Thomas Rietzschel / 07.05.2018 / 12:00 / Foto: Tomaschoff / 14 / Seite ausdrucken

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Malu Dreyer schmeichelt Marx

Wir wissen nicht, wie gut Malu Dreyer in der Schule aufgepasst hat, ob sie Löcher in die Luft starrte oder aufmerksam zuhörte. Was hat sie damals und später gelesen? Viel kann es nicht gewesen sein, wenn sie uns jetzt mit staatsfraulicher Autorität erklärt: „Karl Marx war der größte Denker des 19. Jahrhunderts.“ Um zu diesem Urteil gelangen zu können, mag sie sich manches an geistiger Nahrung versagt haben: die Schriften von Hegel, Fichte, Humboldt, Schopenhauer, Nietzsche neben anderen.

Vergebens war diese intellektuelle Diät keineswegs. Belohnt wurde sie mit Bildungslücken, zwischen denen der Erfinder des Kommunismus als Gigant aufragt, so überlebensgroß wie der neue Koloss von Trier. Die Chinesen haben das Monument, 2,3 Tonnen schwer und 5,5 Meter hoch, seiner Geburtsstadt zum Geschenk gemacht.

Die gewaltigen Ausmaße entsprechen der Gewalttätigkeit, mit der die Anhänger des Marxismus im nachfolgenden 20. Jahrhundert Millionen umbrachten, unter Stalin in der Sowjetunion, unter Mao in China, unter Pol Pot in Kambodscha. Nicht zu reden von den Flüchtlingen, die die ostdeutschen Kommunisten mit dem guten Gewissen geschulter Marxisten an Mauer und Stacheldraht erschossen.

Das Großmaul unter den Philosophen

Kollateralschäden einer Lehre, vor dessen Erfinder sich neben Malu Dreyer als rheinland-pfälzischer Ministerpräsidentin auch ihr Genosse Frank-Walter Steinmeier als deutscher Bundespräsident verneigte, als er anlässlich des 200. Geburtstages ebenfalls von „einem großen deutschen Denker“ sprach. Dabei steht natürlich außer Frage, dass das Großmaul unter den Philosophen des 19. Jahrhunderts, der Antisemit und Verächter außereuropäischer Kulturen, als ein „Großer“ der Geschichte anzusehen ist, insofern sein Gedankengut politische Sadisten, öfter auch schlichte Dummköpfe, dazu anstiftete, beinahe die halbe Welt ins Elend zu stürzen. In diesem Sinne gebührte es Adolf Hitler dann aber gleichfalls, als ein „Großer“ angesehen zu werden.

Natürlich liegt das einer Malu Dreyer ebenso fern wie einem Frank-Walter Steinmeier und anderen Politkern, die im Fach Geschichte nicht eben geglänzt haben dürften. Allesamt nutzen sie lediglich die Gunst der Stunde, um sich wieder einmal mit einem Deutschen zu brüsten, indem sie ihn auf den Schild der Kulturgeschichte heben. Was ihm anzulasten wäre, wird als partielle „Widersprüchlichkeit“ so heruntergespielt, dass das „geniale“ Gesamtwerk unbeschädigt bleibt.

Eine leichte Übung der Dialektik für alle jene, die sich auf ihre Bildungslücken verlassen dürfen. Wer seinen Marx nicht gelesen hat, kann ihn frei weg von der Leber hochleben lassen. Obwohl es doch schon genügen würde, einen Blick in das Kommunistische Manifest, richtiger das „Manifest der Kommunistischen Partei“ zu werfen, um zu erkennen, dass alles, was die linken Diktatoren nachher angerichtet haben, im Sinne ihres Vordenkers geschah. Von Marx und seinem Finanzier Friedrich Engels 1848 herausgebracht, orientierte die 23 Seiten lange Schrift bereits auf die Errichtung einer „Diktatur des Proletariats“, wozu es wiederum einer „Avantgarde“ bedürfe, einer Partei, die unumschränkt herrscht.

Kein Fall von einer Verfälschung der reinen Lehre

Damit war der ideologische Grundstein für die „proletarische Weltrevolution“ gelegt. Wer immer auf Marx folgte, von Lenin über Stalin und Fidel Castro bis hin zu Honecker, hat nicht mehr getan, als diese theoretische Vorgabe mit allen verfügbaren Mitteln in die Tat umzusetzen. Von einer Verfälschung der reinen Lehre konnte während der weltweiten Ausbreitung des Kommunismus niemals die Rede sein. Die ausgeübte Gewalt und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurzelten durchweg in der Ideologie. Allein mit diesen Vorgaben zur politischen Machtergreifung hat Karl Marx über seine Zeit hinaus gewirkt, nicht mit den angeblich so hellsichtigen Analysen der kapitalistischen Wirtschaft, die manche Festredner nun in dem umständlich geschriebenen „Kapital“ gefunden haben wollen.

Derartige Glasperlenspiele mögen vorübergehend einen gewissen Unterhaltungswert besitzen, auch mag es gute Gründen geben, chinesischen Investoren für die aufgenötigte Statue mit unterwürfigem Dank zu schmeicheln – dazu, Marx als „größten Denker des 19. Jahrhunderts“ zu ehren, gibt es keinen Anlass. Wer es tut, hat die historische Figur verkannt. Der Mann war kein in sich gekehrter Philosoph, vielmehr einer, der wusste, was er wollte: die Errichtung der totalitären Herrschaft einer ideologisch geschulten Elite. Mit seinem Schaffen nahm er Rache an einer Gesellschaft, die den Eitlen nicht so hofierte, wie er es für angemessen hielt.

Ob ihm allerdings die Schmeicheleien einer Malu Dreyer, etwas bedeutet hätten, muss nun auch wieder bezweifelt werden. Schließlich war der alte Marx zwar nicht der größte Denker seiner Zeit, aber doch ein schlaues Schlitzohr. Eine hübsche Larve und nichts dahinter, das dürfte sogar ihm zu wenig gewesen sein. 

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Thomas Klingelhöfer / 07.05.2018

Vielen Dank für die klare Beschreibung der Tatsachen, Herr Rietzschel! Etwas irritierend fand ich die Teilnahme von Jean-Claude Juncker als EU-Kommissionspräsident. Der Mann ist immerhin Mitglied der Christlich Sozialen Volkspartei (CSV/PCS), einer Schwesterpartei der CDU. Offenbar feiert man heutzutage auch in ehedem “konservativen” Kreisen Karl Marx. Na Dann Prost, da weiß man doch als Bürger, wohin die Reise mit der EU und ihren vielen Kommissaren geht.

Dietrich Herrmann / 07.05.2018

Meine Güte, Herr Rietzschel, zur Russophobie kommt bei Ihnen auch noch die Marxophobie dazu…  oh je.

Bertram Scharpf / 07.05.2018

Es ist ja gerade die Substanzlosigkeit, die Marx so beliebt macht. Von dem Zeug, was der so zusammengeschrieben hat, kann man immer sagen, man hätte es „verstanden“.

Dirk Jungnickel / 07.05.2018

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich fremdschäme mich für Deutschland, das zwei Diktaturen erleben mußte und von dem Erfinder der einen noch immer nicht die Nase voll hat.  Die vor dem steinernen Koloss - angeblich dem geistigen - katzbuckeln und davon schwafeln, dass man die Folgen des Marxschen Murkses bei Ausstellungen etc. auslagern könne, sei ein Wochenaufenthalt in Nordkorea empfohlen.  Inkognito, nicht als Tourist. Der könnte allerdings vom Regime verlängert werden, in einem Gulag - Ableger.  Schreibtischtäter haben sich in der Geschichte immer als die übelsten erwiesen.

Gernot Radtke / 07.05.2018

Islam und Kommunismus: die Immunisierungsverfahren für angeblich nur fehlerhaft angewendete, an sich aber vorzügliche Universalethiken zum Glück des Menschen sind bei beiden dieselben. Gut, daß Sie, verehrter Herr Rietzschel, für den Marxismus noch einmal herausgestellt haben, daß der spätere Terror der Kommunisten (Stalinismus/Maoismus) genuin in dessen heiligen Büchern angelegt und offen ausgesprochen worden ist. Den Islam immunisieren seine Fürsprecher heute auf dieselbe Tour.  Natürlich werden die, die sich davon bestens nähren, dies niemals zugeben: daß, was in der Praxis so schrecklich schiefläuft, schon in der Theorie nicht richtig sein kann. Dreyer und Steinmeier - na ja. SPD eben.

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