Die Kassamraketen der Hamas erreichten gestern Tel Aviv. Hunderte Demonstranten aus der israelischen Grenzstadt Sderot, die seit sieben Jahren fast täglich von palästinensischen Terrororganisationen beschossen wird, kamen gestern in die Metropole am Mittelmeer, “um die Bevölkerung wachzurütteln und die Regierung zum Handeln zu zwingen”, so die Veranstalter der spontanen Protestkundgebung. Danni Swissa aus Sderot, der am Wochenende vom Beschuss verletzt wurde, trug die Überreste einer Rakete auf seinem Rücken, um den Bewohnern Tel Avivs, die den alltäglichen Terror in Sderot nur aus den Nachrichten kennen, die Bedrohung zu veranschaulichen. Zahlreiche Bürger Tel Avivs zeigten sich solidarisch und gesellten sich zur Demonstration, die von einer Frauenstimme, die aus einem Lautsprecher fortwährend die Warnung “Rote Farbe, Rote Farbe” plärrte, untermalt wurde. So klingt die Warnung vor dem Einschlag einer Rakete, die den Bewohnern 10 Sekunden Zeit lässt, um sich in Sicherheit zu bringen.
“Uns gehen langsam die Wunder aus”, schrie ein Demonstrant, als die Menge das Verteidigungsministerium erreichte. Zwar schlugen in den letzten Jahren tausende Raketen in der Umgebung Sderots ein, bisher wurden dabei aber “nur” 11 Israelis getötet, darunter 3 Kinder. Doch am Wochenende traf eine Rakete zwei Jugendliche. Ein Achtjähriger verlor dabei ein Bein und schwebt noch in Lebensgefahr, sein älterer Bruder wurde schwer verletzt. Das Schicksal der Brüder Twito hat Israel zerrüttet. In der Kabinettssitzung am Sonntag suchten die Minister, sich in martialischen Vorschlägen zu übertreffen. Innenminister Meir Schitrit schlug vor, ganze Stadtteile in Gaza abzureißen, wenn der Beschuss nicht Seitens der Hamas eingestellt werde. Man beklagte, Israel besäße weder Abschreckung noch eine Strategie, um die Bombardements zu beenden.
Hamas wie Israel lehnen Verhandlungen ab: die Islamisten aus ideologischen Gründen und Jerusalem, da es befürchtet, die Hamas werde eine Waffenruhe lediglich zum Aufrüsten nutzen. Darüber hinaus fordern beide, dass das Gegenüber zuerst das Feuer einstellen müsse. Die israelische Öffentlichkeit nähert sich darum widerwillig der Überzeugung, dass nur eine groß angelegte Invasion Gazas dem Süden Israels wieder Ruhe bringen kann. Wichtigster Adressat der Demonstration waren deswegen Verteidigungsminister Ehud Barak und Premier Ehud Olmert, die zum Handeln getrieben werden sollen. Noch zögert die Regierung aber vor so einem riskanten Schritt, der Israel nicht nur international isolieren und der Armee hunderte von Toten bescheren, sondern das Problem auch nicht auf Dauer lösen wird. So erklärte Barak zwar vor einem Parlamentsausschuss, er habe die Armee bereits angewiesen, sich auf eine Invasion Gazas vorzubereiten. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass Israel in den letzten vier Monaten 200 Terroristen getötet habe, und dass seine Truppen ihre Aktionen gegen die Raketentrupps der Hamas weiter intensivieren würden. Man dürfe nichts überstürzen, warnte auch Olmert.
In Gaza rechnet man damit, dass Israel nun vor allem verstärkt auf “gezielte Tötungen” hochrangiger Hamasmitglieder setzen wird. Ismail Haniyeh, Premier der abgesetzten Hamasregierung, soll wie viele andere Führer der Organisation laut arabischen Medienberichten aus Angst vor israelischen Luftangriffen bereits untergetaucht sein.