Archi W. Bechlenberg / 22.11.2021 / 15:00 / Foto: Marcel601 / 25 / Seite ausdrucken

Georg Kreisler. Anarchist und Humorist

Als ich noch ein kleiner Lausbub und Schlawiner war, erzählte meine Mutter immer mal wieder gerne, dass sie eine gewisse Topsy Küppers kannte, die wie sie aus Aachen stammt. Ich merkte mir das, nicht wegen des Nachnamens – Küppers heißt in Aachen jeder, der nicht Laschet heißt; der Vorname Topsy allerdings gefiel mir; so hätte auch eine der vielen von mir geliebten und verehrten Comicfiguren heißen können.

Entweder ist meine Mutter, ungefähr der gleiche Jahrgang wie Topsy, mit dieser zur Schule gegangen oder hat, was auch sein kann, als Kind mit ihr auf einer Bühne gestanden, fragen kann ich sie nicht mehr. Dass meine Mutter davon erzählte, kam daher, dass ein gewisser Georg Kreisler mit Topsy Küppers verheiratet war, und diesen Herrn konnte man zu meinen Schlawinerzeiten ab und an im Radio hören oder gar im Schwarzweißfernseher sehen. Wohlgemerkt, nur ab und an. Denn eigentlich hätte man ihn am liebsten totgeschwiegen, zu böse und unbequem waren seine Texte, die er mit fröhlicher Musik umhüllte und tarnte.

Mein Vater, ein Hotelportier,
ging schwimmen einst im Tegernsee.
Ich hab vom Strand gewunken.
Dabei ist er ertrunken. 

Georg Kreisler um seiner Selbst Willen war mir damals natürlich kein Begriff, allerdings gefiel mir, was er machte. Trat er im Fernsehen auf, blickte er nicht an die Tasten seines Klaviers, sondern in die Kamera und somit die Augen des Zuschauers; das fand ich geradezu artistisch, wie konnte man ohne Notenblatt und ohne Hingucken Klavier spielen? In meiner Familie stand zwar immer ein Klavier, aber so spielen wie der Kreisler konnte keiner.

Wiener wollte er nie mehr sein

Georg Kreisler, 1922 geboren, stammte aus Wien, das seine jüdische Familie 1938 Richtung USA verließ, seit 1943 war er amerikanischer Staatsbürger. Wiener wollte er fortan nie mehr sein.

Die USA waren allerdings auch nicht das gelobte Land, zwar kam er einige Zeit in Hollywood unter, sein schwarzer bis morbider Humor traf dort aber auf keine einträgliche Gegenliebe, und so ging er in den Fünfziger Jahren zurück nach Wien, wo er ebenfalls wenig gelitten war. Seine Lieder wurden im Rundfunk nicht gespielt. „Es hat keinen Sinn mehr Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen nieder zu machen“

Kreisler zog weiter nach München, gab emsig Chanson-Abende und wurde nun zunehmend bekannter. Und hier kommt Topsy Küppers ins Spiel; die Sängerin und Schauspielerin arbeitete unter anderem in Wien und München. Kein Wunder also, dass sie sich begegneten. Die Beiden heirateten 1958; aus der Ehe stammen ein Sohn sowie Tochter Sandra, die selber seit fast 40 Jahren als „Bühnenkraft“ (eigene Beschreibung) aktiv ist. Sandra kündigte mir vor ein paar Jahren die Freundschaft, weil ich anderer Meinung als sie zum Thema „Beschneidung aus religiösen Gründen“ war – nicht weiter schlimm, ich höre trotzdem immer wieder gerne ihre Platten, und da sie sich selber „Wichtigtuerin und Rechthaberin“ nennt, nehme ich die Entzweiung auch nicht persönlich. Ich weiß ja nur zu gut, wie es ist, ein „Wichtigtuer und Rechthaber“ zu sein.

Zurück nach Wien. „Die heiße Viertelstunde“ hieß eine Fernsehsendung, die der Österreichische Rundfunk ab Frühjahr 1968 mit Kreisler und Küppers produzierte. Die anfängliche Begeisterung bei Intendanz, Kritik und Publikum war endenwollend – zu frech und offen waren Texte und Lieder, die letzten beiden geplanten und bereits geschriebenen Sendungen wurden sang- und klanglos gestrichen.

Georg Kreisler verbat sich so ziemlich alles, was vom Staat kam

Die Kreislers machten weiter mit Chansons und Kabarett, ihre Ehe hielt bis 1975. Georg zog später nach Berlin und war dort zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Barbara Peters in der Kleinkunst- und Kabarettszene aktiv und populär, kurz gesagt: bekannt von Bühne, Funk und Fernsehen. Wobei Funk und Fernsehen sich weiterhin gerne sträubten. 

Seit 2001 trat er nicht mehr selber auf, er schrieb Romane, Essays und Geschichten und komponierte viel und vielfältig. Nach Berlin waren weitere Lebensstationen Salzburg und Basel. Streitbar nicht nur in seiner Kunst, setzte Kreisler sich aktiv gegen einen EU-Beitritt der Schweiz ein und den Euro als Währung.

Als Österreicher sah er sich seit der Emigration 1938 nicht mehr; Gratulationen zum 75. Geburtstag seitens des Österreichischen Staates verbat er sich, weil sich „die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat.“ Überhaupt: Georg Kreisler verbat sich so ziemlich alles, was vom Staat kam. Er sah sich als Anarchist. Was würde er wohl zu der heutigen Politiker-Mischpoke auf der Welt singen?

Topsy Küppers feierte vor drei Monaten ihren 90. Geburtstag. Georg Kreisler ist heute vor zehn Jahren in Salzburg gestorben. 

Topsy Küppers liest aus „Nix wie Zores! Jüdisches Leben und Lieben" 

Georg Kreisler – Wien ohne Wiener 

Georg Kreisler – Sport ist gesund

Georg Kreisler – Der Euro 

Georg Kreisler – Der Politiker 

Topsy Küppers und Georg Kreisler – Ein Abend zu zweit 

Georg Kreisler – Ein Narr gibt Antwort (1980)

 

Foto: Marcel601 via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Bechlenberg Archi W. / 22.11.2021

Ich habe die “Tauben” nicht erwähnt und nicht in die Links aufgenommen, obwohl das natürlich nahe läge; es ist allerdings nicht sicher, dass die wirklich vom Kreisler, Georg stammen. Der großartige Tom Lehrer (dem ich vielleicht mal ganz ohne kalendarischen Anlass einen Text widme), hat über die fliegenden Ratten schon zuvor geschrieben und gesungen. Daher dachte ich, es gibt so viel Originäres vom Kreisler, da lassen wir die Tauben einfach draußen sitzen. Den Herrn Hofrat Dr. Mag. Tom Lehrer finden Sie bei Youtube unter “Tom Lehrer - Poisoning Pigeons In The Park”.

Karl Napf / 22.11.2021

Ein paar Gigs hat er schon noch gemacht. Kurz vor seinem Tod vergiftete er in Karlsruhe die Tauben, vom Alter schon gezeichnet brachte er dennoch souverän einige seiner Klassiker. Ich konnte ihm erklären, dass ich zeitlebens sein Bewunderer war. Das nahm er gerne und lächelnd in seiner Künstler-Eitelkeit zur Kenntnis. Es war eine dieser Veranstaltungen, die man nie vergisst und missen will. Den Hirsch habe ich leider nie gesehen bevor der schwarze Vogel kam. Habe die Ehre.

Ulla Schneider / 22.11.2021

Gehn wir Tauben vergiften -meine Güte - das waren noch Zeiten!  Unvergleichlich seine Stimme, wenn er Tiefschwarzes mit einer lächelnden Stimme darbot. - Nein, Herr Bechlenberg, so unbekannt war dieser Charmeur nicht. Danach kam nur Nachgemachtes., bis auf Reinhard Mey, aber anders.

Thomas Mueller / 22.11.2021

Ach, wie vermisste ich ihre Beiträge und jetzt endlich so ein Hammer, der mich umso mehr daran erinnert, was ich an Autoren wie Ihnen habe. In stiller Verehrung…

Albert Sommer / 22.11.2021

Ich gestehe. Ich muss meine Bildungslücke leider eingestehen. Ich kannt ihn wirklich nicht. Danke das Sie ihn mir näher gebracht haben. Sehr “brutal” aber auch sehr gut dieser Humor.

Wolf Hagen / 22.11.2021

Zu Kreislers Hochzeiten war ich noch nicht geboren, aber ich habe Einiges von ihm gehört und gesehen. Vieles ist genial, witzig, frech und böse, keine Frage, trotzdem habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu ihm. Mag sein deshalb, weil ich ihn das erste Mal hörte, im extrem linken Asta meiner Alma Mata, unter dem Jubel der linkesten Idioten, die ich kannte und wo ich jahrelang der einzige “rechte” Referent war. Denn irgendwie wurde ich trotz, oder gerade wegen, aller erlogenen Schmutzkampagnen immer wieder gewählt. Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte. Das nächste Mal nahm ich Kreisler als Cover-Version der Bochumer Punk-Band Kassierer wahr, auch das war, besonders ab 2 Promille, definitiv sehr launig. Ja, er hielt und hält unserer Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor, aber den Anarchisten nahm ich ihm irgendwie nie ab und wollte selbst auch nie einer sein. Das glaubte ich schon eher Charles Bukowski, auch wenn der mehr schrieb, als sang. Beide schätze ich auch heute noch sehr, so ähnlich wie ich Sie schätze Herr Bechlenberg, denn ich glaube, dass was uns vier verbindet ist, dass wir alle relativ kluge Misanthropen sind, bzw. waren, deren Leben nie so liefen, wie sie eigentlich sollten. Trotzdem hat keiner von uns je seinen Humor und seine Lebenslust verloren und wir suchen und finden Wege, es der Gesellschaft und sei es auch nur im Kleinen, heim zu zahlen. Am Ende nennt man das Kultur, oder gar (Alters-)Weisheit und so ist auch das ein wichtiger Beitrag zur Gesellschaftsentwicklung. Einige Jahrhunderte früher wären wir wahrscheinlich Alchemisten, Druiden, Magier, Skalden, oder Narren geworden.

Manni Meier / 22.11.2021

Joh mei, der Herr Bechlenberg, a herzliches Servas,  Herr Privatier. Schön, mal wieder was von Ihnen zu lesen und dann auch gleich wieder einen Nekrolog. Fesch. Aber der Kreisler hat’s auch verdient. Erinnere mich noch, als ich das erste Mal seine “Tauben” gehört habe. konnte mich vor Lachen kaum halten.

Martin Ruehle / 22.11.2021

Lieber Archi W. Bechlenberg, wir haben Ihre Beiträge vermisst!!!  Danke für diese kleine Erinnerung an einen Wiener Anarcho-Kabarettisten, der mit seinem rabenschwarzen Humor, verpackt in bis zur Schmerzgrenze fröhliche Gesangsstücke unvergessen bleibt. Es gibt offensichtlich einige wenige Dinge, die in der guten Alpenluft und dem Wiener Kaffeehausschmäh bei den Habsburgern an der Donau besser gedeihen als im vom preußischen Kadavergehorsam geprägten “Schland” der Moralapostel. Na wenn man es recht bedenkt, fallen einem nach und nach doch mehr Beispiele ein, als es dem eigenen Regionalstolz gelegen kommt ... . “Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich! Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne, vielgerühmtes Österreich. Vielgerühmtes Österreich.”

giesemann gerhard / 22.11.2021

Ein wunderbarer Musiker und Satiriker, unübertroffen.

W. Hoffmann / 22.11.2021

Kreisler hatte auch ein amerikanisches Pendant: Tom Lehrer. Die beiden haben vermutlich die Story vom Taubenvergiften entweder voneinander geklaut oder gemeinsam entwickelt (Poisoning pidgeons in the park).  Das läßt sich jedoch nicht klären. Es ist auch egal, sie sind beide Spitzenqualität bei den Zynikern.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Archi W. Bechlenberg / 25.04.2022 / 12:00 / 46

Nachhaltiger Montag!

Sie müssen wissen: der Begriff „Nachhaltigkeit“ in allen denkbaren Zusammenhängen ist zwischen Joshi und mir längst zu einem Running Gag geworden, und manchmal mailen wir…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 20.03.2022 / 10:00 / 52

Konflikte, Kasperle und Kokolores – Lauter Knall in Wuppertall 

Freund Joschi versteht es meisterhaft, Konflikten aus dem Weg zu weichen. Um nichts in der Welt wollte er mit mir essen gehen. Jedenfalls nicht dort,…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 09.01.2022 / 10:00 / 75

„O Gottogottogott!“ Donald Ducks Sprachwitz wird getilgt

So lange ich mich zurück erinnern kann, bin ich ein begeisterter Anhänger von Donald Duck. Zu meinen ersten Spielsachen in den 50er Jahren gehörte ein…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 24.11.2021 / 10:30 / 16

Ludwig Hirsch. „Geh spuck den Schnuller aus“

"Ich will die Leut' hinterfotzig in den Hintern zwicken, ihnen dabei aber schön mit den Geigen um die Ohren schmieren." So erklärte Ludwig Hirsch den…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 16.05.2021 / 06:15 / 16

The Oyster is my world – Die Klinik hat mein Gebiss verschlampt! 

Auch das Leben in der Auster hat seine Schattenseiten. Die dunkelste besteht darin, dass man trotz aller Abschirmung ein Luftloch offen lassen muss, durch das…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 09.05.2021 / 06:10 / 10

The Oyster is my world: Führt Archie William und Harry wieder zusammen?

Einen Teufel werd' ich tun! Von deren Querelen halte ich mich so fern wie nur möglich – wenn ich unter Kreuzfeuer geraten will, heuere ich…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 28.03.2021 / 06:00 / 51

The Oyster is my world: Nach technischem K.o. alles vorbei

Seitdem der Kater wieder da ist, komme ich zu gar nichts mehr. Auf Schritt und Tritt verfolgt er mich und fordert Streicheleinheiten ein. Heute morgen…/ mehr

Archi W. Bechlenberg / 21.03.2021 / 06:03 / 45

The Oyster is my home – Neugier killt die Katze

Die erste Hälfte der Woche war komplett für die Katz. Kater Django kam Sonntagabend nicht nach Hause und löste in mir natürlich wieder einmal den…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com