Der junge Germanist und Achgut-Autor Artur Abramovych, 1998 im zarten Alter von zwei Jahren aus der Ukraine nach Deutschland eingewandert, gehört heute zu den brillantesten Köpfen unter den jüdischen Intellektuellen Deutschlands. Seine Verbindung zu einer umstrittenen, dabei sehr erfolgreichen politischen Partei soll hier beiseite gelassen werden, hier geht es um eine streng akademische literarhistorische Studie Abramovychs zur deutschen Reflexion des „Zionismus“, des beispiellosen Experiments einer Wiederaufnahme jüdischer Staatlichkeit nach 2.000 Jahren Unterbrechung. Ihr Gegenstand ist eine weitgehend innerjüdische Debatte aus der Glanzzeit deutsch-jüdischen Geisteslebens um 1900, der vorletzten Jahrhundertwende.
Abramovych liebt gestrige Grandeur. Er ist ein Verehrer Thomas Manns, des großen deutschen Romanciers des 20. Jahrhunderts, der durch seine unbestechliche Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus eine moralische Instanz wurde, etwas wie die Stimme eines „besseren Deutschland“. Was – neben dem offiziellem Lobpreis der Schulbücher – einen maliziösen Reflex gegen seine Person und sein Schreiben ausgelöst hat. Deutsche Buchschreiber versuchen seit Jahrzehnten, Mann ins Zwielicht zu rücken, wegen seiner latenten Homosexualität, eines angeblich in der Jugend begangenen Verbrechens, seiner Neigung, Bekannte und Verwandte karikativ-erkennbar in seinen Romanen auszuschlachten, wegen seiner Ironie gegenüber super-assimilierten deutschen Juden, sogar wegen angeblichen Antisemitismus.
Hier liegt das erste Verdienst der Studie von Abramovych: dass er den bekennenden Zionisten Thomas Mann gegen solche Spekulationen verteidigt. Er weiß um Thomas Manns Sympathie für ein aktives Judentum und sein kühnes Staatsprojekt, deutlich ausgesprochen etwa in einer – von der deutschen Thomas-Mann-Rezeption weitgehend ignorierten – amerikanischen Rundfunk-Rede von 1932: „The idea is a beautiful and stirring one, – that an old country should rise to new life from decay and neglect: a country that from the Chaldean immigration to the crucifixion of that Jew who gave the Occident its faith, has played so significant and immense a part in the spiritual history of mankind (…) Whoever has seen the country must know that it is not a romantic dream but a living and human reality (…) It is my fervent wish that my words may have contributed to stimulate your sympathy and your readiness to assist in the Jewish undertaking.”
(Deutsch: „Es ist ein schöner und ergreifender Gedanke, dass ein altes Land aus Verfall und Vernachlässigung zu neuem Leben erwacht: ein Land, das von der Einwanderung der Chaldäer bis zur Kreuzigung jenes Juden, der dem Abendland den Glauben gab, eine so bedeutende und unermessliche Rolle in der geistigen Geschichte der Menschheit gespielt hat (...) Wer das Land gesehen hat, muss wissen, dass es kein romantischer Traum, sondern eine lebendige und menschliche Wirklichkeit ist (...) Es ist mein sehnlicher Wunsch, dass meine Worte dazu beigetragen haben, Ihre Sympathie und Ihre Bereitschaft zur Unterstützung des jüdischen Unternehmens zu wecken.“)
Begeisterung für etwas Unwiederbringliches
Abramovych ist nicht nur wegen solcher Bekenntnisse zum modernen Judentum ein Fan Thomas Manns. Dessen psychologisch ausgefeilter, die Umständlichkeit deutscher Philosophie-Sprache nutzender, zugleich ironisierender Stil hatte den Literaturstudenten – wie so viele deutsche Juden vor ihm – offenbar früh fasziniert. Er ahnte darin jene legendäre „Tiefe“ deutschen Denkens, die in Wahrheit zum großen Teil jüdisch war, zumindest auf ein jüdisches Publikum angewiesen – wie ihr sukzessives Verschwinden nach 1933 beweist. Abramovychs Begeisterung für deutsche Geistigkeit erstreckte sich sogar auf Nietzsche, dessen dubioser Radikalismus aus heutiger Sicht tatsächlich erfrischend wirkt. Mit ähnlicher Verve vertiefte er sich in die Schriften von Theodor Lessing, Samuel Lublinski, Moritz Goldschmidt, Karl Kraus, Alfred Kerr, Achad Ha’am und anderen jüdischen Protagonisten der Streitigkeiten um „Zionismus“, „Assimilation“ und ähnliche Topoi dieser Tage. Es bleibt Begeisterung für etwas Unwiederbringliches. Denn verglichen mit dem Hochstand kritischen Geistes, den deutsche Debatten der Zwanziger Jahre aufweisen, scheint das Land heute geistig verödet.
Das vorliegende Buch Abramovychs ist eine akademische Arbeit, mit Fußnoten und Neigung zu langen, nicht selten verschachtelten Sätzen, ganz im Stil deutscher Gelehrsamkeit. Er zeigt sich, so jung er ist, als Meister dieses Stils, den „antiquiert“ zu nennen er nicht zurückweisen würde – im Gegenteil, ihm scheint an einer gewissen erinnerungsträchtigen Antiquiertheit zu liegen. (Inklusive kleiner Marotten wie der gehäuften Verwendung des als vornehm geltenden Wortes „mithin“, manchmal gehäuft, an einer Stelle des Buches in zwei aufeinander folgenden Sätzen.) Dabei ist, was er schreibt, von einer Frische des Herangehens, einer Schärfe des Denkens, die jene verworrenen, heute kaum nachvollziehbaren Diskussionen wieder lebendig werden lassen. Abramovych gehört zu den Wenigen, die sich überhaupt in den Irrungen und Wirrungen dieser Streitigkeiten zurechtfinden, in all den Aufsätzen, Bekenntnissen, offenen Briefen, Pamphleten dieser Tage – angesichts der Materialfülle eine erstaunliche Leistung kognitiver Intelligenz. Schon wegen der Übersicht, die Abramovych zu schaffen weiß, gehört diese Studie in jede Universitätsbibliothek und jede Einrichtung, die sich ernsthaft mit jüdischer Geschichte beschäftigt.
Die Sehnsucht nach Zion ist seit dem babylonischen Exil, also seit mehr als zweieinhalb Jahrtausenden im Judentum verankert. Auch jüdische Emigration in dieses Gebiet, das die westliche Gewohnheit nach der Sprachregelung des römischen Kolonialismus „Palästina“ nannte, das Judentum jedoch „Eretz Israel“, hat es zu fast allen Zeiten gegeben. Theodor Herzl hat den „Zionismus“ nicht erfunden oder zu neuem Leben erweckt – denn lebendig war er immer –, ihm ist es jedoch gelungen, aus dieser antiken Sehnsucht eine moderne politische Bewegung zu formen, die tatsächlich Erfolg hatte und zur Wiedergewinnung des einst verlorenen Landes führte. Das war eine sehr praktische Sache, die mit Finanzen und Public Relations zu tun hatte, mit Propaganda, genialer Koordination und harter körperlicher Arbeit. In Abramovychs Studie geht es um „Zionismus“ als Theorie, als einen der vielen „Ismen“ des theoriegläubigen 20. Jahrhunderts, nicht als Praxis. Statt der Tat ein absurdes Surrogat innerjüdischer Streitereien.
Das Jüdische des jeweils anderen ridikülisieren
Da „Zion“ aber ein Land meint, zunächst die in diesem Land zentrale Stadt, die Steinerne, die Wüstenfeste – woher das Wort seinen etymologischen Ursprung nimmt –, hat der Zionismus ein reales Objekt, einen konkreten Gegenstand. Dieser spielte in den deutschen Debatten kaum eine Rolle: Es ging weniger um die Rückkehr nach Zion als um Positionen in der deutschen Geisteswelt. Abramovychs Studie thematisiert die Attacke Theodor Lessings gegen Samuel Lublinski, veröffentlicht 1910, in Lublinskis Todesjahr, auf die Thomas Mann mit einem polemischen Essay Der Doktor Lessing reagierte. Mann sah die jüdische Familie seiner Frau beleidigt, außerdem war Lublinski der erste Kritiker, der seinem Roman Buddenbrooks eine bleibende Bedeutung vorausgesagt hatte. Beider Texte, Lessings wie Thomas Manns, sind nicht frei von damals üblichen Verbalinjurien, die das Jüdische des jeweils anderen ridikülisieren, ohne dass man deshalb die Texte selbst oder die Autoren antisemitisch nennen kann. Man stritt sich um Lebenshaltungen, Weltanschauungen und Begriffe, die heute kaum mehr verständlich sind. Andere Schriftsteller mischten sich in die Wortschlacht und verschärften den Ton.
Die erbitterten Debatten, Gehässigkeiten und eigenen Standort-Klärungen, die toxischen Paarungen und kurzlebigen Allianzen bewegten letztlich nichts, abgesehen von einiger – sei es gewollter, sei es unfreiwilliger – Propaganda für den Begriff „Zionismus“. Der dadurch im deutschen Feuilleton in Mode kam. Die Texte zeugen zugleich von der Vitalität deutsch-jüdischer Streitkultur, an die zu erinnern das eigentliche Verdienst von Abramovychs Studie darstellt. Gerade heute, da das geistige Klima in Deutschland wie eingeschläfert wirkt, jede Debatte von Verboten bedroht ist, angeblich „Unsagbares“ als Popanz aufgeführt wird, hat eine solche Erinnerung an die einstige Schlagkraft des Wortes, an den verbalen Wagemut, die Radikalität des Gedankens eine beglückende therapeutische Wirkung.
Dennoch wurde, was mit dem „Zionismus“ geschah, nicht an deutschen Schreibtischen entschieden, von assimilierten Intellektuellen in düsteren Stuben zwischen staubigen Buchrücken. Sondern im grellen Licht der Wüste, unter einem metallisch blauen Himmel der seit alters her beides birgt, Tod und Aufblühen, Untergang oder Triumph. Nach alter Überlieferung erhört er die Gebete derer, die sich nach ihm sehnen. Alfred Kerr, einer der Wortführer der deutschen Zionismus-Zankerei, hatte das Land 1903 besucht und dort plötzlich zu einer Erhabenheit der Sprache gefunden, die ihn selbst überraschte: „Ja, ich fühle, dass ich vom Geschlecht der Schwärmer bin (…) Ich fühle mich bei meinen großen Vätern voll Hingebung, den Weltahnen. Erschüttert, beglückt in ihrer Nähe.“
Kaum einer der Protagonisten der deutschen „Zionismus“-Debatte hat es – über kurze Besuche hinaus – nach Eretz Israel geschafft: Samuel Lublinski starb schon 1910, kaum 42-jährig, im thüringischen Weimar an einem Herzanfall, Moritz Goldschmidt 1934 in Frankfurt, Alfred Kerr beging 1948 Suizid. Theodor Lessing wurde 1933 von Nazis in seinem Exil im tschechischen Marienbad ermordet. Sie haben nicht mehr erlebt, dass die Verstörungen und Verwirrungen deutsch-jüdischen Geistes schließlich in einem grandiosen Finale aufgingen, in einem Staat, einem Land, das nicht nur irgendwie besiedelt und wiederbelebt wurde, sondern in die Höhe schoss wie eine prachtvolle Palme mitten im Wüstensand. Thomas Mann war es vergönnt, die Staatsgründung mitzuerleben, er sandte sogar, wie er in seinem Tagebuch festhielt, ein Glückwunschtelegramm.
„Entartete Espritjuden und heroische Zionisten. Jüdischer Nietzscheanismus in der Auseinandersetzung zwischen Theodor Lessing und Thomas Mann“ von von Artur Abramovych, Gerhard Hess Verlag, 2022, 135 S., 17 Euro. Hier bestellbar.

Werter Herr Noll, naja, viele Deutsche waren Zionisten, weil man auf diese Weise hoffte, einige der Juden, die man aus dem Zarenreich retten mußte, wieder loszuwerden. Und der Zionismus war auch nicht wirklich helle in der Birne. Man schlug sich im Krieg auf die Seite Britanniens, weil Balfour Zion, also Israel versprach. Dabei wird unterschlagen, daß der Deutsche Kaiser (in Absprache mit den Osmanen) den Zionisten das bereits ein halbes Jahr vor Balfour anbot. Hätte man sich auf die Deutsche Seite geschlagen, wäre Israel wohl schon 1922 gegründet worden & nicht erst 1948, nachdem die Briten die Region bereits an 3 oder 4 Interessenten verkauft hatten, ohne zu liefern, & erst dann aufgaben, als die Kontrolle des Protektorats zu teuer wurde. Deswegen ist die Sicherheit Israels auch noch heute Deutsche Staatsraison. Stellen Sie Sich vor, Israel müßte aufgeben …. die Konsequenzen will hier niemand tragen. Natürlich haben sich die Zeiten gewandelt & Deutschland kann froh sein, wenn der Mossad auch uns beschützt. Aber mal Hand auf’s Herz…. Ein Broder ist gut für uns, aber keine 2 oder 3.
@Franz Klar – Nichts erbittert Antisemiten mehr, denn als Antisemit bezeichnet zu werden. Aus deren Sicht verständlich, bei dem selbstgewählten, harten Los. Verdammt dazu, sich mit nichts anderem zu beschäftigen, als dem Subjekt ihrer Begierde. Eine Begierde, die sich doch nicht mehr physisch erfüllen kann, wie noch zu Urgroßvaters Zeiten. Als man freilaufenden Exemplaren nach Lust habhaft werden konnte, um mit ihnen tradiert zu verfahren.
„Es ist ein schöner und ergreifender Gedanke, dass ein altes Land aus Verfall und Vernachlässigung zu neuem Leben erwacht.“ In der Tat. Nur: man stelle sich vor, ein Deutscher (nicht-jüdischen Glaubens bzw. ohne Anspielung auf einen Judenstaat) würde diesen Satz heutzutage sagen…
Der Vollständigkeit halber: Die Bundesvereinigung Juden in der AfD, e. V., kurz Juden in der AfD (JAfD), auch Jüdische Bundesvereinigung in der AfD genannt, ist eine parteinahe politische Vereinigung, die am 7. Oktober 2018 von jüdischen Mitgliedern der Partei Alternative für Deutschland (AfD) gegründet wurde. Bundesvorsitzender ist seit Juni 2021 Artur Abramovych, stellvertretende Vorsitzende sind aktuell Marcel Goldhammer und Marcel Hirsch, Schatzmeister ist Dimitri Schulz.
Der Zentralrat der Juden sowie 46 weitere Organisationen reagierten auf die Gründung der JAfD mit scharfer Kritik und verfassten unter dem Titel „Keine Alternative für Juden“ eine gemeinsame Erklärung.
Schreibt man bei Wikipedia.
Mir drängt sich der Vergleich eines Abramovych zum Führungspersonal einer gewissen anderen Partei auf. Wie Champions League und Kreisliga, um einen Fußballvergleich zu bemühen.
@Johannes Schuster : Sicher kennen Sie auch ein Land, wo das ganz anders ist? Was nützt das 80-20-Problem, das sich seit der Herrschaft der „wahren Wissenschaft“ zu einem 99-eins-Problem wandelt, wenn Sie es gar nicht akzeptieren wollen. Schauen Sie doch mal das Klimapumpen-Ministerium an. Die haben noch nie irgend ein Buch über Klimapumpen gelesen, was nicht von ihnen selbst war. Ganz zu schweigen vom Verstehen. Das Problem ist universell. Man müsste mal mit den Außerirdischen Kontakt aufnehmen, ob das bei denen auch so ist. Ich fürchte, ja. Gut, in Israel ist das anders, das sieht man an den Demonstrationen, über die man nicht sprechen darf.
Artur Abramovych ist der brillanteste (vielleicht auch der einzige brillante) junge Politiker in Deutschland, und vermutlich der kultivierteste. Auch das spricht sehr für ihn. Seine Haltung zu Thomas Mann finde ich sehr klug und tief einfühlsam. Manche glauben, über Mann reden zu können, weil sie mal in der Schule eine Kurzgeschichte von ihm lesen mussten. Andere lesen Manns Werke freiwillig und verteidigen ihn, wenn es nötig wird, aber kaum jemand, wenn überhaupt jemand, hat sich vor Abramovych die Mühe gemacht, umfassend und genau in das geistige Milieu einzudringen, in dem Mann lebte. Für Zeitgenossen, die ihn kannten, war es verständlich und wenig erwähnenswert, egal, wie sie zu welcher Einzelfrage standen. für fast alle anderen war dieses Milieu viel zu exotisch. Danke, Herr Abramovych.