Es soll wirklich Menschen geben, die lange vor Sonnenaufgang aufstehen, um sich irgendeine Sportübertragung live im Fernsehen anzusehen: Ich gehöre nicht dazu. Es ist mir völlig egal, wer gegen wen antritt und wer was gewinnt. Die einzige Sportart, die ich spannend finde, ist Eishockey, aber nur, weil es dabei regelmäßig zu Schlägereien zwischen den Mannschaften kommt.
Ich verstehe nicht, was es zu jubeln gibt, wenn ein Sprinter fünf Hundertstel Sekunden schneller ist als ein anderer. Worin liegt der sozio-kulturelle Mehrwert? Und was bringt wildfremde Menschen dazu, einander um den Hals zu fallen und wild zu schreien, wenn einer aus ihrem Stamm eine Medaille gewinnt?
Nationalismus hat keinen guten Ruf in Europa. Meine deutschen Landsleute zum Beispiel wollen keine Deutschen sein, sondern nur noch Europäer mit Migrationshintergrund. Allerdings, während der Fußball-WM und bei Olympischen Spielen fällt ihnen plötzlich ein, dass sie die Nachkommen von Otto dem Großen sind, der die vier deutschen Urstämme – Sachsen, Bayern, Schwaben und Franken – Mitte des zehnten Jahrhunderts zu einer Schicksalsgemeinschaft geformt hat.
So war es auch bei den Olympischen Winterspielen, die bis vor ein paar Tagen in einem koreanischen Dorf vor meist leeren Rängen stattgefunden haben. Vom ersten Tag an führten sowohl die öffentlich-rechtlichen Sender wie die privaten Medien einen „Medaillenspiegel“ nach Ländern. Es galt, die „Schmach von Sotchi“ wieder wett zu machen, als die deutsche Mannschaft nur 19 Medaillen gewann und damit auf dem sechsten Platz landete. Das war unter der Würde einer Nation, die ihren Bedarf an Niederlagen in zwei Kriegen durchlebt hat.
Diesmal gab es tatsächlich einen „Medaillenregen“, am Ende waren es 31. „Wir gehören wieder zu den führenden Wintersportnationen, hinter den überragenden Norwegern“, freute sich der Chef der deutschen Delegation, wobei ein leises Bedauern, dass es für den ersten Platz nicht gereicht hat, kaum zu überhören war.
Und während sich die Deutschen gerne über die Amis und Trumps „America First!“ aufregen, träumen sie davon, auch mal „Germany First“ sein zu dürfen, und sei es nur im Rodeln oder beim Curling.
Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche
Beitragsbild: Marco Consani CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

Kuckt jemand noch Olympia?
Was hat man sich in der alten BRD geärgert oder lustig gemacht über den Drang der DDR, im olympischen Länderranking nach Sowjetunion und USA den 3. Platz belegen zu können und daraus eine Systemüberlegenheit zu basteln. Und heute? Ich habe mir die Übertragungen nicht angetan, aber dem Hören nach muss dort in Korea eine Art permanenter Après-Ski-Party in der Diskothek "Deutsches Haus" gelaufen sein, nur unterbrochen vom sich-auf-die-Schulter-Klopfen der ör-Moderatoren nach dem Motto "Wir sind wieder wer!".
Ich habe darüber nachgedacht, wie man die National-Elf demnächst nennen wird, wenn die Nationalitäten abgeschafft wurden. Dieser Gedanke, verbunden mit ernsten Warnungen vor einer "Re-Nationalisierung" kam zustande, weil permanent so getan wird, als ob sich die Globalisten der Welt eilig hinter Angela Merkel versammeln und es gar nicht abwarten können, von ihr in die neue Siegerwelt ohne Grenzen geführt zu werden. - Mein Vorschlag: Global-Elf; niemand weiß, wie sie ermittelt wird und gegen wen sie einst spielen soll.
Ebenfalls ein Sportmuffel, muß ich aber anmerken, dass diese ganze Medaillen - Spiegelei unolympisch ist. Bei den Olympischen Spielen ging es früher und sollte es heute um Einzelleistungen gehen. Statt auf die Länderwertung und die Medaillen fixiert zu sein, sollten a l l e Athleten gebührend gewürdigt werden. Sport als Nationenwettkampf zu begreifen, wird ihm nicht gerecht. Im Gegenteil dazu die Politik : Europa hat meiner Meinung nach in der Zukunft nur als starkes Bündnis von souveränen Nationalstaaten eine Chance. Die Basis müssen humanistische Werte sein, die vor allem die Freiheit des Individuums garantieren. Notfalls müssen jegliche Bedrohungen von Außen effektiv und konzertiert abgewehrt werden können. Nur dann haben wir wirtschaftlich und militärisch auch eine Chance Russland und China auf Augenhöhe zu begegnen, wobei zur Zeit Russlands antieuropäische Außenpolitik schon jetzt bedrohliche Formen angenommen hat.
Von Olympia habe ich mir nicht eine Minute angesehen. Olympia ist durch bei mir. Und das liegt nicht an Russen, die schummelten. Der Reiz der Spiele ist, in meiner Perspektive, total verflogen. 1988 in Calgary sah ich fast jede Sendung und fieberte mit Kati Witt, ob ihre Kür gelingt. Auch an die Spiele von Lake Placid kann ich mich erinnern. Inzwischen wiegen Alltagsprobleme und die Sorge um unser Land schwerer für mich. Olympia ist für mich eine Zeitverschwendung geworden. Ich habe mir noch nicht mal das Eishockey-Finale angesehen, obwohl ich daheim war. Olympia ist durch, abgehakt.
Ja, im Sport gestatten sich die Deutschen Nationalgefühle. Aber eigentlich auch nur im Sport. Da darf man das. Da ist es harmlos. Spielerisch. Quasi nicht so gemeint. Also, nicht böse. Da darf man mal Deutsch sein und sich drüber freuen. Ohne sich entschuldigen zu müssen, ohne schlechtes Gewissen. Ganz Nazi-unverdächtig. Sogar eine Fahne ist dann erlaubt. Auch Herr Gröhe dürfte eine schwenken. Weil sie ansonsten Deutsch nur mit angezogener Handbremse sein dürfen, ist es den Deutschen dafür im (unverfänglichem) Sportlichen um so wichtiger. Vielleicht auch deshalb wird Sport in Deutschland so ernst genommen.
"Und während sich die Deutschen gerne über die Amis und Trumps „America First!“ aufregen, träumen sie davon, auch mal „Germany First“ sein zu dürfen, und sei es nur im Rodeln oder beim Curling." Wer weiß ? Vielleicht werden wir bald einen neuen Kanzler haben, dessen Motto Germany first lautet ?? Unverhofft kommt oft, sehen wir doch in Amerika. Sportveranstaltungen meide ich deshalb, weil ich nicht weiß, ob die Sportler gedopt sind. Nach den Skandalen bin ich äußerst skeptisch. Die haben mir den Sport total vermiest.