Als ich noch ein kleiner Lausbub und Schlawiner war, erzählte meine Mutter immer mal wieder gerne, dass sie eine gewisse Topsy Küppers kannte, die wie sie aus Aachen stammt. Ich merkte mir das, nicht wegen des Nachnamens – Küppers heißt in Aachen jeder, der nicht Laschet heißt; der Vorname Topsy allerdings gefiel mir; so hätte auch eine der vielen von mir geliebten und verehrten Comicfiguren heißen können.
Entweder ist meine Mutter, ungefähr der gleiche Jahrgang wie Topsy, mit dieser zur Schule gegangen oder hat, was auch sein kann, als Kind mit ihr auf einer Bühne gestanden, fragen kann ich sie nicht mehr. Dass meine Mutter davon erzählte, kam daher, dass ein gewisser Georg Kreisler mit Topsy Küppers verheiratet war, und diesen Herrn konnte man zu meinen Schlawinerzeiten ab und an im Radio hören oder gar im Schwarzweißfernseher sehen. Wohlgemerkt, nur ab und an. Denn eigentlich hätte man ihn am liebsten totgeschwiegen, zu böse und unbequem waren seine Texte, die er mit fröhlicher Musik umhüllte und tarnte.
Mein Vater, ein Hotelportier,
ging schwimmen einst im Tegernsee.
Ich hab vom Strand gewunken.
Dabei ist er ertrunken.
Georg Kreisler um seiner Selbst Willen war mir damals natürlich kein Begriff, allerdings gefiel mir, was er machte. Trat er im Fernsehen auf, blickte er nicht an die Tasten seines Klaviers, sondern in die Kamera und somit die Augen des Zuschauers; das fand ich geradezu artistisch, wie konnte man ohne Notenblatt und ohne Hingucken Klavier spielen? In meiner Familie stand zwar immer ein Klavier, aber so spielen wie der Kreisler konnte keiner.
Wiener wollte er nie mehr sein
Georg Kreisler, 1922 geboren, stammte aus Wien, das seine jüdische Familie 1938 Richtung USA verließ, seit 1943 war er amerikanischer Staatsbürger. Wiener wollte er fortan nie mehr sein.
Die USA waren allerdings auch nicht das gelobte Land, zwar kam er einige Zeit in Hollywood unter, sein schwarzer bis morbider Humor traf dort aber auf keine einträgliche Gegenliebe, und so ging er in den Fünfziger Jahren zurück nach Wien, wo er ebenfalls wenig gelitten war. Seine Lieder wurden im Rundfunk nicht gespielt. „Es hat keinen Sinn mehr Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen nieder zu machen“
Kreisler zog weiter nach München, gab emsig Chanson-Abende und wurde nun zunehmend bekannter. Und hier kommt Topsy Küppers ins Spiel; die Sängerin und Schauspielerin arbeitete unter anderem in Wien und München. Kein Wunder also, dass sie sich begegneten. Die Beiden heirateten 1958; aus der Ehe stammen ein Sohn sowie Tochter Sandra, die selber seit fast 40 Jahren als „Bühnenkraft“ (eigene Beschreibung) aktiv ist. Sandra kündigte mir vor ein paar Jahren die Freundschaft, weil ich anderer Meinung als sie zum Thema „Beschneidung aus religiösen Gründen“ war – nicht weiter schlimm, ich höre trotzdem immer wieder gerne ihre Platten, und da sie sich selber „Wichtigtuerin und Rechthaberin“ nennt, nehme ich die Entzweiung auch nicht persönlich. Ich weiß ja nur zu gut, wie es ist, ein „Wichtigtuer und Rechthaber“ zu sein.
Zurück nach Wien. „Die heiße Viertelstunde“ hieß eine Fernsehsendung, die der Österreichische Rundfunk ab Frühjahr 1968 mit Kreisler und Küppers produzierte. Die anfängliche Begeisterung bei Intendanz, Kritik und Publikum war endenwollend – zu frech und offen waren Texte und Lieder, die letzten beiden geplanten und bereits geschriebenen Sendungen wurden sang- und klanglos gestrichen.
Georg Kreisler verbat sich so ziemlich alles, was vom Staat kam
Die Kreislers machten weiter mit Chansons und Kabarett, ihre Ehe hielt bis 1975. Georg zog später nach Berlin und war dort zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Barbara Peters in der Kleinkunst- und Kabarettszene aktiv und populär, kurz gesagt: bekannt von Bühne, Funk und Fernsehen. Wobei Funk und Fernsehen sich weiterhin gerne sträubten.
Seit 2001 trat er nicht mehr selber auf, er schrieb Romane, Essays und Geschichten und komponierte viel und vielfältig. Nach Berlin waren weitere Lebensstationen Salzburg und Basel. Streitbar nicht nur in seiner Kunst, setzte Kreisler sich aktiv gegen einen EU-Beitritt der Schweiz ein und den Euro als Währung.
Als Österreicher sah er sich seit der Emigration 1938 nicht mehr; Gratulationen zum 75. Geburtstag seitens des Österreichischen Staates verbat er sich, weil sich „die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat.“ Überhaupt: Georg Kreisler verbat sich so ziemlich alles, was vom Staat kam. Er sah sich als Anarchist. Was würde er wohl zu der heutigen Politiker-Mischpoke auf der Welt singen?
Topsy Küppers feierte vor drei Monaten ihren 90. Geburtstag. Georg Kreisler ist heute vor zehn Jahren in Salzburg gestorben.
Topsy Küppers liest aus „Nix wie Zores! Jüdisches Leben und Lieben"
Georg Kreisler – Wien ohne Wiener
Georg Kreisler – Sport ist gesund
Georg Kreisler – Der Euro
Georg Kreisler – Der Politiker
Topsy Küppers und Georg Kreisler – Ein Abend zu zweit
Georg Kreisler – Ein Narr gibt Antwort (1980)
Beitragsbild: Marcel601 via Wikimedia Commons
Misanthropen-Meeting bei Achguts. Danke vielmals. Der Kreisler hättˋ am Schallenberg sei ˋ helle Frreudˋ. Auch so ein verschissenes Täubchen…..der Mief eines alten Adelsgeschlechts, kann die Ketten der Innzucht nicht sprengen….und das Volk l e i d e t, schon wieder…
Ich habe die „Tauben“ nicht erwähnt und nicht in die Links aufgenommen, obwohl das natürlich nahe läge; es ist allerdings nicht sicher, dass die wirklich vom Kreisler, Georg stammen. Der großartige Tom Lehrer (dem ich vielleicht mal ganz ohne kalendarischen Anlass einen Text widme), hat über die fliegenden Ratten schon zuvor geschrieben und gesungen. Daher dachte ich, es gibt so viel Originäres vom Kreisler, da lassen wir die Tauben einfach draußen sitzen. Den Herrn Hofrat Dr. Mag. Tom Lehrer finden Sie bei Youtube unter „Tom Lehrer – Poisoning Pigeons In The Park“.
Ein paar Gigs hat er schon noch gemacht. Kurz vor seinem Tod vergiftete er in Karlsruhe die Tauben, vom Alter schon gezeichnet brachte er dennoch souverän einige seiner Klassiker. Ich konnte ihm erklären, dass ich zeitlebens sein Bewunderer war. Das nahm er gerne und lächelnd in seiner Künstler-Eitelkeit zur Kenntnis. Es war eine dieser Veranstaltungen, die man nie vergisst und missen will. Den Hirsch habe ich leider nie gesehen bevor der schwarze Vogel kam. Habe die Ehre.
Gehn wir Tauben vergiften -meine Güte – das waren noch Zeiten! Unvergleichlich seine Stimme, wenn er Tiefschwarzes mit einer lächelnden Stimme darbot. – Nein, Herr Bechlenberg, so unbekannt war dieser Charmeur nicht. Danach kam nur Nachgemachtes., bis auf Reinhard Mey, aber anders.
Ach, wie vermisste ich ihre Beiträge und jetzt endlich so ein Hammer, der mich umso mehr daran erinnert, was ich an Autoren wie Ihnen habe.
In stiller Verehrung…
Ich gestehe. Ich muss meine Bildungslücke leider eingestehen. Ich kannt ihn wirklich nicht. Danke das Sie ihn mir näher gebracht haben. Sehr „brutal“ aber auch sehr gut dieser Humor.
Zu Kreislers Hochzeiten war ich noch nicht geboren, aber ich habe Einiges von ihm gehört und gesehen. Vieles ist genial, witzig, frech und böse, keine Frage, trotzdem habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Mag sein deshalb, weil ich ihn das erste Mal hörte, im extrem linken Asta meiner Alma Mata, unter dem Jubel der linkesten Idioten, die ich kannte und wo ich jahrelang der einzige „rechte“ Referent war. Denn irgendwie wurde ich trotz, oder gerade wegen, aller erlogenen Schmutzkampagnen immer wieder gewählt. Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte. Das nächste Mal nahm ich Kreisler als Cover-Version der Bochumer Punk-Band Kassierer wahr, auch das war, besonders ab 2 Promille, definitiv sehr launig. Ja, er hielt und hält unserer Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor, aber den Anarchisten nahm ich ihm irgendwie nie ab und wollte selbst auch nie einer sein. Das glaubte ich schon eher Charles Bukowski, auch wenn der mehr schrieb, als sang. Beide schätze ich auch heute noch sehr, so ähnlich wie ich Sie schätze Herr Bechlenberg, denn ich glaube, dass was uns vier verbindet ist, dass wir alle relativ kluge Misanthropen sind, bzw. waren, deren Leben nie so liefen, wie sie eigentlich sollten. Trotzdem hat keiner von uns je seinen Humor und seine Lebenslust verloren und wir suchen und finden Wege, es der Gesellschaft und sei es auch nur im Kleinen, heim zu zahlen. Am Ende nennt man das Kultur, oder gar (Alters-)Weisheit und so ist auch das ein wichtiger Beitrag zur Gesellschaftsentwicklung. Einige Jahrhunderte früher wären wir wahrscheinlich Alchemisten, Druiden, Magier, Skalden, oder Narren geworden.