößte Zellstoffproduzent, habe eine Zellstofflinie in seinem Werk in Aracruz für fast 60 Tage gestoppt, um im vierten Quartal eine Modernisierung durchzuführen. Der Markt in diesem Jahr bis September weltweit bereits mehr als 1,4 Millionen Tonnen Zellstoff verloren. Zellstoffkunden in Europa wären besorgt und suchten in anderen Teilen der Welt nach Angeboten.
