Armut und soziale Ungleichheit soll Kolumbien im Jahre 1964 auf den Kriegspfad getrieben und zwei Jahre später die Revolutionären Streitkräfte (FARC) hervorgebracht haben. Da aber die Kaufkraft zwischen 1967 und 2007 von 1.700 auf 8.600 Dollar pro Kopf hochschießt und gerade in den reichsten Provinzen am meisten getötet wird, verliert die ökonomische Erklärung selbst bei Altmarxistischen rasant an Ansehen. Kaum besser ergeht es anderen Deutungen zu den 60.000 Toten der letzten Jahrzehnte: (1) Kubas Beispiel habe die Linke zu den Waffen greifen lassen; (2) Der Antikokainfeldzug der USA sei der Hauptschuldige; (3) schroffe Berge und abgelegene Täler hätten die Homogenität des Landes verhindert und damit den Hass geschürt; (4) zu viele Großstädte hätten um den Titel der Führungsmetropole gerungen oder (5) die Drogenbarone seien die eigentlichen Kriegstreiber.
Gelegentlich wird bescheiden von einem War without End (CNN) berichtet oder ein losgelöster und ewig sich fortzeugender Hass diagnostiziert. Doch selbst diese vagen Einschätzungen erweisen sich im Angesicht baldigen Friedens als bloße Ratlosigkeiten. Auch für das Versiegen der Kämpfe wird ein Faktorenbündel präsentiert, das von einer mysteriösen Kriegsmüdigkeit bis hin zu den Steherqualitäten Álvaro Uribes reicht. Seit 2002 arbeite dieser Präsident so entschlossen gegen die Dschungelsoldaten, dass bereits 30.000 von ihnen entnervt aufgegeben hätten. Doch auch frühere Präsidenten hatten eine Reputation für Härte und richteten dennoch nichts aus.
Der 1952 geborene Uribe wächst – wie auch der im März 2008 verstorbener FARC-Führer Marulanda – als einer von fünf Brüdern auf. Er selbst jedoch hat nur noch zwei Kinder. Damit spiegelt er die demographische Situation seiner Heimat, wo die Frauen zwischen 1945 und 1975 durchweg drei bis vier Söhne aufziehen. Die werden zwischen 1965 und 1995 wütende junge Männer. Nicht alle können auf akzeptable Positionen rechnen, weshalb die Kühnsten und Kräftigsten Ausschau halten nach einleuchtenden Rechtfertigungen für den Aufstieg durch Gewalt. Als noble Kämpfer für die Freiheit und treue Verteidiger des Gesetzes dezimieren sie sich alsbald gegenseitig. Bei einer Bevölkerungsexplosion von 10 auf 42 Millionen zwischen 1945 und 2000 lassen sich alle Verluste spielend ausgleichen. Das hat in der Tat etwas mit einem sich fortzeugenden Prozess zu tun.
Im Jahr 2008 jedoch, in dem sichtbar gealterte Revolutionsführer fallen, versterben oder – zu Demokraten gewandelt – überlaufen, sollten eigentlich die 1990 Geborenen ihre Ränge schleunigst wieder auffüllen. Doch die Achtzehnjährigen weigern sich. Denn seit ihrem Geburtsjahr werden in Kolumbien nicht mehr sieben, sondern nur noch drei Kinder aufgezogen. Es ist dieser dramatische Geburtenrückgang, der die Guerilla entmannt. Und es kann für sie auch nicht wieder besser werden, weil Kolumbiens Frauen heute sogar nur noch einen – daheim dringend benötigten – Sohn aufziehen. Dieser elementare Befund steht hinter der enigmatischen Kriegsmüdigkeit. Wer beim schönen Cartagena an der Karibik billig kaufen wollte, solange die Kanonen donnern, kommt also längst zu spät.