Gerald Wolf, Gastautor / 05.06.2018 / 11:30 / Foto: Tim Maxeiner / 5 / Seite ausdrucken

Gritty sollst du sein!

„Grit“ bedeutet im Englischen so viel wie Kies, Splitt oder Streusand, andernfalls Schneid, Mumm, Charakterstärke, Beharrungsvermögen. Eigenschaften sind das, die eher – mehr noch als Intelligenz – für den Erfolg im Leben, vor allem für den im Beruf, den Ausschlag geben. Das jedenfalls behauptet Angela Duckworth, Professorin für Psychologie an der Universität von Pennsylvania, USA. Sie stützt sich dabei auf eine Reihe eigener Studien. Als Mädchen wäre ihr vorgehalten worden, dass sie kein Genie sei. „Heute weiß ich“, sagt Angela Duckworth, „dass man mit Ausdauer und Leidenschaft mehr erreichen kann als durch Talent.“

Das mag für viele Trost und zugleich Ansporn sein. Ansporn für den Ansporn gewissermaßen. Die Bücher, mit denen A. Duckworth ihre Ansichten in die Öffentlichkeit trug, waren denn auch rasch zu Bestsellern geworden (GRIT – Die neue Formel zum Erfolg). Eigentlich erstaunlich, denn wirklich neu ist das mit der Motivation und der Motivationsstärke nicht. Bekanntlich kommt es aber nicht nur auf das Was an, sondern auch auf das Wer, Wann und Wie.

Mag sein, dass die Idee mit dem Grit nur eine vorübergehende Leuchterscheinung am grauen Himmel der Pädagogik ist. Duckerworth‘ Appell wie überhaupt die Motivationspsychologie mögen in ihrer Bedeutung für den Schul- und Berufserfolg, ja, für den Erfolg im Leben, eher unter- als überschätzt werden. Der Mahnruf, Grit zu beweisen, richtet sich nicht nur an diejenigen, denen ein Tritt vors äußere oder innere Schienbein nottut. Er wendet sich auch an unsere Bildungs- und Haushaltpolitiker, deren Anstrengungen ins Leere laufen, wenn sie meinen, dass der Erfolg in der Bildung ganz wesentlich mit äußeren Voraussetzungen zu tun habe, mit dem Geld für Schulen und für zusätzliche Lehrer, mit Unterrichtsformen, mit Digitalisierung, mit Integrationsmodellen und so weiter. Nein, ganz wesentlich kommt es auf jeden selbst an.

„Tugend will ermuntert sein“

Lehrer mögen sich mit ihrem Wissensangebot halb verrenken, was nützt das, wenn ihre Schüler vor sich hindösen oder sich als Vertreter der Null-Bock-Generation in den Schulbänken spreizen? Was schon soll ihnen groß passieren? Na was schon? So richtig angestrengt haben sich die Alten, damals nach dem Krieg, als es galt, die Trümmer wegzuräumen, Deutschland wiederaufzubauen und „Made in Germany“ erneut zu einem guten Klang zu verhelfen. Aber heute – uns geht’s doch gut!

Dass es uns nicht mehr sehr lange gut gehen könnte, ahnen viele, zumindest die Älteren unter uns. Sie wissen, dass Wohlstand nicht von Nichts kommt, sondern dass dafür gearbeitet werden muss. Hart gearbeitet. Nicht Mittelmaß, nein, Höchstmaß hat die Richtschnur zu sein. Wenn nicht, dann werden es uns die Anderen in der Welt zeigen. Vor allem die im Fernen Osten. Von so manchen Eltern heißt es dort, sie würden der Schulnoten wegen vor einer regelrechten Dressur ihrer Kinder nicht zurückschrecken. Höchstmaß hat die Richtschnur zu sein. „Tugend will ermuntert sein", empfahl schon Wilhelm Busch. Für diejenigen, die das mit der Tugend nicht so richtig begreifen konnten oder wollten, gab es damals den Rohrstock. Jeder weiß, wenn er um die Naturwissenschaften herum nicht gerade einen Bogen geschlagen hat: Druck macht aus Kohle Diamanten.

Der Rohrstock hat ausgedient, gut so, aber eben auch der direkte Leistungsvergleich. Der Autor denkt an die Listen, mit denen seinerzeit die Klausurergebnisse veröffentlicht wurden. Jeder konnte am Schwarzen Brett ersehen, ob und wie er es geschafft hatte. Und wie die Anderen. Ziemlich unangenehm, wenn die eigene Arbeit mit einer „Drei“ quittiert wurde, die der Kommilitonin aber mit einer Eins. Oder damals, in der Grundschule: Ich, der Autor, musste nach vorn, um mir die Mathe-Arbeit abzuholen. „Eine Fünf!“, hieß es aus dem Mund der Pädagogin. Gespitzt war der, und auch ihre Nase wirkte spitzer als ohnehin. „Du hast bei deinem Nachbarn zwar richtig abgeschrieben“, ätzte sie vor der ganzen Klasse, „aber es war die falsche Aufgabe!“ In meine Bankreihe zurückschleichend, traf mich der Blick der Mitschülerin, in die ich heimlich verknallt war. Drei Wochen später ist dieser Blick ein ganz anderer gewesen: Mein aufs Äußerste angestachelter Fleiß war mit einer Eins vergütet worden!

Heute ist so was „dank“ Datenschutz und Persönlichkeitsrechten vorbei. Für die Faulpelze eine feine Sache. Eigenartig, im Leistungssport spielt die Anonymisierung keine Rolle. Aber vielleicht kommen wir eines Tages auch noch dahin.

Edler als der Antrieb durch den Ehrgeiz oder durch die Versagensangst ist das Interesse am Stoff. Gesteigert noch durch Leidenschaftlichkeit, im Extremfall durch Besessenheit. So wichtig diese Eigenschaften für die weitere Entwicklung auch sind, bloß wie soll man sie benoten? Bekanntlich kommen diejenigen Schüler am besten weg, die sich unterschiedslos um alle Fächer bemühen. Ein Zensurendurchschnitt von 1,2 und besser – früher ein Traumziel – ist heute keine Seltenheit mehr. Das ist nicht einfach nur ein Anzeichen für ein gesunkenes Anforderungsniveau, sondern noch immer auch eines für die Ausdauer und den Ehrgeiz der Erfolgreichen.

Sich nicht von Misserfolgen entmutigen lassen

Aber sind das die Schüler, die im späteren Leben ebenfalls die besonders Erfolgreichen sind? Die größten Entdecker, Erfinder und Firmengründer sollen nicht unbedingt die in jeder Hinsicht besten Schüler gewesen sein, heißt es. Und schon gar nicht im Falle von herausragenden Dichtern, Schriftstellern, Musikern und sonstigen Künstlern. Sind die ganz Großen vielleicht eher diejenigen, die sich früh schon für das Eine und gegen das Andere entscheiden? 

Überall verlangt Erfolg neben einer entsprechenden Begabung Ausdauer, sich nicht von Misserfolgen entmutigen zu lassen, „Grit“ eben. Man spricht von der 10.000-Stunden-Regel (Ericsson u.a., 1993). Sie besagt, dass erst mit einem Einsatz von etwa 10.000 Stunden an Training, Übung und Studium wahre Meisterschaft zu erwarten ist. Die Spitzenklasse erreicht nur, wer dafür eine Leidenschaft entwickelt, zumindest einen ordentlichen Schuss Begeisterung mitbringt. 

Dass so etwas geht, beweisen die Lehrer, die ihre Schüler für ihr jeweiliges Fach so entflammen, dass späterhin die Hälfte der Klasse in eine einschlägige Studienrichtung drängt. Beides verlangt Fähigkeiten, zum einen, jemanden für etwas begeistern zu können, und zum anderen, begeisterungsfähig zu sein. Persönlichkeitseigenschaften sind das, die, wie andere solche individuellen Verhaltensdispositionen auch, etwa zur Hälfte im Erbgut verankert sind und daher über das gesamte Leben hin relativ stabil bleiben. 

Und was ist mit der Intelligenz? Intelligenz ist eine wertvolle Zugabe und ebenfalls ein Geschenk, eines, das uns das Erbgut vermacht. Der Anteil der Gene wird auf siebzig oder achtzig Prozent veranschlagt. Die Intelligenz aber ist es bei weitem nicht allein, die über den Erfolg entscheidet, weder über den im Leben noch den im Beruf, oder wozu immer sich jemand berufen fühlt. Denn nicht Wenige scheitern trotz hoher IQ-Werte. Ihnen fehlt – neben einem Quantum Glück – offenbar genau das, was Angela Duckworth „Grit“ nennt: Ausdauer, Entschlossenheit, Leidenschaft.

Im Extremfall können Menschen für ihr Hobby, für ihre Idee, für ihre Arbeit regelrecht „brennen“. Alles Private stellen sie dafür hintan. So weit, dass es tragische Züge annehmen kann, zumindest aus der Sicht der Anderen. Wenn aber der Geist ihrer Be-Geist-erung ein guter ist, kann daraus etwas ganz Besonderes werden, etwas, was alles Bisherige überragt, etwas Weltbewegendes gar. Große Entdeckungen und Erfindungen, herausragende Leistungen in der Kunst oder im Managerwesen sind stets Produkt einzelner Köpfe. Und diese Köpfe müssen „gritty“ sein.

„Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig wäre“, heißt es bei Theodor Storm. Und das Schnitzmesser, so rät schon der gesunde Menschenverstand, das sollte möglichst gritty sein. 

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (5)
Peter Volgnandt / 05.06.2018

Hervorragend Herr Wolf! Von Nichts kommt halt Nichts. Irgendwie muss man halt lernen, sich durchzubeißen. Auch die Digitalisierung der Klassenzimmer wird daran nichts ändern. Wer in Mathe gut sein will, der muss halt Aufgaben rechnen, das sind die Fingerübungen wie bei einem guten Musiker, egal welches Instrument er spielt. Und die guten Musiker oder auch Sportler, die trainieren viel, da sind sechs bis acht Stunden am Tag schnell weg. Und wenn sie dann Kohle machen und für ein dreistündiges Konzert 10 Tsd. € bekommen, dann sind alle neidisch.

Gertraude Wenz / 05.06.2018

Danke, Herr Wolf, für den wunderbaren Artikel, dem ich fast 100% zustimme. Ich möchte aber einschränkend sagen, dass z.B. der direkte Leistungsvergleich nicht immer nur die angestrebte Erfolgssteigerung zeitigt, sondern auch zu Demütigung, Spott durch erfolgreichere Schüler und dadurch zu Demotivation und Versagergefühlen führen kann. Es gibt auch sensible Gemüter, die durch offenen Leistungskampf eher verschreckt und blockiert werden und dann gleich die Segel strecken. Einen Weg in der Mitte fände ich gut, klar Anstrengung fordernd, aber auch sensibel genug für weniger leistungsstarke Schüler. Beim Lernen kommt es auf so vieles an, es nur mit einer immer besseren Schulausstattung oder neuen Unterrichtsformen zu versuchen, ist einfach nur einseitig. Als ausschlaggebend sehe ich in dieser Reihenfolge: 1) die vorhandene Intelligenz als Grundvoraussetzung 2) Ausdauer, Fleiß und Interesse, sprich Begeisterungsfähigkeit 3) die pädagogischen Fähigkeiten des Lehrers und seine fachliche Kompetenz 4) Ehrgeiz 5) die Fähigkeit, Niederlagen zu verkraften und weiterzumachen (Resilienz) - und dann erst die Ausstattung der Schulen und ganz zum Schluss das Bildungs- und Einkommensniveau der Herkunftsfamilie! Dass es für Kinder aus gebildeten Schichten natürlich leichter ist, ist einfach eine Binsenwahrheit. Dennoch: Ein Kind mit den oben erwähnten Eigenschaften, gesegnet mit entsprechend guten Lehrern wird es trotz eines einfachen Elternhauses oftmals weiter bringen als ein schwach begabtes, faules Kind aus irgendwelchen Oberschichten. PS: Etwas “Druck” gehört bei uns Menschen immer dazu. Der Mensch ist doch bequem und sucht nach Erleichterung der Arbeit. Darauf beruht ja auch der technische Fortschritt. Also: Etwas “Druck machen” kann nicht schaden!

Michael Hanke / 05.06.2018

Die Ironie besteht aber im paradoxen Wesen des Lebens. Während sich nicht Wenige der Reichsten inwischen regelrecht für ihr Vermögen schämen, und ihren Nachwuchs aus Gründen der Rechtfertigung von Höchstleistung zu Höchstleistung jagen, so hat ein nicht geringer Anteil der Ärmsten völlig resigniert, und aus einem Gefühl der Perspektivlosigkeit heraus vor den Herausforderungen des Alltags kapituliert. Schon lange ist der dicke Bauch in den Industrienationen kein Zeichen für Wohlstand und Erfolg mehr, sondern für Armut und Ausgrenzung. Die Neoliberalen kennen den Unterschied zwischen theorethischer Chancengleichheit und Real Life sehr wohl, denn immerhin ist diese Scharade Teil ihres selbstbetrügerischen Dreiklangs. a) fürchten sie nichts mehr als wirklich gleichmäßig verteilten Wohlstand, da dieser ihre Privilegien gefährdet b) vergessen sie gerne, dass innerhalb liberaler Märkte immer ein noch größerer Hai als sie selbst den Teich bevölkert und c) ignorieren sie den Umstand, dass alle kleinen Fische den überlebenden größten und letzten Hai gemeinsam totbeißen würden, statt sich an seiner Dominanz zu erfreuen. Wenn ich aus dem Artikel irgend etwas heraus lese, dann die weitere Artikulierung der Rechtfertigung von sozialen Privilegien in einer Welt, in der zukünftig K.I. und Automatisierung die Einkommensunterschiede eingeebnet haben werden. Was Lindner und Co dann bleibt, das sind die Betonung des persönlichen Body Mass Index, oder hervorragende individuelle Benotungen beim kreativen Gemeinschaftstöpfern in der Volkshochschule, um weiterhin voller postpubertärem Stolz mit einer Rolex Submariner oder Patek am Handgelenk flanieren zu dürfen.

Daniel Oehler / 05.06.2018

Schneid, Mumm, Charakterstärke und Beharrungsvermögen wird man in der internationalen Politik eher in Israel, Russland und China finden, als im Kanzleretten-Bunker. Wie hat der Kabarettist Volker Pispers die rückgratlose politische Flexibilität von Frau Merkel beschrieben? Ungefähr so: Wenn alles vor ihr steht und schreit, dann dreht sie sich um und sagt: Alle stehen hinter mir. Die Folge: Merkel ist für die USA als Vasall nicht zu gebrauchen und schon gar nicht als Freundin. Denn wer derart rückgratlos und politisch flexibel ist, fällt seinen “Freunden” ohne zu Zögern in den Rücken, wenn es dem eigenen Vorteil dient,

Leszek Kolakowski / 05.06.2018

Nach Otto Fürst von Bismarck (angeblich) : Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt. Der schönste Beruf der Welt Kunsthistoriker heute - arbeitslos im stillen Winkel oder bildmächtig an der medialen Front? Von Petra Kipphoff 7. September 2013, “In Deutschland studieren zurzeit rund 12 300 Studenten bei 452 Kunsthistorikern an 54 Instituten Kunstgeschichte. Die Regelstudiendauer von neun Semestern wird in der Praxis kaum jemals eingehalten, die meisten Studenten sind Anfang oder Mitte dreißig, wenn sie die Universität, so oder so, verlassen. “

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