Gerald Wolf, Gastautor / 20.07.2019 / 16:00 / Foto: Alex Grech / 0 / Seite ausdrucken

German Angst

Der Begriff hat weltweit Karriere gemacht. Doch will man uns Deutschen mit „German Angst“ nicht etwa rundum Feigheit unterstellen, Hasenfüßigkeit, nein, viel eher eine Neigung zu kollektiver Besorgtheit, die über das für Ausländer übliche Maß hinausgeht. Bereitwillig ließen sich die Deutschen von professionellen Angstmachern immer wieder neue Kümmernisse einreden, heißt es, und diese würden sich dann, frei von vernünftigen Erwägungen, wellenartig im ganzen Lande ausbreiten. Gerne auch wird unserer Nation ein Angst-haben-wollen unterstellt, gewissermaßen auf Teufel komm raus, nämlich allen Vernunftgründen trotzend. Andere Nationen würden da weit gelassener tendieren. In dem Roman „Es führt kein Weg zurück“ meinte der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe, die Deutschen wären von ständiger Furcht infiziert, wie von einer Seuche. Die Folge sei eine schleichende Paralyse, die alle menschlichen Beziehungen verzerre und zugrunde richte. 

Alles nur Häme? Häme, wie sie gern über erfolgreiche Nachbarn ausgegossen wird, oder ist da etwas Wahres dran? Tatsächlich, regelrecht hysterisch waren hierzulande die Reaktionen, als es um Rinderwahn und Vogelgrippe ging, um Amalgam, DDT, Chlor-Hühnchen, Dioxin, das Ozonloch und Fipronil-Eier. Und um das Waldsterben. „Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“, hieß es. Gegenwärtig dreht sich die kollektive Sorge nicht weniger schrill um Glyphosat, Feinstaub und Stickoxide sowie – und das seit langem schon – um Gentechnik und die allgemeine Chemisierung. Auch um eine noch immer unzureichende Gleichstellung der Geschlechter und um heimliche Eingriffe in den Persönlichkeitsbereich. Bereits in den 1980er Jahren wurde gefragt, ob es sich überhaupt noch lohne, unter solchen Vorzeichen Kinder in die Welt zu setzen.

Zur etwa selben Zeit (1983), nämlich als die Computerei gerade aufkam, wurde mit einem Foto vor „Totalerfassung“ gewarnt. Diese Befürchtung hat sich bis in unsere heutige Zeit fortgepflanzt. Deutschland, heißt es, sei das einzige Land, in dem die Erweiterung von Google Street View aus Rücksicht auf die Privatsphäre so gut wie eingestellt wurde. Oder denken wir an die für Deutschland typische Angst vor Radioaktivität. Sie wurde durch den Reaktorunfall in Tschernobyl verstärkt und durch das Erdbeben und den Tsunami in Fukushima noch einmal potenziert. Überstürzt dann der Abschied aus der Kerntechnik („Atomausstieg“, welch Wort!). Heute importieren wir tageweise Atom- und Kohlestrom von unseren Nachbarn, ohne Weiteres in Kauf nehmend, dass um uns herum Kernkraftwerke mit geringerer Sicherheit stehen als die der abgeschalteten deutschen.

Sorgen ändern sich, Besorgtheit bleibt

Weit oben in der Besorgtheits-Rangliste und völlig unangefochten nun der Klimawandel. Weltuntergangsprognosen machen die Runde. Dabei dreht sich alles um den Klimawandel, wie er – vermeintlich – durch menschgemachtes CO2 verursacht wird. Nicht hingegen um den Wandel im Wirtschaftsklima. Denn letzterer bereitet vielen eine weit größere Sorge. Nämlich die, in der Rangliste der Weltwirtschaft immer schneller und immer nachhaltiger abzurutschen. Verursacht, so heißt es, durch nationale Alleingänge, mit denen wir in der Welt zu glänzen versuchen, die ihr aber praktisch nichts bringen. Die Folgen des Wirtschaftsklimawandels würde bald jeder von uns zu spüren bekommen, vor allem aber die junge Generation, die von heute. Die Frage nun: Ist das einfach wiederum diese „German Angst“, diese irrationale, diffuse Furcht vor Katastrophen, die man sich bereitwillig einreden lässt? 

Eigentlich sollten Sorgen über Zu- und Missstände die Diskursbereitschaft anfeuern, zumal wenn sie drohen, nationale oder gar internationale Ausmaße anzunehmen. Diskurse mit echten Fachleuten sind hier gemeint, nicht politikgefällige „Experten“, nein, Menschen, die auf allen Etagen der Wissenschaft, Technik und Wirtschaft laut und angstfrei und offen zu Wort kommen. Sachkundige Analysen sind gefragt und Lösungsvorschläge. Erst danach hat es um Politik zu gehen. Allerdings werden politikunabhängige Sachdiskussionen gescheut. Aus Gründen, über die sich jeder seine eigenen Gedanken macht. Zum Beispiel um die Passfähigkeit von Immigranten und darüber, wieso auf einmal, offenbar gänzlich unerwartet (?), ein erhöhter Wohnungs-, Straßen-, Brücken- und Gleisbaubedarf vermeldet wird, warum plötzlich so viele Lehrer und Polizisten benötigt werden und immer mehr Mittel aus immer knapper werdenden Staatsfinanzen. 

Inzwischen werden selbst unsere Kinder und Jugendlichen von kollektiven Ängsten befallen. In „Fridays for Future“ findet ihre Besorgtheit öffentlichkeitswirksamen Ausdruck. Um den vom Menschen zu verantwortenden Klimawandel geht es ihnen und um die – eigentlich – längst fällige Klimakatastrophe. Manche unter den Älteren blicken da skeptisch drein. Sie meinen, das alles geschähe nur deshalb, weil unseren Jungen und Jüngsten eine Kuschelwelt geschaffen wurde, in der sie kaum noch etwas vom echten Leben und dessen Sorgen wahrnehmen. Die aber würden sie kennenlernen, wenn sie dereinst das Leben der Erwachsenen zu bewältigen haben und später das von Rentnern.

„German Angst“ oder wohlbegründete Befürchtungen, das ist jeweils die Frage. Nicht dass es uns am Ende wie dem da geht, der aus Angst vor den Baumgeistern den Dschungel mied, zuhause blieb und dort an einem Mückenstich starb. Eine Malaria-Mücke war’s gewesen, kein Elefant.

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