George Osborne, der britische Schatzkanzler, will den Steuersatz auf Unternehmensgewinne auf 15 Prozent senken. Damit nähern sich die Briten Verhältnissen, die bislang angeblichen „Steueroasen“ vorbehalten waren. Aber es ist durchaus noch Luft nach unten: Irland liegt bei 12,5 Prozent, die Schweiz bei 8,5 Prozent. Den fiskalischen Saftpressen in der EU drohen dadurch künftig Früchte abhanden zu kommen. Schon ist die Rede von einem „aggressiven Steuerdumping“, das die Austrittsverhandlungen der Briten nicht eben erleichtern werde. Ein Sprecher des Bundes-Finanzministeriums verlautbarte prophylaktisch, es müsse auf dem Steuersektor „fair“ zugehen. Aber was heißt fair? Und wer bestimmt, was fair ist?
Zunächst einmal: Ja, das Vorgehen der Briten ist sicherlich der Befürchtung geschuldet, aufgrund des Brexits könnten Unternehmen abwandern. Und was macht man in einer solchen Situation? Richtig: Man muss mehr bieten, als die Konkurrenz - und das heißt in diesem Fall weniger Steuern. Das ganze nennt sich Marktwirtschaft. Und der Steuerwettbewerb gehört dazu. Er sorgt dafür, dass sich keine trägen Abzocker-Kartelle bilden können. Schon lange wollte die EU innerhalb ihrer Mitglieder einheitlich (hohe) Unternehmenssteuern festsetzen, allen voran das Hochsteuerland Frankreich, dass aufgrund seiner Reformunfähigkeit wirtschaftlich darnieder liegt.
Und nun zeigen die Briten, dass man auf eine Krise auch anders reagieren kann. Nämlich genau umgekehrt. Brexit hin, Brexit her, man darf dankbar dafür sein, dass hier wieder zwei völlig unterschiedliche wirtschaftliche Konzeptionen sichtbar werden. Mit genügend Abstand betrachtet, ist es übrigens auch ein Wettbewerb der Ideen. Wenn sich die deutschen Briten-Fresser in ihrem Gekränkter-Liebhaber-Furor wieder beruhigt haben, kann es Deutschland eigentlich nur recht sein, dass hier ein anderes großes europäisches Land den Wettbewerbs-Gedanken befördert.
Stattdessen machen deutsche Kommentatoren einen auf Wutbürger 4.0 und regen sich über die „charakterlosen Pyromanen“ unter den Brexit-Befürworten auf. Ach, kriegt euch doch allmählich ein und hört auf zu hyperventilieren. Man soll sich nicht über verschüttete Milch aufregen. Wenn es so furchtbar kommt, wie Ihr behauptet, dann kriegen die Briten ja ihre gerechte Strafe. Und wenn es nicht so schlimm kommt, ist es für uns alle besser. Oder fürchtet Ihr gerade das besonders?
Auch der Abgang der gesamten Führungselite sämtlicher etablierten Parteien in Großbritannien ist doch eigentlich ein Zeichen für eine überaus lebendige Demokratie – was gibt’s denn da zu meckern und nachzutreten? Die britischen Parteien versuchen sich zumindest zu erneuern. Ein bisschen von dieser Stimmung könnte in Deutschland gewiss nicht schaden. Oder sind die Führungsfiguren hierzulande dermassen prickelnd, dass man sich nur über die Briten aufregen kann? Wie heißt es ebenso schön wie banal: Ein jeder kehr vor seiner Tür.
Beitragsbild: Tim Maxeiner

Ich sehe nicht wo das Problem liegt. Wenn Little Britain (England+Wales) ihre Unternehmenssteuern senken, dann erhöhen wir die englisch-walisischen Ausfuhrzölle in die Union. ¯\_(ツ)_/¯