Bericht aus Konstanz, der „Stadt des Klimanotstands“
Ich wohne in der Altstadt von Konstanz, wo ich vor Jahr und Tag für sehr viel Geld eine Garage für mein Auto gekauft habe. Meistens benutze ich das Fahrrad, außer es geht um schwere Fracht oder längere Wege. Ich bin im Zeitraum von sechs Jahren gerade mal 60.000 km gefahren. Ein Umweltverpester bin ich also bestimmt nicht. Ich komme regelmäßig nach Bayern, wo ich in Regensburg einen zweiten Wohnsitz habe. So kann ich den Umgang der jeweiligen Städte mit ihren autofahrenden Bewohnern gut vergleichen.
Der Vergleich sieht so aus: Ich kassiere wegen geringfügigster Geschwindigkeitsüberschreitungen in Konstanz und Umgebung Bußgeldbescheide in einem dramatischen Ausmaß, während ich bezüglich meiner Fahrten in Regensburg oder auf dem Land in Bayern kaum je entsprechende Erfahrungen mache. Mein senior citizen Fahrstil – das ist wichtig – bleibt natürlich immer der gleiche. Es muss also externe Gründe für mein Pech hier und mein Glück dort geben.
Was sofort auffällt ist, dass in Bayern elektronische Geschwindigkeitsanzeigen, also Warnhinweise sehr verbreitet sind. Die allermeisten Fahrer orientieren sich daran. In der Bodenseeregion und v.a. in Konstanz wird dagegen meist ohne Vorwarnung sofort geblitzt. Dazu kommt, dass die ganze Stadt mit a) Zone 30 km/h und b) einer irren Zahl von Blitzgeräten zugepollert ist. Will man auf der sicheren Seite sein, sollte man sich im PKW eigentlich immer und überall nur noch langsam dahinrollend fortbewegen. Sicher vor den Häschern ist man sonst nie.
Geblitzt wird nämlich bereits bei geringsten Überschreitungen der Geschwindigkeit, also bei solchen, die sich daraus ergeben, dass man beim Fahren außer dem Tacho auch noch einiges anderes auf dem Schirm haben muss, zum Beispiel Fußgänger, Radfahrer, andere Autos. Extrem ist es auf frequentierten Zufahrtstraßen nach Konstanz. Nichtsahnende Besucher der Stadt, wie etwa ein Freund von mir – der hiesigen Gepflogenheiten unkundig – rauschen quasi automatisch in die Falle. Auf manchen Straßen kommen zunehmend auch mobile Radarfallen zum Einsatz, so dass auch ortskundige Fahrer nicht ungeschoren davonkommen.
Reinlegen und Abzocken
Wundersam ist die Zufahrt zur Stadt auf einer neu erbauten Schnellstraße in Richtung Schweiz. Kenner mögen es wissen: Es ist die B33. Dort wird die erlaubte Höchstgeschwindigkeit an einer Kreuzung kurz von 100 auf 70 km/h abgesenkt. Viele Fahrer kriegen das, vor allem in der Dunkelheit, nicht schnell genug mit. Exakt an dieser Stelle erwartet sie das Blitzgerät. Ich als Ortskundiger bin selber schon mindestens zweimal in diese Falle getappt. Mit meinem Eindruck stehe ich nicht allein. Mehrere Fahrer, die ich kenne, bestätigten mir das: Es handelt sich um eine Radarfalle, die bewusst mit dem Ziel betrieben wird, möglichst viele Autofahrer reinzulegen und abzuzocken. Einen anderen Sinn mag man nicht erkennen. Das zuständige Ordnungsamt streitet, wie man sich denken kann, entsprechende Absichten vehement ab. Die Herrschaften sitzen am längeren Hebel und können sich ohne jedes Argument aus der Affäre ziehen. Die Verlierer sind automatisch immer die Autofahrer.
Das bisher Geschilderte mag schon krass genug sein, aber es kommt noch ärger. Ich war über Weihnachten und Neujahr länger weg und konnte erst am 18.01. meinen Briefkasten wieder leeren. Nach gut vierwöchiger Abwesenheit quoll dieser schon über mit Post. Wie man weiß, kommen am Jahresende besonders viele Zahlungsaufforderungen gleichzeitig an, u.a. auch eine Menge Arztrechnungen. Wegen Zahlungsverzug gab es darunter zwei Mahnungen. Diese ließen sich aber ohne Stress aus der Welt schaffen.
Nicht so bei der Stadt Konstanz und beim Landratsamt Konstanz. Wegen Überschreiten „der zulässigen Höchstgeschwindigkeit“ lagen diesmal gleich zwei Bußgeldbescheide vor. Einmal ging es um 7 km/h, das andere Mal um ganze 6 km/h. Für die 6 km/h forderte die Stadt Konstanz 30,00 Euro, die innerhalb von einer (!) Woche zu bezahlen wären. Wegen meiner Abreise erreichte mich dieser Bescheid nicht mehr rechtzeitig. Ähnlich ging es mit dem anderen Bescheid. Anders als in den anderen Fällen kam es hier aber nicht zu einer Mahnung, sondern man ging sofort aufs Ganze, und zwar ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass viele Leute über die Weihnachtstage und Neujahr öfter unterwegs sind.
Bei meiner Rückkehr hatten sich die beiden Bußgeldbescheide bereits um je 25,00 Euro „Gebühr“ plus 3,50 Euro „Auslagen“ erhöht. Ich musste am Ende für minimalste Geschwindigkeitsübertretungen, also für zweifellose Lappalien, 107,00 Euro (!) Strafe bezahlen. Mein Hinweis auf längere Abwesenheiten um Weihnachten/Neujahr herum entlockte dem diensttuenden Beamte die wahrlich sensationelle Bemerkung, ich hätte ja zwischendurch zurückkehren und meinen Briefkasten inspizieren können. In anderen Worten: Verreise bitte nicht für mehr als zwei Wochen, denn es könnte dich teuer zu stehen kommen.
„Erste Stadt des Klimanotstands“
Sollte man diesen Umgang mit den Autofahrern als einen bedauerlichen Zufall ansehen? Ich glaube nicht. Vielmehr vermute ich, dass es einen engen Zusammenhang mit den Umweltansprüchen der Stadt geht. Beweisen kann ich natürlich nichts, aber Konstanz hat sich, obwohl sich manche wohl nur noch ungern daran erinnern, 2019 zur „ersten Stadt des Klimanotstands“ in Deutschland erklärt, Seite an Seite mit Großstädten wie Los Angeles, London und Vancouver.
Freunde von mir, die hier zu Besuch waren, haben sich über dieses Prädikat vor Lachen fast in die Hosen gemacht. Konstanz ist nämlich, wie viele wissen, innerhalb von Deutschland eine wohl etablierte kleine Touristenhochburg (85.770 Einwohner) mit den Westschweizer und Vorarlberger Alpen vor Augen und dem größten Binnensee Deutschlands an seinen Gestaden, nämlich dem auf 536 Quadratkilometer ausgebreiteten Bodensee. Die Luft könnte kaum irgendwo besser sein als in Konstanz. Die Stadt und ihre Umgebung ist ein Juwel, von dem viele vergleichbar große Städte rund um den Globus nur träumen können.
Nichtsdestoweniger reicht das nicht. 2019 hat ausgerechnet diese privilegierte Stadt die Bekämpfung der Klimakrise zur Priorität erklärt. Daher das Prädikat „erste Stadt des Klimanotstands“. Was ist seitdem passiert? Zwischen 2018 und 2022 hat Konstanz, den Angaben zufolge, die Emissionen von Treibhausgasen um 19 Prozent reduzieren können. Das scheint aber bei Weitem noch nicht zu reichen. Jetzt ist die Wut auf die Autofahrer angesagt. Der Zustand der Fahrbahnen spricht jedenfalls nicht für eine besondere Zuneigung zu den Autofahrenden. An vielen Stellen fällt man von einem Schlagloch in das nächste, so dass selbst Tempo 30 schon zum Risiko wird. Das intendierte Endziel der Autofeinde könnte ja das sein, was ich vor kurzem auf einer ökologisch bewegten Postkarte an den Oberbürgermeister sehen konnte.
Wie sich unsere erleuchteten Freundinnen und Freunde diese Umsetzung vorstellen, steht natürlich wie fast alles aus ihrer politischen Agenda in den Sternen. Ginge es nach Romantikerinnen von Bündnis 90/die Grünen wie Emilia „Milla“ Fester, so würden die Geschäfte der Stadt vermutlich durch Lastenfahrräder beliefert und Notfall-Patienten mit der Rikscha in die Klinik geschafft werden. Was wie ein Witz klingt, scheint allerdings zu einem gewissen Grad Boden gewonnen zu haben. Da man sich mit Wärmepumpenverpflichtung und Verbrennerverbot im Bereich der Klimapolitik nicht schnell genug durchsetzen konnte, beschränkt man sich momentan auf die Errichtung eines engmaschigen Terrornetzwerks aus Tempo-30-Zonen, Radarfallen, gnadenloser Abzocke und vernachlässigten Straßen, um den Autofahrern das Leben zu erschweren. Das und nichts anderes bleibt, wenn man sich das Szenario von oben betrachtet.
Langsam wird mir auch klar, warum mich manche Bürger mit bösen Blicken verfolgen oder partout nicht aus dem Weg gehen wollen, wenn ich durch die Gasse fahre, in der sich meine Garage befindet. Höhepunkt an Erlebnissen waren, dass mich eine junge Frau beschuldigte, ihr Kind zu gefährden, obwohl mein Wagen sich kaum bewegt hatte, und eine andere ohne Grund wütend mit der Hand auf mein Autodach schlug, als ich in meine Garage einbiegen wollte. Von so viel Hass war ich damals ehrlich gesagt überrascht. Ich konnte keinen Grund dafür finden. Inzwischen beginne ich, die Zusammenhänge zu durchschauen.
Josef Bayer, Prof. em., hat Allgemeine und Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Konstanz unterrichtet.
In diesem Zusammenhang fiel mir wieder ein, wie „elegant“ die Fans des 1.FC Union einen Blitzer an der Wuhlheide wieder losgeworden sind. Der war auf wundersame Weise nach den Heimspielen immer mal wieder „defekt“ mit Aufklebern „verziert“ oder in Mülltüten verpackt; bis die Stadt aufgegeben hat.
Das soll natürlich keine Anregung sein, ich warne davor, solch illegales Tun nachzumachen.
@Ralf Wassen # Kann man als echter Freigeist, wie Sie einer zu sein scheinen, so sehen. ;-) ;-)
Wer sich ein Auto leisten kann, ist ein Faschist – oder gewöhnlicher Regierungsfetischist. Einen Unterschied gibt es da ohnehin längst nicht mehr. Nur verschiedene Farben.
Sicherlich gibt es in Konstanz eine große Menge sehr einsichtige Neubürger aus sehr südlichen und östlichen Gefilden, die sich mit ihren Boliden exakt an die entsprechenden Begrenzungen halten….
Ein Bekannter erzählte mir mal was im Angloamerikanischen Raum dazu gesagt wird: „love it, live with it or leave it“
Nach diesem Motto, habe ich letztes Jahr die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nach über 40j Mitgliedschaft beendet.
Tipp an den Autor: Haus, oder Wohnung verkaufen; niemand muss in Konstanz wohnen, oder wenn man doch nicht anders kann: bei der nächsten Kommunalwahl einfach mal Alternativen in Betracht ziehen. Und für Gäste und Touristen: fahren Sie einfach nicht (mehr) hin.
Wer hat denn den Stadtrat gewählt?
Geliefert wie bestellt.