Archi W. Bechlenberg / 23.04.2020 / 10:00 / Foto: Marty Portier / 12 / Seite ausdrucken

Grenzkriminalität in Corona-Zeiten

Martelange ist ein wenig verträumtes belgisches Örtchen an der Grenze zu Luxemburg. Wenig verträumt, weil es dort auf Grund seiner geopolitischen Lage deutlich unruhiger zugeht, als man in dieser ansonsten eher ländlichen Region erwarten könnte. 

Der Grund für die Geschäftigkeit ist in der Tatsache zu finden, dass eine Reihe von Gütern des alltäglichen Gebrauchs in Belgien deutlich teurer ist als in Luxemburg. Insbesondere beim Erwerb von Kraftstoff, Alkohol, Tabak und Kaffee lassen sich etliche Euro sparen, und das wissen viele Belgier zu schätzen.

Durch den östlichen Teil von Martelange führt nun die belgische Nationalstraße N4, genannt Route d'Arlon. Die Straße selber ist belgisch, ebenso die westlich gelegene Straßenseite. Die östliche Seite hingegen gehört zu Luxemburg, was zur Folge hat, dass sich dort auf einer Länge von weniger als 500 Metern ein gutes Dutzend Tankstellen mit angegliederten Einkaufsparadiesen etabliert hat, zur Freude der belgischen Verbraucher, der Händler und des luxemburgischen Finanzministers. Dem belgischen Fiskus hingegen ist der sogenannte Tanktourismus bereits seit langem ein Dorn im Auge, aber Europa sollte ja zumindest ab und zu auch einmal für den Bürger etwas Positives mit sich bringen. Also lebt die gesamte Region, die Konsumenten wie der Handel, im Wesentlichen vom Tanken und Einkaufen.

Im Corona-freien Alltag sah es damals so aus: Man benutzte die belgische N4, sei es in der Länge, sei es quer, um bequem zur östlichen Straßenseite zu gelangen und dort bei Aral, Gulf, Shell oder Texaco (um nur einige Zapfstellen zu nennen) seinen Einkäufen nachzugehen. Für das beim Tanken gesparte Geld ließen sich dann im üppig ausgestatteten Getränkemarkt gleich nebenan noch etliche Flaschen feines belgisches Bier kaufen, das kostet nämlich in Luxemburg trotz Transport weniger als in seinem Ursprungsland.

Streng polizeilich überwacht

Damit ist seit Wochen Schluss. Belgien hat den Menschen, die sich auf seinem Hoheitsgebiet befinden, untersagt, aus nichtigen Gründen – wozu Tanken und Einkaufen gehören – das Land zu verlassen. Ebenfalls verboten ist die Einreise. Zuwiderhandlung wird streng geahndet. Man darf also in Martelange nicht mehr von der N4 auf die östliche Straßenseite abbiegen, da diese in Luxemburg liegt. Um das Verwerfliche an dieser Freveltat zu unterstreichen, wird der Streckenabschnitt entsprechend streng polizeilich überwacht und mögliche Täter dingfest gemacht. Ganz nebenbei zur Freude des belgischen Fiskus.

Doch hier endet die Geschichte noch nicht. Da die östliche Straßenseite mit ihren vielen Einkaufsparadiesen und Tankstellen nur von der belgischen N4 aus erreichbar ist, ist sie nun nicht nur für Belgier, sondern auch für die Luxemburger eine Art Niemandsland. Denn diese müssten, um im eigenen Land an der Route d'Arlon tanken zu können, zuerst auf die N4 auffahren und somit gegen das belgische Einreiseverbot verstoßen, dann Belgien verbotenerweise aus nichtigem Grund mit Ziel Tankstelle verlassen, dann nach dem Einkaufen und Tanken wieder in Belgien einreisen und dann auf dem Heimweg Belgien wieder verlassen. Ob letztere Freveltat einem nichtigen Grund geschuldet ist, wäre zu diskutieren, schließlich fährt man nach Hause, was nicht wirklich nichtig genannt werden kann, aber ich würde es nicht auf eine Diskussion ankommen lassen, da zumindest die vorher begangenen Taten unstrittig sind. Man muss sich nicht mit den örtlichen Gegebenheiten auskennen um zu ahnen, dass das alles in allem ein, wenn nicht mehrere böse Nachspiele haben wird.

Ob es allerdings nach Beendigung der Corona-Krise noch auf das eine und andere böse Nachspiel ankommt? Da wird es derart viele böse Nachspiele geben, dass etliches in der Flut von bösen Nachspielen untergehen wird. Zwar positiv zu sehen, aber nicht wirklich ein Trost.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wiete Dankov / 23.04.2020

Schildbürgertum kann sie , die EU. Dafür hat sie schließlich auch das entsprechende Fachpersonal.

Alexander Schilling / 23.04.2020

@Wolfgang Kaufmann—genau so sehe ich das auch! und zwar PUNKT für PUNKT, inklusive NACHTRAG!!!——

Wolfgang Kaufmann / 23.04.2020

Luxemburg ist seinem Wesen nach ein kapitalistischer Schmarotzerstaat, der von den Leistungen der anderen profitiert und deren Standards per Dumping unterbietet. Dazu passt der höchste ehrenwerte Herr Außenminister mit seiner sozialistischen Agenda, siehe Moria. Bei diesem Nachbarn wären geschlossene Grenzen kein Verlust. Obwohl: Das Saarland könnten sie gleich als Dreingabe behalten. Von da kommt auch nichts Gutes.

Rolf Menzen / 23.04.2020

Habe mir das gerade einmal bei Google Earth angeschaut. Da sind ja tatsächlich auf 1 km 11 oder 12 Tankstellen auf der Luxemburger Seite.

Bernd Ackermann / 23.04.2020

Und wo kauft Jean-Claude jetzt seinen Schnaps? Die Belgier könnten Hunde abrichten (am besten Border Collies), die mit einem Körbchen oder einem 5-Liter-Kannister im Maul die Grenze völlig legal überqueren und die per Internet vorbestellten Waren sicher wieder heim ins Reich schaffen. Muss ja nicht jeder seinen eigenen Hund haben, man könnte eine Genossenschaft oder ein Dog-Sharing-Startup gründen. Man muss einfach ein wenig kreativ sein. Frau Merkel sagte doch erst kürzlich, dass wir mehr Europa brauchen.

Manni Meier / 23.04.2020

Mein Gott! Hoffentlich spitzt die Lage sich nicht zu. Halten Sie uns auf dem Laufenden, Bechlenberg. Meinen Sie es könnte zu kriegerischen Handlungen kommen zwischen Luxemburg und Belgien?

Volker Kleinophorst / 23.04.2020

Eigentlich wurden ja die Grenzen innerhalb der EU abgeschafft. Doch heute sind wir nur nach außen noch grenzenlos. Freizügigkeit innen brauchen wir nicht mehr. War ein Werbegag.

Klaus Demota / 23.04.2020

Und Bonaparte dachte, er hätte es zugunsten der Grande Nation aufgelöst - da lebt es fort, das Heilige Römische Reich mit seinen absurden Kleinstaatsgrenzen und Kleinstaatsbehörden!

Wilfried Cremer / 23.04.2020

An der Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland ist die Lage ähnlich. Aber: Die Flüsse Mosel, Ur und Sauer bilden Kondominien. Ergo: Tanken auf den Brücken wären da die Lösung.

Sabine Lotus / 23.04.2020

Wenn man den Zickzack Kurs mit Mopped fährt, dabei Mundschutz trägt und dann noch lustige Debatten mit Grenzschützern über die Sinnhaftigkeit des eingeschlagenen Wegs führt, kommt sogar noch eine Lustreise mit subversivem Charakter dabei herum. Ideale Voraussetzungen für alle, die schon immer mal ein bißchen ‘Gansta’ sein wollten. Remmo ist doch soooo 2019.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Archi W. Bechlenberg / 27.08.2020 / 11:00 / 114

Willkommen in der DIR!

Die Corona-Demonstration am 29.8.2020 in Berlin wurde verboten. Das war zu erwarten. Für den kommenden Samstag war eine erneute Versammlung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 23.08.2020 / 11:00 / 21

Auf Gefahrensuche

„Du bist irre. Oder lebensmüde. Oder irre und lebensmüde.“ Freund Joshi verdreht die Augen. Ich gebe ja viel auf seine Meinung, aber übertreibt er es hier…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 11.08.2020 / 14:00 / 27

Sommer, Sonne, Schlägereien

Im Jahre 333 vor unserer Zeitrechnung fand nahe dem kleinasiatischen Ort Issos eine Strandschlacht statt, die später als „Keilerei von Issos“ in die Geschichte der…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 26.07.2020 / 13:00 / 26

Bye Bye Man of the World

Als Mitte der 1960er Jahre britische Bands den Blues entdeckte, spielte bald eine Combo ganz vorne mit, die sich nach ihrem Schlagzeuger Mick Fleetwood „Fleetwood…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 26.07.2020 / 06:20 / 63

Der Marx hat seine Schuldigkeit getan

Wo wir gerade beim Umbenennen von Straßen sind: Es gibt in Deutschland mehr als 480 Karl-Marx-Straßen, -Plätze und -Alleen. So benannt zu Ehren eines Mannes,…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 06.07.2020 / 14:00 / 29

Ennio Morricone - Un uomo da rispettare

Einundneunzig ist er geworden, ein Alter, das wohl keine Figur aus Filmen erreichte, für die er komponierte, sieht man einmal ab von John Hustons „Die…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 28.06.2020 / 10:00 / 29

Den Frauen ein Ohr!

Ein aufmerksamer Leser wies mich letzte Woche darauf hin, dass ich mich auf sehr dünnem Eis bewege, wenn ich trotz angekündigten Rückzugs in die innere…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 24.05.2020 / 06:10 / 15

Masken, Musik und Medizin

Vor ein paar Tagen habe ich, nach exakt acht Wochen, erstmals wieder nach Futschland rüber gemacht. Nicht, dass es mir gefehlt hätte, aber ich musste…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com