Die Türken haben einen Satz, den sie wie ein Abzeichen tragen. „Wir haben die Griechen ins Meer geschüttet.“ Döktük. Ein Wort wie ein Siegel, ein Triumph in Endlosschleife, immer wieder aufgewärmt, immer wieder stolz vorgetragen. Als wäre Geschichte eine Dauerkarte für Überlegenheit. Dazu passt Erdogans Drohpoesie: „In einer Nacht können wir völlig unerwartet dort erscheinen.“ Gemeint ist Griechenland. Dieses Griechenland, das in der türkischen Vorstellung wie eine kleine, freche Inselnation wirkt, die man jederzeit zur Ordnung rufen kann.
Dabei lohnt sich ein Blick auf die nüchterne Realität. Griechenland hat rund 10,5 Millionen Einwohner, die Türkei rund 85 Millionen. Griechenland ist auch flächenmäßig deutlich kleiner, etwa sechsmal kleiner als die Türkei. Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann ist es tatsächlich dieser: Beide Länder sind von drei Seiten vom Meer umgeben. Beide sind am Ende große Landzungen, hingelegt wie zwei Nachbarn an einer maritimen Kante Europas.
Und genau hier wird es unerquicklich, wenn man den türkischen Satz „Wir haben euch ins Meer geschüttet“ ernst nimmt. Denn die Wahrheit ist, dass Griechenland im Meer nicht untergegangen ist. Griechenland ist im Meer aufgestiegen. Nicht als militärischer Schreihals, sondern als Weltmacht im Handel.
Es ist fast grotesk, dass diese Geschichte ausgerechnet mit einem Mann beginnt, der in der Türkei geboren wurde: Aristoteles Onassis. Ein Rum. Türken benutzen das Wort „Rum“ (von „Römer“ als Bezeichnung für Griechen), aus Akhisar, osmanischer Untertan, aufgewachsen im Schatten einer Region, in der sich Ethnien, Handel und Politik gegenseitig zerfleischten. Als Izmir besetzt wurde, während auf türkischer Seite Blut und Tränen flossen, wurden auf der anderen Seite Geschäfte gemacht. Unter dem Schutz der griechischen Besatzung, mit den Mitteln der griechischen Nationalbank, wuchs Vermögen. Die türkische Erzählung kennt dafür klare Worte und klare Feindbilder. Dann kam der 26. August, die große Wende des Befreiungskriegs, und aus der Sicht des Narrativs drehte sich das Schicksal. Der türkische Faustschlag, Kocatepe, das Schweigen der Telegraphenleitungen, der Angriff in der Morgendämmerung, „ilk hedefiniz Akdeniz“ (Unser erstes Ziel ist das Mittelmeer), der erste Auftrag lautete also: Meer.
In dieser Erzählung marschiert die türkische Armee Richtung Izmir, und in Akhisar kommt die Abrechnung. Onassis’ Familie trifft es. Der junge Aristoteles flieht, erst nach Izmir, dann nach Griechenland. Von dort weiter nach Argentinien. In der Tasche ein paar Dollar, ein heimatloses Dokument, viel Ehrgeiz. Und dann macht er das, was die echte Geschichte so unerquicklich macht: Er lernt. Er denkt. Er investiert. Er versteht etwas, das in der Türkei bis heute nicht wirklich verstanden wird, dass Macht nicht nur aus Kanonen besteht, sondern aus Logistik. Aus Kontrolle über Transport. Aus der Fähigkeit, Waren über Wasser zu bewegen.
Unterschied zwischen Symbolpolitik und Geopolitik
Onassis steigt in die Schifffahrt ein, kauft Frachter, wächst, wird 1938 der erste griechischstämmige Reeder, der einen Tanker kauft. Sein Weg wird zur Blaupause. Aus einem Flüchtling wird ein Symbol. Aus einem Symbol wird eine Branche. Und diese Branche wird für Griechenland eine strategische Waffe, nur eben ohne martialische Sätze, sondern mit Zahlen.
Heute werden rund 80 bis 90 Prozent des Welthandels über See abgewickelt. Und in dieser Disziplin ist Griechenland nicht „klein“. Griechenland ist führend. Griechenland besitzt eine der stärksten Handelsflotten der Welt. Teilweise größer als die Flotten von China, Japan, den USA, Großbritannien oder Deutschland, zumindest in bestimmten Segmenten und in der globalen Tonnage. Griechen besitzen einen erheblichen Anteil der weltweiten Tankerflotte. Jeder vierte Öltanker steht faktisch unter griechischer Kontrolle. Das Ergebnis ist politische Immunität. Sanktionen treffen sie kaum. Die Amerikaner können drohen, aber sie können Griechenland nicht wirklich anfassen, weil dann der Welthandel leidet. Das ist Macht.
Und dann kommt die bitterste Pointe für die Türkei. Die Türkei, dieses Land mit drei Meeren, mit eigenem Binnenmeer (Marmara), mit Häfen, Küsten, Schiffbaugeschichte und einer geostrategischen Lage, von der andere träumen, spielt im globalen Seehandel kaum eine Rolle. Die Türkei spricht laut von „Mavi Vatan“, das bedeutet „Blaue Heimat“, aber bezahlt still die Rechnungen. Türkische Importe und Exporte werden oft von ausländischen, teils sogar griechischen Schiffen transportiert. Das bedeutet: Während man in Ankara mit „in einer Nacht kommen wir“ droht, kommt die Rechnung morgens. Und sie kommt per Schiff.
Die eigentliche Ironie ist damit komplett. Die Türken sagen: „Wir haben die Griechen ins Meer geschüttet.“ Und die Griechen antworten nicht. Sie herrschen einfach über die Meere. Das ist der Unterschied zwischen Symbolpolitik und Geopolitik.
Vielleicht sollte man genau dort ansetzen. Weniger „wir schütten euch ins Meer“, weniger Drohsätze fürs Publikum, weniger nationale Selbsthypnose. Mehr nüchterne Frage: Warum schafft es ein kleines Griechenland, aus dem Meer Wohlstand und Einfluss zu machen, während ein viel größeres Land das Meer nur als Bühne für Parolen benutzt. Wenn man das Meer wirklich als Heimat begreift, dann baut man keine Sätze, dann baut man Flotten.
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Großartig, Ahmet Refii Dener! Je suis grec! Metöke, von einem Vater, der ein Grieche gewesen sein hätte können. Aber das Meer darf nicht tief sein. Man muss klar den Grund sehen können und die bunten Fische. Aber wir treffen und bei der Vorstellung von Marktwirtschaft.
Die Türken haben gefälligst dankbar zu sein das Privileg zu haben auf ehemals griechischem Boden leben zu dürfen!
Die dümmliche Überheblichkeit mit der ein gewisser Möchtegernsultan auf die prägendste Kulturnation der Weltgeschichte herabblickt, charakterisiert ihn selbst.
Erdoğan schafft es aus seiner Froschperspektive auf Riesen herab zu schauen, das ist in der Tat bemerkenswert.