Gastautor / 12.10.2022 / 12:00 / Foto: European Parliament / 76 / Seite ausdrucken

Gretas Verrat an den deutschen Grünen

Von Christoph Lemmer.

Das nennt man Timing! Ausgerechnet jetzt, wo in Deutschland die Debatte um die Atomkraft mit allen Finten betrieben wird, taucht Greta Thunberg auf und mischt sich ein. Haut ihren grünen Freunden in Deutschland ein böses Brett vor die Stirn und springt der von Grünen eh längst für lästig erklärten FDP bei.

Wer in der Google-Suche die Worte „Thunberg Germany Nuclear“ eintippt, bekommt in der News-Ansicht annähernd 100.000 Ergebnisse angezeigt. Medien auf dem ganzen Globus berichten.

„Tunberg Says ‚Mistake‘ For Germany to Use Coal Over Nuclear“ – France 24.

„Coal worse than nuclear plants: Thunberg“ – Blue Mountains Gazette.

„Move over, Greta: new influencer makes nuclear cool.“ – The Australien.

Und so weiter.

Die Welt kopiert nicht Deutschland, die Welt isoliert Deutschland

Nicht die Grünen schicken ihre frohe Kunde vom deutschen Energiewendewunder um die Welt, alsdass aller Herren Länder selig dasselbe täten. Nein: Greta sendet eine Botschaft an die deutschen Grünen, und zwar via Maischberger in deutlicher Vernehmbarkeit überall auf dem Globus. Völker der Welt, schaut auf diesen Habeck!

Natürlich ging das dann sofort social viral. Greta und Atomkraft – besser geht nicht.

Es gab Spott, Häme und Applaus. Natürlich auch und gerade von Leuten, die sonst keine Greta-Fans sind. Darüber mokierten sich Atomkraftgegner. Das sei ja Rosinenpickerei. So in der Art hatte ich es zahlreich in meiner Timeline.

Greta-Verächter freuen sich über Gretas Verrat. Na und?

Sie übersehen, dass mit Greta eine aus dem grünen Lager das eigene grüne Lager düpierte. Von innen heraus. Genau darum tut es auch so weh. Und genau darum ist die Schadenfreude so groß.

Dabei war das nicht das erste Mal. Vor längerer Zeit hatte Thunberg schon einmal Kohle und Kernkraft verglichen und Kernkraft als ungefährlicher bezeichnet.

Das war bei einem Auftritt mit Luisa M. Neubauer. Neubauer widersprach damals Thunberg, die das geschehen ließ. Der Vorfall zog keine größeren Kreise. Das Thema Atomkraft war zu der Zeit abgehakt – im Sinne von: Vollständig erledigt und bei den Akten. Eine wahrnehmbare Debatte über Kernkraft gab es nicht in Deutschland. Merkel hatte das Thema ein für allemal erledigt.

Ökomodernisten reden längst mit, jetzt endlich auch hier

Dachten jedenfalls alle. Und bekamen darum erst spät mit, dass sie falsch lagen.

In den USA wechselte ein großer Teil der Ökobewegung ins Pro-Atomlager, als der Klimawandel in den Fokus geriet. Einer der Gurus dieser „Ökomoderne“ ist Steward Brand. Auch in Deutschland hatten ein paar Atom-Einsiedler überlebt, etwa Leute aus der Szene der Piratenpartei im Verein Nuklearia oder die Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland. Auch sie wägten Risiken ab – Kernkraft versus Klima. Auch sie befanden: Kernkraft hilft.

Und jetzt, man hätte es noch vor ein paar Monaten nicht für möglich gehalten, geht genau diese Bewegung durch die Decke. Mit Merz, Industrie und Teilen der Gewerkschaften. Sogar mit Markus Söder, der vor elf Jahren mit Rücktritt von seinen Ämtern drohte, sollte die Union nicht den Ausstieg aus der Atomkraft beschließen, mithin ein durchaus Mitverantwortlicher für die heutige Misere.

Sie hat sich nicht versprochen

Und jetzt auch noch Greta. Ausgerechnet Greta. Unser aller Idol. Wir haben sie jahrelang auf Händen getragen. Sie verehrt. Waren sogar ein bisschen stolz, sie zu einer Ikone zu machen. Einem Wahrzeichen. Eines, das uns Sinn stiftet. Uns einen Platz in der ganz großen Welt verschafft. Greta hat ja vor der UNO gesprochen. Unsere Greta.

Die sich – leider auch heute – jedes Wort gut überlegt. Die routiniert ist im Umgang mit Medien aller Art. Die weiß, wann welcher Satz wirkt. Wobei egal ist, ob sie Berater um sich hat oder sich jeden Gedanken selber macht. Und darüber, wie sie ihn an den Mann bringt.

Da war Maischberger eine grandiose Idee. Der Clip, der ab Mittag via Twitter viral ging, dürfte mit Greta abgesprochen gewesen sein, das ist bei solchen Formaten üblich. Grüne Minister, Vorstände und Abgeordnete dürften ungläubig auf ihre Bildschirme gestarrt haben. Sie mögen gehofft haben, Greta habe sich verplappert. Sie würde das klarstellen. Aber nichts. Denn Greta verplappert sich nicht. Sie weiß, was sie tut.

Der Druck auf Habeck & Co. steigt jetzt massiv

Die Freude – zugegeben: auch Häme – gegenüber den verklappten Grünen war darum schon verständlich. Natürlich waren das viele, die vorher Greta verspotteten oder vollkübelten. Das ändert aber nichts daran, dass die sich über einen fetten Widerspruch mitten im Innern der Grünen und ihrer Bewegung freuen. Und sorry, logisch freuen sich politische Gegner der Grünen über einen grünen Fail. Was denn sonst, bitte?

Vermutlich wird der Jubel noch lauter, wenn sich herumspricht, was Gretas Botschaft international bedeutet. Im Ausland, und zwar annähernd global, sind die Deutschen, speziell die deutschen Grünen, in Energiefragen nämlich annähernd isoliert. Mir fallen nur die Belgier ein, die da noch mitgehen. Sonst niemand. Weder andere grüne Parteien noch – erst recht – andere Regierungen.

Aus Frankreich, den Niederlanden oder Polen gab es sogar offene Kritik am deutschgemachten Anteil an der europäischen Stromknappheit, was überall die Preise steigen lässt.

The Medium is the Message

Und in dieser angespannten Lage erscheint Greta. Die weltweit noch einmal den Chor der ganzen Welt gegen deutsche Energiepolitik anschwellen lässt.

Typisch für Greta ist ja, dass sie mit Bedacht spricht und ihre Worte darum immer wirken. Das kann niemand bestreiten, auch und gerade die nicht, die sich verzweifelt fragen, warum eine schwedische Jugendliche ohne Beruf und Erfahrung ständig in Nachrichten ernst genommen wird. Die Antwort darauf: Darum. Sie funktioniert als Medium.

Grüne in der Zwickmühle

Und als solches funktioniert sie super, 55.000 Einträge bei Google News in ein paar Stunden. Glückwunsch. Das schaffen nicht viele.

Den Grünen hat Greta damit eine böse Falle gestellt. Bleiben sie beim Atomausstieg, dann stellen sie sich gegen Greta und den Teil der Szene, der loyaler zu ihr steht als zu den deutschen Grünen. Sowas kann mit Spaltung enden, wenn man nicht aufpasst.

Und der womöglich progressivere, jüngere und aggressive Flügel könnte Ökostrom ganz anders definieren als die altgrünen Herren Habeck und Trittin. Womöglich würde Vero Wendland bei Greta-Freunden mitmachen, womit die dann nicht nur revolutionäres Feuer, sondern auch jede Menge technischen und politischen Sachverstand hätten.

Geben die Grünen dagegen Greta nach und werden plötzlich Atompartei, dann zerlegt es sie sowieso. Der Machtflügel ist viel zu verknöchert und arrogant, um die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Schweden führt die anti-deutschgrüne Fraktion

Anders als die schwedischen Mitgrünen. Einer von denen, Taake Aanstoot, hatte schon vor ein paar Wochen dem deutschgrünen Minister Habeck gedroht, er könne ja im schwedischen Parlament darüber abstimmen lassen, die Stromleitungen von Schweden nach Deutschland zu kappen – als Vergeltung für das unsolidarische Abschalten der Kernkraftwerke und die eigene Verantwortung für die Stromknappheit.

Aanstoot teilte am Tage der Greta-Atombotschaft einen deutschsprachigen Tweet eines Accounts namens Replanet_DACH. Er fordert die deutsche Sektion von Fridays For Future auf, endlich Kernenergie zu befürworten.

Diese Schweden. Als hätten sie sich abgesprochen.

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf bitterlemmer.net

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Max Klabiner / 12.10.2022

Greta wird wohl das gleiche Schicksal ereilen wie dem Dalai Lama. Nachdem er 2019 gesagt hatte “Eine begrenzte Anzahl [von Flüchtlingen] ist in Ordnung, aber dass irgendwann ganz Europa ein muslimisches oder afrikanisches Land wird – unmöglich.” hat man in Deutschland nie wieder etwas von ihm gehört.

S. Marek / 12.10.2022

Und zur Klimarettung, frei nach Neuseelands   Premierministerin Jacinda Ardern, der selten dämlichen Kuh,  Kuh-Fürze besteuern.  Eine Lösung auch für Deutschland ?  Genügend dämlicher Kühen hätten wir und die EU Administration hier auch.

S. Marek / 12.10.2022

@ Christoph Lemmer, Greta Thunberg, die schwedische Göre hat niemanden Verraten, die ist im Gegenteil zur den deutschen Politclowns erwachsen und kluger geworden, wenigstens in diesem Punkt. Und jetzt ?  Das ganze deutsche Land voller Idioten !  So ist es wenn Erwachsene die Kinder um Rat fragen wie Politik, Wirtschaft,  Wissenschaft und das Leben selbst geregelt gehören.

Ralf.Michael / 12.10.2022

Ich kann mir nicht helfen, immer wenn ich Greta sehe, assoziiere ich Sie mit ” Schneeflöckchen - Weissröckchen ” ! Liegt wahrscheinlich daran, dass bald wieder Julfest ist….

Lisa Deetz / 12.10.2022

Hat die Thunfisch*in von den deutschen Grünlingen Bestechungsgeld bekommen,  damit das, was ohnehin schon alle Spatzen von den Dächern pfeifen, von der Co2-Päpstin höchstselbst als zukunftsweisend verkündet wird?? Wenn Gretel sich dafür opfert, dann muss schon Münze in den Beutel springen, gell!?

Winston Schmitt / 12.10.2022

Na, wenn Fräulein Thunberg das sagt, dann muss es ja wohl stimmen. Sie, die sogar vor den UN gesprochen hat (sollen nicht so viele Zuhörer gewesen sein). Habeck, der unfähigste Wirtschaftsminister, den das Universum zu bieten hat - jedenfalls für Deutschland. Dass dieser nämlich auch hart auf Vaterlandsliebe machen kann, unser Robert, das sieht und hört man in seiner Video-Grußbotschaft zum Unabhängigkeitstag der Ukraine. Wie innerlich zerrissen muss er wohl sein, mit der Dänemarkflagge im Garten und seinem Herzen in der tapferen Ukraine. Undankbar, dass er seinen öden Job in (wenigstens nicht für) Deutschland machen muss, einem Land, mit dem er so gar nichts anzufangen weiß und dessen Wirtschaft und Energiesicherheit unserem Robert daher auch am Allerwertesten vorbei geht. Muss furchtbar sein für ihn.

Christian Speicher / 12.10.2022

Ich bin für Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke und ich verachte erwachsene Menschen, die immer noch gelb-schwarz-rot-grün wählen, Staatsfernsehen schauen oder Greta zuhören. Die Grünen Politiker im Parlament und in der Bundesregierung haben alle in der Lotterie gewonnen, von ihnen wird trotz völliger Nutzlosigkeit niemand frieren, hungern oder verarmen. Die Verlierer ihrer irren demokratisch institutionalisierten Politik sind wir alle. Und das ist dermaßen peinlich und selbstverschuldet, dass ich darin auch keine Tragik zu erkennen vermag.

Gisbert Matthes / 12.10.2022

Greta wer?

H. Krautner / 12.10.2022

Greta sagt das, was sie von ihren Zuflüsterern vorgesagt bekommt. Sie ist nur eine Marionette, die für bestimmte Zwecke benutzt wird. Es ist äußerst naiv zu glauben, dass das was sie sagt aus ihrem eigenen Gehirn entspringt.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 26.01.2023 / 12:00 / 37

Klimawandel: Kühler Kopf hilft enorm

Von Michael Limburg. Der deutsche Mittelstand befindet sich in einer schweren Krise. Hauptsächlicher Auslöser dieser Krise ist die Klimapolitik der Bundesregierung. Und sie ist vollkommen…/ mehr

Gastautor / 24.01.2023 / 15:00 / 20

Schon wieder antiisraelisches Framing bei der ARD

Von Artur Abramovych. Israels Regierung will, dass die Richter am Obersten Gerichtshof künftig vom gewählten Parlament ernannt werden und nicht länger von einem intransparenten Gremium.…/ mehr

Gastautor / 24.01.2023 / 14:00 / 26

Blutspender: Diskriminierung oder Risiko-Vorsorge?

Von Uwe Steinhoff.  Karl Lauterbachs Vorstoß, homosexuelle Männer bei der Blutspende nicht zurückzustellen, gefährdet die Gesundheit. Das sieht auch die Bundesärztekammer so.  Die SPD feiert sich…/ mehr

Gastautor / 22.01.2023 / 20:00 / 4

Wer hat’s gesagt? „Warum nicht Reisen verbieten?“ – Auflösung

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 22.01.2023 / 09:00 / 32

Wer hat’s gesagt? „Warum nicht Reisen verbieten?“

Von Klaus Kadir. Unter dem Titel „Wer hat’s gesagt?“ konfrontieren wir Sie am Sonntagmorgen mit einem prägnanten Zitat – und Sie dürfen raten, von wem…/ mehr

Gastautor / 21.01.2023 / 10:00 / 25

Naftali Frenkel – Genie im Gulag?

Von André D. Thess. Vom verurteilten Mafiaboss in der Butyrka-Zelle zum Baumanager des Straflager-Archipels. Frenkel (ganz rechts im Bild) erscheint als der Inbegriff des Bösen.…/ mehr

Gastautor / 19.01.2023 / 12:00 / 118

Wurde Russland vom Westen verraten?

Von Kristina Spohr. Russland hat dem Westen wiederholt Verrat vorgeworfen. Haben die NATO-Partner eine verbindliche Zusage gemacht, auf eine Osterweiterung zu verzichten, um dann irgendwann…/ mehr

Gastautor / 18.01.2023 / 14:00 / 44

Die Rede des Jahres zur „Woke Culture”

Gerade geht eine famose Rede des politischen Kommentators Konstantin Kisin viral. Der russisch-britische Satiriker verklickert in Oxford den Klimajüngern, was wir im Westen wirklich gegen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com