Michael Miersch (Archiv) / 29.12.2006 / 12:29 / 0 / Seite ausdrucken

Gutes altes Jahr

Kolumne von Maxeiner & Miersch erschiene in DIE WELT am 29.12.2006:
Man soll ja bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben. Das Jahr 2006 ist noch nicht ganz vorüber – es kann vor dem 31. Dezember Mit-ternacht immer noch ein Erdbeben oder ein Tsunami losbrechen. Die Tektonik nimmt keine Rücksicht auf Sylvesterpartys. Wenn aber im letz-ten Moment nichts mehr passiert, lässt sich durchaus sagen, dass die Natur im vergangenen Jahr so freundlich wie selten zu uns Menschen war.

Laut einer ersten Übersicht der großen schweizer Rückversicherung Swiss Re war 2006 ein schadenarmes Jahr. Naturkatastrophen und von Menschen gemachte Desaster wie Flugzeugabstürze verursachten weltweit Schäden von zirka 40 Milliarden Dollar. Rund 30 000 Menschen kamen ums Leben. Das hört sich schrecklich an und ist es auch. Doch im Verhältnis zu früheren Jahren ist dies wenig. 2005 starben mehr als dreimal so viele Menschen durch Katastrophen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind nur 1988 und 1997 geringere Schäden verzeich-net worden.

Die Bilanz ist umso erfreulicher, wenn man sich erinnert, dass zweimal im Jahr 2006 die Katastrophen-Erwartung heftig anschwoll. Das erste mal kurz nach Jahresbeginn, als auch in Deutschland bei toten Wasser-vögeln die Vogelgrippe diagnostiziert wurde. Ein Seuchenzug nach Art der mittelalterlichen Pest schien unmittelbar bevor zu stehen, blieb dann aber aus. Gegen Herbst hatten düstere Vorhersagen wieder Konjunktur, denn man erinnerte sich an die Prognosen vom Vorjahr, als drei schwere Wirbelstürme den Südosten der Vereinigten Staaten heimgesucht hat-ten. So würde es nun weitergehen erklärten Al Gore und andere wohl-meinende Warner. Doch die Hurrikan-Saison 2006 fiel überaus milde aus. Die Zahl der tropischen Stürme über dem Atlantik war die zweitnied-rigste in den letzten zwölf Jahren.

Apropos Statistik: Die globale Durchschnittstemperatur 2006 war höchstwahrscheinlich die kühlste seit fünf Jahren. Das werden Sie aber vermutlich kaum irgendwo gelesen haben. Eher schon, dass 2006 das sechstwärmste Jahr seit 1998 war. Beides stimmt, es kommt nur auf die Betrachtungsweise an. Auch die erfreuliche Katastrophenbilanz der Swiss Re schaffte es nicht auf die Titelseiten und in die Hauptnachrich-ten. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie die Schlagzeilen gelautet hätten, wäre es ein Katastrophenrekordjahr gewe-sen.

Nicht nur für Journalisten, Politiker und Klimalobby kommt die Desaster-flaute etwas unpässlich. Auch die Munich Re der große Konkurrent der Swiss Re gerät ein wenig in Erklärungsnot. Das Unternehmen, das sich in der Öffentlichkeit stets gern mit apokalyptischen Klimapropheten um-gibt, steuert für 2006 einen Rekordgewinn von über 3,2 Milliarden Euro an. Dennoch werden die Gebühren für die Kunden kräftig erhöht. Aus weiser Voraussicht natürlich, denn so ein leitender Manager des Kon-zerns: „Es war der wärmste Winteranfang seit vor über 100 Jahren mit systematischen Wetteraufzeichnungen begonnen wurde.“ (Was für Westeuropa stimmt). Er warnte vor Winterstürmen und raunte sorgen-voll: „Das Wetter da draußen ist nicht viel versprechend.“  Außer natür-lich für die Gewinnerwartungen großer Rückversicherer.

Werfen wir zum Schluss nochmals einen Blick auf die Einschätzung der schweizer Wettbewerber. Die erwähnten neben der geringeren Zahl der Naturkatastrophen noch einen zweiten Umstand, der die Schadensbilanz 2006 absenkte: Die Desaster fanden hauptsächlich in ärmeren Ländern statt, wo weniger Leute ihr Hab und Gut versichert haben. In Jahren mit hohen Schäden wird dieser Faktor selten thematisiert: Dass Naturkatast-rophen immer teurer werden liegt in erster Linie daran, dass immer mehr Menschen so viel besitzen, dass es sich lohnt dafür Versicherungsver-träge abzuschließen. Eine gute Nachricht von wachsendem Wohlstand, die sich hinter düsteren Botschaften versteckt. Hoffen wir also, dass die Natur 2007 noch eine Weile freundlich bleibt – und helfen wir denen, die sich nicht aus eigener Kraft vor ihr schützen können.

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