Von Klaus Rüdiger Mai.
Paradoxerweise werden größere Freiheiten mit einer Art Neofeudalisierung erkauft. Große Internetimperien betreiben eine gnadenlose Landnahme im virtuellen Raum. Der Mensch kann zwar durch die Welt reisen und alles vom Smartphone aus erledigen, aber er wird gläsern, durchschau- und manipulierbar. Gerade eben wurde auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos eine Initiative vorgestellt, die darauf hinausläuft, dass sich die Reisenden freiwillig zum gläsernen Menschen machen. Diese Initiative wird von den Niederlanden und Kanada demnächst bilateral getestet werden. Jeder Reisende soll eine eigene Datenbank mit Informationen wie Hotelübernachtungen, Mietwagen, Bankdaten und allen möglichen Dokumenten, die Auskunft über ihn geben, erstellen. Auf diese Datenbank wird beim Überschreiten von Ländergrenzen den betreffenden Behörden (Grenzschutz, Zoll, ggf. Homeland Security) Zugriff gewährt. Je nach Geschmack kann man es als demagogisch oder als zynisch empfinden, wenn die in staatlicher Partnerschaft agierenden privatwirtschaftlichen Projektentwickler in ihrer Präsentation schreiben:
„Endlich müssen die Reisen die Gelegenheit erhalten, von der passiven Rolle zu einer aktiven Partnerschaft im Sicherheitsprozess zu wechseln.“ Wenn sie durch „selfselecting“ willig ihre Daten zur Verfügung stellen, dann werden sie bei der Abfertigung privilegiert. Man wird also den Grenzübertritt für diejenigen, die nicht „freiwillig“ ihre Daten zur Verfügung stellen, extrem unkomfortabel gestalten. In dem Dokument wird trotz Verschleierung so viel gesagt, dass Orwells „1984“ als gutmütige und fast wünschenswerte Utopie erscheint. Der Bürger wird nicht mehr ausspioniert, er spioniert sich selbst aus und stellt die Ergebnisse dem Staat und den Internetgiganten zur Verfügung. Dadurch, dass die Daten beim Reisenden bleiben, er sie „nur“ zur Verfügung stellt, behält er sein „Dateneigentum“ und ist dafür selbst verantwortlich.
Neofeudalismus der Dateneigenen
Das scheinbare Fehlen von zentralen Datenbanken entbindet den Staat und die Internetgiganten, die auf die Daten zugreifen, von der Verpflichtung, die Daten vor Hackerangriffen zu schützen, denn erstens existiert ja keine zentrale Datenbank und zweitens bleiben die Daten, wie dreist behauptet wird, Eigentum des Reisenden. In der Präsentation findet sich dann doch ein, allerdings sehr kryptischer, Hinweis darauf, dass die Daten gespeichert werden, und zwar „über ein Spiegelkabinett aus Blockchain- Terminologie wird dafür gesorgt, dass das nur sehr misstrauischen oder gewissenhaften Lesern auffällt. (Auf Seite 25 erfährt man verklausuliert und vage die Wahrheit.)“ Kannte der Feudalismus den Leibeigenen, so kennt der Neofeudalismus den Dateneigenen der großen Internetherrscher. Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshanna Zuboff sprach vom Überwachungskapitalismus, es wäre schon eine Hoffnung, wenn wenigstens der Kapitalismus übrig bliebe. Gerade an dieser Stelle findet tatsächlich ein Generalangriff auf das christliche Menschenbild statt, gerade hier müsste die Kirche den Menschen als Geschöpf Gottes verteidigen und eine große Debatte in Gang setzen. Stattdessen starrt die Kirche auf den „Rechtspopulismus“ wie das Kaninchen auf die Schlange und verkennt die große Gefahr, die von der konzerngetriebenen Digitalisierung für die Demokratie, die Freiheit und für die Menschlichkeit ausgeht. Dieses Thema hat die Kirche ausgehend von Luthers Entdeckung des Individuums, ausgehend von der Verantwortung der Christen für die Schöpfung offensiv anzugehen. Weder der Mensch noch Gott, der Schöpfer, sind ein Schürfgebiet für Daten. Allein dieses Beispiel skizziert, in welchem fundamentalen Wechsel des gesellschaftlichen Paradigmas wir uns befinden.[…]
Nicht umsonst und vollkommen zu Recht bezeichnet Immanuel Kant die von Martin Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ausgehende grundstürzende Veränderung des Verständnisses von Subjekt und Objekt, die zum Rationalismus führte und zum ersten Mal von René Descartes gefasst wurde, als „kopernikanische Wende“. Mit dieser kopernikanischen Wende, mit der Erfindung des Individuums, mit der Reformation, entwickelte sich das große gesellschaftliche Paradigma, das in unseren Tagen zu Ende geht. Es droht, in der Digitalisierung faktisch abgeräumt zu werden, weil das Individuum zu Datenstaub zerbröselt. Der Mensch wird verfügbar. Es geht schlicht nicht mehr um Entfremdung oder Selbstentfremdung, weil das eben das sich entfremdende Individuum voraussetzt, es geht um die Auflösung des Individuums in Dateneinheiten. Die folgenschwerste Veränderung besteht im Ende des Individuums. […]
Big Data wird zum Gulag des 21. Jahrhunderts.
Am Anfang unseres nun zu Ende gehenden Paradigmas standen die Erfindung des Buchdrucks, das heliozentrische Weltbild und die komplette Neubestimmung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt. Sie führte zu einer in der Welt einzigartigen Entwicklung in Europa, die Wissenschaft und Technik, Demokratie und die Definition der Menschenrechte mit legalistischer Konsequenz erst ermöglichte.
Mit der Erfindung des Buchdruckes wurde der Übergang von der pikturalen, also bildbasierten, zur skripturalen, also schriftbasierten, Kommunikation geschaffen, durch die eine Druckkultur als tragende Säule der europäischen Wissensgesellschaft entstand. Die Erfindung des Buchdrucks revolutionierte die Gesellschaft und bedeutete selbst eine Medienrevolution. Durch sie entstand erst Öffentlichkeit im modernen Sinn und als Reaktion darauf der Index der verbotenen Bücher. Dieser stellte den Versuch dar, die entstehende Öffentlichkeit einzuschränken, sie einer Kontrolle zu unterwerfen. Es ging darum, dem Ansturm des Wissens zu wehren und die öffentlichen Debatten einzuschränken.
Die Parallele zu unserer Zeit verblüfft, denn die sozialen Medien schaffen einen neuen Kommunikationsraum, eine neue Öffentlichkeit, die wiederum von Herrschaft reguliert werden soll. So stellt in unserer digitalen Welt das Netzdurchsetzungsgesetz wie in der analogen Ära der Index der verbotenen Bücher einen Regulierungsversuch dar. Dem Papst, der sich lehramtliche Autorität reserviert hatte, ging es damals schlicht darum, die Deutungshoheit zu sichern. Dieses Unterfangen lässt sich nicht hoch genug einschätzen, denn die Deutungshoheit über eine Gesellschaft ist Macht, ist wahre Macht von wahrer Macht, ganz gleich, ob sie sich institutionell oder informell vollzieht.
Verteidigung der Deutungshoheit
Das erklärt sowohl die Aufregung, aber auch die Hysterie, mit der auf die Befragung der Deutungshoheit reagiert wird. Jede Befragung der Deutungshoheit aus der Sicht derjenigen, die sie beanspruchen, wird als Infragestellung ihrer eigenen Stellung gewertet, zuweilen auch als Angriff oder gar als Umsturzversuch, weil sie an den Grundfesten rührt.
Die Verteidigung der Deutungshoheit der herrschenden Eliten als basales Mittel des Machterhalts ist keine historische Besonderheit, sondern eine geschichtliche Konstante, eine Vorgang in Permanenz, der umso drastischer in Erscheinung tritt, umso stärker und umso offenkundiger Deutung und Wirklichkeit auseinanderklaffen.
Wenn die alltäglichen Erfahrungen der Bürger mit den Leitbildern der Eliten immer weniger in Übereinstimmung zu bringen sind, bleiben nur zwei Möglichkeiten: die Lösung oder die Verstärkung des Problems. Die Inkongruenz von Wirklichkeit und Ideologie lässt sich nur auflösen, wenn die Eliten die Leitbilder verändern. Oder sie wird verstärkt, wenn den Bürgern die Fähigkeit zur Perzeption abgesprochen wird, indem man ihre Erfahrung als unterkomplex zu übergehen versucht.
Den ersten Teil dieser Serie finden Sie hier.
Im dritten Teil lesen Sie morgen: Was ist eigentlich eine politische Äußerung?
Dieser Text ist ein Auszug aus Klaus-Rüdiger Mais neuem Buch „Geht der Kirche der Glaube aus?“. Es erschien bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.
Zur Streitschrift fand im rbb ein Streitgespräch zwischen dem Autor Dr. Klaus-Rüdiger Mai und dem Kulturbeauftragten der EKD Dr. Johann Hinrich Claussen statt. Es empfiehlt sich aber, nicht die Sendefassung von 15 min, sondern die Langfassung anzuhören, weil die Kurzfassung das Streitgespräch zuungunsten des Autors nicht korrekt abbildet.
Beitragsbild: Creative Commons CC0 Pixabay
Schwere, aber notwendige Kost am Sonntagmorgen. Den letzten Satz, bezüglich der Manipulationen des RBB, kann ich aus eigener leidvoller Erfahrung nur bestätigen.