Kleine Ergänzug zur aktuellen RAF-Debatte über Mörder mit edlen Motiven:
Was Polizei und Staatsschutz nicht schafften, gelingt einem Politologen des Hamburger Instituts für Sozialforschung: Nach über dreißig Jahren kann Wolfgang Kraushaar die Urheberschaft des versuchten Bombenanschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin aufklären. Damals, am 9. November 1969, während der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Pogromnacht von 1938, tickte dort im Foyer eine Bombe, die aufgrund eines Defektes aber nicht explodierte. Zwar brachte ein Bekennerschreiben die Ermittler rasch auf die Spuren der Tupamaros West-Berlin, einer aus der 68er Studentenbewegung hervorgegangenen radikalen Splittergruppe. Der eigentliche Bombenleger konnte jedoch nie identifiziert werden. Dank akribischer Recherchen und der Bereitschaft der Beteiligten von einst, endlich zu sprechen, kann Kraushaar nun Albert Fichter, einen Mitstreiter des APO-Urgesteins und Sponti-Kommunarden Dieter Kunzelmann, als Urheber der Tat präsentieren. Albert Fichter bat in seinen Erklärungen offiziell die jüdische Gemeinde in Berlin um Verzeihung, doch hat seine Entschuldigung einen merkwürdigen Unterton, wenn er gleichzeitig dabei sagt, dass sich im Foyer des Gemeindehauses zum Zeitpunkt der geplanten Explosion gewiss keine Personen aufgehalten hätten und allenfalls „Sachschaden ausgelöst“ worden wäre.
Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus ist aber weit mehr als nur eine vergessene Fußnote in der wechselvollen Geschichte der APO. Sie markiert einen unheilvollen Wendepunkt, denn die Tupamaros West-Berlin wählten damit erstmal Terror und Gewalt als Mittel im Kampf gegen das „Schweinesystem“ – und das noch vor der Roten Armee Fraktion. Zugleich wurde Vietnam durch Palästina als Projektionsfläche ihrer Vision vom antiimperialistischen Befreiungskrieg ersetzt. „Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist“, verkündete Dieter Kunzelmann.
Die Tatsache, dass damals erstmals die Verantwortung für einen antisemitischen Anschlag von Personen übernommen wurde, die sich als politisch links definierten, hat eine Vorgeschichte. Bereits unmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg mutierte Israel in der Diktion einiger APO-Protagonisten zu einem „ökonomisch und politisch parasitären Staat“ ohne Existenzrecht. Kunzelmann, Fichter & Co. nahmen das besonders wörtlich und reisten denn auch prompt in die Ausbildungscamps von Arafats Al-Fatah-Bewegung, um dort aus erster Hand zu lernen, wie man den „Zionismus im eigenen Land schlagen“ kann. Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus sollte für sie der erste Schritt zur Tat sein. Antizionismus und Palästina-Solidarität waren offiziell die Motive, doch anhand der Sprache Kunzelmanns, der immer wieder gerne von „Scheißjuden“ und „Saujuden“ sprach, kann dies wohl nur als Camouflage eines virulent antisemitischen Weltbildes gedeutet werden.
Kraushaars Buch ist in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Zum einen skizziert er auf breiter Quellenbasis sehr detailliert und dennoch gut lesbar, wie Teile der APO in die Illegalität abrutschten und in den Untergrund gingen. Damit zementiert er erneut seinen Ruf als versierter Chronist der 68er Bewegung. Zum anderen aber und das ist sehr viel wichtiger - thematisiert er genau das, was gemeinhin als linker Antisemitismus zu verstehen ist und gerne ausgeblendet wird. Oder sogar völlig negiert. Denn Linke wie der Schriftsteller Gerhard Zwerenz behaupteten nicht selten, dass Antisemitismus und Linkssein sich kategorisch ausschließen würden. Dabei hat bereits in den fünfziger Jahren Hannah Arendt festgestellt, dass es sich bei der Annahme, Antisemitismus sei ausschließlich eine Domäne der politischen Rechten, um ein Vorurteil handelt und zwar ein sehr hartnäckiges.
„Palästina gleich Vietnam, Faschismus gleich Zionismus, Israel gleich >Drittes Reich< und Al-Fatah gleich Antifaschismus“ lautete damals die Zauberformel der Tupamaros West-Berlin, die aufgrund ihrer Griffigkeit und Simplizität offensichtlich eine verheerende Faszination auf Teile der deutschen Linken ausübte. Aber noch viel mehr. Sie beinhaltete darüber hinaus nämlich auch das Angebot, sich vom „Judenknax“, wie es Kunzelmann immer wieder nannte, dem Schuldgefühl für die von den Deutschen begangene Vernichtung des europäischen Judentums, zu befreien. Denn das für den 9. November 1969 geplante Attentat, die Ermordung der Teilnehmer an einer Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht des Jahres 1938, sollte die erste und bewusst auf Schockeffekte angelegte Aktion der „deutschen Guerilla“ werden, die den „hilflosen Antifaschismus“ des APO-Mainstreams zu überwinden hoffte. Selten finden sich Dokumente, die diesen Verdrängungswunsch derart explizit zur Sprache bringen, wie das „Schalom und Napalm“ betitelte Flugblatt Kunzelmanns und sein „Brief aus Amman“. Sieben Jahre später konnte man beobachten, wie radikal sich dann einige linke Deutsche vom „Judenknax“ befreien sollten: 1976 entführte ein deutsch-palästinensisches Kommando eine Air France Maschine nach Entebbe. Wilfried Böse, Anführer der Revolutionären Zellen, unternahm dabei an Bord die erste von einem Deutschen durchgeführte Selektion zwischen Juden und Nichtjuden seit dem Zweiten Weltkrieg.
Doch irgendwie lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, dass Kraushaar etwas unter den Tisch fallen lässt. Wenn laut der Studie des Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer heute über fünfzig Prozent der Deutschen das Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern mit dem der Nazis gegen die Juden vergleichen, dann darf keinesfalls verschwiegen werden, dass es genau dieser zentrale Topos des linken Antisemitismus von der Gleichsetzung Israels mit dem Dritten Reich ist, der längst seinen Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden hat. Exemplarisch dafür der „Herz-Jesu-Marxist“ und dienstälteste Minister der Kohl-Regierung, Norbert Blüm, der vom „Vernichtungskrieg“ der Israelis gegen die Palästinenser spricht.
Überhaupt hört Kraushaar da auf, wo es eigentlich richtig spannend wird. Denn nicht erst seit gestern ist bekannt, dass die deutsche Linke ein handfestes Antisemitismusproblem hat. Das haben bereits Martin Kloke in seinem vor über zehn Jahren zum Thema erschienen Buch und Thomas Haury in seiner Arbeit über den Antisemitismus im deutschen Kommunismus ganz klar herausgearbeitet. Der „Genosse Judenhasser“ war keine Randerscheinung, beheimatet in einer esoterischen K-Gruppe, sondern ist im gesamten, sich links definierendem Spektrum zu finden. Und so darf es auch keinesfalls verwundern, dass die Reaktionen in Teilen der APO auf die Bombe im jüdischen Gemeindehaus nicht wirklich auf eine unmissverständliche Verurteilung dieses versuchten Massenmordes hinausliefen, geschweige einer Bewertung dieser Tat als eindeutig antisemitisch.
Symptomatisch dazu die Statements des Frankfurter Palästina-Komitees. Derartige Aktionen, hieß es, würden nur den Reaktionären dienen, die „die durch die Barbarei des Faschismus erzeugten Schuldgefühle in der BRD in einen positiven Rassismus in Gestalt des Philosemitismus“ umgewandelt hätten, um so zu vertuschen, dass „Israel selber ein rassistischer Staat“ und Außenposten des Kapitalismus und US-Imperialismus sei. Sollte aber die „Klassenjustiz“ den Urhebern des versuchten Anschlags den Prozess machen, werde man trotz ihrer „politischen Fehler“ alles unternehmen, um sie zu verteidigen.
Der Antisemitismus von links weist nicht wenige Schnittstellen mit dem klassischen Judenhass der Rechten auf. Beide glauben an den Mythos von der Macht der „jüdischen Lobby“ und wähnen Juden als Hauptakteure auf der Wall Street. Auch vom „Weltjudentum“ ist viel die Rede, exemplarisch zeigt sich das an der Legitimierung des versuchten Bombenanschlags von Berlin. Die Synagogengemeinde wird als zionistischer Außenposten wahrgenommen. In der Logik eines Kunzelmann sind damit auch deutsche Juden zum Abschuss freigegeben. Doch im Unterschied zu den Rechten leugnen Linke nie die Schoah. Wohl aber sind sie die Meister in der Relativierung dieses Menschheitsverbrechens und im gewaltsamen Versuch des Verdrängens. Juden werden zwar als Opfer der Nazis zur Kenntnis genommen, jedoch haben sie sich im Unterschied zur den deutschen Linken, die von sich behaupten, „die Lektionen aus der Geschichte“ verinnerlicht zu haben, als nicht lernfähig und renitent erwiesen. Als „israelische Imperialisten“ würden sie einen „totalen Krieg“ gegen die Palästinenser führen. Wenn man mit viel Verve nun die Partei für die „Opfer der Opfer“ ergreift, den Palästinensern und ihren bewaffneten Kampf, erscheint dann wieder sehr vieles erlaubt. Und so kann es kein Zufall sein, dass sich große Teile der deutschen Linken bis hin zu den terroristischen Gruppen der siebziger und achtziger Jahre aus dem Gestus moralischer Überlegenheit heraus ausgerechnet mit den radikalsten Palästinensergruppen solidarisierten und kooperierten. Und ebenso wie bei der Gleichsetzung Israels mit dem Dritten Reich nimmt heute in den aktuellen Diskussionen zum Nahostkonflikt auch an der immer wiederkehrenden Phrase vom „Opfer der Opfer“ kaum noch jemand Anstoß.
Es sind gerade die „Lehren aus Auschwitz“, welche die bizarrsten Projektionen und Rechtfertigungen hervorbringen. So wähnte sich die RAF-Frontfrau Ulrike Meinhof in ihrer Isolationshaft einem staatlichen Vernichtungswillen ausgesetzt, dessen „politischer Begriff das Gas“ sei. Das sollte Frau Meinhof aber nicht daran hindern, in ihrer imaginierten Gaskammer eine Lobeshymne auf die Attentäter de Olympischen Spiele von 1972 zu verfassen und den Mord an den israelischen Sportlern als vorbildliche Aktion des Kampfes gegen Imperialismus, Faschismus und Zionismus zu preisen. Symptomatisch ebenfalls das von der DKP in den achtziger Jahren verbreitete Plakat gegen Israels Libanonkrieg, welches ausgerechnet das berühmte Foto des jüdischen Jungen mit erhobenen Händen vor einem Wehrmachtssoldaten nach der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstandes zeigt.
Während nicht wenige der revolutionären Palästinenser von einst mittlerweile bei den radikalen Islamisten gelandet sind, schaffte es ein Teil der radikalen Linken der APO, nach dem Marsch durch die Institutionen an die Schalthebel der Macht zu gelangen. Heute beteuern sie auffällig häufig das Existenzrecht des Staates Israels. Aber als gäbe es einen Zwang zur Wiederholung, solidarisieren sich die Kinder und Enkel der APO weiterhin mit dem „palästinensischen Widerstand“. Als erklärte Antizionisten stellen sie immer wieder gerne fest, dass Juden weder ein Volk noch eine Nation sind. Von den Palästinensern dagegen können Autonome und so genannte Antiimperialisten gar nicht anders reden als in der kollektivierenden Form vom „palästinensischen Volk“. Somit bleiben sie auf den Nahostkonflikt fixiert und fügen der Geschichte des Antisemitismus von links durch die Rechtfertigungsversuche des suizidalen Terrors radikal-islamistischer Gruppen ein neues Kapitel hinzu. Bestimmt nicht das letzte.