Von Helmuth Frauendorfer
Es hört sich an wie ein Bericht aus Zeiten des Kalten Krieges, nur daß die Personen andere sind und Personen, Inhalte und Zusammenhänge ein skurriles Szenario bilden. Tatort: Bukarest, Rumänien. Inhalt, beispielsweise: „Die Vormachtstellung Amerikas ist beendet“ (so auch der Titel der rumänischen Tageszeitung „Ziua“, „Der Tag“) und eine der weiteren Thesen in diesem Theater: „Die Europäische Union wird keines ihrer politischen und Versorgungs-Probleme ohne die Hilfe Rußlands lösen können“. Zeit der Handlung, nein, nicht 1988 sondern 2008, im November, letzte Woche…
Der Urheber dieser Zeilen ist, so die rumänische Zeitung, der ehemalige Kanzler Deutschlands, Gerhard Schröder. In der Berichterstattung der rumänischen Medien sind das die Thesen eines bekannten deutschen Politikers, nicht die eines Wirtschaftslobbyisten. Gerhard Schröder, mit Foto auf dem Titelblatt der Zeitung „Ziua“, war letzte Woche Teilnehmer eines Seminars in der rumänischen Hauptstadt zum Thema „Die Energie Mittel- und Osteuropas“. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zeigt die fatale Verwechslung von Politiker und Lobbyist. Das wußte auch Wladimir Putin, der von Schröder als „lupenreiner Demokrat“ bezeichnete ehemalige russische Präsident und derzeitige Ministerpräsident Rußlands, als er seinen deutschen Freund für diesen gut dotierten Job warb und gezielt einsetzte – als Vorsitzender des Aktionärsausschusses von North Stream.
Dafür tut auch Schröder etwas. Er wirbt die Trommel für Moskau, so als wäre er der Botschafter Moskaus in Bukarest oder gar Außenminister der Sowjetunion. Denn Schröder ist doch so sehr noch Politiker, daß er es nicht lassen kann, auch in diesem Zusammenhang davor zu warnen, Georgien und die Ukraine in die NATO aufzunehmen – ein Gehabe ganz im Sinne des früheren Sowjetreiches. Denn dank Wladimir Putin, so wird Schröder von der rumänischen Presse zitiert, hat man in Rußland einen starken Gesprächspartner, dem man sich immer stärker annähern müsse.
Und Rußland dankt es Schröder auf vielfältige Weise. Am 28. Mai 2008 wurde er als korrespondierendes Mitglied der Abteilung für Gesellschaftswissenschaften in die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) gewählt.
Dafür verbreitet Gerhard Schröder in Bukarest die These, daß die heutigen Gefahren keinesfalls in Moskau, sondern eher in der NATO zu sehen sind, die keinesfalls Rußland „umzingeln“ darf.
Das kann man als Ex-Kanzler sagen für jährlich 250.000 Euro von North Stream, bei der mit 51 % die führende russische Erdgasgesellschaft Gazprom die Aktienmehrheit hält. Und Wladimir Putin angeblich persönlich davon 4,5 Prozent der Aktien besitzt.
Ein wirres Geflecht, sehr stark nach Korruption und Vetternwirtschaft stinkend. In Rumänien allerdings, das sich von seinen korrupten Gepflogenheiten bis heute nicht ganz verabschiedet hat, fällt so ein Auftritt von Ex-Kanzler Schröder erst gar nicht auf. Dort ist das selbstverständlich.