Die SPD hat derzeit nichts zu tun und keine Sorgen und besinnt sich auf eine alte Tradition: Ein Ausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin anstrengen. Das macht Laune, das macht Spaß und entspricht dem Denken und Handeln der Nahles-SPD. Und ich hoffe und bete: diesmal geht es durch.
Bei aller persönlichen Sympathie für meinen Namensvetter: Bei Gott, Herr Sarrazin, gehen Sie. Ihre SPD, die SPD von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder ist tot. Es gibt sie nicht mehr. Eine SPD, die die Interessen der Arbeiter und Angestellten, der sogenannten „kleinen Leute“ vertreten hat, ist nur noch eine ferne Erinnerung, deren Teil Sie und Ihr Parteifreund Heinz Buschkowsky sind, den ja auch schon der Bannstrahl der SPD getroffen hat. Gut, auch Buschkowsky ist noch im „Club der Mitfühlenden“, auch er ist für die SPD das, was die Grube Asse für deutsche Kernkraftwerke ist: eine Altlast, die man gerne loswerden würde, weil sie gelegentlich noch strahlt. Sie und Herr Buschkowsky sind eine toxische Gefahr für die Beliebigkeits-SPD des Jahres 2018. Sie sind „Volksfront von Judäa“ und nicht „judäische Volksfront“.
Ganz im Ernst, Herr Sarrazin: Die hassen Sie. Alle. Sie sind viel zu pragmatisch, viel zu nüchtern, viel zu sehr verkopft, viel zu analytisch und viel zu deutsch. Begreifen Sie doch: Das, was früher gut war, was der SPD auch zu drei Kanzlern verholfen hat, das ist heute nicht mehr gefragt. Wir leben in der Zeit der „Bätschi, das wird teuer“ – Gerechtigkeit einer infantilisierten Gesellschaft, der Haltung viel wichtiger als das Ergebnis davon ist und die die Öffentlichkeitsshow vor das Regieren gestellt hat. Die Probleme, die Sie und Buschkowsky ansprechen, sind für die Nahles-SPD keine Probleme.
Für die Nahles-SPD gibt es überhaupt keine Probleme von wegen Zuwanderung und Migration. Was die SPD sorgt, ist vielleicht die AfD und warum der Slogan „Gerechtigkeit und so“ immer noch nicht so wirklich beim Wahlvolk ankommt. Sie sind aus der Zeit gefallen, Herr Sarrazin. Sie wollen weder kuschen noch kuscheln, Sie sind auch nicht #wirsindmehr und Sie sind auch nicht #ichbinhier. Sie schreiben sogar für eines der teuflischsten Blogs der Republik! #Siesindeiner und #Siesinddort. Sie sind der Beelzebub von der Bundesbank, der Asmodis der Achse, der Albtraum aller Schneeflöckchen und Einhörner.
Sind Sie Freund von Fremdherzinfarkten?
Warum, Herr Sarrazin, tun Sie sich das an? Ist das von Ihnen so eine Art Sport, Nahles, Stegner oder der konsequent neben der Spur laufenden Frau Giffey Bluthochdruck zu machen? Ist das von Ihnen so eine Art subtile Methode, mit jedem Satz die SPD-Führung in den kollektiven Wahnsinn zu treiben? Sind Sie Freund von Fremdherzinfarkten? Wollen sie derart raffiniert die Führungsspitze der SPD dahinraffen, damit neue Leute nachkommen? Das wären dann Kevin Kühnert und der unsinkbare Schulzzug. Wollen Sie das wirklich? Soll dereinst auf dem Grabstein der SPD ein „…und Sarrazin ist schuld“ als Subtext stehen? Nicht, dass gerade ich nicht dafür Verständnis hätte. Ich mag es, wenn um mich herum die Erde bebt, aber ich bin auch ein heißblütiger Heterosexueller und Sanguiniker. Bei mir ist das so ein Charakterding. Aber doch nicht bei Ihnen, Herr Sarrazin. Sie sind doch dazu viel zu nüchtern (auch im Gegensatz zur SPD-Führung).
Noch einmal: Gehen Sie, Herr Sarrazin. Da, wo Sie Ihre politische Heimat sehen, ist nichts mehr. Da ist verbrannte politische Erde, das ist der Spielplatz der emphatischen Kuscheltiere, das Bällebad aller Queer-Denker, das hat mit Ihrer SPD nichts mehr zu tun. Das ist heute „Grünen-light“ mit roten Plakaten. Die SPD 2018 befindet sich im linken Schlingerkurs, um sich gegen Linke, Union und Grüne durchzusetzen und hat Angst, links überholt zu werden. Und Sie setzen da im Halbjahrestakt den Blinker rechts. Das können Sie nicht machen, Herr Sarrazin! Nicht in der SPD. Sie machen die Leute da ganz wuschig.
Wenn Sie, aus welch nostalgischen Gründen auch immer, meinen, dringend in der SPD bleiben zu müssen, dann ziehen Sie wenigstens los vor das Schiedsschnellstandgericht, stellen sich dort vors Gremium und widerrufen. Sagen Sie, dass Sie sich geirrt haben, das alles falsch war, dass es keine Integrationsprobleme gibt, Zuwanderung aus allen Ländern dringend gefördert werden muss, und brabbeln Sie noch irgendetwas von Gerechtigkeit. Rufen Sie laut „Refugees welcome – and bring your families with you“ und zeigen Sie die Eintrittskarten vom letzten Toten-Hosen-Konzert vor. Und wenn Sie es rund machen wollen, dann strecken Sie Heinz Buschkowsky auch noch nieder. Vielleicht – nur vielleicht – verzeiht man Ihnen dann, dass Sie im doppelten Wortsinn ein alter SPDler sind.
Herr Sarrazin, geehrter Kollege, lieber Thilo, es geht nicht. Sie können nicht beides sein: Thilo Sarrazin und in der Nahles-SPD. Entweder – oder. Meine Schmerzgrenze wäre schon lange erreicht. Für Ihre Schmerzfreiheit bewundere ich Sie. Aber ich bin ja auch nicht in der SPD.
Lesen Sie zum gleichen Thema auch das Interview der NZZ mit Thilo Sarrazin.
Beitragsbild: Charles Bird King Google Cultural Institute via Wikimedia Commons

Lieber Thilo Schneider, Glückwunsch zu diesem tollen Artikel, dem ich jedoch nur in Teilen zustimmen kann. Den Zustand der Sozipartei haben Sie sehr treffend beschrieben. Mit Schneeflöckchen, Einhörnern und anderem umbrauchbaren Personal ist nun mal kein Staat zu machen. Die einstige Partei der kleinen Leute hat sich im Laufe der Jahre durch zahllose Fehlentscheidungen selbst ad absurdum geführt. Selbst mit einem Titan wie Helmuth Schmidt konnte sie nichts anfangen. Ohne ihre Intrigen wäre dieser wirklich große Kanzler viel länger im Amt geblieben. Trotz allem blieb Schmidt bis an sein Lebensende Mitglied der SPD. Mir gefällt die Standhaftigkeit eines Thilo Sarrazin, sich gegen den Rauswurf aus der Partei zu wehren. Zwischenruf: Bleiben Sie der weithin sichtbare Pfeil im Fleische, der EsPeDe, Herr Sarrazin, und schreiben Sie so beherzt weiter wie bisher! Sollte es der Partei letztlich gelingen, Sarrazin auszuschließen, fiele ihm die Rolle des Märtyrers zu, die den Sozis weitere Stimmverluste bescheren würde. Aus Angst vor dem Tod begehen die Sozis einen Selbstmord auf Raten. Ihre Lust am Untergang ist unverkennbar. Doch zurück zu Ihnen, Herr Schneider. Sie raten Ihrem Namensvetter den Rückzug aus der SPD, bleiben aber selbst weiterhin Mitglied der FDP, einer charakterlosen opportunistischen Partei, die ihr Mäntelchen stets nach dem Winde dreht. Erklären Sie der geneigten Leserschaft der Achse doch einmal auf Ihre sympathisch unverblümte Art, warum S i e an dieser Mitgliedschaft so vehement festhalten. Ich bin gespannt.
Thilo Sarrazin dürfte gelassen dem mittlerweile dritten Parteiordnungsverfahren entgegen blicken. Die Hürden für einen Rauswurf sind ja immer noch sehr hoch und die Wahrscheinlichkeit damit groß, dass sich die Parteispitze ein weiteres Mal blamiert. Der Ansatz des Parteiausschlussverfahrens ist ohnehin falsch. Grundlage eines Parteiordnungsverfahrens ist parteischädigendes Verhalten. Die Frage ist, was ist denn parteischädigend? Ist es ein Thilo Sarrazin mit seinen Büchern und wirren Thesen oder ein Parteivorstand, der die Partei, um die es geht, mit immer wieder gleichlautenden Fehlentscheidungen von einem Wahldesaster zum nächsten führt. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, wenn ein Thilo Sarrazin sagt, dass er sich in dieser SPD immer noch gut aufgehoben fühlt. Denn eine SPD, die “spaßige” Debattencamps veranstaltet und reihenweise Ankündigungen in Umlauf bringt, in der Regierung aber immer wieder klein beigibt, befindet sich ja auf demselben jämmerlichen Niveau. Deshalb hier ein kleiner Tipp: Vielleicht sollte der Vorstand einfach mal die Politik ändern, also wieder zur Sozialdemokratie zurückkehren, statt dem Neoliberalismus und der Union permanent hinterherzulaufen. Vermutlich würde sich dann ein Herr Sarrazin auch viel unwohler fühlen und von ganz allein das Weite suchen.
Lieber Herr Schneider, noch eine Ergänzung. Die Mitgliedschaft von Herrn Sarrazin in der SPD ist wichtig. Die regelmäßigen Versuche ihn rauszuwerfen fördert nicht nur den Verkauf der Bücher, die hoffentlich auch gelesen werden, es sorgt auch dafür, dass der Inhalt teilweise über die MSM transportiert wird. Auch negative Berichterstattung ist Berichterstattung. Wer es nicht glaubt soll einmal nicht an den berühmten rosa Elefanten denken. Außerdem outet sich die SPD auf diese Weise regelmäßig und das ist gut so.
Herr Schneider, sie haben sich als FDP Mitglied geoutet und ich vermute einmal, Sie sind daher auch mit geschäftlichen Angelegenheit vertraut. Und einmal ernsthaft unter uns Pfarrerstöchtern, würden Sie einer so erfolgreichen Werbeagentur kündigen? Und erfolgreicher als die SPD hat noch niemand Werbung für die Bücher von Herrn Sarrazin gemacht. By the way, ich habe das Buch (gute Argumentation und moderat formuliert) gelesen und kann daher beim besten Willen nicht nachvollziehen auf was sich der Antrag der SPD auf Ausschluss bezieht. Solange es unparteiische Gerichte gibt, wird die SPD mit ihrem Antrag scheitern.
"Die Welt" zitiert heute den Juso-Chef. Laut Kevin Kühnert habe Thilo Sarrazin mit den Werten der SPD "schon lange nichts mehr am Hut". Das kann ich nur bestätigen. Die Werte der SPD lassen sich ja kinderleicht beziffern: knapp 20 Prozent, Tendenz schnell fallend. Für diese Wertekanon steht (unter anderen) Herr Kühnert. Herr Sarrazin dagegen ist Bestseller-Autor und würde sich bestimmt nicht mit derart lausigen Quoten zufrieden geben. Ein paar Leute von Sarrazins Kaliber in Sozi-Schlüsselpositionen, und das SPD-Wahlbarometer würde locker und schnell wieder die 30-Prozent-Marke knacken. Aber nein, mit solchen Werten hat Herr Kühnert ja nichts am Hut. Der bastelt lieber an einer Neuauflage von "Kevin allein zu Haus".
Man kann von Sarrazin ja halten, was man will. Aber eines muss man ihm lassen: Er setzt sich dem allen aus, obwohl er es nicht müsste. Er kann sich selbst gegen all die Folgen dieser "Politik" schützen. Er könnte sein Geld sehr sehr viel leichter verdienen. Und im Land der absoluten Mitläufer und Konformisten ist jemand wie Sarrazin wahrlich ein Unikat.
Wäre ich an Herrn Sarrazins Stelle und wollte ich selber gehen, würde ich sagen: Nö, jetzt bleibe ich erst recht.