Die Grundzüge der folgenden Erzählung entstanden vor tausend oder mehr Jahren, als die Grönländer noch allein und so unabhängig waren, wie sie es seither nie wieder waren und niemals mehr sein werden. Aufgeschrieben hat die Saga um 1920 der auf Grönland geborene Ethnologe und Polarforscher Knud Rasmussen:
„Vor langer, langer Zeit lebten die Menschen im Himmel und waren unsterblich. Da aber stürzte ein Mann herab und zeugte eine Tochter mit der Erde. Ihre Nachkommenschaft war so zahlreich, daß sie bald die Erde übervölkerte. Da kam ein großes Erdbeben, das die Länder spaltete, und viele Menschen stürzten in die Risse hinab; von ihnen stammen die Unterirdischen, die Ingnerssuit, die großen Feuerbewohner ab. Ihr Land ist rätselhaft und wunderbar, und nur Menschen, die sich auf verborgene Dinge verstehen, können dorthin gelangen. Wer sich in die Erde begibt, dorthin, wo Meer und Land sich begegnen, dem öffnet sich ein weiter Blick zu ganz neuen Gegenden der Welt. Dort hausen die großen Feuerbewohner. Sie gleichen den Bewohnern der Erdoberfläche, haben aber keine Nase; sie wohnen in Häusern, die wie die der Menschen gebaut sind, und leben und treiben Jagd auf dem Meere, ganz wie diese. Wer sich aber nicht auf Zauberei versteht, geht ihnen am besten aus dem Wege, sonst vergißt er leicht die Rückreise und kommt nie wieder an die Oberfläche [...] Als die Menschen zu zahlreich wurden und die Wohnplätze sich übervölkerten, schwoll das Meer plötzlich an und überschwemmte alle Länder; nur die allerhöchsten Bergzinnen ragten aus den Wellen hervor, aber sie waren so steil, daß sie kein Mensch erklimmen konnte. Nur in dem großen Angmagssalik-Fjord erhob sich ein hoher, massiver Felsen, Querrorssuit, der oben flach war; dort hinauf flüchteten einige Menschen und schlugen ihre Zelte auf [...] Von ihnen stammen die Ostgrönländer ab. Viele glauben, daß das Meer noch einmal bei einer großen Flut alles Land überschwemmen wird; aber niemand, selbst nicht die mächtigsten Geisterbeschwörer, ahnen, wann es sein wird.“
Erstaunen mag nun die poetische Stärke – weshalb eigentlich – der Erzählung sowie die Erwähnung von Erdbeben, von vulkanisch anmutenden Vorgängen und einer Sintflut oder eines Tsunamis. Aber das alles hat es auf Grönland schon gegeben, freilich meist vor Millionen von Jahren und heute eher in der Form heißer Quellen und warmer Böden, von Methangasaustritten, die manchmal brennen sowie als Hinterlassenschaften von Vulkanausbrüchen, die nach dem Abschmelzen des Festlandeises sichtbar werden. Vielleicht sind auch auf irgendeine Weise Nachrichten über isländische Vulkane nach Grönland gedrungen.
Das wird schwer zu entscheiden sein, schwerer als die jetzt mit großem moralischem Anspruch erhobene Frage, ob Trumps Zugriff auf Grönland gescheitert oder am Ende doch erfolgreich ist. Der gewöhnlich sehr mitteilsame Präsident schweigt und lässt derweil in aller Stille in Finnland vier Hochsee-Eisbrecher bauen. Gleichzeitig werden sieben weitere dieser Ungetüme, die meterdickes Eis mit der Kraft ihres Gewichtes brechen, in den USA auf Stapel gelegt: Entworfen nach finnischen Vorbildern, denn Finnland ist neben Russland führend im Bau hochseetüchtiger Eisbrecher. Darüber hinaus bleibt Trump im Hinblick auf die Arktis ebenso verschwiegen wie der deutsche Flottenadmiral, den unbeherrschte Politiker kürzlich für eine Handvoll Stunden nach Grönland hetzten. Einige Medien hingegen wollen uns inzwischen weismachen, Trumps grönländisches Vorhaben sei völlig misslungen, weil „Europa“, besser: ein Teil der Europäischen Union, und seine Partner in der NATO ihm die Stirn geboten hätten.
Davon kann jedoch keine Rede sein. Trump hat lediglich zugestanden, dass er keine militärische Gewalt einsetzen werde, um Grönland zu übernehmen, und niemand weiß, ob er einen solchen Zugriff jemals erwog. Zurückgenommen hat er allenfalls die angekündigten Strafzölle und spricht jetzt von einem „Rahmen für eine zukünftige Vereinbarung“ über den arktischen Raum, der auch Grönland einschließen soll. Vermutlich bedeutet das unter anderem eine beträchtliche Zunahme der amerikanischen Militärpräsenz und ihrer Vorrechte auf der Insel – noch umfassender, als es schon die mit der dänischen Regierung geschlossenen Abkommen von 1951 und 2004 gestatten. Dafür, dass Grönland dann dem Anschein nach weiterhin der dänischen Krone untersteht, hat „Europa“ sicherlich den überwiegenden Teil der Stationierungskosten zu übernehmen. Hinzu kommt die Andeutung, die USA würden künftig „ein Mitspracherecht bei Investitionen“ erhalten. Das kann nur bedeuten, dass da ziemlich unverhohlen die Vorherrschaft bei der Ausbeutung von Bodenschätzen an Land und am Meeresgrund gefordert wird, denn die finanziellen und technischen Möglichkeiten der Regierungen in Kopenhagen und Nuuk sind im Vergleich mit jenen Washingtons sehr begrenzt.
Eine strategische Lebensader
Genug – hier ein wenig frische Seeluft. Anders als die derzeit modischen „Einordnungen“ erfordert eine sachkundige Betrachtung klare Aussagen. Also: Das Seerechtsübereinkommen (UNCLOS) der Vereinten Nationen von 1982 regelt die über das seewärtige Hoheitsgebiet – gewöhnlich 12 Seemeilen – hinausgehenden Ansprüche von Küstenstaaten, nämlich ihre ausschließlichen Wirtschafts- und Festlandsockelzonen. In der Wirtschaftszone (bis zu 200 Seemeilen von vereinbarten Basislinien) besitzen Küstenstaaten keine volle Souveränität, können dort aber lebende (Fischfang) und nicht lebende Ressourcen (Erdöl, Erdgas, mineralische Bodenschätze) nutzen und Förderanlagen sowie künstliche Inseln errichten. Anderen Staaten steht lediglich die Freiheit der Schifffahrt und des Überfluges sowie der Verlegung von Kabeln und Pipelines zu. Die Festlandsockelzone hingegen (mindestens 200 Seemeilen, bisweilen identisch mit der Wirtschaftszone und darüber hinausgehend, wenn das geologische Schelf sich weiter erstreckt) betrifft allein den Meeresgrund, nicht das Wasser darüber. Der jeweilige Küstenstaat besitzt dort das Recht zur Erforschung und Ausbeutung der natürlichen Resssourcen des Meeresbodens, er kann diese alleinige Befugnis wahrnehmen oder ruhen lassen. Anderen Staaten steht in dieser Zone das Recht auf Fischerei, ungehinderte Schifffahrt und Überflug zu. Wenn es also irgendwo heißt, ein fremdes Handelsschiff sei in die Wirtschafts- oder Festlandsockelzone irgendeines Staates „eingedrungen“, dann wird offenkundig falsch berichtet.
Es darf vermutet werden, dass Trumps Anspruch nicht allein auf Bodenschätze und die strategische Lage der Insel, sondern vor allem auch auf die Festlandsockelzone Grönlands abzielt. Denn der Lomonossow-Rücken, ein quer durch den Arktischen Ozean von Sibirien über den Nordpol bis nach Grönland und Kanada verlaufender untermeerischer Gebirgszug, gilt als Hort noch umfangreicherer Schätze. Nun liegt Grönland auf einem ausgedehnten arktischen Kontinentalsockel, von dem her sich Ansprüche im Norden (Richtung Nordpol) sowie im Osten und Nordosten (unter anderem Lomonossow-Rücken) begründen lassen. Dänemark hat deshalb als völkerrechtlicher Sachverwalter Grönlands bereits mehrere Anträge auf einen erweiterten Festlandsockel bei den Vereinten Nationen gestellt. Mit dem Argument, der Rücken sei die natürliche Verlängerung ihres Kontinents, erheben zudem Russland und Kanada Forderungen. Zum engeren Kreis der Interessenten gehört schließlich auch China, das bereits einen Teil seiner Exporte über die sogenannte Nördliche Seidenstraße lenkt (Achgut berichtete), russische Unternehmen im hohen Norden finanziert und seit langem im arktischen Raum forscht. Zum Beispiel haben Geologen aus dem Reich der Mitte auf Grönland ein ganzes Geisterdorf hinterlassen, auf Spitzbergen betreiben sie die Forschungsstation Yellow River, während sie am sibirischen Ufer und auf mehreren Inseln des Nordpolarmeeres wohl überall gegenwärtig sind. Es erscheint ja nicht mehr nur prahlerisch, wenn China sich inzwischen als „near-Arctic nation“ bezeichnet, obwohl das geografischer Unsinn ist.
Im Gegensatz zu jenem Russlands, das angesichts seiner ausgedehnten Küste am Arktischen Ozean die umfangreichsten Ansprüche auf den arktischen Festlandsockel erhebt, ist der mit Alaska auf die USA entfallende Anteil gering und würde mit der Verfügungsgewalt über Grönland ganz erheblich wachsen. Ähnlich gerät zum Beispiel ein Vergleich der Hochsee-Eisbrecherflotten: Der veralteten amerikanischen POLAR STAR stehen mehr als 40 russische – darunter sieben mit Kernkraft angetriebene – Eisbrecher gegenüber, denn der Nördliche Seeweg, auch Nordostpassage oder Northern Silk Route genannt, ist für Russland schlechthin eine strategische Lebensader. Und das nicht allein wegen der enormen Vorkommen von Gas und Öl, deren Erträge zur Zeit mit China, Frankreich und Japan geteilt werden. Die längst mit Radarstationen, Häfen, Flugplätzen und Militärbasen erschlossene Route wird bei fortschreitender Erwärmung des arktischen Klimas weitere Einnahmen durch Transitgebühren von Handelsschiffen erbringen: im Gegensatz zur sehr viel schwieriger zu befahrenden, kaum erschlossenen und rechtlich umstrittenen Nordwestpassage durch kanadische Gewässer eine Goldgrube.
Es geschieht nun nicht selten, dass sich die berechtigten Ansprüche verschiedener Staaten auf Seegebiete und Meeresböden überschneiden. Man denke nur an die komplizierte Situation in der Ostsee. (Früher konnte dergleichen gütlich geregelt werden. Nicht durch „Europa“, das inzwischen ohnehin zwischen allen Stühlen sitzt und seit Januar 2026 mit dem Beistand von 14 Staaten das Seerecht in politisch genehmer Weise verändern will. Die Freiheit der Meere ist jedoch Kernbestandteil des Seerechtsübereinkommens (UNCLOS) der Vereinten Nationen. Eine Änderung oder Einschränkung ließe sich nur durch den gemeinsamen Beschluss der Unterzeichner erreichen.) Bisher wurde mit der Hilfe wissenschaftlich-technischer Gremien der Vereinten Nationen, zum Beispiel von der Kommission für die Grenzen des Festlandsockels (CLCS), über Streitigkeiten entschieden. Die CLCS ist ein Element des UN-Seerechtsübereinkommens. Aber die USA sind kein UNCLOS-Mitglied, sodass sich unter dem Eindruck einer wirklichen oder vorgeblichen Bedrohung auch um Grönland Bestrebungen zur Änderung des Seerechtes durchsetzen könnten. Das wäre das Ende der Freiheit der Meere, und damit schlüge – um Worte aus der Saga vom Beginn zu verwenden – die Stunde der „Unterirdischen, der Ingnerssuit, der großen Feuerbewohner“, in der „das Meer noch einmal bei einer großen Flut alles Land überschwemmen wird; aber niemand, selbst nicht die mächtigsten Geisterbeschwörer, ahnen, wann es sein wird.“
Beitragsbild: Carl Rasmussen - bruun-rasmussen.dk, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Hein steckt seinen Kopf in die Kühlschranktür, um zu sehen ob das noch Licht brennt.
Ich überspitze jetzt mal: „Wikinger aller Länder, vereinigt euch!“ Und zeigt den Angelsachsen in den USA jetzt mal, wie Widerstand geht. Die haben uns damals schon zu recht gefürchtet. Anscheinend braucht es jetzt aber eine Auffrischung, damit die wieder lernen, dass man mit uns nicht so umspringen kann.
GRÜNES LAND – Als dereinst Wikingerhorden zogen des Wegs mit Weib und Kindern zur See nach Westen und nach Norden, konnte sie niemand daran hindern, sich für ‚nen Landstrich zu entscheiden, der war nicht nur im Anblick grün, war reich an Freiheit, Fischen, Weiden. Ganz anders heute in Berlin, wo Grün nicht für den Wohlstand steht, schon gar nicht für Freiheit für alle, wo Klimafaschismus aufdreht, jeder Rotschwarze ein Vasalle, ein Land dabei zugrunde geht.
Grönland ist für Amerika und auch für Europa wichtig. Die Nato, so wie wir sie kennen, wird sich in der Zukunft stark verändern. Europa, mit seinen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, wird militärisch immer unbedeutend werden. Wo soll das Geld für das Militär denn herkommen ? Wenn die USA Grönland übernehmen, würde sich der Machtanspruch der USA in dieser Region stärken. Dies wäre sicherlich auch im Interesse eines schwachen Europas. Ebenso wichtig ist der Zugang zu den Rohstoffen der Insel. Diese Rohstoffe werden für die „ Westliche Welt “ und ihrer Zukunft immer wichtiger werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist das Vorgehen von Trump weitsichtig und selbst für Europa, sinnvoll
„Es erscheint ja nicht mehr nur prahlerisch, wenn China sich inzwischen“ …
Wenn ich sowas Recherchefreies schon lese. China ist schon vor Ort wirtschaftlich tätig. Danach folgt eine Sonderwirtschaftszone. Danach Militärbasen. Also was die Amis in Taiwan seit 1979 vermeiden. Russland ist ein Witz. Muss man nicht diskutieren.
@P. Werner Lange
Na, mal bei den Realitäten bleiben: Auf einem Flug von Island an die Grönländische Westküste fliegt man stundenlang über
das riesige Grönland. Gewässer habe ich keine gesehen !
Die Hype um Grönland ist ohnehin ein Schattenboxen, weil es noch Jahrzehnte brauchen dürfte, bis Grönland abbautechnisch erschlossen sein wird.
@ Ben Salomon: Es ist ja schön, wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind. Aber wo nehmen Sie das denn bitte her? Haben Sie die Gedanken des US-Präsidenten gelesen? Sind Sie sein persönlicher Berater? Hat er Ihnen vielleicht persönlich gesagt, dass die USA zukünftig keine Rohstoffkriege mehr führen werden? Dass man auch keine Seltenen Erden für die KI-Industrie braucht? Haben Sie irgendetwas für uns außer diesen seltsamen autoritären Ton? Ich wäre wirklich interessiert.