1995 hielt Gunnar Heinsohn in Ruanda eine Rede über die deutschen Erfahrungen bei dem Versuch der Versöhnung nach einem Genozid.
Vom 1. bis 5. November 1995 fand in Ruandas Hauptstadt Kigali die Conférence Internationale sur „Genocide, Impunite et Responsabilite“ statt. Das Ziel dieser Konferenz war es, die internationale Gemeinschaft in die Suche nach einer tragfähigen Lösung für die Probleme, mit denen Ruanda nach dem Völkermord im Jahr 1994 konfrontiert war, einzubeziehen.
Es wurden bewusst Teilnehmer aus Ländern eingeladen, die selbst Völkermord und andere massive Menschenrechtsverletzungen erlebt haben. Einer dieser Teilnehmer war der Ökonom und Soziologe Gunnar Heinsohn, der auch für Achgut zahlreiche Artikel verfasst hat und am 16. Februar 2023 verstarb. Heinsohn hatte sich einen Ruf als Experte für Genozide und andere Massentötungen erarbeitet. Seit 1993 war er Sprecher des von ihm gegründeten Instituts für vergleichende Völkermordforschung (Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung). Sein gerade frisch erschienenes Buch „Warum Auschwitz?“ wurde im Februar 1995 unter den Sachbüchern des Monats von der Süddeutschen Zeitung und dem NDR auf Platz 3 gewählt. 1998 erschien das Lexikon der Völkermorde aus seiner Feder.
In Kigali sprach Heinsohn über die Frage, welche Lehren aus der deutschen Erfahrung für eine Versöhnung nach einem Genozid gezogen werden könnten. Er empfahl der Tutsi-Regierung, die eigene Bevölkerungsgruppe zu schützen und die Hutu davon zu überzeugen, dass es keine (kollektive) Rache geben würde. Alle zu verurteilenden Akte, auch die, die von den eigenen Leuten, also den Tutsi, begangen wurden, sollten offengelegt werden: „ ... die Taten der Opfer und ihrer Armee (…) müssen ebenso aufgedeckt und vor Gericht gestellt werden wie die Vergehen der Täter. Das Aufdecken der Schwächen auf allen Seiten untergräbt nicht die Sache der Opfer, sondern ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Versöhnung. Dennoch kann es schwierig und manchmal herzzerreißend sein, einen solchen Ansatz umzusetzen.“
Leugnung verhindert Versöhnung
Heinsohn wies darauf hin, dass Ruanda eine Instanz brauche, die eine ähnliche Funktion ausfüllen könnte wie die Alliierten für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und betrachtete die damalige Europäische Gemeinschaft als den besten Kandidaten dafür, eine solche „noble und dringende Aufgabe” zu erfüllen. Er gab der Regierung den Rat, trotz der Armut des Landes unbedingt Wiedergutmachung zu leisten und die Opfer zu entschädigen, ähnlich wie Konrad Adenauer dies 1951/52 für Israel zugesagt hat.
Außerdem betonte er die Notwendigkeit von Prozessen analog zu den Nürnberger Prozessen und der Entnazifizierung, die nicht vorzeitig beendet werden sollten, wie dies in Deutschland mit Beginn des Kalten Krieges geschehen sei. Die Konfrontation der Opfer mit den Tätern nach diesen schlimmen Ereignissen werde sehr schwierig werden. Die Täter müssten darauf gefasst sein, von den Opfern Ablehnung zu erfahren und sollten diese dennoch dauerhaft als ebenbürtige Mitbürger akzeptieren.
Aktive Leugnung des Genozids sollte, wie die Holocaust-Leugnung, unter Strafe gestellt werden. Als Negativbeispiel führte er die Türkei an, wo der Genozid von 1915 an den Armeniern geleugnet werde und keine Versöhnung stattfinden konnte. Es ist unangenehm zu wissen und zuzugeben, dass das eigene Volk an einem Genozid beteiligt war, aber trotzdem dürfte dieses Wissen nicht in Vergessenheit geraten. Heinsohn gab seinen Zuhörern den Rat, einen Gedenktag festzulegen und nicht so lange zu zögern wie Deutschland, das offiziell erst 1966 ein Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz eingeführt hatte.
Eigentumsordnung für ökonomische Entwicklung
Zur Aufarbeitung machte er weitere Vorschläge wie die Einrichtung einer Dokumentationsstelle, Filme über den Genozid (analog zu Filmen wie „Schindlers Liste“), die Überarbeitung von Schulbüchern und ein öffentliches Eingeständnis der Schuld, wie es im Stuttgarter Schuldbekenntnis am 9. Oktober 1945 geschah. Er schlug auch Jugendaustauschprogramme vor sowie die Auszeichnung von Hutu, die sich während des Massenmords für die verfolgten Tutsi eingesetzt hatten. Medizinische und psychologische Hilfe für die Opfer sollte ebenfalls nicht zu kurz kommen.
Um weitere Völkermorde für die Zukunft zu verhindern und Extremisten keine Anhaltspunkte zu bieten, sah Heinsohn die wirtschaftliche Entwicklung als entscheidend an. Man solle der Bevölkerung durch Landreformen zu Eigentum verhelfen und dadurch dafür sorgen, dass die Menschen Sicherheiten stellen und dafür Kredite aufnehmen können. Dies würde die inländische wirtschaftliche Betätigung ankurbeln und das Land von ausländischen Krediten immer unabhängiger machen.
Es ist unklar, inwiefern diese Rede (und die anderen Reden auf der Konferenz) einen Einfluss auf die erfolgreiche ruandische Versöhnungspolitik hatten, aber es ist durchaus denkbar. Gern können wir den Volltext der Rede Gunnar Heinsohns Interessenten zusenden. Bei Interesse melden Sie sich bitte unter der Email-Adresse media@achgut.com.
Vgl. zum Völkermord in Ruanda auch den Beitrag von Volker Seitz.
Marie Wiesner gebührt Dank für die Lektüre und Auswertung der Heinsohn-Rede.
Christoph Kramer, geb. 1978, studierter Historiker, leitet seit 2017 das Achgut-Büro.

Die Entnazifizierung in Deutschland mochte unzureichend sein, aber Fakt ist, dass es schon 1952 kaum noch Nationalsozialisten gab. Dieses Fehlen war ja der Grund oder Hauptgrund, aus dem die nat.-soz. SRP nach ihren Verbot keinen Untergrundapparat aufbauen konnte. Wahrscheinlich hatten die Tatsachen über Auschwitz, über die anderen KZs, über die endlosen Judenmassaker an der Ostfront die meisten Deutschen zur Vernunft gebracht. Aber seit 2020 ist weltweit ein ganz anders strukturiertes, doch nicht damit schon „besseres“ Verbrechen gegen die Menschheit begangen worden. Heute, 2024, sitzen nicht nur sämtliche Täter nach wie vor in Amt und Würden, sondern geht auch die Hetze gegen „rechte Verschwörungstheoretiker“, die in der C-Zeit einriss, nahtlos weiter. Aus den „Ratten“ und „Blinddärmen“ sind „AfD-Nazis“ geworden, die massenpsychologische Rezeptur ist dasselbe. Anders als nach dem 2. WK werden die vielen bösartigen Mitläufer nicht mit ihrem Versagen und ihrer inneren Widerwärtigkeit konfrontiert und die noch mehr naiven Mitläufer werden nicht aufgeklärt. Ihre Redaktion, liebe Achgut-Mitarbeiter, stellte sich von Anfang an gegen den sehr raffiniert inszenierten Massenwahn und gegen den faktischen „Impf“zwang. Warum fügen Sie einem Artikel über das schwierige Thema einer Versöhnung nach dem Völkermord nicht weitere Passagen über die Möglichkeiten einer Versöhnung nach einem anders aufgebauten und vielleicht nur scheinbar geringeren Verbrechen gegen die Menschheit hinzu? Warum verlangen Sie nicht, dass Gates, Tedros und etliche weitere sehr hochkarätige Täter in Den Haag verurteilt werden? Und damit will ich nichts gegen Gedenktage und andere Erinnerungen an die Opfer des NS sagen! Aber ich bin der Meinung, dass wir jetzt, nach einem weiteren Menschheitsverbrechen, wieder eine so unmissverständliche Aufklärung brauchen wie unsere Großeltern nach 1945. Auch eine gewisse Abrechnung muss sein. Im Ruanda der späteren 1990-er Jahre wurden einige ‚Massenmörder gehängt.