Rainer Bonhorst / 06.06.2020 / 14:00 / Foto: Pixabay / 13 / Seite ausdrucken

Haariges aus der Welt des Profi-Fußballs

Hier aus aktuellem Anlass eine soziologische Betrachtung der Rolle des Haupthaars im Sport unter besonderer Berücksichtigung des Profi-Fußballs. Zunächst ein Wort zur historischen Entwicklung, also ein kurzer Blick auf die vorprofessionelle Zeit. Bei Helmut Rahn, Uwe Seeler, Fritz Walter und Co., den Helden der frühen Jahre, die noch für 'nen Appel und 'n Ei Weltmeister wurden, spielten die Frisuren auf dem Platz noch eine untergeordnete Rolle. Man trug das Haar irgendwie mittellang nach hinten geklatscht und notfalls mit Hilfe eines Einweck-Gummis gesichert – fertig. Nachkriegs-Schlichtheit auch auf begnadeten Athleten-Köpfen.

Das änderte sich dramatisch in den Hippie- und APO-Jahren. Die fußballerische Haartracht wurde ein Thema, als sich inzwischen wohlhabende Profis der siebziger Jahre wie Paul Breitner und Günter Netzer mit außerparlamentarisch oppositionellen Langhaarfrisuren schmückten. Die Stars der 1974er Weltmeisterschaft liefen nicht nur über den Platz, sie durchwehten ihn. Doch dies war erst ein Vorgeschmack auf die Dinge, die noch kommen würden.

Denn die kickenden Multimillionäre der Zweitausender Jahre haben die Kunst der Haargestaltung zu voller Blüte gebracht. Das, was sich oben auf ihren Köpfen befindet, hat sich eine fast gleichberechtigte Position neben dem rein Fußballerischen erobert. Die Varianten reichen von komplexem Wuschel über Kahlschlag an Hinter- und Seitenkopf bis hin zum teils farblich akzentuierten Haar-Tattoo. Ein Zentrum dieser Kunst ist offenbar Dortmund, genauer: BVB Borussia.

Beim Fußball weiß man nie, wie es ausgeht

Damit wären wir beim aktuellen Anlass dieser Betrachtung. Denn Dortmund hat einen Super-Star der Kopfschmuck-Gestaltung hervorgebracht. Winnie (Winfried) Nana Karkari, der sich auch „Fresh Prince the Barber“ nennt, hat sich im schicken Düsseldorf in einer der coolsten Friseur-Praxen, die sich „Hair Kingdom“ nennt, einen Namen gemacht. Und da zusammenwächst, was zusammen gehört, konnte es nicht ausbleiben, dass sich die kopfhaarbewussten Superstars von Borussia Dortmund und der aus Dortmund in die Landeshauptstadt aufgestiegene Barber zusammenfanden.

Theoretisch könnten die vermögenden Kicker mit ihren Ferraris und Lamborghinis mal schnell von Dortmund zum frischen Prinzen nach Düsseldorf brettern, um sich dort stylen zu lassen. Aber für diese Prominenz und aus Heimatliebe kommt Winnie Nana Markari mit seinem Haar-Design-Werkzeug gerne nach Dortmund, um die Rasenhelden spielfein zu machen.

Das muss halt sein, ganz wie die wirklich feine Dame nur mit frisch ondulierter Haarpracht in die Oper geht. Meiner Meinung nach kann man ein modernes Fußball-Spiel durchaus als Rasen-Oper bezeichnen: Es ist Musik und Drama drin und die Darsteller gehen vor ihrem Auftritt in die Maske, sprich: sie begeben sich in die Hände des frischen Barber-Prinzen. Einen Unterschied gibt es allerdings: Bei der Oper weiß man, wie sie endet. (Der Sopran stirbt, es sei denn, es handelt sich um eine komische Oper. Dann heiratet der Sopran, und zwar nicht den alten Bariton, sondern den schönen Tenor.) Beim Fußball hingegen weiß man nie, wie es ausgeht.

Ein gewaltiger Fußball-Skandal

Das heißt: Man weiß nicht, wie es ausgeht, wenn das Spiel ohne Bayern München stattfindet. Spielen die Bayern, ist das Ende so vorhersagbar wie das der Oper. Auch Dortmund kann als ewige Nummer zwei nicht an dem Gesetz rütteln, dass Bayern München deutscher Meister wird. Allerdings haben die Dortmunder ihren Winnie Nana Karkari. Sie mögen nur der zweite Sieger sein, dafür aber bringen sie dank des „Fresh Prince the Barber“ die deutlich cooleren Frisuren auf den Platz. Auch bei Bayern München hat der Haar-Kult die heute übliche Stellung. Aber die Borussen sind auf diesem Gebiet unschlagbar.

Ach, fast hätte ich den aktuellen Anlass für die Analyse aus dem Auge verlorenen: Ein halbes Dutzend Borussen haben für einen neuen, gewaltigen Fußball-Skandal gesorgt, weil sie sich in Corona-Zeiten von ihrem Prinzen haben ondulieren lassen, ohne die strengen Hygiene-Vorschriften einzuhalten. Wie es heißt, sollen sich Jaden Sancho, Raphael Guerreiro, Manuel Akanji, Dan-Axel Zagadou, Thorgan Hazard und Axel Witzel ohne Mundschutz dem Messer ausgesetzt haben. Der Barber selber soll sogar ohne den in Nordrhein-Westfalen vorgeschriebenen Gesichtsschild (ersatzweise Schutzbrille) haardesignt haben. Die Verdächtigen bestreiten allerdings die Vorwürfe. Es steht Aussage gegen Aussage. Die Klärung dieses Kriminalfalls dürfte sich noch hinziehen.

Darum hier ein vorläufiges dreifaches Fazit. Erstens: Corona beschert uns Probleme, auf die wir ohne das Virus auch in unseren phantastischsten Träumen nicht kämen. Zweitens: Wenn die Sehnsucht nach einem perfekten Herren-Haarschnitt überwältigend ist, geht der Sehnsüchtige notfalls auch das Risiko eines Verstoßes gegen obrigkeitliche Verordnungen ein. Und drittens: Entscheidend im modernen Fußball ist nun mal, dass man perfekt frisiert auf den Platz läuft. 

Foto: Pixabay

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Alex Micham / 06.06.2020

Bitte auch über den Sack Reis berichten, der in China umgefallen ist.

Hubert Bauer / 06.06.2020

Uwe Seeler ist nie Weltmeister gewesen.

Bernd Ackermann / 06.06.2020

Hach, schon das zweite Haar in der Suppe nachdem die Spieler von Rote Brause Leipzig ihren Coiffeur aus England haben einfliegen lassen. Haarige Sache. Aber so sehr unterscheiden sich die aktuellen Kicker gar nicht von der Generation von 1974, man vergleiche nur Paule Breiter von damals mit Axel Witsel von heute. Noch ein Schnauzer und die beiden gingen als einige Zwillinge durch. Fast. Allerdings: nichts und niemand schlägt Angela Merkels kugelsichere Frisur, so viel steht fest.

Claudius Pappe / 06.06.2020

Die Fussball-Millionäre machen nun in Politik………... …..es kotzt mich an…………….

Hjalmar Kreutzer / 06.06.2020

Zwei Dinge fand ich beim letzten kurzen WM-Auftritt „der Mannschaft“ bemerkenswert: In der gegnerischen Hälfte wurde regelmäßig so lange Rasenhalma gespielt, bis man den Ball an einen Gegenspieler verdribbelte, aber alle „hatten die Haare schön“. Wieder Lebenszeit für andere schöne Dinge gespart, statt Fußball zu gucken, danke liebe „Mannschaft“!

P. F. Hilker / 06.06.2020

Ein ekelhaftes Volk.

fritz klein / 06.06.2020

Ich habe seit viele Jahren das Betrachten der überbezahlten Jungmillionäre beim Rumstehen auf dem Fussballplatz aufgegeben. Brot und Spiele, d.h. heute vergleichbar: Einkommen aus Staatsmitteln und Bundesligafussball, waren auch im dekadenten Rom wichtig bis zum Schluss, um die Leute ruhig zu halten.

Jürgen Fischer / 06.06.2020

Tja, hätte es sich um Lieschen Müller oder so jemanden gehandelt, wäre ihr/ihm kein Paparazzo nachgeschlichen und das Ganze wäre nie aufgeflogen. Womit Epikur wieder bestätigt wird: Lebe im Verborgenen! Es mag ein schwacher Trost sein, dass Lieschen Müller ohnehin nicht in solche Verlegenheit kommen würde, weil sie sich derartige Eskapaden nicht leisten kann und will. Aber die will ja vermutlich nichtmal Fußball schauen in unserer modernen Zeit. Ich übrigens auch nicht. Ich kann aber mit Haarschneidemaschine und Schere gut genug umgehen, dass ich für meinen Haarschnitt selbst verantwortlich zeichne. In die Schlagzeilen möchte ich deswegen trotzdem nicht.

Detlef Dechant / 06.06.2020

Diese Aufregung, gerade auch von den Medien ausgehend, ist doch pure Heuchelei. Während des Shutdowns war der Besuch der Friseure untersagt. Noch immer gelten strenge Regelungen beim Friseur, und Kosmetik geht gar nicht. Nun stellt sich die Frage: Da Fußball auch Darstellung, Unterhaltung, Show und Theater ist, gilt es, sich Publikumswirksam darzustellen. Also muss auch ein Fußballer in die Maske. Wer glaubt denn, dass die Redakteure, Politiker etc. ihr Topaussehen vor der Kamera hinbekommen haben unter Einhalten aller auch für den Otto-Normal-Verbraucher angeordneten Corona-Maßnahmen?

Frank Stricker / 06.06.2020

Rechnen wir mal, zur Zeit sind angeblich noch etwa 7000 Personen aktiv mit dem Virus infiziert. Hochgerechnet auf die Einwohnerzahl in Deutschland von ca. 80.00000 bedeutet das, die Wahrscheinlichkeit dass sich zwei Fremde mit dem jeweiligen Virus treffen ist etwa 1 zu 11 000. Gehen wir mal davon aus, dass beim Friseurbesuch keine “Körperflüssigkeiten” ausgetauscht werden, dürfte die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung um den Faktor 10 vermindert werden, also 1 zu 110 000. Gehen wir weiterhin davon aus, dass die Mortalitätsrate in Deutschland bei etwa 2 % liegt, wäre das Risko für die Dortmunder Spieler, sich mit tödlichen Folgen anzustecken,  etwa 1 zu 5,5 Millionen . Ganz nüchtern betrachtet, das Risiko ist sehr wohl kalkulierbar………..

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