Claudio Casula / 03.09.2021 / 10:00 / Foto: Tomaschoff / 38 / Seite ausdrucken

Gottes Werk und Söders Beitrag

Im Landtag behauptet Markus Söder, man habe mit den Corona-Restriktionen in Bayern 130.000 Menschen vor dem Tod bewahrt. Beweisen kann er das natürlich nicht.

Mit den Zahlen ist das so eine Sache. Insbesondere in Zeiten der „Pandemie“. Wenn denn welche vorliegen, sind sie nicht selten eine Frage der Interpretation. So hat sich der Wirtschaftsinformatiker Marcel Barz kürzlich einige Zahlen näher angeschaut, u.a. solche zur Sterblichkeit, zur Intensivbettenbelegung und zur Wirksamkeit der Impfung. Und nachgewiesen, dass sich jedenfalls daraus keine Pandemie ableiten lässt. YouTube hat das gar nicht gefallen, Barz‘ Video wurde gelöscht. Hier oder hier kann man es sich aber immer noch anschauen. Sollte es sogar. Man sieht: Die Zahlen, die die Regierung oder das RKI in ihrem Sinne interpretieren, erweisen sich im besten Fall als fragwürdig, man könnte auch von Manipulation sprechen.

Richtig schwierig wird es, wenn ohne jeden Beleg munter drauflosspekuliert wird. So sprach das Panik-Papier aus dem Bundesinnenministerium aus dem März vergangenen Jahres von einer möglichen Infizierung von 70 Prozent der Deutschen mit dem Coronavirus. Eine Million Bürger, so wurde der Worst Case in den dunkelsten Farben ausgemalt, könnten sterben, sollte das Gesundheitssystem überlastet werden. Also müssten unbedingt Maßnahmen getroffen werden…

Die dann als äußerst erfolgreich verkauft wurden. Karl Lauterbach in der Talkshow von Maybrit Illner ein Jahr später, Ende März 2021: „Die Lockdowns in Europa haben vielen Menschen das Leben gerettet. Und von dem, was wir in Deutschland wissen, haben wir damit 500.000 Menschen das Leben gerettet.“

Horrorzahlen, aus dem Ärmel geschüttelt

„Was wir in Deutschland wissen“? Wir wissen nur sehr wenig, nicht einmal, wie viele Menschen im vergangenen Jahr überhaupt an Covid gestorben sind  – oder an ganz anderen Todesursachen. Und wir werden es auch vor der Bundestagswahl nicht mehr erfahren, das Statistische Bundesamt schafft es leider nicht früher.

Der Nutzen von Lockdowns ist bisher noch nirgendwo überzeugend belegt worden, die immensen Kollateralschäden aller Art hingegen sehr wohl. Und schließlich lässt sich am Beispiel Schwedens, wie zuletzt hier gezeigt wurde, durchaus beobachten, dass man auch ohne Drangsalierung der Bevölkerung und die Lahmlegung des öffentlichen Lebens passabel durch die Krise kommen kann.

Die 500.000 Geretteten, von denen wir „wissen“, sind entweder abenteuerlich modelliert oder von Karl Lauterbach ohne viel Federlesens aus dem Ärmel geschüttelt worden. Sich als unhaltbare Panikprognosen entpuppende Prophezeiungen unterlaufen dem Gesundheitsexperten der SPD ja immer wieder mal, gehe es um „Long Covid“ bei Kindern, um die Gefährlichkeit der Delta-Variante oder um angebliche Superspreader-Events in Fußballstadien, die „viele Tote“ zur Folge hätten, für die dann die UEFA verantwortlich sei.

Söder ist der Boss. Der Mann! Oberstes Tier! Mächtig großer Käse!

Nun hat Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in seiner Regierungserklärung vor dem Landtag tolldreist behauptet, in Bayern habe man mit den „Maßnahmen“ (darunter Kontaktverbote, Ausgangssperren und das verpflichtende Tragen einer kaffeefilterähnlichen Maske, die eigentlich für den Arbeitsschutz im medizinischen Bereich gedacht ist) „130.000 Menschen vor dem Tod gerettet“.

Jedenfalls Schätzungen zufolge, wo und wie auch immer die entstanden sein mögen. In der ihm eigenen Bescheidenheit erklärte der strenge Landesvater auch, kein Lob zu erwarten, der Erfolg der Tat an sich sei ihm Lohn genug: „Einen höheren ethischen Lohn, als Leben zu retten, kann und darf es für einen Politiker nicht geben.“

Nun heißt es ja im Talmud: „Wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt.“ Markus Söder hat also 130.000 Parallelwelten gerettet, in denen er seit Beginn der Pandemie zu leben scheint. Und das Schöne daran ist: So wie er seine Behauptung von den 130.000 geretteten Menschen im Leben nicht belegen können wird, kann man ihm auch das Gegenteil nicht beweisen. Söders Lohn der Angstkampagne bleibt eine Glaubensfrage.

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Rasio Brelugi / 03.09.2021

Zum Titel-Bild: “Ich befürchte Herdenimmunität gegen Wahlkampfparolen.” - - - Also, das ist das Letzte, was ich in diesem Land “befürchte” bzw. annehme.

Stefan Riedel / 03.09.2021

Also Zahlen? Das geht ja gar nicht. Zahlen. Wie alt ist Angela von Merkel? Eine Zahl könnte helfen. Zahlen sind an und für sich böse. Zählt nicht!

Silas Loy / 03.09.2021

@ Sirius Bellt - Der Pfizerstoff ist von der EMA zugelassen als Prophylaxe gegen schwere bzw. potentiell tödliche Verläufe, gegen leichte Verläufe hingegen nicht. Denn nicht einmal Pfizer behauptet, dass das Zeug gegen leichte bzw. normale Verläufe schützt. Auch behaupten sie folgerichtig nicht, dass man nach Verabreichung nicht mehr krank werden und nicht mehr ansteckend sein kann. Man kann sehr wohl. Das steht aber nicht in der Zeitung. Da steht jeden Tag bis zum Erbrechen, dass alle geimpft werden müssen, weil nur das uns noch zum Heile führet, wenigstens aber endlich aus dem Lockdown. Dem Lockdown, der autoritär durchgeprügelt wird ohne jede solide Evidenz, ohne relevante gesicherte Zahlen. Durch Autorität über Solidarität zur Immunität. Das neue Deutschland. Drosten, Wieler und Montgomery als Kronzeugen. Und sollten Sie jetzt fragen, wie denn ein Stoff, der schon gegen leichte Verläufe nicht wirkt, dann aber gegen schwere wirken soll, wenden Sie sich damit bitte an eine*n Impfer*in Ihres Vertrauens.

Boris Kotchoubey / 03.09.2021

@Thomas Hechinger: Ihr Vergleich mit Ludwig II. macht mir Hoffnung, den Starnberger See gibt es ja immer noch.

Silas Loy / 03.09.2021

Früher haben mal Ärzte Menschenleben gerettet, nicht Politiker. Früher hat man aber auch Grippewellen durchlaufen lassen, 2018 noch die Influenza mit 25.000 Toten obendrauf. Damals haben es diese Politdarstellenden gar nicht gemerkt. Jetzt kommen sie dagegen gleich mit irgendwelchen Mondzahlen von angeblich von ihnen Geretteten. Nein, beweisen können Hochstapler:innen nie etwas.

Gabriele Kremmel / 03.09.2021

Sind von den 130.000 die indirekten und direkten Opfer der coronalen Existenzvernichtung und Vereinsamung schon abgezogen?

Jürgen Fischer / 03.09.2021

@Bernhard Freiling, die Säftel im Bayerischen Landtag haben jedenfalls nur sehr müde und zurückhaltend geklatscht. Vielleicht hatten sie aber nur Angst, in ihren Plexiglaskabuffs übermäßig viele virenbefrachtete Aerosole aufzuwirbeln.

H. Nietzsche / 03.09.2021

Das Spiel mit Ungewißheiten erfreut sich bei den Manipulierern großer Beliebtheit. Zum Beispiel meine Feststellung:  Nach erfolgten Grippeschutzimpfungen wurde ich von Influenza verschont.  Also sehr gute Wirksamkeit! Prima Sache! Aber 1.: In dreißig Jahren bin ich nur drei mal zur Impfung gegangen, und hatte in den “ungeimpften” Jahren ebenso nie Influenza. Aber 2. : Wer weiß, vielleicht hätte ich in einem jener drei Jahre Influenza bekommen ohne Impfung?

Silke Müller-Marek / 03.09.2021

Ich bastle Södolf nachher ein Bundesverdienstkreuz aus Pappe. Ab jetzt darf er über Wasser laufen und sein Scheinheiligenschein wird täglich poliert. Das hat sich der Menschenfreund und Lebensretter nun wirklich verdient!

Gerhard Schmidt / 03.09.2021

“Lobet den Söder, der alles so herrlich regieret!” - Aus dem aktualisierten fränkisch-evangelischen Gesangbuch, Söder-Verlag.

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