„Genug ist genug”, sagt die israelische Außenministerin Tzippi Livni bei einem Blitzbesuch in Kairo diese Woche, und meinte damit den anhaltenden Beschuss aus Gaza. Seitdem vor acht Tagen die Waffenruhe zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen endete, regnet es unaufhörlich Granaten und Raketen auf israelische Dörfer. Längst fordert fast das gesamte politische Spektrum in Israel einen harten Gegenschlag gegen die Hamas. Selbst die links-oppositionelle Meretz Partei will Israels militärische Abschreckung wiederherstellen, bevor es Verhandlungen geben soll. Im politischen Heim der Friedensbewegung war nach einem Tag, an dem mehr als 80 Raketen und Granaten auf Israel niedergingen, sichtlich entsetzt. So bereiten Israel und die Hamas sich auf den nächsten Schlagabtausch vor.
Dabei schien Israel im Gegensatz zu früher bemüht, überlegt und nicht instinktiv zu reagieren. Trotz des anhaltenden Beschusses aus Gaza ließ der Verteidigungsminister Ehud Barak die Grenzübergänge nach Gaza öffnen und gab damit einer zentralen Forderung der Hamas nach. Rund 90 Lastwagen mit Nahrungsmitteln und Treibstoff brachten ihre Ladung in den Landstrich. „Dies geschieht unter andauerndem Beschuss und unter Lebensgefahr für die Beamtenam Grenzübergang”, betonte das Ministerium. Damit solle eine drohende humanitäre Katastrophe in Gaza verhindert werden. Premierminister Ehud Olmert wandte sich in einem seltenen Interview an einen arabischen Satellitensender an die Bevölkerung Gazas:„Ihr, die Bürger von Gaza, könnt den Beschuss stoppen. Hamas ist euer Feind. Wir wollen nicht gegen das palästinensische Volk kämpfen, aber wir werden nicht zulassen, dass die Hamas unsere Kinder angreift.”
Doch weder der Aufruf Olmerts noch die Drohungen Baraks schienen auf die Hamas Eindruck zu machen – der Bombenhagel ging weiter. So lautet die Frage nicht, ob es zu einer militärischen Antwort Israels auf die anhaltenden Provokationen aus Gaza kommen wird. Die Frage lautet eher, wann und wie hart die Reaktion ausfallen wird. Dabei geht es der Armee nicht darum, den Raketenbeschuss aufzuhalten. Im Gegenteil, man glaubt, der Beschuss wird während einer Militäraktion noch zunehmen. Ihr geht es vielmehr darum, der Hamas einen hohen Preis abzufordern, um ihr die Motivation für künftige Angriffe zu nehmen.
Selbst die ägyptischen Gastgeber Livnis, die den verstrichenen Waffenstillstand vermittelt hatten und auch diesmal bemüht waren, Ruhe zu stiften, schienen nach dem massiven Beschuss von Seiten der Hamas davon überzeugt, dass den Islamisten einen Denkzettel gebührt. Dies nicht zuletzt, weil in den vergangenen Wochen zu erheblichen Spannungen zwischen Kairo und der Hamas gekommen ist. In Erwartung der bevorstehenden Auseinandersetzung konzentrierte Ägypten bereits Truppen an der Grenze zu Gaza, um einer Massenflucht in den Sinai vorzubeugen.
Das scheinbar unabwendbare Gefecht zwischen Israel und der Hamas könnte dabei nicht bloß im Süden, sondern auch im Norden zu gefährlichen Entwicklungen führen. Am Donnerstag entdeckte die libanesische Armee acht Raketen an einem Strand, die auf Israels Nordgrenze gerichtet und mit einem Zeitzünder versehen waren. Islamistische oder palästinensische Gruppierungen, oder die mächtige schiitische Hisbollahmiliz könnten die Spannungen an Israels Südgrenze nutzen, um die Lage auch an der Grenze zum Libanon anzuheizen.